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Alain Badiou, Pierre Bourdieu u.a.: Was ist ein Volk?

Cover Alain Badiou, Pierre Bourdieu, Judith Butler, Georges Didi-Huberman, Sadri Khiari, Jacques Rancière: Was ist ein Volk? LAIKA-Verlag GmbH & Co. KG (Hamburg) 2017. 112 Seiten. ISBN 978-3-944233-76-5.

Qu´est-ce qu´un peuple? La Fabrique éditions (Paris) 2013. Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Französischen von Richard Steurer-Boulard.
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Themen

  • Was konstituiert ein ‚Volk‘: die Versammlung auf der Straße, die Gemeinschaft innerhalb einer Staatsgrenze, und gibt es nicht auch mehrere ‚Völker‘?
  • Besteht das Volk aus Kräfteverhältnissen oder aus einer Geschichte von Kräfteverhältnissen?
  • Ist Populismus eine Vermischung einer Fähigkeit (die rohe Gewalt der Masse) und einer Unfähigkeit (Unwissenheit)?
  • Kann man das ‚Volk‘ dennoch der Emanzipation zurechnen?

Autoren

  • Alain Badiou, geb. 1937 in Rabat, Philosoph, Mathematiker und Autor von Dramen und Romanen, war bis 1999 Professor an der Universität Paris VIII, dann Direktor des Instituts für Philosophie an der École supérieure in Paris und 1985 Mitbegründer der Bürgerrechtsorganisation ‚Organisation politique‘.
  • Pierre Bourdieu (1930-2002) war Soziologe und Sozialphilosoph, bekannt durch ethnologische Studien in Algerien, seit 1981 Professor für Soziologie am Collège de France; Publikationen über Chancengleichheit im Bildungswesen.
  • Judith Butler, geb. 1956 in Cleveland, Philologin und Philosophin, Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California/Berkeley; Veröffentlichungen über das performative, sprachlich vermittelte Modell von Geschlecht, zur Theorie des moralischen Subjekts und Kritik der ethischen Gewalt.
  • Georges Didi-Huberman, geb. 1953 in Saint-Étienne, Kunsthistoriker, Philosoph und Hochschullehrer; außer einer Professur an der Pariser Ècole des Haut Ètudes en Sciences Sociales (EHESS) Gastprofessuren in Berkeley, Tokyo, Berlin, London. Als Kulturwissenschaftler beschäftigte er sich hermeneutisch und phänomenologisch mit Werken von Andy Warburg, Walter Benjamin und Georges Bataille und entwarf eine Theorie zur Philosophie des Bildes.
  • Sadri Khiari, 1958 in Tunesien geboren, stammte aus einer militanten kommunistischen Familie, studierte Politikwissenschaft und war Generalsekretär der Arbeitergewerkschaft in Tunesien; zahlreiche Veröffentlichungen zu politischen und gesellschaftlichen Problemen in Tunesien und Frankreich.
  • Jacques Rancière, geb. 1940 in Algier, Philosoph mit Arbeiten zur politischen Philosophie und Ästhetik, bis 2000 Professor der der Universität Paris VII; Arbeiten über Marx und Feuerbach, vorübergehend Aktivist in einer maoistischen Gruppe. Politik ist für ihn eine Praxis des Streits, für die eigenen Rechte einzutreten. Ästhetisch sieht er in der sinnlichen Qualität der Bilder sowohl eine Repräsentation als auch eine Aufforderung zu einem enthierarchisierten Diskurs.

Entstehungshintergrund

Einerseits die populistischen und nationalistischen Bewegungen in vielen Ländern, die sich auf das ‚Volk‘ berufen, andererseits das kritische Nachdenken über die Vieldeutigkeit dieses Begriffs, die in einer Gemeinsamkeit der Autoren mündet, dass das ‚Volk‘ der Emanzipation zugerechnet werden kann.

Aufbau

Anstelle eines Vorworts wurde Jules Michelet aus seinem Buch ‚Das Volk‘ (1846) unkommentiert zitiert. Es folgen dann die einzelnen Beiträge in alphabetischer Reihenfolge der Autoren.

