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Arnold Lohaus, Mirko Fridrici u.a.: Jugendliche im Stress

Cover Arnold Lohaus, Mirko Fridrici, Holger Domsch: Jugendliche im Stress. Was Eltern wissen sollten. Springer (Berlin) 2017. 143 Seiten. ISBN 978-3-662-52860-0. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema

„Jugendliche im Stress“. Mein erster Gedanke beim Lesen dieses Titels war: Oh je, die auch schon? Der Untertitel „Was Eltern wissen sollten“ machte mich dann als Vater eines Pubertiers doch neugierig. Das Buch ist als Ratgeber für Eltern mit pubertierenden Jugendlichen gedacht und versucht umfassend zum Verstehen dieses Lebensabschnitts beizutragen.

Autoren

Die Autoren sind zum einen zwei Professoren für Entwicklungspsychologie, Prof. Dr. Arnold Lohaus und Prof. Dr. Holger Domsch, und zum anderen Mirko Fridrici, der Leiter der Regionalen Schulberatungsstelle für den Kreis Minden-Lübbecke. Es sind also Vertreter aus Theorie und Praxis in diesem Buch vertreten.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren vergleichen das Jugendalter mit einer Großbaustelle. Analog zu diesem Vergleich sind die Kapitel des Buches gegliedert (vgl. das Inhaltsverzeichnis).

So wird im Kapitel eins zunächst die Großbaustelle Jugendalter in verschiedene Teilbaustellen unterteilt. Es wird auf die psychischen, physischen und sozialen Veränderungen eingegangen, die im Jugendalter stattfinden. Dabei wird deutlich, dass es durch die vielfältigen Anforderungen auf der Baustelle Jugendalter zu einem erhöhten Stresserleben kommen kann. Sich das als Eltern zu verdeutlichen, kann bereits den Umgang mit Jugendlichen erleichtern. Dabei beschreiben die Autoren zum Beispiel die Umbauarbeiten im Gehirn, die im Jugendalter stattfinden. Auch die psychischen Veränderungen werden beschrieben und mit einigen Beispielen illustriert. Dazu wird in einem Abschnitt gezeigt, wie man Überlastungen erkennen kann.

Im zweiten Kapitel wird auf Komplikationen eingegangen, die den Baustellenbetrieb zusätzlich erschweren können, wie zum Beispiel psychische Probleme oder chronische Erkrankungen. Hier werden unter anderem auf jugendtypische Problemfelder wie Prüfungsängste und Essstörungen besonders in den Fokus genommen. Auch Soziokulturelle Probleme werden erörtert und an Beispielen verdeutlicht. Aber auch das Mobbing, insbesondere das virtuelle Mobbing, ist ein Thema dieses Kapitels.

Dem Thema Medien ist dann ein eigenes Kapitel (Kapitel drei) gewidmet. Hier wird sowohl der Segen als auch der Fluch der neuen Medien herausgearbeitet. Zunächst werden viele Zahlen zur Mediennutzung im Jugendalter vorgestellt und auf den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Stress eingegangen. Und dass sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. Denn die Nutzung der neuen Medien kann auch zur Stressreduktion beitragen, so die Autoren. Hier zu bedarf es allerdings Medienkompetenz. Was das genau ist und wie man sie sinnvoll nutzt, wird ebenfalls aufgezeigt.

Im vierten Kapitel, das mit „Die Eltern: Hilfe oder ein weiteres Hindernis?“ überschrieben ist, wird zunächst auf verschiedene Erziehungsstile eingegangen und ihre Wirkung auf die Jugendlichen betrachtet. Recht umfangreich wird sich dann mit der Frage beschäftigt, wie es möglich ist mit Jugendlichen zielführende Gespräche zu führen. Dabei werden einige Grundlagen der Gesprächsführung aufgezeigt und an Beispielen illustriert. So werden Begriffe wie zum Beispiel Türöffner und Türschließer, Gesprächsanlässe und Rückmeldungen erklärt und erörtert und reflektiert. Darüber hinaus werden auch Möglichkeiten und Methoden der Stressreduktion bei den Eltern vorgestellt und an Beispielen veranschaulicht.

Im fünften Kapitel geht es dann um Wege zur Organisation der Großbaustelle Jugendalter.

