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Jochen Gläser, Grit Laudel: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse [..]

Rezensiert von Dr. Winfried Leisgang, 05.04.2005

Cover Jochen Gläser, Grit Laudel: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse [..] ISBN 978-3-8252-2348-9

Jochen Gläser, Grit Laudel: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen. UTB (Stuttgart) 2004. 340 Seiten. ISBN 978-3-8252-2348-9. 29,90 EUR.
ISBN 3-8100-3522-X (VS, Verlag für Sozialwissenschaften)
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Einführung in die Thematik

Viele sozialwissenschaftliche Untersuchungen beruhen auf der Rekonstruktion von Situationen oder Prozessen. Diese können mit Hilfe qualitativer Forschungsmethoden erfasst und ausgewertet werden. In der Bundesrepublik werden die praktischen Schritte, die in einem Forschungsprozesses gegangen werden müssen häufig unterschätzt. Sie sind aber für den Erfolg einer Untersuchung sehr wichtig und es lassen sich viele Klippen umschiffen, wenn man aus den Erfahrungen von anderen lernt. Die Autoren haben deshalb Überlegungen zur Gestaltung qualitativer Forschung in das Buch aufgenommen. Diese Überlegungen betreffen den gesamten Prozess von der Formulierung der Untersuchungsfrage bis hin zum Schreiben eines Textes, der die Untersuchung und ihre Ergebnisse präsentiert. Auch auf ethische Fragestellungen, die der Sozialwissenschaftler bedenken sollte, wird hingewiesen. Dieses Lehrbuch vermittelt anhand zweier Beispieluntersuchungen anwendungsorientiertes Wissen über alle Phasen von rekonstruierenden Untersuchungen und stellt eine Erhebungs- und eine Auswertungsmethode ausführlich dar.

Die Autoren

Der Verlag macht zu den Autoren leider keine Angaben.

Zielgruppe

Das Lehrbuch wendet sich an Studierende und Forscher in den Sozialwissenschaften, die sich für Untersuchungen interessieren, in denen mit Experteninterviews soziale Sachverhalte rekonstruiert werden. Das Ziel der Autoren besteht darin, die Leserin und den Leser zur Anwendung einer Erhebungsmethode (Experteninterviews) und einer Auswertungsmethode (qualitative Inhaltsanalyse) zu befähigen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch möchte in die Lage versetzen, empirische sozialwissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen, in denen soziale Sachverhalte die konstruiert werden. Die Kapitel des Buches folgen daher einem qualitativen Forschungsprozess.

Kapitel 1 gibt eine Einführung über die Lerninhalte des Buches und beschreibt die beiden Beispiele anhand deren die Experteninterviews durchgeführt wurden (Sonderforschungsbereiche und Sportlerbiografien).

Kapitel 2 befasst sich mit den wissenschaftstheoretischen, methodologischen und ethischen Grundlagen der Sozialforschung. Hier wenden sich die Autoren der Frage zu, was empirische Sozialforschung ist und diskutieren die Unterschiede und die Vorgehensweise mit Hilfe quantitativer und qualitativer Methoden. Dabei werden gleichzeitig die Prinzipien der Offenheit, des theoriegeleiteten Vorgehens und des Erfordernisses, dass die Wissensproduktion expliziten kommunizierbaren Regeln folgen muss, vorgestellt. Anschließend wird die Struktur empirischer sozialwissenschaftliche Erforschungsprozesse kurz erläutert (Erhebungs- und Auswertungsmethoden). Damit sind auch schon die Überschriften erfasst, mit denen sich das Buch dann in den weiteren Kapiteln, unter Zuhilfenahme von Beispielen aus der oben genannten Forschungspraxis, intensiver auseinandersetzen wird. Den Abschluss des zweiten Kapitels bildet die Diskussion forschungsethischer Aspekte, die nicht nur angehende Forscherinnen und Forscher berücksichtigen sollten.

Im Kapitel 3 geht es dann darum, wie man von den Forschungsfragen zum Interviewleitfaden kommt. Mit diesem Kapitel beginnt die Behandlung der einzelnen Phasen einer empirischen Untersuchung. Es enthält alle Schritte, die der Anwendung von Experteninterviews und qualitativer Inhaltsanalyse vorausgehen: die Formulierung der Untersuchungsfrage, die mit der Wahl einer Erklärungsstrategie verknüpft ist, die theoretischen Vorüberlegungen und die Planung der Untersuchung, d. h. die Entscheidung über Fallauswahl sowie über Erhebungs- und Auswertungsmethoden. Nach dem Abarbeiten dieser Schritte steht fest, was man herausbekommen will und wie man es herausbekommen kann.

Das Kapitel 4 informiert über Experteninterviews. Die Befragung der Experten und das Interview werden als Kommunikationsprozess beschrieben. Danach setzen sich die Autoren mit der Kunst des Fragens auseinander und beschreiben verschiedene Typisierungen von Fragen (die Unterscheidung nach dem Inhalt  und dem Gegenstand der Frage, nach der angestrebten Form der Antwort und nach der Steuerungsfunktion im Interview). Hier wird dargelegt, welchen Kriterien die Fragen in einem qualitativen Leitfadeninterview genügen müssen, damit verwertbares Datenmaterial generiert werden kann.

