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Anja Bereznai: Mehr Sprache im frühpädagogischen Alltag

Cover Anja Bereznai: Mehr Sprache im frühpädagogischen Alltag. Potenziale erkennen, Ressourcen nutzen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. 171 Seiten. ISBN 978-3-451-37641-2. D: 24,99 EUR, A: 25,90 EUR, CH: 32,50 sFr.

nifbe (Hrsg.).
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Thema und Motivation

Das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung legt hier einen Sammelband zur alltagsintegrierten Sprachförderung in Kindertagesstätten und Kindertagespflege vor. Eine interdisziplinäre Gruppe von 14 Autor_innen versteht ihn als Orientierungshilfe „in einem schwer überschaubaren Dschungel von verschiedenen Sprachförderansätzen“ (Vorwort, S. 7).

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung stellt alle Beiträge kurz vor.

Danach folgt Teil I („Grundlagen“) mit dem Kapitel „Sprachliche Bildung und Förderung auf interdisziplinärer Perspektive“. In diesem werden einzelnen Unterthemen – z.B. zur Identitätsbildung mittels Sprache, dem Verhältnis von Bewegung und Sprache, der Rolle sprachlicher „Peers“ – die betreffenden Kapitel des Buchs zugeordnet. Zugleich wird die Forschungslage beschrieben. Insbesondere werden hier Literacy, Sprachstandserhebungen sowie „Sprachbildung und -förderung“ mit Verweisen auf die in Teil II folgenden Arbeiten systematisch behandelt.

Teil II („Forschungsergebnisse“) enthält folgende Arbeiten:

„Sprachbildung im Schnittfeld elementarpädagogischer und vorschulischer Bemühungen – ein Blick in die gelebte Förderpraxis“ (Hormann) stellt die Ergebnisse einiger Forschungsprojekte zu Sprachlehrstrategien und -situationen (settings) vor.

„Sprachkultur in der Kita – ein kultursensitiver und alltagsbasierter Sprachbildungsansatz“ (Schröder & Dintsioudi): Hier werden die Kultur des Umgangs mit Kindern und der Sprachverwendung in der Familie jeweils dualistisch in die Modelle „(hierarchische) Verbundenheit“ gegen „(psychologische) Autonomie“ bzw. „repetitiver (wiederholender), auf soziale Inhalte fokussierter“ gegen „elaborativer, kindzentrierter Sprachstil“ unterteilt. Dann präsentieren die Autorinnen die Ergebnisse einer Untersuchung der Auswirkung von Workshops für pädagogische Fachkräfte betreffend den „kultursensitiven“ Einsatz des elaborativen Stils. Diese belegen die Wichtigkeit solcher Weiterbildungen.

„Frühe sprachliche Bildung und Förderung – sprachliche Interaktion in Kindertageseinrichtungen und Familie“ (Albers & Jungmann) referiert die Ergebnisse einer Untersuchung zu frühen sprachlichen Interaktionen (aufgrund von Videodaten). Diese ergaben positive Korrelationen zwischen Betreuungsschlüssel bzw. Weiterbildungsangeboten und verstärkter, qualitativ besserer sprachlicher Interaktion. Ein weiteres Ergebnis bestätigt die „negative soziale Spirale (nach Rice.)“ (S. 70), nach der weniger sprachkompetente Kinder weniger Interaktionsangebote erhalten und sich deswegen kommunikativ noch weiter zurückziehen.

„Peers in Kita-Gruppen – Potenziale für die Sprachförderung erkennen und nutzen“ (Lüdtke & Licandro) weist anhand der Ergebnisse des Projekts STEPs den positiven Einfluss von bilingualen Peers (kompetenten mehrsprachigen Kindern) auf die Entwicklung anderer Kinder nach.

„Psychomotorische Sprachentwicklungsförderung in der frühen Kindheit“ (Kwaśnik) argumentiert für eine Sprachförderung unter Einsatz entsprechender Bewegungsangebote. Dieselbe „bewegungsorientierte Sprach- und Kommunikationsförderung“ vertritt „Alltagsintegrierte Sprachbildung durch Bewegung“ (Zimmer & Firmino), in dem auch das Beobachtungsprogramm BaSiK vorgestellt wird.

