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Siegfried Karl, Hans-Georg Burger (Hrsg.): Religion(en) im 21. Jahrhundert

Cover Siegfried Karl, Hans-Georg Burger (Hrsg.): Religion(en) im 21. Jahrhundert. Zwischen Tradition und Zukunft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 234 Seiten. ISBN 978-3-8379-2592-0. D: 27,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Unter Mitarbeit von Dirk Ansorge, Bernd Apel, Friedrich Wilhelm Graf, Michael Hochschild, Bettina Jarasch, Norbert Lammert, Sigrid Monnheimer, Franz-Josef Overbeck, Thomas Petersen, Diaa Rashid, Sarah Larissa Schneemann, Susanne Schröter, Yasar Sarikaya, Wolfgang Thierse, Gerda Weigel-Greilich.
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Thema

Das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, Religion und Gewalt wird unter gesellschaftspolitischer, theologischer und islamwissenschaftlicher Perspektive untersucht.

Herausgeber

Dr. theol. Siegfried Karl promovierte über Anselm von Canterbury und ist seit 2006 Hochschulseelsorger der Katholischen Hochschulgemeinde und seit 2011 Dozent für systematische Theologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Hans-Georg Burger studierte Publizistik, Geschichte und Judaistik und war ab 1972 Pressereferent an der Universität Gießen, seit 1979 – 2009 Pressereferent und später Geschäftsführer des Servicebereichs Information bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und ist publizistisch und beratend tätig in Sachen Ethik, Ökumene, Wirtschaft und Gesellschaft.

Autorinnen und Autoren

  • Dirk Ansorge ist Professor für Dogmatik und Proreaktor der philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen/Frankfurt M.
  • Bernd Apel ist Pfarrer für Ökumene der Evangelischen Kirche und Mit-Initiator seit 2006 des »Rates der Religionen im Kreis Gießen«.
  • Friedrich Wilhelm Graf ist emeritierter Professor für (evangelische) Systematische Theologie und Ethik an der Universität München.
  • Michael Hochschild ist nach dem Studium von Soziologie, Pädagogik und Theologie Forschungsdirektor und Professor für postmodernes Denken am Time-Lab Paris/Institut de´études et de recherches postmodernes.
  • Bettina Jarasch arbeitet nach dem Studium der Philosophie, Politik und Germanistik als Redakteurin.
  • Norbert Lammert, Dr. der Sozialwissenschaften und Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft der Universität Bochum, ist seit 2005 Präsident des Deutschen Bundestages.
  • Sigrid Monnheimer ist nach dem Studium in praktischer Theologie Hochschulseelsorgerin und Sozialberaterin der Katholischen Hochschulgemeinde Gießen.
  • Franz-Josef Overbeck ist seit 2009 Bischof von Essen und seit 2011 Militärbischof der Bundeswehr.
  • Der Privatdozent Thomas Petersen ist nach dem Studium der Publizistik, Alten Geschichte, sowie Vor- und Frühgeschichte seit 1999 Projektleiter am Institut für Demoskopie in Allensbach und hat Lehraufträge in Konstanz, Dresden und Mainz wahrgenommen.
  • Dr. Diaa Rashid ist Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Gießen und seit 2014 Generalsekretär der islamischen Religionsgemeinschaften In Hessen.
  • Sarah Larissa Schneemann ist Philosophie-Studentin und Mitglied der Katholischen Hochschulgemeinde Gießen.
  • Prof. Susanne Schröter ist Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Universität Frankfurt/M.
  • Yasar Sarikaya hat seit 2013 eine Professur für islamische Theologie und Didaktik an der Universität Gießen.
  • Wolfgang Thierse war nach dem Studium von Kulturtheorie/Ästhetik an der Humboldt-Universität in Berlin als SPD-Abgeordneter 1998-2013 Präsident und Vizepräsident des Bundestages.
  • Gerda Weigel-Greilich studierte Germanistik und ist Bürgermeisterin von Gießen und politisch aktiv bei den Grünen.

Entstehungshintergrund

Der Band enthält die Vorträge, die auf dem dritten Symposion der Katholischen Hochschulgemeinde Gießen über „Religion(en) im 21. Jahrhundert. Zwischen Tradition und Zukunft“ am 14. November 2015 stattfanden.

