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Tali Sharot: Die Meinung der Anderen

Cover Tali Sharot: Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können. Siedler Verlag (München) 2017. 350 Seiten. ISBN 978-3-8275-0081-6. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt

„Jedermann hat das Recht auf Freiheit der Meinung und der Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die unbehinderte Meinungsfreiheit und die Freiheit, ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut durch Mittel jeder Art sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben“. Damit wird die Meinungsfreiheit in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, als ein Menschenrecht deklariert. Es ist die apodiktische Festlegung der Würde und Freiheit des Menschen, die unabdingbar ist für ein gerechtes und friedliches Zusammenleben der Menschheitsfamilie. Vorausgesetzt bei dieser Bestimmung ist, dass Meinungen auf der Grundlage des individuellen und gesellschaftlichen Bewusstseins zustande kommen und weder manipuliert noch aufgezwungen werden dürfen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Nun wissen wir allerdings, dass Meinungen meist nicht mit dieser ethischen Messlatte zustande kommen, sondern mit ganz anderen, kulturellen, gesellschaftlichen, sittlichen, moralischen und gewohnheitsbedingten Maßstäben wirksam werden. Das müssen nicht immer manipulative, egozentrierte oder machtpolitische Gründe sein, wie sie sich derzeit lokal und global als „Fake News“ und als „alternative Fakten“ zeigen und öffentliche Meinung beeinflussen; vielmehr kommt es darauf an, die Entstehung und Wirkung von Meinungen auch biologisch und ethisch zu betrachten. Die Verhaltens- und neurowissenschaftliche Psychologie beschäftigt sich mit den Fragen, wie Affekte, Emotionen und Rationalismen unsere Wahrnehmungen, unser Verhalten und unser Denken und Handeln beeinflussen (siehe dazu z. B.: Eberhard Straub, Zur Tyrannei der Werte, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10807.php; sowie: Martha Craven Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php).

Die an der University of London tätige Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tali Sharot fragt, wieso wir eigentlich in unseren verschiedenen Funktionen als Individuen, Partner, Erzieher, Berufs-, Alltagsmensch und Bürger ständig Einfluss auf andere Menschen nehmen und dabei entweder erfolgreich oder erfolglos sind: „Was entscheidet, ob Sie das Denken anderer beeinflussen oder ob Sie überhört werden?“ – und umgekehrt. Es ist die uralte, gelingende wie in vielen Situationen scheiternde, oftmals verzweifelte (pädagogische) Frage: Wie kann es gelingen, Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt sein und lernen wollen? Es sind die irrationalen Meinungen, die beim logischen Nachdenken und bei einer rationalen Beweisführung doch unlogische Auffassungen und sogar Glaubenssätze hervorbringen. Warum eigentlich und wieso? Die Autorin versucht es mit den wissenschaftlichen Mitteln, die ihr die Psychologie und Neurowissenschaft zur Verfügung stellt, nämlich „die systematischen Fehler aufzuzeigen, die wir machen, wenn wir versuchen, Menschen zum Umdenken zu bewegen, und zu klären, was in jenen Fällen passiert, in denen es uns gelingt“. In den Kommunikationswissenschaften und in der Pädagogik sind die Instrumente dazu bekannt: Ängste schüren, Katastrophen an die Wand malen, voller Inbrunst und Überzeugung Dinge behaupten, die dazu führen, andere Menschen dazu zu bringen, die ausgesandten Imponderabilien als wahr an- und zu übernehmen. Diese negativen Aktionen und Reaktionen lassen sich in gleicher Weise bei Versuchen anwenden, die zu positiven, humanen Beeinflussungen führen: „Jeder Versuch, die Meinung von anderen zu beeinflussen, (wird) nur dann erfolgreich sein, wenn er sich mit den Elementen verträgt, die unser Denken maßgeblich steuern“. Es sind die sieben entscheidenden Faktoren, die eine gelingende Einflussnahme bewirken:

  • Unser vorhandenes Grundrepertoire an Überzeugungen.
  • Unsere Emotionen.
  • Anreize, die uns zum Handeln veranlassen.
  • Unsere vorhandene oder nicht vorhandene Handlungsmacht.
  • Unsere Neugier.
  • Unsere Gemütslage.
  • Die Anderen.