Inhalt

Alain Badiou: Vierundzwanzig Anmerkungen über die Verwendung des Wortes ‚Volk‘ (8 S.). Das Wort ‚Volk‘ sei ein neutraler Begriff (1), wobei das Französische ‚populaire‘ eine aktive Konnotation habe, insofern es ein Substantiv politisiere (z.B. Volksfront) und es im Kern um Emanzipation gehe (2). Vorsicht sei angebracht, wenn es in Zusammenhang mit Identität oder Nation gebraucht werde (3). Das Nationaladjektiv + Volk sei durch nationale Befreiungskriege geheiligt, wenn Freiheit vorenthalten worden sei (4). Außerhalb dieses Zusammenhangs tauge ‚Nationaladjektiv + Volk‘ nicht viel, da die Arbeiter von jeher, und heute umso stärker, Nomaden seien und eher als ‚Proletariat‘ existierten (5). ‚Adjektiv + Volk‘, z.B. französisches Volk, bedeute nur das Recht, sich Franzose zu nennen; gegenüber kolonialistischen Bestrebungen habe es jedoch eine Realität (6). Entweder sei es also eine ‚träge Kategorie‘ des Staates oder eine Kategorie von Befreiungskriegen und -prozessen (7). In den parlamentarischen Demokratien sei ‚Volk‘ zu einer Kategorie des Staatsrechts geworden, durch die die Gewählten die Fiktion einer Legitimität erhielten (8). In den demokratischen Regierungen werde heute das Volk zu einer Substanz, die man ‚kapitalisiert‘ nach den Erfordernissen des Kapitals (9). Kann es trotzdem eine fortschrittliche Wirkkraft des Adjektivs ‚populaire‘ geben (10)? Im vietnamesischen Befreiungskrieg war das Wort an einen politischen Prozess gekoppelt; sobald der Staat errichtet sei, werde das Volk allerdings zu einer passiven Masse (11). Jedoch seien Streiks Manifestationen des Arbeitervolkes (12). Das gleich treffe für die Besetzer des Tahrir-Platzes in Ägypten zu, ‚weil die Nation, von der es spricht, erst im Entstehen ist‘ (13). Volk bedeute mithin das Verschwinden des existierenden Staates, ein Absterben des Staates (14). Volk kann auch eine Minderheit als Subjekt eines politischen Prozesses bezeichnet werden (15), deren Anspruch aber von der Masse bestätigt werden müsse (16). Inexistente Massen, heutzutage Einwanderer in den Augen des Staates, können auch Volk genannt werden (17) und nicht nur die Mittelklasse (18), die nur das Volk der kapitalistischen Oligarchen sei (19); dazu gehörten auch die ‚ohne Papiere‘ (20). Negativ ist ‚Volk‘ unter und in einem despotischen Staat zu verstehen (21); positiv hingegen als Streben nach einer herrschaftsfreien Existenz (22). Oder auf der Suche nach einem gewünschten Staat, im Gegensatz zum eingerichteten (23). Mithin in einer positiven Bedeutung nur ‚angesichts der möglichen Inexistenz des Staates‘ (23).

Pierre Bourdieu: Sagten Sie ‚populaire‘? (21 S.). Nach zahlreichen (zitierten) Redewendungen das Statement: Der Begriff werde vom kultivierten Bürgertum abgelehnt. Auch der Begriff ‚milieux populaire‘ könne Interessen und Vorurteilen angepasst werden und Auffassungen für nicht nur linguistische sondern auch soziale Differenzen i.S. einer symbolischen Herrschaft unterstützen. Die Überschreitung der offiziellen sprachlicher Normen richte sich gegen die Herrscher und die Beherrschten, gegen Herrschaft überhaupt. Der Argot (Spezialsprache der Unterwelt) als ‚dinstinguierte Form der vulgären Sprache‘ sei kein Widerstand, wenn das Stigma als Prinzip der Identität eingefordert werde. Extrem unterschiedliche Sprechweisen resultierten aus Kombinationen aus Klassen, Habitus und Märkten (Geschlecht, Generation, soziale Stellung, soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit). Eine Ablehnung legitimer Sprechweise finde man vor allem bei jungen Männern, einen Gegenpol bildeten die jungen gebildeten Frauen. Daran hätten die Schulen einen negativen Anteil in der Herausbildung einer ‚Delinquenzkultur‘ für benachteiligte Kinder. Widerstand gegen die herrschenden Sprech- und Handlungsweisen zeige sich in den intensiven Formen des Austausches, z.B. unter Männern im Café. Methodisch ließen sich Diskursformen auf den freien und öffentlichen Märkten beobachte, die für die herrschenden Märkte und offizielle Gelegenheiten produziert werden und für spezielle Diskurse beim privaten familiären Gebrauch unter Frauen. Ritualisiert und strikten Regeln unterworfen dienten öffentliche Orte, z.B. Cafés, dazu sprachlich eine soziale Atmosphäre zu schaffen. Die Redundanz dieser Rhetorik, z.B. Männlichkeitskult als Kult der Rohheit, könne auch als Kampf gegen kulturelle Unterlegenheit verstanden werden. Davon unterschieden sei der Austausch zwischen Vertrauten, insbesondere Frauen, in der Logik des Mangels, deren ‚gebräuchlichste Form‘ das Schweigen der Männer sei, wenn es um medizinische Symptome, Behandlungen, Gespräche mit der Lehrerin oder der Krankenversicherung gehe. Wer in eine ungleichgewichtige soziale Situation eintrete, übernehme ambivalent, servil und konform einerseits die passende Sprache und Manieren oder schwinge sich andererseits im Gegenteil durch Vertraulichkeiten zum Herrschenden auf. Die sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten der Beherrschten variierten mithin je nach der Fähigkeit, von geregelten Freiheiten zu profitieren oder die Zwänge zu akzeptieren, die ihnen auferlegt würden.

