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Ayad Al-Ani: Widerstand in Organisationen, Organisationen im Widerstand

Cover Ayad Al-Ani: Widerstand in Organisationen, Organisationen im Widerstand. Virtuelle Plattformen, Edupunks und der nachfolgende Staat. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 2., aktualisierte Auflage. 344 Seiten. ISBN 978-3-658-12569-1. 39,99 EUR.
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Autor

Ayad Al-Ani, Forscher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Berling und Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam sowie ao. Professor an der School of Public Leadership der Universität Stellenbosch

Thema und Zielsetzung

Das Buch thematisiert die Funktionsweisen von Peer-to-Peer Kollaborationen, die meist Plattformen als Organisationselement verwenden. Es wird u.a. die Annäherung von traditionellen Organisationen und Kollaborationen wie Open Government beschrieben. Zudem geht der Autor auf das zunehmende Organisationselement der Selbstorganisation ein, das für traditionelle Unternehmen zum Konfliktpotenzial wird. Es entsteht ein neues Verständnis von Staat als Partner selbstgesteuerter Kollaborationen seiner Bürger, um Leistungen zu erbringen, die der Staat selbst nicht mehr leisten kann.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil des Buches schildert der Autor die Schwierigkeiten rund um die Organisation von Individualität ausgehend von der Arbeitsteilung über die Klassenorganisation und die Mitbestimmung bis dahin, dass Kundenorientierung, Geschäftsprozessoptimierung, Outsourcing, Strategieprozesse und Veränderungsmanagement sichtbar gemacht haben, dass ein Steuern eines Unternehmens von einer zentralen Stelle aus immer schwieriger umsetzbar wird. Traditionelle Unternehmen kommen wieder an eine Grenze, an der sie scheinbar die Kosten nicht mehr senken können und Mitarbeiterressourcen nicht mehr besser nutzen können. Für den Autor wird hier die Weiterentwicklung der hierarchischen Organisationsform gehemmt und gerät wieder in eine Krise.

Anschließend kommt der Autor auf Basis einer mikropolitischen Betrachtung auf drei Architekturrichtlinien für eine neue Art der Organisation von Individualität: Bündelung und Vernetzung gleichartiger Interessen, angemessene Inklusion und Selbststeuerung des Arbeitseinsatzes, um eigene Ziele erreichen zu können. Thematisch folgt dann ein Kapitel zur Veränderung der Organisationen durch das Web, das damit neben der Technik das Individuum in den Mittelpunkt rückt. Der Autor zeigt, wie sich durch die technischen Möglichkeiten des Internets neue Möglichkeiten von und in Organisationen abzeichnen. Etwa die Bündelung von Interessen mittels Plattformen, die nicht nur ein Speicherort sind, sondern auch zum Arbeitsplatz für Gleichgesinnte werden können – gleichzeitig auch eine Möglichkeit für Unternehmen, die Mitarbeiterressourcen besser zu nutzen und Innovationen zu ermöglichen. Dass neue technische Möglichkeiten neue Organisationsformen ermöglichen, wird im darauffolgenden Kapitel erörtert. Sie sind zumindest Unterstützer für das Etablieren vieler kleiner Organisationen – auch im Umfeld und in Kooperation mit größeren Unternehmen angesiedelt. Dabei wird auch herausgearbeitet, dass die Innovations- und Transformationskosten geringer ausfallen als wenn diese Entwicklungs- und Etablierungsarbeiten in einem größeren und hierarchisch organisierten Betrieb durchgeführt werden würden. Innovations- und Transformationskosten sind schwer zu bepreisen, so dass die Risiken gerne in eigene, kleine Unternehmen ausgelagert werden. Andererseits werden die Freiheiten der kleineren Unternehmen von den dort arbeitenden Persönlichkeiten geschätzt, auch wenn sie zu erhöhter Selbstausbeutung führen. Inwieweit damit ein Beitrag zur Überwindung hierarchischer Organisationsformen geleistet werden kann, wird auch vom Autor als fraglich hingestellt. Als weitere Möglichkeit wird konsequent weitergedacht im nächsten Kapitel die Frage nach neuen Kooperations- und Konkurrenzformen aufgeworfen. Steigerung der Effizienz durch die Auslagerung von kleinen Aufgabenbereichen, Innovationsplattformen und Vermittlung von Ressourcen oder Arbeiten sind die Möglichkeiten für effektivere und effizientere Zusammenarbeit, während das Crowdsourcing unter den Konkurrenzaspekt fällt. Eine Möglichkeit zu mehr Partizipation und Teilhabe?!