Es wird herausgearbeitet, wie wichtig bei der Stressentstehung die Bewertung einer Situation ist sowie die Bewertung der eigenen Bewältigungsressourcen. Die Baustellenfundamente Ernährung und Schlaf mit ihren unterschiedlichen Facetten werden beschrieben und verschiedene Lösungsstrategien bei Problemen vorgestellt. Um Chaos auf der Großbaustelle zu verhindern oder auch vorzubeugen, werden dann einige Tipps zur Planung und zum Zeitmanagement gegeben inklusive einiger Anregungen, um auch zwischendurch Ruhe und Entspannung zu finden. Kurze Beschreibungen von sogenannten Schnell-Stresskillermethoden runden das Kapitel ab.

Im sechsten und letzten Kapitel wird näher auf institutionelle Hilfen bei der Bewältigung von Problemen im Baustellenbetrieb eingegangen. Die klassischen Beratungs- und Unterstützungsangebote in Deutschland werden kurz porträtiert und mögliche Hürden auf dem Weg zu institutioneller Hilfe beschrieben. Darüber hinaus werden auch niedrigschwellige Beratungsangebote für Jugendliche im Internet vorgestellt und ihre Vor- und Nachteile diskutiert. Ein Abschnitt über das Stressbewältigungsprogramm SNAKE, ein primärpräventives Angebot, schließt das Kapitel und das Buch ab.

Diskussion

Das Buch ist ein brauchbarer Einstieg in die Entwicklungspsychologie von Jugendlichen und bietet einen guten Überblick über die verschiedenen Facetten von Stressfaktoren im Jugendalter und den Möglichkeiten ihnen zu begegnen.

Darüber hinaus widmet es sich auch wohltuend sachlich dem Thema Mediennutzung von Jugendlichen. Die Autoren verzichten dankenswerterweise auf eine einseitige Darstellung und Haltung zu dem Thema, was bei Ratgeberliteratur zur Pubertät leider nicht ganz selten ist.

Sehr gelungen finde ich auch das Kapitel über die Rolle der Eltern in dieser Zeit. Die Betonung der Wichtigkeit, in dieser Zeit vor allem mit den Jugendlichen im Kontakt zu bleiben, gleichzeitig aber auch die Art des Kontaktes der Entwicklung des Jugendlichen anzupassen, entspricht auch meiner Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen. Dieses Thema des „Im-Gespräch-Bleibens“ wird gut aufbereitet, mit einleuchtenden Beispielen versehen und praxisnah beschrieben. Auch hier ist der Ton angenehm sachlich und die vorgeschlagenen Strategien für Eltern kommen nicht als als vermeintliche Königswege daher, sondern als das, was sie sind: als Möglichkeiten.

Etwas unglücklich finde ich den Untertitel des Buches. Ob Eltern DAS alles wissen sollten, birgt für mich schon einen leichten Stressmoment. Etwas, was die Autoren sicher nicht beabsichtigen.

Auch bin ich unsicher, ob die Zielgruppe des Buches wirklich in erster Linie Eltern sind. Aus meiner Erfahrung heraus dürften viele Eltern mit der doch auch manchmal etwas wissenschaftlich anmutenden Sprache und der Fülle an Details überfordert sein.

Ich sehe eigentlich die Zielgruppe des Buches eher bei Menschen in pädagogischen Berufen, die auch mit Jugendlichen zu tun haben. Auch für LehrerInnen dürfte das Buch interessant und nützlich sein.

Das Buch ist sehr übersichtlich und ansprechend gegliedert und insgesamt auch gut layoutet.

Lediglich die Grafiken wirken manchmal etwas altbacken und langweilig.

Der Preis des Buches ist angemessen.

Fazit

Ein gutes Buch. Allerdings nur bedingt für die angedachte Zielgruppe geeignet. Menschen, die berufsbedingt mit Jugendlichen zu tun haben, würde ich es als Einstieg in das Thema empfehlen.


Rezensent
Dipl.Sozialarbeiter Jörg Dahlbeck
Freiberuflicher Berufs- und Projektcoach, systemischer Berater
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Zitiervorschlag
Jörg Dahlbeck. Rezension vom 16.02.2018 zu: Arnold Lohaus, Mirko Fridrici, Holger Domsch: Jugendliche im Stress. Was Eltern wissen sollten. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-52860-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22664.php, Datum des Zugriffs 20.06.2018.


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