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Thomas Scheffer, Christiane Howe u.a.: Polizeilicher Kommunitarismus

Cover Thomas Scheffer, Christiane Howe, Eva Kiefer, Dörte Negnal, Yannik Porsché: Polizeilicher Kommunitarismus. Eine Praxisforschung urbaner Kriminalprävention. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. 282 Seiten. ISBN 978-3-593-50573-2. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,60 sFr.
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Thema

Das Buch wendet sich dem in den letzten Jahren eher selten beforschten Feld der Kriminalprävention zu. Es vereint dichte Beschreibungen verschiedener Facetten kriminalpräventiver Aktivitäten einer großstädtischen Polizeibehörde und verortet diese theoretisch im sozialwissenschaftlichen Strang des Kommunitarismus. So entsteht ein vielfältiges Bild polizeilicher Kriminalprävention, von der Netzwerkgenese in verschiedensten Milieus über die Durchführung unterschiedlicher Präventionsprojekte bis hin zur Streifentätigkeit bzw. der ‚flanierenden‘ Polizeiarbeit. Das AutorInnenteam verschafft dem Leser einen tiefen Einblick in die Praxis präventiver Polizeiarbeit in einem vielfältigen und problembelasteten großstädtischen Umfeld, in die dabei verfolgten Strategien sowie die Probleme und Herausforderungen dieser auch innerhalb der Polizeibehörden nicht ganz unumstrittenen Vorgehensweise.

AutorInnenteam

Die Monographie umfasst die Ergebnisse eines Forschungsprojektes zur polizeilichen Präventionsarbeit der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Die Leitung oblag Thomas Scheffer, Professor für interpretative empirische Sozialforschung am Institut für Soziologie der J.W. Goethe Universität Frankfurt am Main, durchgeführt wurde die Forschung von Christiane Howe, Eva Kiefer, Dörte Negnal und Yannik Porsche in Kooperation mit dem Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin.

Entstehungshintergrund

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung thematisierte das Forschungsprojekt CODISP von 2012 – 2015 die Herstellung von Praxiswissen im Zusammenhang mit präventiver Polizeiarbeit. Das Forscherteam begleitete unterschiedliche Polizeiteams in verschiedenen großstädtischen Räumen und beobachtete, wie sich die Polizistinnen und Polizisten unterschiedliche Sozialräume erschließen, Kontakte in verschiedene Milieus aufbauen, sich innerhalb der hierarchischen Polizeibehörden behaupten und ihr Arbeitsfeld der Prävention etablieren und weiterentwickeln. Die Monographie umfasst unterschiedliche Forschungsteile, die den einzelnen Autorinnen und Autoren in jeweils eigener Verantwortung zuzurechnen sind.

Aufbau und Inhalt

Der Band erläutert in vier thematischen Abschnitten zunächst unterschiedliche Formen kriminalpräventiver Polizeiarbeit, anschließend werden Vor-Formen der Prävention dargelegt und die Anbahnung von Bündnissen als Strategie präsentiert, die in beiden Feldern eine zentrale Bedeutung einnimmt. Abschließend werden Anforderungen und Herausforderungen kriminalpräventiver Polizeiarbeit dargelegt. Das vollständige Inhaltsverzeichnis vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich bei der Deutschen Nationalbibliothek.

Zunächst führt Thomas Scheffer in den Forschungsgegenstand ein und beschreibt die kriminalpräventiven Aktivitäten als polizeilichen Kommunitarismus, als Arbeitsbündnis zwischen staatlichen und privaten Akteuren. Lokale Kräfte sollen mobilisiert und in die Problembearbeitung mittels einer Vielzahl unterschiedlicher Handlungsformen eingebunden werden: durch den Aufbau von Kontakten in bestimmte Milieus, über Projektarbeit und Bildungsveranstaltungen bis hin zur konkreten Fallarbeit.

