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Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Langzeitarbeitslosigkeit

Cover Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Langzeitarbeitslosigkeit. Auswege aus der Sackgasse. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2016. 106 Seiten. ISBN 978-3-7841-2945-7. 14,50 EUR.

Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, 47. Jahrgang, Nr. 4 (2016).
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Thema und Aktualität

Mit Blick auf die letzten Jahrzehnte lässt sich zweifellos sagen, dass „(Langzeit-)Arbeitslosigkeit“ mit das wichtigste soziale Thema bzw. Problem in unserer (Arbeits-)Gesellschaft darstellt. Mittlerweile sind die dramatischen Folgen längerer Arbeitslosigkeit, wie ich meine, genügend erforscht (vgl. bereits die klassische Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ 1933): Depressionen, Gefühle der Unzulänglichkeit, Passivität, Zeit-, Energie- und Planungsverlust, fehlende Zukunftsperspektiven, Stigmatisierungen usw. In jedem Wahlkampf werden Ursachen der Arbeitslosigkeit heftig, polemisch und kontrovers diskutiert, und in der Öffentlichkeit herrscht überwiegend nach wie vor das Bild, dass (Langzeit-)Arbeitslosigkeit in der Regel selbst verschuldet sei – nach dem Motto: Wer will, bekommt auch Arbeit. Dass „Arbeit“ recht unterschiedlich ist und vor allem recht unterschiedlich bezahlt bzw. honoriert wird, wird ebenso wenig diskutiert wie die These, dass Arbeit zum Wesen des Menschen gehört (Karl Marx: Arbeit ist dem Menschen wesentlich; erst durch Arbeit verwirklicht sich der Mensch zum Menschen usw.) und daher ein Menschenrecht darstellt, was andererseits bedeuten würde: Einen Menschen jahrelang keine (Erwerbs-) Arbeit zu geben, ist menschenunwürdig und müsste von daher sanktioniert werden. Letzteres gilt im Besonderen für junge Menschen in der Phase ihrer Persönlichkeitswerdung und Identitätsbildung, also in der „Jugend“.

Autor*innen

Es handelt sich um eine Zeitschriftausgabe mit zehn Einzelbeiträgen von insgesamt 15 Autor*innen sowie einem Editorial von Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit a.D. Die jeweiligen Autor*innen werden zu jedem Artikel per Foto und Kurzbiographie vorgestellt – vorbildlich und nachahmenswert im Interesse der Leser*innen. Sie kommen von der „Bundesagentur für Arbeit“, von Universitäten und Hochschulen, vom DGB, von Forschungsinstituten, Netzwerkorganisationen, Vereinen und Ministerien (BMAS), also aus Wissenschaft, Politik und Praxis.

Aufbau und Inhalt

Im Editorial bringt Alt das gegenwärtig dominante gesellschaftliche Problem auf den Punkt: Immer noch hat Deutschland trotz Anstrengungen im Bildungssektor sowie großer wirtschaftlicher Erfolge eine „hohe Zahl jüngerer Ungelernter und eine Million Langzeitarbeitslose“, so dass „die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit eines der vordringlichsten sozialpolitischen Themen“. Es geht darum, dass „Langzeitarbeitslose wieder den Glauben gewinnen, in überschaubarer Zeit in Ausbildung oder Beschäftigung einzumünden“.

Im ersten (Grundsatz-)Beitrag „Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland“ von drei Vertreter*innen der Bundesagentur für Arbeit wird betont, dass die Arbeitslosigkeit und auch die Langzeitarbeitslosigkeit – laut Statistik, die ich jetzt und hier nicht diskutieren möchte – stark zurück gegangen sind, dass aber eine langfristige Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt dadurch erschwert und zum Problem wird, weil die „Profile der arbeitslosen Menschen oft nicht mit den Anforderungen am Arbeitsmarkt zusammenpassen“ (S. 4). Langzeitarbeitslosigkeit wird definiert, ihre Entwicklung aufgezeigt, ihre „Struktur und Dynamik“ diskutiert, Zu- und Abgänge aufgelistet sowie „arbeitsmarktpolitische Maßnahmen“ und Leistungsansprüche referiert. Fazit: Die positiven Arbeitsmarktbedingungen haben die Problemgruppen (Frauen, ältere Menschen und Migrant*innen) mit den Merkmalen „fehlende Berufsausbildung und ein Alter von 55 Jahren und älter“ kaum erreicht (S. 14).