Vorwort, Grußwort, Einleitung und Aufbau

Das Vorwort der Herausgeber (2 S.) enthält den Hinweis, dass es sich um einen Band der Schriftenreihe „Dialog leben“ handelt, der die Vorträge des o.g. dritten Symposions enthält. Es folgt das Grußwort der Gießener Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich, die darauf hinweist, dass die lange Erfahrung mit Heimatvertriebenen, Zonenflüchtlingen, Über – und Spätaussiedlern und die Internationalität der Universität ein positives Klima auch gegenüber den Flüchtlingen 2015 geschaffen hätten (3 S.).

In der ausführlichen Einleitung (12 S.) von Karl und Burger werden die einzelnen Beiträge vorgestellt und die Frage gestellt: Wie könnte ein deutscher Islam aussehen (16 S.)?

Insgesamt ist der Band in sieben große Abschnitte unterteilt.

Zu I

(Impuls: Wieviel Religion verträgt unsere Gesellschaft? insgesamt 15 S.)

Wolfgang Thierse: Wieviel Religion verträgt unsere Gesellschaft? Entwicklungen und Herausforderungen – Anmerkungen zur Religion, Gesellschaft, Staat und Demokratie (13 S.). Thierse stellt fest, das zu Beginn des 21, Jahrhunderts die Religion ‚überraschend vital‘ (S. 29) sei, da 85 % eine weltanschaulich und religiös plurale Gesellschaft von Christen, Muslimen und anderen Religionsgemeinschaften befürworteten. Die Flüchtlinge hätten Europa 2015 herausgefordert, sich mit dem Verhältnis Staat und Kirche, den ethischen Fundamenten für das Zusammenleben unter Mitverantwortung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu befassen und ‚Entheimatungsängste‘ (S. 31) ernst zu nehmen. Religion dürfe keine Privatsache bleiben, da der Staat auf Religion und religiöse Menschen angewiesen, Toleranz aber auch unerlässlich sei in einer pluralen Gesellschaft. Die Überwindung von Ängsten und Vorurteilen gegenüber dem Islam sei eine gemeinsame Aufgabe der ‚Religionen, der Gesellschaft und der Muslime‘ (S. 38). Die Religion sei ein fundamentales Freiheitsrecht.

Zu II

(Was glaubt man in Deutschland? Religiöse Identität heute, insgesamt 38 S.)

Thomas Peterson: Religiöse Bindungen in der Gesellschaft. Wertewandel und Glauben – Das Christentum als Element der kulturellen Identität – Islam Bestandteil der deutschen Kultur? (11 S.) – Aufklärung sei, obgleich sie die Trennung von Kirche und Staat begründet habe, dennoch mit ihren Ideen von Freiheit und Menschenrechten in einer christlichen Tradition begründet. Ein Glaubensverlust sei seit den 50er Jahren in Deutschland zu beobachten, messbar an den Kirchenbesuchen (Tabelle S. 47). Dennoch bezeichneten sich ca. 50 % der Deutschen als ‚religiös‘. Auch ein ‚Wunderglaube‘ sei eher im Wachsen. Zweifel bestünden jedoch, ob von der katholischen oder protestantischen Kirche gesellschaftliche Impulse ausgehen. Verborgene Bindungen an das Christentum zeigten sich jedoch in der Identifikation mit christlichen Werten. Die Mentalitätsgeschichte kultureller Gegensätze zwischen Europa und dem Orient seit tief im Unterbewusstsein der Menschen verankert, neben differenzierteren Sichtweisen gebe es nach wie vor Misstrauen, Unsicherheit und Ängste, die man auch ernst nehmen müsse.