Anschließend präsentiert der Band einzelne Formen der Präventionsarbeit im Detail und rekonstruiert diese in ihrem prozesshaften Verlauf. Den Auftakt bildet die Auseinandersetzung mit einer Anti-Gewalt-Trainingsveranstaltung für Jugendliche von Yannik Porsché und Dörte Negnal, die sichtbar macht, dass die Schwerpunktsetzungen im Bereich der Kriminalprävention eindeutig von der Polizei kommen und die Strategie verfolgen, den Kindern und Jugendlichen Fähigkeiten zur friedlichen Austragung von Konflikten an die Hand zu geben. Selbst wenn an diesem Beispiel ein möglicherweise problematisches Wildern der Polizei im Feld der Kinder- und Jugendhilfe zum Ausdruck kommen mag, zeigt die sich anschließende Projektbeschreibung von Yannik Porsché und Eva Kiefer durchaus sinnvolle Möglichkeiten der Kooperation zwischen Sozialer Arbeit und Polizei, beispielsweise Jugendlichen nach einer vorherigen Schulung gezielt Verantwortung für die Gewaltprävention im Kontext eines Stadtteilfestes zu übertragen. Das Projekt ist kein punktuelles Ereignis, sondern zielt auf eine langfristige Kooperation über zwölf Monate und bietet somit deutlich mehr Entwicklungsmöglichkeiten als einzelne Fortbildungsveranstaltungen, nicht zuletzt durch die Arbeitsbeziehungen mit unterschiedlichen Jugendeinrichtungen im betreffenden Sozialraum. Christiane Howe widmet sich abschließend ausführlich der sozialraumbezogenen Präventionsarbeit in Form ‚flanierender Polizeiarbeit‘ in einer stark durch Straßenprostitution geprägten Gegend. Sichtbar wird ein partielles Eintauchen der flanierenden Polizistinnen und Polizisten in die Welten unterschiedlicher Sozialmilieus, was durchaus so etwas wie Netzwerk- und Beziehungsstrukturen entstehen lässt. Dennoch bleibt sichtbar, dass dies eine ambivalente Arbeitsstrategie darstellt, da letztlich von den Präventionsbeamtinnen und -beamten polizeiintern die Beschaffung relevanter Informationen über Ereignisse und Beziehungsstrukturen im Sozialraum verlangt wird.

Im folgenden Teil werden unter der Überschrift ‚Vor-Formen kriminalpräventiver Polizeiarbeit‘ unterschiedliche Strategien bzw. methodische Handlungsweisen der Präventionsarbeit deutlich. Eva Kiefer befasst sich in zwei aufeinander folgenden Beiträgen zunächst mit der Netzwerk- und Wissensarbeit in migrantischen Milieus sowie mit dem ‚Offenen Sammeln‘ von Dokumenten in der polizeilichen Kriminalprävention. Deutlich wird auch hier, dass es der Polizei zwar durchaus gelingt, in migrantische Milieustrukturen einzudringen, sie aber gleichzeitig als Angehörige einer repressiven Institution wahrgenommen und behandelt werden. Auch das in Dokumenten akkumulierte Wissen bildet – unsystematisiert zwar – polizeiliches Expertenwissen über Milieustrukturen ab. Yannik Porsché und Christiane Howe beleuchten anschließend die Bemühungen um Standardisierung und Standards in der kriminalpräventiven Arbeit, um eine Vereinheitlichung von Verfahrensweisen und Zielen in der praktischen Arbeit sicherzustellen. Dies geschieht mittels ständiger Erfahrungen und deren Reflexion sowie stillschweigender Konventionen in der Feldarbeit. Standards werden in Auseinandersetzung mit der Praxis rückblickend entwickelt. Diese Schwierigkeit der Messbarmachung von Präventionsarbeit führt auch zu einer volatilen Stellung innerhalb der Polizeibehörden, was eine interne Lobbyarbeit gegenüber der repressiven Kultur der Polizeibehörden notwendig macht, deren Beschreibung Christiane Howe den abschließenden Teil der ‚Vor-Formen kriminalpräventiver Arbeit‘ widmet. Sichtbar wird die Notwendigkeit innerbehördlicher Überzeugungsarbeit auf unterschiedlichen Ebenen, für die persönliche Beziehungen und das Beisteuern von relevanten Informationen zur Fallbearbeitung eine wichtige Währung darstellen.