In den weiteren Beiträgen werden der „Paradigmenwechsel“ im Kontext der „Hartz-IV-Reform“ und der Aktivierungskampagne und deren Folgen für die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit diskutiert (S. 16ff); es wird auf die besondere Lage von „Arbeitslosigkeit und Hartz-IV-Bedürftigkeit Jugendlicher“ durch den Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik des DGB-Bundesvorstandes eingegangen und zum Abbau geeignete „arbeitsmarkt- und sozialpolitische Ansatzpunkte“ aufgezeigt (S. 32ff) sowie auf das Problem der „Verfestigung von Problemlagen bei Jugendlichen“ verwiesen. Die im Fazit (S. 44) erwähnten „individuellen und kreativen Ansatzpunkte“ wie „neue Formen von Arbeiten und Lernen“ oder „präventive arbeitsmarkt-, sozial- und bildungspolitische Ansatzpunkte“ bleiben, ebenso wie die Forderung, „Jugendliche besser vorbereiten auf die Herausforderungen der Arbeitswelt“, diffus und abstrakt und daher wohl auch wirkungslos.

Interessant ist m.E. der folgende Aufsatz über „Die Auswirkungen von Altersbildern auf die Arbeitsmarktchancen älterer Menschen“ (S. 46f). „Bilder“ von Menschen, hier ältere potentielle Arbeitnehmer (bzw. Arbeitskraftgeber), sind zumeist vorurteils- und interessengeladene Konstrukte (Stereotype), die Arbeits- und so Lebenschancen oftmals wirkungsvoll mit determinieren. In unserer tendenziell juvenilen (immer noch Leistungs-)Gesellschaft sind positive und überwiegend negative Altersbilder mit entsprechend unterschiedlichen Effekten für die Erwerbsbiographien, zumindest in der Unternehmens- und Arbeitswelt, vorherrschend.

Im Weiteren werden Themen wie „Inklusion von Menschen mit Behinderung“ (S. 56ff) bzw. die Frage „Erster Arbeitsmarkt oder Werkstatt“ (für Behinderte) diskutiert und auf die exkludierende Wirkung des ersten Arbeitsmarktes und die Paradoxien der Werkstätten verwiesen. Der Autor konstatiert als „Bilanz: Die Funktion der Werkstätten, Brücken für die Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu bauen, muss als gescheitert betrachtet werden“ (S. 62) – wer denkt da nicht an Parallelen zur Sonderschule!?

Sodann wird die Perspektive gewendet und auf „Anforderungen an Fachkräfte bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen“ (S. 64ff) geblickt, auf die sog. „Integrationsfachkräfte“, deren Aufgabe es ja ist, Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt bzw. die Erwerbsarbeit zu integrieren. „Daher ist nach den Potentialen und der Qualität von Beratung und Unterstützung in der Arbeitsvermittlung zu fragen“. „Wenn Matching nicht reicht“ nennen die Autoren ihren Themenbereich. „Matching“ ist ein IT-gestützter Abgleich von Bewerber*innenprofilen mit den Anforderungen in angebotenen Stellen. Wie so oft im sozialen Bereich fehlen für eine wirkungsvolle (sozial-)pädagogische Arbeit zumeist Zeit (für eine adäquate Unterstützung im Sinne einer intensiven ganzheitlich-individualisierten Einzelfallpädagogik), qualifiziertes Personal (dialogbereite erfahrene Fachkräfte) und ein „erweitertes Aufgabenverständnis“ (z.B. Nachbetreuung).