Michael Hochschild: Eindeutig mehrdeutig – Religion in Bewegung. Eine neue Landkarte der Religionen entsteht. (9 S.) – Wissenschaftler seien ‚Schubladensprenger‘ und Agenturen für Differenzierungen. Mit den Mitteln der Immanenz (Wissenschaft) könne man aber nichts über Transzendenz sagen. Zudem sei Religion, wie sich zeige, in Bewegung: Entstehung eines diffusen religiösen Feldes, religiöse soziale Bewegungen, Religionssoziologie unter kommunikationstheoretischer Perspektive, kulturelle Bewegung durch Migration. Bei den Religiösen gebe es den Streit zwischen Progressiven und Konservativen. Zahlen und Begriffe, Garanten für die Stabilität einer Gesellschaft, lösen sich zunehmend auf (Finanzkrise). Andererseits werden erste Konturen einer neuen Vergesellschaftung, unter Beteiligung der Religionen, sichtbar: keine monadischen Einheiten, sondern ‚Holobionten‘, die mit jeweils Teilen ihrer Umwelt in Beziehung stehen; darunter seien auch Biome einer Fusion zwischen Mensch und Technologie (Smartphones). Um Anschlussfähig zu bleiben, müssten Religionen beweglich sein. Als eine ‚Brückentechnologie‘ treten heute die kleinen, anstatt der großen (religiösen) Erzählungen auf, die narrative Verbindungen schaffen. Anschlussfähig seien eher die christlichen als die jüdischen und islamistischen Religionen. Aussagen über die Weiterentwicklung von Religionen könnten nur in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen gemacht werden.

Sigrid Monnheimer: Religion aus der Praxisperspektive. Hochschulgemeinden an der Schnittstelle zwischen Hochschullandschaft und gelebter Identität. (6 S.) – Hochschulgemeinde wird nicht im engen Sinn religiös sondern als eine Gemeinschaft von Lehrenden, Lernenden, internationalen Gruppierungen, religiöse Interessierten, Hochschulinstitutionen und kirchlichen Mitarbeitern verstanden. Das Verbindende sei die Kommunikation über Religion, Glaube und Weltanschauung. Für die Studierenden, insbesondere die ausländischen, seien die Herausforderungen die Finanzierung, der Zeit- und Leistungsdruck. Anschluss an gemeinschaftliches Leben trage zur Stabilisierung bei und gebe ‚Transzendierungshilfen‘. Die Pluralität religiöser Bekenntnis mache auch vor den Hochschulen nicht Halt und könne von den Hochschulgemeinden aufgefangen und für einen interreligiösen Dialog nutzbar gemacht werden. Als Schnittstelle zwischen gelebter Identität, gesellschaftlichem Wandel und hochschulinterner Neuausrichtung hätten sie eine wichtige sinnstiftende und werttransformierende Rolle.

Sarah Larissa Schneemann: Nächstenliebe im Zeitalter der Globalisierung. Plädoyer für ein neues Verständnis von Nächstenliebe und Ethik der Verantwortung – Ein studentischer Bick auf Gerechtigkeit und Globalisierung. (8 S.) – Es handelt sich um die Fassung einer Predigt, die folgende Themen hat: Raum für Nächstenliebe schaffen: Hinsehen statt wegschauen, Reden statt totschweigen und Empathie. Ist man nur verantwortlich für das, was man tut, oder auch für das, was man nicht tut? Verantwortung als ‚Fernstenliebe‘ anstelle von Nächstenliebe und Annäherung an eine globale Gerechtigkeit, da die Würde des Menschen keinen Preis habe (Kritik an der Marktwirtschaft) und konkretes Engagement gefragt sei.

Zu III

(Dialog zwischen den Religionen – christlich islamischer Dialog, 44 S. insgesamt)

Sigfried Karl: Vielfältiger Dialog – dialogische Vielfalt. Beziehungen zu anderen Religionen und religiösen Traditionen – Bemerkungen aus christlicher Perspektive. (16 S.) – Ein kontextunabhängiger Dialog sei künstlich und unkritisch. Alle Religionen müssten sich dem Dialog stellen, um der Vielfalt und Multireligiösität unserer Gesellschaft gerecht zu werden, da Religion aus der Gesellschaft nicht verschwinden wird. Zu einem kritisch-offenen Dialog gebe es keine Alternative; dieser Herausforderung müssten sich auch die Christen stellen. Das führe auch zu einem besseren Verstehen der eigenen und fremden Bindungen und Traditionen und schaffe Toleranz, Respekt und Einsicht. Es setze Mut zu Selbstkritik, einen Wahrheitsanspruch auch in praktisches Handeln umzusetzen, voraus und eine Klärung, welche Werte in unserer Gesellschaft und Religion unverhandelbar seien. Der Dialog müsse vor allem im Alltag praktiziert werden.

