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Marion Pomey: Vulnerabilität und Fremdunterbringung

Cover Marion Pomey: Vulnerabilität und Fremdunterbringung. Eine Studie zur Entscheidungspraxis bei Kindeswohlgefährdung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3472-1. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die Praxis der Jugendämter ist ein sozialpädagogisches und verwaltungsgeprägtes Handeln zugleich, das in vielerlei Hinsicht durch ein komplexes Geflecht fachlicher und normativer Aspekte geprägt ist. Gerade den sozialpädagogischen Fachkräften in Jugendämtern wird eine hohes Maß an personalen, fachlich/methodischen, sozialen und aktivitäts- bzw. umsetzungsorientiere Kompetenzen abverlangt, denn psychosozial geprägte Situationen sind stets auch Krisensituationen die nicht immer einem elementar gleichen Muster folgen und in ihrer Bearbeitung ebenso nicht standardisierten Ablaufprozessen, wie es in der naturwissenschaftlich-technologisierten und digitalisierten Welt üblich ist, unterliegen.

Insbesondere im Bereich des Kinderschutzes ist das jugendamtliche Vorgehen eine sehr diffiziles, da eine sozialpädagogische Intervention – Inobhutnahme und Fremdunterbringung – stets von der Interpretation einer Realsituation ausgeht. Genau diese dort stattfindenden Entscheidungsprozesse oder diejenigen, die sich im weiteren Verlauf einer Klärung noch ergeben, sind Gegenstand dieser Arbeit und untersuchen einen spannenden und wenig beleuchteten Kernprozess jugendamtlicher Intervention.

Autorin und Entstehungshintergrund

Marion Pomey legte das Werk im Jahr 2015 als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich vor. Die Autorin forschte und lehrte als wissenschaftliche Oberassistentin am Institut für Erziehungswissenschaft am Lehrstuhl Sozialpädagogik der Universität Zürich. Heute ist sie Dozentin im Bereich Kinder- und Jugendhilfe und außerschulische Bildung und Erziehung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Aufbau und Inhalt

Das Werk von Pomey folgt strikt der Aufbaulogik einer wissenschaftlichen Arbeit. Sie beginnt mit einer Einführung, welche die Forschungsarbeit rahmt und damit wichtige Fragestellungen der vorliegenden Arbeit differenziert aufgreift und darstellt.

Das zweite Kapitel „Vulnerabilität in der frühen Kindheit“ ebnet der Autorin den Weg zur ihrer Forschungsarbeit, denn darin stellt sie entlang des Konstruktes „Verletzbarkeit von Kindern“ (S. 20) sozialpädagogische Konzepte als Ausganspunkt ihrer weiteren Überlegungen dar. Pomey legt dar, warum dieses Konzept sich gut eignet den Terminus „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ aus familialer, struktureller und gesellschaftlicher Sicht zu beleuchten. Die Autorin stellt über mehrere, zum Teil kritisch diskutierte, Stationen dar weshalb sich das Vulnerabilitätskonzept als theoretisches Rahmenkonzept gut eignet um Entscheidungsprozesse bei Fremdunterbringungen zu beleuchten und leitet damit abschließend den Zugang aus fachwissenschaftlicher Sicht zu ihrer eigene Forschungsfrage her. In diesen Überlegungen überführt Pomey zahlreiche Gedanken wie die daraus entstehende Notwendigkeit sozialpädagogische Entscheidungen im Kinderschutz zu treffen, den Umgang mit Ungewissheiten und Unsicherheiten im Entscheidungsprozess, die Rolle von Krisen und wie sich daraus eine legitimierte und professionsspezifische Entscheidung begründen lässt. Ein ausgedehnter Überblick über den Forschungsstand schließt dieses Kapitel ab und verdeutlich die Forschungslücke, die mit dieser Arbeit geschlossen werden möchte.