Diese im Gehirn positionierten und verschalteten Gemütszustände bewirken (natürlich nicht automatisch, sondern interaktiv), ob in der einen Situation Beeinflussung gelingt und in einem anderen Fall nicht. Dazu referiert die Autorin in mehreren Fallbeispielen aus ihren Forschungsarbeiten.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort, in dem die Autorin auf „unglaubliche“ Diskussionen zwischen wissenschaftlichen Experten und Donald Trump verweist und gewissermaßen die „Unerschütterlichkeit“ von Meinungen und „Fake News“ entlarvt, gliedert Tali Sharot ihre Studie in acht Kapitel und schließt sie mit einem zukunftsweisenden Ausblick ab:

  1. Können Beweise an Überzeugungen rütteln?
  2. Wie wir uns überreden ließen, nach den Sternen zu greifen?
  3. Motiviert Angst zum Handeln?
  4. Machtgewinn durch Loslassen.
  5. Was wollen Menschen wirklich wissen?
  6. Was passiert mit unserem Denken, wenn Gefahr im Verzug ist?
  7. Warum stehen Babys auf iPhones?
  8. Ist „einstimmig“ so beruhigend, wie es klingt?

Bereits in den Überschriften wird deutlich, dass es sich bei der psychologischen und psychoanalytischen Studie um einen „Praxisbericht“ handelt, ansatzweise sogar um einen wissenschaftlichen „Ratgeber“, der die Leserinnen und Leser informieren will: „Wenn Sie wissen, was Menschen dazu bringt, so zu reagieren, wie sie es tun, sind Sie in der Lage, denjenigen Herausforderungen zu begegnen, die sich Ihnen tagtäglich stellen“.

Es sind alltägliche, einleuchtende Situationen, Einstellungen und Verhaltensweisen, die Erfahrungen beweisbar und erlebbar machen. An ihnen diskutiert die Autorin die Argumentationen, die sich im persönlichen und gesellschaftlichen Miteinander der Menschen ergeben; etwa, wenn es um Beweisführungen und Überzeugungsbemühungen geht, die mit Zahlen, Daten und Fakten belegt werden. Die Kognitionsforscherin greift dabei in ihre Erfahrungskiste und widerlegt die scheinbare Alltagsweisheit, dass mit Zahlen alles bewiesen werden könne. Sie verweist dabei auf die durchaus belegbare Alltagserfahrung, dass bei der Suche nach Argumenten und Belegen im Kommunikationsprozess Informationsverzerrungen zustande kommen, die dazu beitragen, die eigene, vorgefasste Meinung zu bestätigen, unabhängig von Wahrheitsbeweisen. Die Neurowissenschaftlerin blickt dabei auf die Prozesse, wie sie im Gehirn (automatisch?) ablaufen; sie rät, nicht mit aller Macht den Anderen durch Beweise überzeugen zu wollen, sondern über den Umweg, im Kommunikationsprozess gemeinsame Motive zu finden, und so (vielleicht) Einflussnahme zu erreichen.

In den privaten, wie in den gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen kommt den Zaubermitteln „Sympathie“ im Gegensatz zur „Antipathie“, der „Empathie“ und der „Emotion“ eine große Bedeutung zu. Diese Gefühle spiegeln sich in unserem Gehirn. Dass diese Gehirnfunktionen (im Allgemeinen) bei Menschen in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise ablaufen ist eine aufregende Entdeckung: „Wir neigen dazu, uns das ganze Leben auf unsere Unterschiede zu konzentrieren … Wir vergessen dabei, dass bei allen Menschen… das Gehirn sehr ähnlich organisiert ist und auf dieselbe Stimulation sehr ähnlich reagieren wird“.

Bei der Frage „Motiviert Angst zum Handeln?“ -wenn ja, zu welchem, wenn nein, warum nicht? – berichtet die Autorin über verschiedene psychologische Versuche, die sich mit den Phänomenen von „Annäherung und Vermeidung“, von „Anreiz“, „Verbot“, „Reaktion“ befassten. Ihr Rat: „Wir sollten … betonen, was zu tun ist, um die Dinge zu verbessern“.

Die Angst vor Kontrollverlust, vor Unbedeutsamkeit und Missachtung bewirkt, dass wir im Miteinander ein Über- und Unterordnungsverhältnis aufbauen und damit ein Ungleichgewicht erzeugen. Wir müssen, „um Einfluss auf eine andere Person ausüben zu können, unseren eigenen Kontrollinstinkt überwinden und das Bedürfnis des anderen nach Handlungsmacht berücksichtigen“.

