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Barbara Sichtermann, Kai Sichtermann: Das ist unser Haus (Hausbesetzung)

Cover Barbara Sichtermann, Kai Sichtermann: Das ist unser Haus. Eine Geschichte der Hausbesetzung. Aufbau-Verlag (Berlin) 2017. 300 Seiten. ISBN 978-3-351-03660-7. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR.
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Thema

Die ideologischen Wurzeln der Autor/innen liegen im linken Milieu der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Sie stehen – wie einleitend mit einem Zitat aus Friedrich Engels´ Artikel „Zur Wohnungsfrage“ dokumentiert wird – in der marxistischen Tradition der Studierendenbewegung der 68er. Das Buch begibt sich in die Zeit zwischen 1970 und 1995 zu den Zentren der Hausbesetzungsbewegung in Deutschland. Es lässt die wichtigsten Proponent/innen zur Sprache kommen über Ursprünge und Auswirkungen der Bewegung und bietet eine Collage von Geschichten und Erinnerungen.

Das Buch ist ein Lese-, Bilder- und Geschichtsbuch. Die wichtigsten Akteurt/innen der damaligen Hausbesetzerbewegung werden von den Autor/innen befragt über Ursprünge, Hintergründe und Wirkungen der Bewegung. Sie haben Geschichten, Erinnerungen, Analysen dazu gesammelt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch teilt sich in einen einleitenden relativ kurz gefassten (30seitigen) theoretischen Teil und einen ausführlichen empirischen Teil mit Interviews mit ehemaligen Beteiligten. Der theoretische Teil beschreibt die Hintergründe, Motive und die geschichtliche Entwicklung der Bewegung: vom Beginn aus Bürgerinitiativen und dem Entstehen der Hausbesetzerszene hin zu einer Massenbewegung – der Hochphase während 8oer Jahre – bis zum Abklingen der Bewegung in den 1990ern. Medienstrategien, das Leben in den besetzten Häusern, künstlerische Aktionen und Projekte werden beschrieben und auch das Spannungsverhältnis innerhalb der Bewegung zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, Anpassung und Widerstand. Wohnungsnot und Leerstand. Bei allen Erfolgen der Bewegung wird die Vergangenheit nicht simpel glorifiziert, sondern auch Schwächen, Fehlentwicklungen und Exzesse der Bewegung beleuchtet. Der theoretische Teil ist leicht leserlich, und gibt trotz Kürze einen guten Einblick in Entstehung und Entwicklung der Hausbesetzerbewegung.

Die Interviews im „empirischen Teil“ sind fokussiert auf die zentralen Städte des Geschehens: Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln, beleuchten aber auch Nebenschauplätze wie Freiburg, oder München und geben auch Einblick in die Situation einiger Nachbarstaaten wie Österreich, die Schweiz, Dänemark und die Niederlande. Die Interviews erzählen von Besetzungen und Straßenschlachten, vom täglichen Leben in den besetzten Häusern. Sie schildern das Lebensgefühl der Zeitzeugen und deren revolutionäre Ideen, Aktionen und Erfolge, aber auch Schwächen, Fehlschläge und die spätere Anpassung ehemaliger Akteur/innen. Trotzdem sind „.nur wenige. heute müde, die meisten hoffen, dass es weitergeht. Der geistige Ort, den sie damals bezogen, an dem wollen sie bleiben auch wenn selten im besetzten Haus“ (Sichtermann/Sichtermann 2017, S. 34).

Im Anschluss an den empirischen Teil mündet das Schlusskapitel in einen Blick auf die Wirkungsgeschichte und Gegenwart – auf die neoliberale Intensivierung der Ökonomisierung, Prozesse wie Gentrifizierung und das Entstehen von sogenannten „gated communities“, aber auch Entwicklungen, wie der ehemalige Skandal teilweise zur Sensation und Tourismusattraktion wurde. Mit Anklängen an das „Kommunistisches Manifest“ sprechen die Autor/innen vom Spuk, der zum Gespenst werden wird, das noch lange umgeht: „So lange Häuser zeitgemäß sind sin auch Hausbesetzungen zeitgemäß!“

Fazit

Das Buch bietet authentische Einblicke in Entstehung und Entwicklung der Hausbesetzerbewegung. Trotz des klar konstatierbaren ideologischen Hintergrunds sind die Autor/Innen bemüht die Ereignisse objektiv wiederzugeben. Das Buch bietet erfrischend nach-denkliche Anregungen, macht Lust auf Zeitgeschichte und inspiriert, die aktuelle Wohnungspolitik zu hinterfragen. Die zahlreichen Abbildungen erfrischen die ohnehin kurzweilige Lektüre.


Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 02.01.2018 zu: Barbara Sichtermann, Kai Sichtermann: Das ist unser Haus. Eine Geschichte der Hausbesetzung. Aufbau-Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-351-03660-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22670.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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