Hier setzt der nächste Beitrag über „die Bedeutung sozialpädagogischer Betreuung“ im Rahmen „öffentlich geförderter Beschäftigung für Langzeitarbeitslose“ an (S. 74ff), der sich auf Evaluationen von Modellprojekten in NRW konzentriert sowie die Bedeutung von „Jobcoaches“ und deren „sozialpädagogische Begleitung“ gerade bei „arbeitsmarktfernen Arbeitslosen“ betont. Die Erfolgswahrscheinlichkeit von Maßnahmen scheint durch eine sozialpädagogische Betreuung durch Jobcoaches sowie durch einen eindeutigen individuellen Klientenbezug und Einzelfallbetreuung eindeutig zu wachsen. Die beiden Autoren des IAB verweisen abschließend, worauf aber nicht näher eingegangen wird, „auf die Bedeutung eines sozialen Arbeitsmarktes“.

In den nächsten Beiträgen wird auf die „Handlungsperspektiven der Kommunen“ hinsichtlich der „sozialen und beruflichen Eingliederung von Ausgrenzung bedrohten Personen“ und deren Familien, also von Langzeitarbeitslosen, eingegangen (S. 84ff) und am „Beispiel Netzwerk Lippe gGmbH“ vom Geschäftsführer derselben über eine „kommunale Beschäftigungsförderung vor und nach der HARTZ-Reform“ berichtet (S. 94ff). Diese Gesellschaft wurde 1995 gegründet, hat sich dann ab 2005 neu ausgerichtet und ist heute sog. „regionaler Arbeitsmarktakteur und -dienstleister“. Erwähnenswert ist sicher der Hinweis, dass das Netzwerk einen neuen Schwerpunkt in der „Entwicklung von Instrumenten zur Integration von Flüchtlingen“ sieht und dafür ein „Verfahren zur berufspraktischen Kompetenzfeststellung bei Flüchtlingen entwickelt und in NRW erprobt“.

Der letzte Artikel (S. 100ff) befasst sich mit dem „Konzept des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit“. Berichtet wird über das aktuelle Konzept „Chancen eröffnen – soziale Teilhabe sichern“ des BMAS. Bei all dem fragt sich der kritische Leser, weshalb nicht früher maßgeblich gehandelt wurde, weshalb diese Programme, Maßnahmen, Projekte usw. erst jetzt zur Geltung kommen (sollen), wo doch das Problem „Langzeitarbeitslosigkeit“ wirklich nicht neu ist und ob den starken Worten und Postulaten auch eine wirkungsvolle Praxis folgen wird. Denn nach wie vor gilt: Die (Re-)Integration von Hartz-IV-Empfängern und Langzeitarbeitslosen ist nach wie vor vom Scheitern bedroht.

Diskussion

Alle erwähnten Beiträge über „Auswege aus der Sackgasse: Langzeitarbeitslosigkeit“ wie „öffentlich geförderte Beschäftigung“, intensive(re) sozialpädagogische Betreuung, bessere Qualifizierung der Fachkräfte im Jobcenter, mehr Möglichkeiten der Beschäftigungsförderung auf kommunaler Ebene sowie aktuelle Bundesprogramme usw. sind nicht unbedingt neu. Zu fragen ist daher, warum und wieso all die Programme, Projekte und Maßnahmen bisher so wenig gegriffen haben und Erfolge vorweisen können – obwohl „die Wirtschaft brummt“, die Arbeitslosenzahlen seit geraumer Zeit kontinuierlich zurück gehen und Arbeitskräfte, wenn auch regional unterschiedlich und abhängig von Qualifikationen, gesucht werden. Das Problem der mangelhaften „Passung“ zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen vorliegenden Qualifikationen und freien Arbeitsplätzen bleibt, es sei denn, das (Aus-)Bildungssystem wäre in Kooperation mit dem Beschäftigungssystem prognosefähiger in seinem Denken und Handeln und würde seine Angebote entsprechend modifizieren. Gerade mit Blick auf die zunehmenden Flüchtlings- bzw. Zuwanderungszahlen sind Innovationen dieser Art vonnöten.