„Укрепить мноґояэычие! – Çok dilliliǧi güclendirmek! Entwicklung professioneller Selbstkompetenz und Stärkung sprachlich-kultureller Potenziale bilingualer Erzieherinnen“ (Lüdtke & Stitzinger) stellt eine Unterrepräsentanz von pädagogischen Fachkräften mit Migrationshintergrund (etwa 10% aller Fachkräfte), verglichen mit den Kindern mit Migrationshintergrund (etwa ein Drittel aller Kinder unter 6 Jahren) fest. Das Potenzial solcher Personen werde von den Bildungsverantwortlichen nicht ausreichend wahrgenommen bzw. genutzt. Dazu brauche es Qualifizierungsinitiativen wie das Projekt BiKES zeige.

Teil III („Praxis“) enthält das Kapitel „Handlungsempfehlungen und Reflexionsfragen zur sprachlichen Bildung und Förderung“, welches als Teilschritte nennt:

  • „Sprache beobachten und dokumentieren“ (hier wird auf die oben genannte dualistische Unterteilung Bezug genommen),
  • „Interaktionen mit Kindern sprachförderlich gestalten“,
  • „Das Potenzial von Peer-Interaktionen nutzen“,
  • „Sprachförderliche Potenziale in der Familie nutzen“,
  • „Die Literacy-Entwicklung fördern“,
  • „Sprachliche Bildung und Förderung mit Bewegung verknüpfen“,
  • „Das Potenzial der pädagogischen Fachkräfte unterstützen und ausbauen“.

Diese Abschnitte sind im Wesentlichen Zusammenfassungen der Arbeiten aus Teil II. Am Schluss stehen „Reflexionsfragen für Prozessbegleitung und Teamentwicklung“. Es folgt noch ein einseitiges „Resümee und Ausblick“.

Das Buch enthält weiters ein Glossar wichtiger Begriffe, ein Literatur- und ein Autor_innenverzeichnis.

Diskussion

Die hauptsächlich in Teil II gebotenen, durchaus interessanten Forschungsberichte werden durch besonders in Teil I, aber auch in Teil III aufzufindende, manchmal absatzlange Allgemeinplätze teilweise entwertet:

  • „Die in diesem Beitrag zusammengetragenen Einzelbefunde geben erste Hinweise auf die Notwendigkeit einer empirischen Annäherung an die Wirklichkeit potenziell sprachförderlicher Aktivitäten in Kindertageseinrichtungen aus der skizzierten Doppelperspektive einer sozialkulturalistisch orientierten (Sprach-)Bildungstheorie und einer (zumindest in Teilen) aus der Sprachtherapie hervorgegangenen Didaktik des (Zweit-)Spracherwerbs.“ (S. 38)
  • „Eine besondere Herausforderung stellt die Erhebung des Sprachstandes bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern dar. Wie die Untersuchung von [Eigenzitat] ergeben hat, bilden hierbei die Erstsprachkenntnisse mehrsprachiger pädagogischer Fachkräfte ein wichtiges Potenzial, das noch effektiver für eine korrekte Einschätzung der erstsprachlichen Entwicklung von Kindern genutzt werden sollte.“ (S. 119)
  • „Gelingende Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen stellen somit eine wichtige Grundlage für die Unterstützung (sprachlicher) Lernprozesse dar. Wenn es auf dieser Basis möglich ist, ein sprachförderliches Lernklima zu schaffen, in dem Kinder sich wohlfühlen, Spaß am Umgang mit Sprache und Sprachen erleben und sich aktiv (und nicht nur reaktiv) an der Kommunikation beteiligen können, trägt dies nachweislich zu ihrer sprachlichen Entwicklung bei – wie die Studien von [Eigenzitate] belegen.“ (S. 120)

Wie die Zitate oben z.T. bereits zeigen, wird im Buch eine Strategie des Eigenzitats eingesetzt, die über das übliche Ausmaß weit hinausgeht: „Kinder erwerben Sprache(n) nicht um der Sprache willen, sondern um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Sie möchten ihre Wünsche mitteilen, über ihre Erlebnisse berichten und ihre Ziele durchsetzen (Zimmer 2012a; Schröder & Döge 2013). Spracherwerb ist ein selbstaktiver Prozess (Albers 2009) und geschieht stets im Kontakt mit anderen und bezogen auf konkrete, für das Kind bedeutungshaltige Situationen (Kwaśnik 2013; Schröder & Döge 2013).“ (S. 15). Mit Ausnahme von Döge sind alle anderen Personen Koautor_innen. Eigenzitate sind ja gefordert, wenn es tatsächlich um eigene Erkenntnisse geht. Hier wird aber eigenzitiert, wofür man bei oder vor Pestalozzi oder Montessori suchen müsste, wollte man wirklich die erste Person finden, von der solche Worte überliefert sind. In anderen Fällen stehen die Eigenzitate oft allein, obwohl unzweifelhaft Forscher_innen zu zitieren wären, welche früher zu den in Frage stehenden Themen gearbeitet haben (zahlreiche Fälle in Teil III).