Dirk Ansorge: Christentum, Islam – Aufklärung: Ein vielschichtiges Verhältnis. (14 S.) -Ansorge beschäftigt sich mit dem Begriff der Aufklärung und seinem Verhältnis zur globalen Moderne. Aufklärung als ein Wesensmerkmal der Moderne (Baumann 2005, Taylor 2009) habe nicht nur die westliche Kultur geprägt. Eine Ambiguitätskultur habe es auch im Islam gegeben. Erst durch die europäische Expansion habe sich diese Toleranz verändert. Das cartesische Wissenschaftsideal unterstelle eine exklusive, auf Vernunft gegründete alternativlose und damit ‚totale‘ Wahrheit. Darin sei kein Platz für Gemeinschaft stiftende ideologische oder religiöse Deutungen. Wichtig sei eine Ethik der wechselseitigen Toleranz und Achtung gegenüber abweichenden Positionen. Wahrheit könne sich, nach Lessing, nur auf dem Feld der Ethik (Würde eines jeden Menschen) bewähren, ganz gleich wie diese begründet werde.

Yasar Sarikaya: Neue Chancen im christlich-islamischen Dialog. Islam im europäisch-deutschen Kontext – neue Wege und Lösungen. (12 S.) – Die Frage sei nicht ob, sondern wie ein Dialog gestaltet werden könne. Die gesellschaftliche Realität – Zusammenleben von z.B. Muslimen und Christen – erfordere Veränderungen in den Einstellungen zu einer Pluralität der Werte, Buntheit der Lebensstile und positive Beziehungen zur islamischen Welt, die Forschungen, Synergien und Reformansätze befördern. Die Ringparabel von Lessing markiere eine Veränderung im alleinigen Wahrheitsanspruch der verschiedenen Religionen und schaffe damit Raum für Humanismus und Toleranz. An solchem ‚relgiösem Inklusivismus‘ werde auch im Islam gearbeitet. Drei Entwicklungspfade zur Einbettung des Islam in den europäisch-deutschen Kontext werden vorgeschlagen: Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes, Errichtung von Lehrstühlen und Zentren für islamische Studien und Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft. Durch den Dialog könne man zu einem ‚inklusiven Wir-Gefühl‘ gelangen.

Zu IV

(Brennpunkt Islam, insgesamt 14 S.)

Diaa Rashid: Frieden, Liebe und Barmherzigkeit. Der Islam und seine Grundwerte – Lage und Probleme in muslimischen Ländern und in den muslimischen Gemeinden in Deutschland. (7 S.) – Nach Meinung von Rashid setzt Religion auf ‚Erinnern‘ im Gegensatz zum ‚Vergessen‘. Es gebe im Koran keinen ‚Zwang zum Glauben‘. In den Hilfsaktionenn angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen sei die Vielfalt der deutschen Gesellschaft präsent gewesen. Der kulturelle Niedergang der islamischen Länder nach dem Zerfall des osmanischen Reiches habe zu Stagnation, Rückständigkeit und Erstarrung geführt. Wichtig sei der Dialog. Die Attentate stünden in Widerspruch zu den islamischen Werten. 3 Botschaften zum Schluss: An die Muslime, sich mehr in demokratische Prozesse einzumischen, an die Presse, mehr mit den Muslimen als über sie zu sprechen und – aus einem islamischen Gebet – die Bitte um Frieden.

Interview mit Susanne Schröter: Welcher Islam passt zu unserer Gesellschaft? Gib es Ansätze für einen modernen Islam? – Herausforderungen, Fehlentwicklungen, Impulse in Deutschland. (4 S.) – Es geht um die Herausforderungen, die der Islam für Deutschland bedeutet und um die Frage, wie modernisierungsfähig Religionen sind.

Zu V

(Religion und Gewalt, insgesamt 17 S.)

Franz-Josef Overbeck: Religion und Gewalt. Eine historische und gegenwärtige Problemerfassung. (7 S.) – Politik und Religion haben unterschiedliche Gestaltungsansprüche gegenüber der Gesellschaft, da Religionen von Wahrheiten, Politik von Interessen handeln. Die Verfassung definiere, was in einer Gesellschaft zu gelten habe. Eine wertneutrale Herrschaftsausübung gleiche einem ‚intellektuellen Spagat auf dem Hochtrapez‘. Weltweit seien Religionen nie aus der Politik verschwunden und auch der aufgeklärte liberale Staat dürfe auf religiöse Bezüge nicht verzichten. Kirchen und Parteien litten in Deutschland unter einem dramatischen Vertrauensverlust. Die Kommunikation zwischen Politik und Kirche funktioniere nicht immer reibungslos. Ethisch relevante Fragen würden zunehmen. Ohne ein Mindestmaß an Einheit in der Vielfalt können keine Gesellschaft zurechtkommen. Overbeck plädiert einerseits für eine sorgfältige Trennung, anderseits für eine intelligente Verbindung von Politik und Religion, Glauben und Handeln.