Judith Butler: ‚Wir sind das Volk‘: Überlegungen zur Versammlungsfreiheit (17 S.): Die Versammlung des Volkes kann vielleicht bereits als ein Sprechen und eine Inkraftsetzung (enactment) verstanden werden. Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit ist mit dem Recht auf Kollektivhandeln verbunden und damit bereits eine Bedingung der Politik. Denn Volkssouveränität erschöpft sich nicht im Wahlprozess; sie kann sowohl die Ergebnisse der Wahlen als auch die Handlungen der Funktionsträger anfechten und Legitimität auch entziehen. Butler spricht von einer »anarchistischen« Energie oder einem permanenten Revolutionsprinzip. Das ‚Wir‘ repräsentiert nicht, sondern konstituiert erst das ‚Volk‘, ein Sprechakt der Autogenese, der auf eine wesentliche politische Forderung vorbereitet. Volkssouveränität geschieht in einer Reihe von Sprechakten (Debatten) oder performativen Inkraftsetzungen. Dennoch bedeutet »Wir, das Volk« eine Selbsthervorbringung und eine Selbstkonstitution bereits im Akt des Versammelns. Die ‚Wahrheiten‘ die sie konstituiert, brauchen jedoch, wenn sie selbstverständlich sind nicht erst hervorgebracht, aber in einer pluralen Handlung evident gemacht werden. Das Aussprechen bedeutet eine Konvergenz von räumlichen, zeitlichen und sinnlichen Feldern, eine verkörperte plurale politische Sozialität. Das Sprechen selbst hat zwei Grundbedeutungen: Körperliche Mobilität und politische Organisation. Die performative Inszenierung »Wir, das Volk« ist bereits verkörpert, bevor sie ausgesprochen wird. Sie kann Gleichheit gegenüber wachsender Ungleichheit (arm gegen reich) verkörpern und grundlegende körperliche Bedürfnisse für das Überleben noch vor politischen Forderungen bereits öffentlich inszenieren. Butler versteht unter Körper die Gesamtheit von ‚Beziehungen zu Nahrung, Schutz, Sexualität, Erscheinen, Mobilität, Hör- und Sichtbarkeit‘, mithin ein Ensemble von Gesellschaftsbeziehungen und institutionellen Formen, dessen Verletzlichkeit und Handlungsfähigkeit von seiner Umwelt, Technologie, Sozialität und Zugang zur Macht bedingt ist. Nicht alle Versammlungen vertreten allerdings das Prekariat und richten die Aufmerksamkeit auf eine dauerhaftere Möglichkeit lebenswerten Lebens, sondern bilden Widerstandsnetzwerke i.S. einer provisorischen Unterstützung in der Forderung nach Herstellung eines neuen Gemeinwesens.