Es ist die Erkenntnis, dass Wissen nicht nur einen intellektuellen Mehrwert schafft, sondern auch Sicherheit, Selbstbewusstsein und Zuversicht bringen kann: „Unter ansonsten gleichen Umständen streben wir … nach Informationen, die uns eine positive Gefühlslage bescheren“. Diese eher lapidare Feststellung hakt an der Stelle, wo es uns nicht gelingt, neben der eigenen Emotion auch die des Gegenübers einzubeziehen.

Denn auch das signalisiert unser Gehirn: Die Verarbeitung von Informationen verläuft bei Stresssituationen anders. Hier kommt ein weiteres Zauberwort ins Spiel: „Aufmerksamkeit“ (vgl. dazu auch: Jörn Müller, u.a., Hrsg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php).

Es ist eine Allerweltsweisheit, dass Lernen den Menschen macht. Und zwar nicht ein Lernen im Elfenbeinturm oder im abgeschlossenen Stübchen, auch nicht mit dem „Nürnberger Trichter“ oder dem „Ordre Mufti“, sondern eines in humanen und sozialen Zusammenhängen. Wir nennen das Soziales Lernen. Es wird bei den modernen Lernprozessen und curricularen und methodischen Theorien und in der Praxis favorisiert, weil auch die neuronalen Forschungen gezeigt haben, dass sich im menschlichen Gehirn positive Prozesse vollziehen, wenn Menschen nicht allein, sondern gemeinsam lernen. Diese empfehlenswerten Einflüsse freilich bedürfen auch der Habacht: „Wir müssen sehr genau aufpassen, wenn wir anderer Leute Handeln und Entscheidungen zum Leitfaden unserer eigenen Handlungen machen“.

Wir kommen zum Schluss zu einer nicht unumstrittenen Auffassung: „Je mehr Köpfe an einer Entscheidung beteiligt sind, desto besser!“. Die irritierende Erkenntnis, wie sie die Autorin aus ihren eigenen und zitierten Forschungsergebnissen vorstellt, lautet: „Das Zusammenwirken zweier dem menschlichen Gehirn von Natur aus eigenen Eigenschaften kann zu einer gar nicht so weisen Masse der vielen führen“.

Fazit

Die Studie schließt mit der provozierenden, zukunftsorientierten, möglicherweise auch phantastischen Feststellung: „Prinzipiell verknüpfen Sie Ihr Gehirn über Klang, Sehen und Berühren mit dem eines anderen“; weil die Signale, die sie aussenden und empfangen, Verbindungen und Verknüpfungen herstellen. Die Frage, die (eigentlich) zwangsläufig daraus erfolgen kann, lautet dann: „Ob es wohl möglich ist, unsere Gehirne direkt miteinander zu verknüpfen, ohne zuvor den Umweg über unsere Umwelt zu nehmen?“. Die sich daraus ergebenden Horror-, wie gleichzeitig phantastischen Vorstellungen – „Wenn wir die Möglichkeit finden, die Gehirnaktivität direkt zu beeinflussen, verändern wir dann damit automatisch auch das Denken?“ – beantwortet die Autorin nicht; sie weist aber darauf hin, dass „ein besseres Verständnis davon, wie Geist und Gehirn funktionieren, kann uns somit helfen, etwas zu bewirken und systematische Fehler dort zu vermeiden, wo wir versuchen, andere zu etwas zu bringen“. In einem kurzen Stichwortverzeichnis formuliert die Autorin einige ausgewählte Fachbegriffe; und das Register bietet in alphabetischer Reihenfolge Informations- und Lesehilfen an.

Das Buch ist nicht nur geeignet, sozialwissenschaftlich Interessierten Stoff zum Nachdenken darüber anzubieten, wie die Meinung der Anderen unser Denken und Handeln bestimmt und wie wir sie beeinflussen, sondern bietet auch Leserinnen und Lesern wie Du und Ich Informationen und Tipps an, wie das Verständnis von Hirnmechanismen für den individuellen und gesellschaftlichen, lokalen und globalen, humanen Umgang der Menschen miteinander hilfreich sein kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 01.06.2017 zu: Tali Sharot: Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können. Siedler Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-8275-0081-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22651.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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