socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thierry Paquot: Ivan Illich. Denker und Rebell

Cover Thierry Paquot: Ivan Illich. Denker und Rebell. Verlag C.H. Beck (München) 2017. 185 Seiten. ISBN 978-3-406-70704-9. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Die Suche nach dem Perspektivenwechsel

In der sich immer interdependenter, entgrenzter und ungerecht und unmenschlicher entwickelnden (Einen?) Welt, in der die bereits Wohlhabenden immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden, in der die Suche nach einem guten, gelingenden Leben für alle Menschen mehr und mehr zu einer Illusion zu werden scheint, in der Wahrheiten von den Mächtigen in der Welt zu Fake News zurechtgebogen werden, ist es notwendig, nach Denkern und Konzepten Ausschau zu halten, die einen Perspektivenwechsel anbieten, dass eine humane, friedliche und gerechte Eine Welt möglich ist. Es sind Querdenker, die den Kakophonien von ideologischen, machtpolitischen und dogmatischen propagierten scheinbaren Unabänderlichkeiten Hoffnungen entgegensetzen. Es sind Aufforderungen zur lokalen und globalen „Konvivialität“ (Selbstbegrenzung) der Individuen und der Gesellschaften, und es sind Visionen für Selbsterkenntnis und dem Bewusstwerden, dass der Mensch, wenn er dazu befähigt wird und fähig ist, im Sinne der aristotelischen, anthropologischen Philosophie, ein zôon politikon zu sein, der Kraft seiner Vernunft in der Lage ist, selbst zu denken, Werturteile zu fällen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und in friedlicher und gerechter Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu leben.

Entstehungshintergrund und Autor

Die als Mahner, Warner und Kritiker an den falschen Entwicklungen in der Welt auftretenden Menschen sind bei denen, die mächtig vermitteln wollen, dass es besser sei, keine Experimente für Änderungen vorzunehmen, immer schon mit Hohn und Spott überzogen und als Phantasten und „Spinner“, nicht selten auch als Verführer hingestellt worden. So zeigt sich vielfach, dass deren Konzepte und Visionen für eine andere, humanere Welt zu ihren Lebzeiten wenig Beachtung und Ablehnung bei den Mehrheiten und Öffentlichkeiten fanden.

Einer von ihnen ist der österreichisch-amerikanische Philosoph und katholische Priester Ivan Illich (1926 – 2002). Während seines intellektuellen, wissenschaftlichen Schaffens fand er Zustimmung und Ablehnung. Seine realistischen wie utopischen und eingehenden Fingerzeige wirkten als schmerzhafte und den Mainstream störende Imponderabilien. Die Apologeten teilen sein Werk in die frühe und späte Periode ein (Barbara Duden), erkennen aber gleichzeitig in seinem Denken eine durchgehende Kontinuität: „Er bettet sein Thema… in eine umspannende Zeitgeschichte ein, verbindet es mit einem geistigen Weg, den er unermüdlich neu ausreichtet“.

Zehn Jahre nach seinem Tod erscheint die erste Biographie von ihm (Edith Kohn, Der ganz andere Ivan Illich. Wie ein Priester zum Verkünder wurde, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13823.php). Weitere fünf Jahre später legt der Philosoph vom Institut für Urbanismus an der Université Paris, Thierry Paquot, ein Buch vor, indem er Ivan Illich als Denker und Rebell in seiner Zeit skizziert und darauf aufmerksam macht, dass die in Illichs Werk deutlich und eindeutig formulierten Warnungen, dass „die heutigen Schulen das Lernen eher verhindern, Krankenhäuser krank machen, die Entwicklungshilfe der Dritten Welt schadet und die Moderne als Perversion des Christentums begriffen werden muss“. Es sind, so Autor und Verlag, Hinweise darauf, dass seine Ideen und Vorschläge auch (und gerade) heute nichts an Aktualität eingebüßt haben. Illich hat seine Einlassungen und Analysen als Pamphlete bezeichnet. Er wollte sie nie mit der Brechstange, dem Knüppel oder mit Gewalt durchsetzen; er wählte das Mittel der „Kontraproduktivität“, und hier besonders im Gegensatz zu den Parolen und dem unerträglichen Gebrüll das beredte Schweigen: „Schweigen als Ausdruck des Widerstands, der Ablehnung, des Protestes“.

Aufbau und Inhalt

Thierry Paquot gliedert das Essay in fünf Kapitel, in denen er ausgewähltes Denken und Handeln des Querdenkers Ivan Illich skizziert.

Im ersten Kapitel zeigt er mit „Wanderprofessor, biographische Notizen“ die wesentlichen Stationen von Illichs Leben und Schaffen auf. Es ist das Suchen nach der Identität und Verantwortung in der unübersichtlichen, lokalen und globalen Welt. Es sind die religiösen und weltanschaulichen Fragen, die ihn zum katholischen Priester werden ließen; und gleichzeitig zum Kritiker der Institution der Kirche. Es ist der interkulturelle Blick über den Gartenzaun, der ihn zum Friedens- und Entwicklungsarbeiter in Lateinamerika werden ließ und Kooperationen mit Gleichgesinnten, etwa auch mit Paulo Freire, bewirkte, später auch mit den deutschen Reformern um Hartmut von Hentig und der Bremer Reformuniversität. In diesem Zusammenhang allerdings fehlt eine Auseinandersetzung, die bis heute eher kleinlaut denn offensiv als „fatale Grenzüberschreitung im Namen der Ideologie des ‚pädagogischen Eros‘“ geführt wird (vgl. z. B.: Peter Dudek, „Liebevolle Züchtigung“. Ein Missbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12807.php).