Im dritten Kapitel stellt die Autorin ihre Forschungsperspektive dar und erläutert ihr methodisches Vorgehen entlang der im Kapitel zwei verfolgten Fragestellungen. Im ersten Zwischenschritt stellt Pomey ihren theoretischen Bezugsrahmen vor, indem sie auf zwei Perspektiven zurückgreift: die Praxistheoretische – und Figurationssoziologische Perspektive. Die jeweiligen Sichtweisen werden vorgestellt und ihre Bedeutung für das Fallverstehen herausgearbeitet, insbesondere wie die Herstellung sozialer Ordnung mit ihren kollektiven Wissensbeständen und den darin implizierten Deutungsmuster für die Entscheidungsgewinnung rekonstruiert werden können. Im zweiten und letzten Zwischenschritt stellt die Autorin ihr Forschungsdesign vor. Sie berücksichtigt hierbei empirisch problematische Situationen und beschreibt den Umgang damit.

In dem vierten und fünften Kapitel widmet sich Pomey den beiden Fallrekonstruktionen der Hilfeverläufe „Anna“ und „Nina“ zu. Sie zeigt/rekonstruiert wie Entscheidungen im Kinderschutzbereich und über die weitere Unterbringung (Inobhutnahme) „prozessiert“ werden. Es werden die Familienkonstellationen vorgestellt, der Beginn der Krise und die drauffolgende Krisenintervention, die Machtdynamiken zwischen den Fachkräften und dem Elternsystem und die Figuration der Mütter und Familiensysteme wird entschlüsselt. Unterschiede zwischen den beiden Hilfeverläufen werden ebenso herausgestellt und zu verschiedenen Verlaufstypen verdichtet. Entlang dieser Verdichtung arbeitet die Autorin heraus, wie die Entscheidungspraxis von Fremdunterbringungsprozessen aussieht und bezieht dabei über die gesamte Länge der Rekonstruktion die Figuration der Praxis ein, d.h. wie eine Fall zu einem Fall gemacht wird, wie die Interaktionen gestaltet sind zwischen Klienten- und Professionellensystem bis hin wie die Rückführungsprozesse sich entwickelt haben.

Kapitel sechs widmet sich den vulnerablen Kindern und Eltern zwischen Ermächtigung und Entmachtung zu. Hier greift Pomey auf zwei der in den rekonstruierten Fallanalysen ausgearbeiteten Verlaufstypen zurück und arbeitet heraus wie „Eltern adressiert und readressiert werden, wie sich Adressierungen verketten, prozessual verändern und sich als entscheidungsrelevant figurieren“ (S. 215). Die Autorin greift hierbei auf weiteres Datenmaterial zurück, um ihre Annahmen besser untermauern zu können. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einer ausgiebig geführten Diskussion über die festgestellten Verlaufstypen und überführt diese in eine übersichtlich gestaltete Matrix.

Das siebte und zugleich letzte Kapitel schließt die Beantwortung der Forschungsfragen und die Arbeit insgesamt ab. Hier bearbeitet die Autorin das „Verhältnis von Sozialpädagogik und Vulnerabilität im Kontext … der Fremdunterbringung in der Kindheit auf“ (S. 265). In die Diskussion werden die drei zentralen Ergebnisse „die Wirkmächtigkeit des latenten Familienideals“ (ebd.), die Vulnerabilität und die Mehrdeutigkeit von Entscheidungsprozessen einbezogen, die einzeln und in Beziehung zueinander vorgestellt werden. Abgerundet wird die Arbeit mit der Thematisierung von Grenzen und Widersprüche der Untersuchung und es werden offengebliebene sowie zukünftige Forschungsfragen, die sich daraus ableiten, aufgezeigt.

Diskussion

Kapitel 2 „Vulnerabilität in der frühen Kindheit“ dient als Orientierungspunkt für alle Leser, denn hier werden Konzepte, Entwicklungen und Diskurse so angeschnitten und von der Autorin gewählt, dass sie einen hervorragenden Ausgangspunkt ihrer Betrachtung darstellen. Hervorzuheben ist hierbei zum einen die Entwicklung der Kinderrechte in den westlichen Gesellschaften und zum anderen ihre Abhandlung der gesteigerten (sozialstaatlich indoktrinierten) Aufmerksamkeit auf Familien, bei dem sich hinter der „Familienaktivierung“ (also wohlwollende familienorientierte Familienorientierung) vielmehr ein staatlicher „Generalverdacht“ verbirgt, weil Familien unterstellt werde, die an ihnen gerichtete Aufgaben nicht zu erfüllen und dadurch vermehrt normierte Interventionsleistungen erforderlich werden, die Eltern überwiegend als Angeklagte und risikoproduzierende Sorgeberechtigte darstellen.