Friedrich Wilhelm Graf: Töten im Namen Gottes. Ursachen des islamistischen Terrors – Ist es die Religion oder der Zorn von ökonomisch Marginalisierten? (7 S.) – Graf beschäftigt sich mit den Ursachen des Terrors (Frustration?) und deren Bekämpfung und spricht sich für einen ‚globalen Religionsmarkt für Sinnprodukte‘ aus. Auch der Islam müsse eine ‚Zivilisierungsstrategie‘ entwickeln. Es habe religiös begründete Gewalt in allen Religionen gegeben. Mit Werte-Rhetorik sei niemandem geholfen.

Zu VI

(Kann man mit Religion Staat machen? insgesamt 19 S.)

Norbert Lammert: Zehn Bemerkungen – Plädoyer für eine intelligente Verbindung von Politik und Religion, von Glauben und Handeln. (11 S.) – Politik und Religion hätten unterschiedliche Gestaltungsansprüche gegenüber der Gesellschaft, da Religion von Wahrheiten, Politik jedoch von Interessen handele. Die Verfassung definiere, was in einer Gesellschaft Geltung habe. Das Prinzip einer weltanschaulich neutralen Herrschaftsausübung gleiche einem intellektuellen Spagat auf dem Hochtrapez. Weltweit seien Religionen aus der Politik verschwunden. Der aufgeklärte liberale Staat dürfe aber auf religiöse Bezüge nicht verzichten. Kirchen und Parteien hätten einen dramatischen Vertrauensverlust in Deutschland erlebt. Die Kommunikation zwischen Politik und Kirche funktioniere bei ethisch relevanten Fragen (Schwangerschaftsabbruch, Präimplantationsdiagnostik z.B.) nicht immer reibungslos. Ohne ein Mindestmaß an Einheit könne Vielfalt nicht erfolgreich gelebt werden. Lammert endet mit einem Plädoyer für eine sorgfältige Trennung und zugleich intelligente Verbindung von Politik und Religion, Glauben und Handeln.

Interview mit Bettina Jarasch: Für eine neu Justierung der Beziehung von Kirche und Staat. Zu den Ergebnissen einer Kommission von Bündnis 90/Die Grünen. (5 S.) – Jarasch spricht sich für die Vielfalt von Religionen und eine Diskussion zwischen Kirche und Staat, Religion und Politik aus über das kirchliche Arbeitsrecht, Transparenz in der Finanzierung der Kirchen, Pluralität in öffentlichen Veranstaltungen (Beispiel Trauerfeier nach dem Absturz der Maschine von Germanwings und Wegweiser für eine plurale Gesellschaft.

Zu VII

(Schlussbemerkungen, insgesamt 50 S.)

Bernd Apel: Religionen und Religiosität heute. Religionen faszinieren auch heute Menschen – Anmerkungen eines religiösen Menschen. (4 S.) – Eine Aufgabe des interreligiösen Dialogs sei es, die vorhandene Differenz zu ‚zivilisieren‘. Die Bedeutung der Religion dürfe nicht unterschätzt werden. Sie habe auch in einer pluralistischen Gesellschaft eine orientierende Funktion. Ihre Kraft könne sozial genutzt werden. Menschenrecht, Aufklärung und Gender seien Themen des christlich-islamischen Dialogs. Vorgeschlagen werde: Mehr Sachkunde in den Redaktionen, mehr Mittel für die religiöse Bildung und Raum für Begegnungen.