Georges Didi-Huberman: Spürbar machen (26 S.): Das Volk existiert aufgrund seiner Komplexität nie als Einheit, wie Populisten behaupten. Was die Repräsentation anbetrifft besteht diese in den zwei Bedeutungen als Mandat und als Darstellung als ‚Meinungsvolk‘ und ‚Nationalvolk‘ (unter Ausschluss der Einwanderer) und als flüchtiges ‚Emotionsvolk‘ (nach Rosanvallon 1998). Auch wenn das ‚Emotionsvolk‘ ein imaginäres ist, wäre es deshalb nicht inhaltsarm, da Emotionen wie Bilder in ihrer Dialektik Teil der Geschichte sind: Zwischen Zustimmen und Widersprüchlichkeit, Affekten und Vorstellungen (nach Freud 1900), übernimmt der Historiker die Aufgabe der gesellschaftlichen Traumdeutung; nach Benjamin (1991) die Aufgabe, Emotion und Denken zusammenführen, die ‚Repräsentation mit dem Affekt reiben‘ (S. 63), in dem Fragment der Geschichte das flüchtige und vergängliche Bild des Begehrens deutlich – am Beispiel der Julirevolution 1830 – zu machen. Die ‚Wirkmächtigkeit der Relikte‘ (Tradition) räumt der Rückkehr des Verdrängten einen Platz ein und führt zu Spaltungen. Benjamin sah es als Aufgabe an, dem Namenlosen (als dem unbewusst Verdrängten im Gegensatz zum Klassenkampf) eine Repräsentation zu verleihen. Aufgabe sei es, den Deckel der Unterdrückung aufzuheben wie z.B. bei Michel de Certeau (Geschichte der Einsamkeiten 1967), Michel Foucault (Geschichte der Devianz 1969) und Kenntlichmachen der Orte der Unterdrückten. Nach ihm ist Freiheit Praxis, Aufhebung von Zwängen. Im Gegensatz zu Utopien realisieren diese Heterotopien einen ‚zugleich mythischen und realen Gegensatz zudem Raum, in dem wir leben‘, ein Reservoir für den Gebrauch der Phantasie. Arlette Farge (1974) setzte diese Tradition fort, indem sie das brüchige Leben der Armen, Außenseiter und Unterdrückten erforschte. Geschichte lässt sich nicht nur durch die Abfolge von Handlungen, sondern auch von Leidenschaften und Emotionen beschreiben unter Rückgriff auf das ‚Archiv des Volkes‘, u.a. durch die Literatur (Flaubert, Zola, Michelet, Rilke). Rancière hingegen hat den Deckel von einem philosophischen Standpunkt her gehoben im Hinweis auf die Dialektik zwischen Politik und Ästhetik, Dialektik und dem Sinnlichen, z.B. in politischen Kundgebungen, die wenn ein Dialog unmöglich ist auch zu den Waffen greifen kann. – ‚Sich nähern, dokumentieren, spürbar machen‘ (S.75): D.h. nicht die Politik ästhetisieren (Anspielung auf den Nationalsozialismus), sondern Ereignisse des Sinnlichen (nicht unter dem Gesichtspunkt der Schönheit) zu benennen und sich ihnen mit Augen, Ohren und Schrift anzunähern. Literatur und Philosophie haben die Aufgabe, die Erfahrung der Welt sprechen zu lassen, literarisch z.B. in ‚Geschichten‘. Diese literarische Standpunkt hat eine lange Geschichte (viele Beispiele), z.B. auch in Dokumentationen (Film, Fotografie): Erbarmungslose, aber deshalb nicht unsensible Bilder, die vom Elend sprechen, machen etwas spürbar und ‚dialektische Bilder‘ (Benjamin) Sinnliches lesbar, z.B. auch das Unvermögen und die Machtlosigkeit; spürbar aber nicht nur i.S. von empfänglich, sondern auch in Richtung eines Denkanstoßes.

Sadri Khiari: Das Volk und das dritte Volk (14 S.): Sich zu einem Volk zu bekennen heisst, sich auf eine Gruppe festzulegen und ein privilegiertes Verhältnis zum (National)Staat zu behaupten. Gegen wen konstituiert sich das Volk, gegen ein ‚volkfeindliches Außen‘? Volk ist eine politische ‚Geschichte von Kräfteverhältnissen‘ mit einer Vielzahl von Bedeutungen in jeweils besonderen Kontexten von Nation, Staatsbürgerschaft/Souveränität und Klassen. Diese sind formbar, durchlässig, verwandlungsfähig. Staatsbürgerschaft kann sich vollständig mit Volkssouveränität decken (Befreiungskriege) oder im Klassenkampf auch tendenziell mit den niederen Schichten gleichgesetzt werden. Der Begriff kann mit der sozioökonomischen Ordnung verbunden sein und politisch strategisch mit Macht und Ehre. Als ‚Volk mit der Rasse und gegen die Rasse‘ in der Kolonialisierung entstanden ist es nach Khiari gleichzusetzen mit Privilegien und Diskriminierungen, was sich heute in den Arbeitslosenzahlen, im Zugang zur Staatsmacht und in Machthierarchien zeigt, auch wenn man das aus ideologischen Gründen nicht wahrhaben will. Diese Machtverhältnisse wurden durch die Kolonialisierung geformt und bilden ein Gerüst, an dem die Globalisierung, die europäische Union, der Verlust des französischen Imperialismus und die wachsende Zahl der nicht weißen Bevölkerung rüttelt. Der Terrorismus hat wieder zu einer Verengung auf den weißen, europäischen und christlichen Franzosen geführt. Der ‚nationale Schwenk der radikalen Linken‘ folgt dem nationalistischen Paradigma (Beispiel Jean Luc Mélanchon 2012) in einer national-imperialistischen Perspektive bei gleichzeitiger Verteidigung der demokratischen und sozialen Rechte der Einwanderer, allerdings unter dem Aspekt der Assimilierung. ‚Wie soll man Franzose sein, ohne es zu sein‘, wenn man z.B. nicht wie ein Franzose behandelt wird (Hinweis auf Malcolm 2008 und den zwiespältigen Begriff der Afroamerikaner)? Das geht nur über einen inneren Entkolonialisierungsprozess, eine andere nationale Identität und kollektive kulturelle Rechte auch für ‚Minderheiten ohne Territorium‘, in den Schulbüchern anstelle einer Geschichte, vielfache Geschichten und um einen dynamischen Prozess von ‚Identität‘ i.S. einer Kulturrevolution.