Darüber hinaus sollte ein „Menschenrecht auf Arbeit“, der von der Wirtschaft gepushte Prozess „Aus Bildung wird Qualifikation“ sowie eine Art „gesellschaftliches Verbot von Jugendarbeitslosigkeit“ öffentlich-medial und (sozial-)politisch diskutiert und in konkrete Konzepte übergeführt werden. Junge Menschen jahrelang von Ausbildung und Erwerbsarbeit fern zu halten sowie ältere Menschen jahrelang chancenlos passiv und untätig werden zu lassen, ist eine Schande für unsere reiche und sich human und demokratisch nennende und durch diese Werte sich legitimierende Gesellschaft. Wir sollten auch wegkommen vom ökonomisierten Sprachgebrauch und einem Denken vom Markt her (z.B. „marktgängig“), wenn es um Menschen geht, denn eine „soziale Marktwirtschaft“ oder den „Rheinischen Kapitalismus“ haben wir in Deutschland schon lange nicht mehr, eher einen wild gewordenen neoliberal-globalisierten Turbo-Kapitalismus (diese Schlagworte müssen hier genügen).

Insgesamt sind die Beiträge relativ theoriearm, was Soziologie und Psychologie des Alters oder die Gerontologie betrifft, und sie nehmen auch keinen Bezug auf klassische Theoreme und Termini wie „Alter als Stigma“ oder Neufassungen der Kontroverse „Aktivitäts- versus Disengagement“.

Fazit

Die Ausgabe des „Archivs für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit“ beinhaltet mannigfache und relevante Informationen allgemeiner Art zu Ursachen, Struktur, Entwicklung und Folgen von (Langzeit-)Arbeitslosigkeit sowie speziell in Bezug auf Maßnahmen und Programme zur ihrer Bekämpfung, auch bei Jugendlichen und Behinderten. Dabei überzeugt der Blick aus verschiedenen Perspektiven wie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und pädagogische Praxis. „Auswege aus der Sackgasse“ Langzeitarbeitslosigkeit, was ja im Titel quasi versprochen wird, oder gar den Blick auf das Ganze, die „Totalität der Gesellschaft“ (Adorno) kann ich nicht erkennen. So bleibt nur der Blick auf das Titelbild, eine Drehtür aus festem Stahl, die sich nur in eine Richtung bewegen lässt. Vielleicht liegt die „Lösung“ des Problems darin, dass wir die andere Richtung wählen sollten, denn die „Vielzahl von Instrumenten, Programmen und Initiativen haben bisher nicht den gewünschten Erfolg“ und wir benötigen einen „völlig neuen Ansatz, eine neue ‚Vermittlungsphilosophie‘“ (Heinrich Alt im Editorial) – die ich allerdings in keinem der zehn Beiträge erkennen konnte. So wird es also bei „gebrochenen Biographien, beruflichen und persönlichen Defiziten, eingeschränkten Fähigkeiten und Talenten“ (ebd.) vieler Menschen in unserer Gesellschaft bleiben.

Literatur

  • Griese, Hartmut M. (1991): Aus Bildung wird Qualifikation – eine polemische Kritik. In: Berufsbildung. 45 Jhrg., Heft 2/1991
  • Jahoda, Marie/ Zeisel, Hans/ Lazersfeld, Paul (1933/ 1960): Die Arbeitslosen von Marienthal. Reinbek

Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 05.05.2017 zu: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Langzeitarbeitslosigkeit. Auswege aus der Sackgasse. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2016. ISBN 978-3-7841-2945-7. Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, 47. Jahrgang, Nr. 4 (2016). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22659.php, Datum des Zugriffs 19.01.2018.


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