Siegfried Karl: Gesellschaft gestalten aus gelebtem Glauben. Das Verhältnis Religion, Staat und Freiheit neu denken – Antworten auf zentrale Fragen aus dem Werk von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. (44 S.) – Im Rahmen einer neuen dynamischen Ausgangssituation stellten sich Fragen nach dem Blick der Gesellschaft auf die Religion und – ausgehend von einer konkreten Religion – nach der gesellschaftlichen Verantwortung. In Anlehnung an Ratzinger betont Karl die Unvollkommenheit sowohl der Gesellschaft als auch des Staates. Auch die Demokratie sei auf ‚vor- und überpolitische moralische Grundlagen‘ angewiesen, auf unverfügbare Werte. Der Staat sei nur eine relative, weil säkulare Größe. Unverfügbare moralische Grundüberzeugungen gäben politischen Institutionen erst die Legitimation. Moral und Freiheit bilden keine Gegensätze, sondern bedingen sich gegenseitig. Jeder Mensch sei Träger von unveräußerlichen vor- und überstaatlichen Rechten. Der Naturrechtsgedanke als Vernunftgesetz sichere die Menschlichkeit des Menschen. Ratzinger begründet dies schöpfungstheologisch und verweist darauf, dass der öffentliche und politische Diskurs eine ‚ethische innenseite‘ besitze, was einen ständigen Dialog zwischen Christen und Nichtchristen erfordere. Der Glaube könne allerdings seinen Wahrheitsanspruch nicht aufgeben; er wecke das Gewissen und begründe das Ethos. Die Gefahren des moralischen Relativismus, politischen Radikalismus und des religiös motivierten Fundamentalismus werden aufgezeigt. Christen als ‚schöpferische Minderheit‘ begründeten mit ihren Glaubensinhalten ein ‚Füreinanderleben‘ und eine Erlösung durch Übernahme von Verantwortung, ihre Werte engagiert einzubringen. Es gebe zudem auch eine ‚Ethik der Erinnerung‘, ein kulturelles Gedächtnis in der Rückbesinnung auf die Wurzeln nicht nur der Kirche, sondern Europas. Es gelte die Bedeutung des Dialogs neu zu erkennen, die moderne Laizität und ihre Unvollkommenheit positiv anzuerkennen, die dialogisch-integrative Kraft des christlichen Glaubens in die Gesellschaft einzubringen und in einem umfassenden Ansatz eine Ethik des Dialogs zu entwickeln (Wahrheitsanspruch, Selbstbegrenzung, Hör- und Lernbereitschaft).

Literaturhinweise finden sich bei den einzelnen Beiträgen.

Diskussion

Das Buch ist ein Tagungsbericht und also solcher vor allem für die Teilnehmer (und interessierte Nichtteilnehmer) der Tagung interessant. Es enthält sehr unterschiedliche Beiträge: Wissenschaftliche Untersuchungen, religiöse und politische Stellungnahmen, was der Bandbreite des Themas entspricht, aber nicht jeden Leser interessiert. Das Anliegen, das Nachdenken über Religion im 21. Jahrhundert anzuregen und sich der eigenen Tradition zu vergewissern, ist sicher im Hinblick auf gesellschaftliche und politische Prozesse gelungen. Was mir gefehlt hat, aber auch auf der Tagung kein Thema war, ist eine vertiefte aus psychoanalytischer Perspektive geführte Diskussion, welche menschlichen Bedürfnisse von Religionen befriedigt werden und ob diese nicht auch ohne Berufung auf eine göttliche Legitimation gestillt werden können. Die ‚Religion‘ der zunehmenden Zahl der ‚Religionslosen‘ wird zwar statistisch erfasst (Petersen), aber nicht thematisiert.

Fazit

Je nach Interesse ein lesenswertes Buch mit vielen auch praktischen politischen Hinweisen, sich für mehr Toleranz in unserer Gesellschaft zu engagieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 07.09.2017 zu: Siegfried Karl, Hans-Georg Burger (Hrsg.): Religion(en) im 21. Jahrhundert. Zwischen Tradition und Zukunft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2592-0. Unter Mitarbeit von Dirk Ansorge, Bernd Apel, Friedrich Wilhelm Graf, Michael Hochschild, Bettina Jarasch, Norbert Lammert, Sigrid Monnheimer, Franz-Josef Overbeck, Thomas Petersen, Diaa Rashid, Sarah Larissa Schneemann, Susanne Schröter, Yasar Sarikaya, Wolfgang Thierse, Gerda Weigel-Greilich. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22657.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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