Jacques Rancière: Der unauffindbare Populismus (5 S.): Populismus hat in den 1930er und 1940er-Jahren eine Regierungsweise der direkten Verkörperung zwischen dem Volk und dem Chef bezeichnet. Chavéz nannte das »Sozialismus des 21. Jahrhunderts«. Heute ist das im Gegenteil eine Haltung, mit der herrschende Regierungspraktiken abgelehnt werden. Die Wesensmerkmale sind: ein direkt an das Volk gerichteter Gesprächsstil, die Behauptung, dass Regierungen sich mehr um Eigeninteressen kümmern, eine Identitätsrhetorik (Angst vor dem Fremden). Alle drei sind nicht notwendig miteinander verbunden. Den Eliten dient ‚Populismus‘ dazu, politische Kräfte von rechts bis links über einen Kamm zu scheren. Denn »das Volk« existiert nicht. Es gibt das ethnische Volk, das Herdenvolk, das demokratische, das unwissende Volk. Vielmehr leistet der Begriff eine Synthese zwischen einem regierungsfeindlichen Volk und einem allgemein feindlich gesinnten Volk: Unwissende Massen, zu extremer Gewalt verführbar (Gustave Le Bon, Hippolyte Taine). Rassismus bedeutet heute: Diskriminierung bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle oder Wohnung, Verweigerung von Aufnahmegenehmigungen, Einschränkungen des Bodenrechts, Gesetze gegen Kopftuch und Burka, Abschiebungsquoten und Auflösung von Nomaden-Lagern. Der Zweck ist eine Spaltung zwischen Arbeitern, die bleiben und denen die gehen müssen. Die Kampagne ist nicht von der Front National in Gang gebracht worden, sondern von linken Intellektuellen gegen die, die nicht ‚wirklich Franzosen‘ weil nicht laizistisch sind. ‚Betende Moslems, die die Straße besetzen‘ (Marine Le Pen) provozieren gefährliche Bilder ‚Moslem=Islamist=Nazi‘ und versprechen dagegen Sicherheit. Sie wedeln mit dem ‚Gespenst‘ und beschwören tödliche Gefahren, die angeblich keine Wahl lassen.

Literaturverzeichnis (8 S.), insofern unvollständig, als mitunter ohne Angabe des Ersterscheinungsdatums.

Diskussion

Ein nicht, wie der Tittel suggerieren könnte, leicht lesbarer, aber profunder Einblick in die leidenschaftliche französische Diskussion unter Intellektuellen über gegenwärtige gesellschaftliche und politische Veränderungen unter dem Aspekt des Populismus. Die Autoren, meist linker Provenienz, sind bemüht den Begriff ‚Volk‘ zu differenzieren, Probleme, Hintergründe, Vorurteile aufzuzeigen, die einem neuen französischen Selbstverständnis als ‚Volk‘ im Weg stehen und notwendige Veränderungen und Entwicklungen behindern.

Fazit

Einführung in einen französischen Diskurs, der viele Denkanstöße enthält, die ein kritisches Nachdenken auch über populistische Bewegungen in der Bundesrepublik, deren Hintergründe und vor allem deren emotionale und affektive Dynamik anregen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 22.06.2017 zu: Alain Badiou, Pierre Bourdieu, Judith Butler, Georges Didi-Huberman, Sadri Khiari, Jacques Rancière: Was ist ein Volk? LAIKA-Verlag GmbH & Co. KG (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-944233-76-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22656.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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