Damit wird der zweite Teil des Buches aufgestoßen, der in den Bereich der politischen Organisationen und Sphären führt. Aus der IT und dem ökonomischen Bereich kommend stellt sich für den Autor dann die Frage der Auswirkungen auf politische Projekte – ein weiteres Konfliktfeld für traditionelle Organisationen, da kollektives Handeln durch die Prinzipien der Selbststeuerung und Diversität der neuen Organisationsformen nicht unterstützt werden. Stellt sich dir Frage nach Brücken zwischen den „Welten“. Was kann das für den Staat und neu entstehenden politischen Organisationen heißen? Im grundlegenden Kapitel des zweiten Teiles werden zunächst Fragen der Mobilisierung, neue Kommunikationsformen und Lösungskompetenzen angesprochen, um dann auf Fragen nach Koppelungsmöglichkeiten staatlicher Institutionen politischer „Commons“ einzugehen. Hier werden drei Punkte angesprochen: Indirekte Kooptation und Beeinflussung, hybride Modelle und direkte Kooperation. Spätestens hier ist dem Leser klar, dass es immer schwieriger wird, einen politischen Konsens herzustellen. In den nachfolgenden vier Kapiteln diskutieren vier Autoren folgende Beispiele unter der Perspektive der neuen Organisationsformen und technischen Möglichkeiten – also der zunehmenden Ausprägung von Individualität:

  • Die Universitätsbildung: Die Vermittlung von Standardwissen wird in den Fokus von Lernplattformen und Anbietern kommen. Diese könnten die Produktion, Anreicherung und Verteilung von Content kostengünstiger anbieten und auch Akkreditierungsfunktionen übernehmen.
  • Polyphoner Widerstand: Gernot Wolfram untersucht hier den Begriff Widerstand im Kontext künstlerischer Praktiken und zeigt, wie zeitgenössische künstlerische Ansätze mit kommunikativen Überraschungen arbeiten und auf eine Vielfalt von Stimmen und Positionen setzen. Es werden Wahrnehmungsangebote formuliert, die erst durch den Dialog mit Rezipienten ihre Wirkungskraft entfalten. Dieser Ansatz wird als Prinzip in Internet-Communities und Peer-to-peer-Kommunikation wiederentdeckt und als übertragbares Prinzip beschrieben.
  • Gender: Günther Ortmann liefert hier einen Beitrag, in dem er die rekursiven Schleifen der Diskriminierung darstellt und mit der Hoffnung schließt, dass durch die oben dargestellten Entwicklungen eine selbsttragende und selbststärkende Entwicklung in Gang gesetzt werde.
  • Finanzkrise und Staatsintervention: Hartmut Elsenhans geht der Frage nach, ob Chancen der Regulierung verpasst wurden und mündet in der Feststellung, dass Veränderungen weniger von den Strukturen als von den Köpfen abhängig sind.

Der Autor weist abschließend auf die Probleme der zunehmenden Entwicklung des Individualismus hin und stellt die Frage, inwieweit dieser den bestehenden Konsens traditioneller, hierarchisch geführter Organisationen durchbrechen könnte – digital, virtuell, real.

Fazit

Das Buch ist für Wissenschaftler gut lesbar, für Praktiker benötigt es ein hohes Ausmaß an Selbstdisziplin, um die Vielzahl an neuen Begriffen in den Alltag sozialer Dienstleister zu übersetzen. Die Botschaft des Buches ist dadurch nicht immer klar erkennbar, außer der, dass die Ausprägungen von Individualität dramatisch zunehmen, der Umgang damit schwieriger zu bewältigen ist und bestehende Organisationen in ihrem Bestand bedroht sein könnten. Das Thema „Widerstand“ ist damit aufgelegt, allerdings wäre es auch das Thema „Lösungen“. Wenn man diese theoretisch-abstrakte Auseinandersetzung aber geschafft hat, dann eröffnet sich dem Leser der Blick auf die im Gang befindlichen (technologischen) Entwicklungen von kleineren und kleinsten Organisationen, die auf Grund ihrer Reaktionsgeschwindigkeit für größere Organisationen ein zunehmendes Konfliktpotenzial darstellen können bzw. werden. Inwieweit der „schwere“ Titel des Buches dabei gut gewählt ist, bleibt dahingestellt.


Rezensent
Prof. Dr. Paul Brandl
Studiengang Sozial- und Verwaltungsmanagement (SVM). Masterstudiengang Services of General Interest (SGI). Koordinator des Studiengangs Sozialmanagement. FH OÖ-Studienbetriebs GmbH, Campus Linz
Homepage www.fh-ooe.at
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Zitiervorschlag
Paul Brandl. Rezension vom 21.06.2017 zu: Ayad Al-Ani: Widerstand in Organisationen, Organisationen im Widerstand. Virtuelle Plattformen, Edupunks und der nachfolgende Staat. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-658-12569-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22669.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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