Einige bereits vorher diskutierte Punkte aufnehmend und verdichtend beleuchten Dörte Negal und Eva Kiefer die Bündnis- und Beziehungsarbeit, die beständig gepflegte persönliche Kontakte voraussetzt und dadurch in der Lage ist, Distanz zwischen der Polizei als repressiver Instanz und der Bevölkerung abzubauen, wenngleich sich das darüber generierte Wissen oft nur schwer in die konventionelle polizeiliche Arbeit einfügen lässt.

Der Band schließt mit vier Aufsätzen zu ‚Heraus- und Anforderungen kriminalpräventiver Polizeiarbeit‘. Zunächst reflektieren Dörte Negal und Thomas Scheffer über das Risiko des ‚Sich Verlierens‘ in der präventiven Arbeit (und auch in der ethnographischen Feldforschung), das aber im Hinblick auf die Zielsetzung, Distanz zu verringern, eingegangen werden muss und durch Bemühungen zur Kontrolle von Engagement und Verstrickung bewältigt werden kann. Eva Kiefer widmet sich im Anschluss nochmals dem Wechselspiel zwischen Nähe und Vertrautheit in der Milieuarbeit einerseits sowie der gleichzeitigen Notwendigkeit, Distanz zu halten, sich nicht vereinnahmen zu lassen und professionelle Handlungsgrundsätze nicht zu verletzen. Die Autorin prägt hierfür den Begriff der ‚reflexiven Nähe‘ und versteht darunter die Fähigkeit, in einer Situation zu entscheiden, welches Ausmaß von Nähe und Verbindlichkeit zulässig ist. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Ansatz der ethnographischen Fokusgruppe von Dörte Negal, Yannik Porsché und Christiane Howe schließt Thomas Scheffer mit einer Verdichtung der relevanten Kennzeichen des polizeilichen Kommunitarismus und dessen Schwierigkeiten in der Praxis. Die polizeiliche Präventionsarbeit, die Aktivierung gemeinschaftlicher Problemlösungsprozesse benötigt Geduld und beständigen Ressourcenzufluss; Faktoren, die in der Praxis leider nicht immer gegeben sind.

Diskussion und Fazit

Der Band versammelt sorgfältig recherchierte Einblicke in die präventive Arbeit einer großstädtischen Polizeibehörde und verdeutlicht die damit verknüpften Schwierigkeiten. Ersichtlich wird, dass es sich eindeutig um eine polizeiliche Handlungsstrategie zur Prävention und Aufklärung von Kriminalität handelt, weshalb der Begriff des ‚polizeilichen Kommunitarismus‘ möglicherweise etwas zu hoch gegriffen ist. Die tatsächliche Einbindung bürgerschaftlicher oder zivilgesellschaftlicher Handlungszusammenhänge in die kommunale Sicherheitsgewährleistung lässt sich aus den Beiträgen kaum herauslesen.

Aber unabhängig davon zeigt der Band einen sehr interessanten und vielschichtigen Einblick in die präventiven Arbeitsstrategien der Polizeiarbeit im großstädtischen Kontext und sei allen anempfohlen, die ein Interesse an der Schnittstelle zwischen Polizei und Stadtgesellschaft haben.


Rezensent
Prof. Dr. Jens Wurtzbacher
Professor für Sozialpolitik, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.khsb-berlin.de/hochschule/personen/personenverz ...
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Zitiervorschlag
Jens Wurtzbacher. Rezension vom 06.11.2017 zu: Thomas Scheffer, Christiane Howe, Eva Kiefer, Dörte Negnal, Yannik Porsché: Polizeilicher Kommunitarismus. Eine Praxisforschung urbaner Kriminalprävention. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-593-50573-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22662.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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