Diesen Bogen spannt Pomey gut, trennscharf und differenziert, überblickt die darin implizierte Entgrenzungen und reproduzierten Lebensbewältigungsprobleme von Familien, die sich quasi von selbst zu Risikofamilien formen und zum Gegenstand sozialstaatlichen Handelns in Form von Inobhutnahmen oder sozialpädagogischer Krisenintervention werden. Pomey vermag hier gut dem Leser zu erklären, weshalb Kindheit als eine vulnerable Lebensphase angesehen werden kann und wie gesellschaftliche Strukturen prekäre familiale Strukturen erzeugen und damit Vulnerabilität insgesamt begünstigen und (Familien) dadurch zum Gegenstand im Bereich des Kinderschutzes werden. Pomey vorschont zu keiner Zeit den Leser mit Konzepte, welche sie gut durchdacht herleitet und zu einem roten Faden weiterführt. An manchen Ecken entsteht der Eindruck, Pomey bezieht sich schwerpunktmäßig auf soziologische Erklärungsansätze und vernachlässigt explizit sozialpädagogische oder sozial-klinische Theorien und Konzepte.

Die Darstellung des theoretischen Bezugsrahmens gelingt der Autorin sehr gut. Der empirisch versierte Leser erhält einen wunderbaren Einblick in die theoretischen Felder der Praxistheorie und Figurationssoziologie und wird umfassend von Pomey an die Hand genommen wenn sie erklärt welche Potenziale beide Perspektiven haben und weshalb sie sich als Zugang so gut für ihre Forschungsarbeit eignen. Manch anderem vermag dieser Abschnitt etwas langatmig zu sein – hier muss jeder Leser für sich entscheiden welchen Grad an persönlichem Erkenntnisgewinn er für sich ertragen möchte.

Der Auswertungsteil ist ebenfalls sorgfältig, ja – man kann sogar sagen, dass Pomeys Vorgehensweise sehr differenziert und kleinteilig ist. Das ist besonders erwähnenswert, denn die Detailgenauigkeit der Autorin zeigt ihren hohen Anspruch den sie bei der Bearbeitung ihrer wissenschaftlichen Arbeit hingelegt hat.

Die folgenden Auswertungskapitel der beiden Fälle und die darauf aufbauenden Kapitel sechs und sieben sind logisch und nachvollziehbar aufeinander gebaut. Der Leser wird hierbei immer wieder an zuvor aufgezeigten theoretischen Bezüge erinnert und wenn er sich mal nicht zurecht finden sollte, weiß Pomey wie sie ihn immer wieder zu Beginn eines jeden Kapitels darin einweisen kann.

Fazit

Pomey hat mit dieser Arbeit ein hervorragendes Werk geliefert, das gleichwohl aus der Forschungs- als auch Praxisperspektive sehr interessant, aufschlussreich und neu ist. Ihre zugrundeliegenden Fragestellungen und die wissenschaftlich-methodische Vorgehensweise sind hervorragend aufgebaut und werden versiert angegangen. Der breiten Leserschaft wird dies jedoch vermutlich weniger wichtig sein, denn die vielen sozialpädagogischen Fachkräfte in den Jugendämtern werden verstärkt an dem Erkenntnisgewinn Interesse zeigen und genau hier liefert Pomey, denn sie bringt Licht in ein bisher dunkel gebliebenes Forschungs- und Handlungsfeld Sozialer Arbeit. Somit bleibt nur noch der Wunsch an sie, dass die Autorin ein an die Praxis gerichtetes Destillat ihrer Arbeit nachreicht.


Rezensent
Dipl.-Sozialpäd. Gerhard Klug
Klinischer Sozialarbeiter, M.A., Sozialpädagoge im Stadtjugendamt Augsburg
Homepage www.klinsa.de
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Zitiervorschlag
Gerhard Klug. Rezension vom 16.05.2019 zu: Marion Pomey: Vulnerabilität und Fremdunterbringung. Eine Studie zur Entscheidungspraxis bei Kindeswohlgefährdung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3472-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22654.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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