Zu kritisieren sind auch Ansätze dualistischer Darstellungen wie die oben bereits erwähnte bezüglich Erziehungsstilen und Sprachverhalten, welche einer Überprüfung in der Realität nicht standhalten, aber offensichtlich im Zentrum mancher pädagogischen Sprachtheorie stehen. Noch ein Beispiel:

„Kinder erwerben Sprache, wenn sie mit Personen kommunizieren können, mit denen es sich zu kommunizieren lohnt. Eine direkte Steuerung des Spracherwerbs durch ein mechanisches Training ist hingegen [Eigenzitat] nicht möglich.“ (S. 119)

Es gibt nicht nur „lohnende“ Kommunikationsakte; Training (= Expositionszeit) ist wichtig speziell für diejenigen sprachlichen Fähigkeiten, die über Lernen automatisiert werden müssen (also vor allem für morphosyntaktische Strukturen), aber auch für den angemessenen interaktiven Einsatz von Sprache oder das Wortlernen, auch wenn es nicht „mechanisch“ sein muss (was immer das genau bedeuten soll).

Autor_innen wie Yvonne Anders (Evaluation von Frühförderung) oder Bernard Aucouturier (Programm für psychomotorisches Sprachlernen) fehlen, ebenso manche Überblicksartikel wie Kuhl, Patricia K.: Early Language Learning and Literacy: Neuroscience Implications for Education. www.ncbi.nlm. Mourão & Lourenço (eds.): Early Years Second Language Education: International Perspectives on Theory and practice (London 2015) ist vielleicht zu spät erschienen, um noch zitiert zu werden.

Was ich als „Botschaft“ des Buchs sehe: Ein Institut (bzw. eine Arbeitsgruppe) stellt sich vor; es berichtet von seinen Forschungsprojekten und teilweise auch über die betreffende Forschungslage. „Gerahmt“ ist diese Vorstellung durch einen sehr allgemeinen Grundlagenteil mit Verweisen auf die abgedruckten Arbeiten (Teil I), dem strukturell Teil III als Zusammenfassung zu den abgedruckten Artikeln entspricht, ergänzt um hauptsächlich programmatische allgemeine Vorschläge zum Thema und einer kleinen, nützlichen Anleitung zu Reflexion im Team. Die „Handlungsanweisungen“ in Teil III bleiben sehr allgemein. Systematisch-zusammenfassendes über konkrete Ansätze, Vorschläge oder Praktiken, oder über bilinguale Sprachentwicklung erfahren die Leser_innen so gut wie nicht. Ich denke, dass pädagogische Fachkräfte gerade solche Informationen haben möchten.

Fazit

Wer noch gar nichts über die Standardansichten zu sprachlicher Förderung in der Kita weiß, kann sich hier erste Informationen holen. Fachkräfte können vielleicht Teil II mit Gewinn lesen; alles Andere kennen sie schon aus programmatischen Bildungskonzepten. Eine Orientierungshilfe – wie angekündigt – ist das Buch absolut nicht, da es keinerlei Überblick über sein Thema und die Literatur und damit auch keine Vergleichsmöglichkeiten bezüglich unterschiedlicher aktueller Ansätze bietet.

Summary

This book presents the research done by an interdisciplinary working group at the „Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung“. In the words of the group, it aims at showing language furtherance in everyday kindergarten situations and offering orientation for the staff involved. The research results given in Part II are interesting, but Part I (Introduction) and III (Practice) are too strongly oriented only towards the work published by the working group members and their contents is too general without providing any systematic overview of the field. Therefore the book cannot give the orientation targeted.


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 31.08.2017 zu: Anja Bereznai: Mehr Sprache im frühpädagogischen Alltag. Potenziale erkennen, Ressourcen nutzen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. ISBN 978-3-451-37641-2. nifbe (Hrsg.). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22673.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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