Der zweite Teil dieses Kapitels befasst sich mit der Konstruktion des Interviewleitfadens. Anhand von Beispielen aus der Praxis wird aufgezeigt, was der Forscher hierbei berücksichtigen muss. Anschließend wird die praktische Vorbereitung des Interviews mit den Inhalten der Tonbandaufzeichnung, Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung und der Beschreibung der Phase unmittelbar vor dem Interview vermittelt. Im folgenden Teil dieses Kapitels wird die Aufmerksamkeit auf das Experteninterview selbst gelegt. Es werden allgemeine Regeln der Interviewführung erörtert, das Einstellen auf den Interviewpartner sowie dessen spezielle Reaktionen und der Umgang mit verschiedenen Fragetypen beschriebenen. Und zuletzt gehen die Autoren auf die Phase nach dem Interview ein, stellen einen Interviewbericht vor und beschäftigen sich mit der Frage der Transkription der Tonbandaufzeichnungen.

Im Kapitel 5 steht die Auswertung der Experteninterviews mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse im Blickpunkt des Interesses. Die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring wurde von den Autoren modifiziert, weil es Ihrer Meinung nach einige prinzipielle Schwächen aufweist.

Zunächst geht es um das  Aufbauen eines geschlossenen Kategoriensystems vor der Analyse, um das Zerlegen des Textes in Analyseeinheiten, das Durchsuchen des Textes auf relevante Informationen und die Zuordnung dieser Informationen zu den Kategorien (das so genannte Verkoden des Textes). Für diesen Ablauf weisen die Autoren auf eine technische Unterstützung für die Inhaltsanalyse im Internet hin. Außerdem wird anhand von Beispielen aus dem Sonderforschungsbereich und Interviews zur Sportlerbiografien das exakte Vorgehen der Datenauswertung nachgezeichnet.

Im Kapitel 6 widmen sich die Autoren der Frage, was denn nun mit den Ergebnissen geschehen soll und wie diese aufbereitet werden. Sie zeigen zwei wichtige Varianten der Interpretation von Ergebnissen auf: die erste Variante ist die unangenehme, aber durch gute Vorbereitung weitgehend vermeidbare Inkongruenz von Theorie und empirischen Ergebnissen, die eine Interpretation verhindert. In der zweiten Variante gibt es einen theoretischen Rahmen, in dem die empirischen Ergebnisse interpretiert werden können. Sie weisen noch auf eine sehr häufige dritte Variante hin, in der eine Theorie zum untersuchten Gegenstandsbereich fehlt.

Zum Schluss werden die Struktur und der Inhalt von Publikationen (mit den drei Überschriften Forschungsfrage, Vorgehensweise, Ergebnisse) sowie Probleme bei der Darstellung von Ergebnissen (sprachliche Darstellung, Anonymisierung, Präsentation von Theorie) behandelt.

Im Anhang finden sich der Ethik-Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Beispiele für Interviewleitfäden, Beispiele für Anschreiben, Beispiele für Interviewberichte, ein Interview aus dem Sonderforschungsbereich -analysiert nach Fragetypen und Interviewfehler- sowie Antworten zu den Fragen nach den einzelnen Kapiteln).

Diskussion und Bewertung

Das Werk besticht nicht zuletzt durch seine Strukturiertheit. Die Kapitel folgen dem Ablauf eines qualitativen Forschungsprozesses. Dies macht es dem Leser entsprechend seiner Vorkenntnisse leicht, einzelne Kapitel zu überspringen oder zu intensivieren. Leider haben die Autoren die zu Beginn des Buches eingeführte Systematik (Übersicht über die Inhalte des Kapitels und Einordnung der Thematik in den Ablauf eines Forschungsprozesses) nicht durchgehalten. Dies hätte Studierenden sicher geholfen, leichter die Übersicht zu behalten, an welcher Stelle des Forschungsprozesses sich der Leser und die Leserin gerade befinden. Sehr hilfreich, anschaulich und nachvollziehbar sind die weiterführenden Literaturhinweise nach jedem Kapitel und die praktischen Beispiele im Anhang.

Fazit

Den Autoren ist es gelungen, das selbst gesteckte Ziel ihres Buches zu erreichen: der Leserin und dem Leser eine Orientierungshilfe an die Hand zu geben, um selbst qualitativ forschen zu können. Dabei haben sie zwei Anforderungen geschickt miteinander verbunden. Zum einen das Vermitteln theoretischer Hintergründe qualitativer Sozialforschung und das transparent Machen der praktischen Umsetzung. Damit gehen sie über die Inhalte vorliegender Handbücher zur qualitativen Sozialforschung (Flick, Lamnek, Mayring) hinaus. Diese eher theoriegeleiteten Einführungen lassen in der Tat sehr viele Fragen für die konkrete Forschungspraxis offen. Gläser und Laudel ist es auf beeindruckende Weise gelungen, diese Lücke zu schließen. Für alle Studierenden und angehenden qualitativen Forscher der Sozialwissenschaften ein empfehlenswertes Buch.

Rezension von
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Es gibt 42 Rezensionen von Winfried Leisgang.

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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 05.04.2005 zu: Jochen Gläser, Grit Laudel: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen. UTB (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-8252-2348-9. ISBN 3-8100-3522-X (VS, Verlag für Sozialwissenschaften). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2265.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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