Im zweiten Kapitel geht es um die „Kampfansage an die kontraproduktiven Institutionen (1): Kirche, Schule und Transportwesen“. Es ist die Kritik an den menschengemachten Strukturen der Industriegesellschaft. Die im öffentlichen Diskurs wissentlich und gezielt falsch verstandene und interpretierte Forderung Illichs nach der „Entschulung der Gesellschaft“ zielte ja nicht auf Verdummung und Unbildung, sondern im Gegenteil auf eine „Pädagogik der Unterdrückten“ im Sinne von Paulo Freire ( vgl. dazu auch: Paulo Freire Kooperation, www.freire.de ).

Das dritte Kapitel ist eine „Kampfansage an die kontraproduktiven Institutionen (2): Konvivialität und Megawerkzeuge, Krankenhaus und Gesundheit“. Der Maschinenmacht stellt er die Chance für eine menschenwürdige Existenz, der Gerechtigkeit und einer selbstbestimmten Arbeit entgegen.

Im vierten Kapitel geht es um die „Trilogie für die Eroberung der Autonomie und die Verteidigung der Gemeinheit (commons)“. Es sind die Kritiken an den kapitalistischen und neoliberalen Entwicklungen und an den scheinbar natürlichen, gewollten und unverzichtbaren Strukturen einer „waren- und marktintensiven Gesellschaft“.

Im fünften Kapitel schließlich diskutiert Thierry Paquot die Schriften Illichs, die sich mit dem „Verlust der Sinne – sprechen, lesen, schreiben, blicken“ beschäftigen. Es sind Grabungen nach den Begriffen, die den Menschen umgeben, mit denen er umgeht und umgegangen wird. Es ist die Suche nach den Wirklichkeiten und Wahrheiten, die durch das „Umspülen“ von Sprache, der Sprechweise, der Schrift und dem Gedächtnis offengelegt werden.

In einem Conclusio fragt der Autor im kantischen und lebensweltlichen Sinn: „Was dürfen wir hoffen?“. Vor allem für diejenigen, die Ivan Illich als „Weltmensch“ neu entdecken und sich mit seinem Werk auseinandersetzen wollen, ist eine „Zitatensammlung zu einigen Leitbegriffen“ angefügt. Im Literaturverzeichnis werden Ivan Illichs Schriften, weitere Literatur und eine Auswahl von Internet-Portalen aufgeführt. In einem Nachwort zur deutschen Übersetzung von Paquots Original „Introduction à Ivan Illich“ (2012) heben die beiden Übersetzerinnen, die österreichische Schauspielerin Henriette Cejpek und die Historikerin und Initiatoren des Bremer Circle for Research on Proportionality (CROP), Barbara Duden, hervor, dass es lohnend und wegweisend ist, sich mit Illichs Werk auseinander zu setzen und sich mit seinem Motto – „Mein Weg war einer der Freundschaft“ zu identifizieren.

Fazit

„Es ist mir gelungen, mit spitzem Bleistift eine Menge von Dingen treffsicher zu sagen“, so formulierte Ivan Illich selbstbewusst und selbstsicher seine Bemühungen um „denkendes Denken“. Die Rezeption und Aktualisierung seines Werks ist deshalb nicht einfach, weil der „Denker … Ivan Illich (sich) unmöglich in herkömmliche Kategorien einordnen (lässt). Er ist weder ein Mann der Rechten noch der Linken, ebenso wenig ein Romantiker wie ein Konservativer, noch traditionsgebunden oder postmodern“. Ob er als ein Anarchist bezeichnet werden kann, lässt sich ebenso wenig eindeutig feststellen, wie eine Klassifizierung als „Utopist“. Die Rezeption seiner Werke ist durchaus interkulturell zu verstehen, in Frankreich, in Deutschland, in Lateinamerika: „Man müsste eine (weltgeschichtliche) Rezeptionsgeschichte von Illichs Thesen machen“. So stellt sich der unbequeme Mahner als ein Mensch dar, der es ablehnte, in die Zukunft zu blicken. Es ging ihm darum, den Menschen als „ein zerbrechliches Wesen (zu sehen). Er wird in die Sprache hineingeboren, lebt im Recht und stirbt im Mythos… Deshalb ist es unverzichtbar, mit ihm behutsam zu sein, ihn seine Sprache sprechen zu hören, um ihn zu verstehen, seine Mythen zu teilen, um seine Träume mit den eigenen zu vermischen, unsere Sehnsüchte unseren Bedürfnissen vorzuziehen“.

Damit sind Illichs Pamphlete, die er in seiner Gegenwart engagiert und lebenszugewandt verfasste, in unserer heutigen Gegenwart angekommen und verweisen auf unsere zukünftige Verantwortung!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.05.2017 zu: Thierry Paquot: Ivan Illich. Denker und Rebell. Verlag C.H. Beck (München) 2017. ISBN 978-3-406-70704-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22665.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Mehr zum Thema

Leider liegen aktuell keine passenden Rezensionen vor.

Literaturliste anzeigen

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung