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Daniela Kobelt Neuhaus: Methodenbuch Inklusion in der frühen Kindheit

Cover Daniela Kobelt Neuhaus: Methodenbuch Inklusion in der frühen Kindheit. Planungsschritte in der Praxis umsetzen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-34241-7. D: 19,99 EUR, A: 20,90 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Daniela Kobelt Neuhaus hat in ihrem „Methodenbuch Inklusion in der frühen Kindheit“ Methoden zusammengestellt, die sie für besonders geeignet hält, um an einer inklusiven Haltung zu arbeiten und tradiertes Denken zu reflektieren und in Handlung münden lassen. Die vorgestellten Methoden geben sowohl Anregungen für die Auseinandersetzung mit Vielfalt im Team, mit Eltern, aber auch für die Gestaltung von Alltags- und Lernsituationen in der Kindergruppe und die Einbindung der Einrichtung in den Sozialraum. Inhaltlich leitend ist für die Autorin Annedore Prengels „Pädagogik der Vielfalt“ (Wiesbaden 2006) und der Situationsansatz.

Autorin

Daniela Kobelt Neuhaus (lic.phil.) ist Diplom-Heilpädagogin und war von 1993-2006 Fortbildungsreferentin und ab 2001 Leiterin im Arbeitszentrum Fort- und Weiterbildung an der Pädagogischen Akademie Elisabethenstift Darmstadt. Seit 2007 ist sie Vorstandsmitglied der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie.

Aufbau

Das 128 Seiten umfassende Buch ist in zehn Kapitel unterteilt, an die sich ein Anhang mit Kopiervorlagen und das Literaturverzeichnis anschließen.

In den einleitenden Kapiteln eins und zwei wird eine Bestimmung des Begriffs Inklusion vorgenommen und das Methodenverständnis erläutert.

In den Kapiteln drei bis zehn werden methodische Zugänge vorgestellt, die den folgenden inhaltlichen Schwerpunkten zugeordnet sind:

  • Eine Willkommenskultur schaffen,
  • inklusives Raumkonzept,
  • inklusive Gruppen,
  • inklusiver Alltag,
  • Inklusion gestalten,
  • Inklusion und Sozialraum,
  • inklusives Lernen,
  • Rückmeldungen und Evaluation.

Inhalt

Einleitend (Kap. 1 und 2) stellt die Autorin ihr Verständnis von Inklusion vor, indem sie die Entwicklung von der Integration mit dem Fokus auf Förderung und Eingliederung hin zur Inklusion mit der Zielvorstellung einer umfassenden gesellschaftlichen „Teilhabe und Teilgabe aller Menschen von Anfang an“ beschreibt (S. 11). Inklusion beschränkt sich demnach nicht auf Menschen mit Behinderung, sondern wird als „Oberbegriff für Chancengerechtigkeit und Bekämpfung von Ausgrenzung jeglicher Art“ gesehen (ebd.). Inklusion wird als Vision begriffen, die es erfordert, das Verhältnis von Gleichheit und Verschiedenheit immer „neu zu definieren und auszubalancieren“ (ebd.) und an inklusiven Haltungen zu arbeiten. Für Kobelt Neuhaus liegt es nahe, dass die Frühpädagogik besondere Chancen bietet, eine wertschätzende Haltung in heterogenen Zusammenhängen zu erfahren und nachhaltig zu erlernen. Die von ihr vorgestellten Methoden „sollen Erziehende und Fachkräfte bei der Ausgestaltung ihres inklusiven pädagogischen Ansatzes unterstützen“ (S. 14). In der Gliederung orientiert sich die Autorin nach ihren Angaben an Alltagssituationen in Kindertageseinrichtungen und dort vorkommenden Schlüsselsituationen inklusiven Handelns. Der Methodenbegriff wird pragmatisch gebraucht, manchmal handelt es sich eher um Übungen, manchmal um Strukturierungsvorschläge, manchmal um Konzepte oder Ansätze.

Den jeweiligen Methoden vorangestellt ist eine kleine Infobox, in der die Schlüsselsituation, die Zielgruppe und die Sozialform benannt werden. Die Methoden selbst werden nach einem wiederkehrenden Schema beschrieben, welches Hintergrund, Ziele und Einsatzmöglichkeiten, das Vorgehen und methodisch-didaktische Hinweise sowie das benötigte Material umfasst. Viele Methoden sind für die Arbeit mit dem Team oder Eltern gedacht, ein Teil auch für die Arbeit mit der Kindergruppe. Zu einigen Methoden gibt es im Anhang Kopiervorlagen.

Das erste Methodenkapitel (Kap. 3) befasst sich mit der Schaffung einer Willkommenskultur, deren Wichtigkeit zunächst erläutert wird. Es enthält Anregungen für die Sensibilisierung von Unterschieden („Sich begrüßen“), einen „Leitfaden für das Kennenlernen“, „Empfangstresen“, „Wunschwände“, „Zeig dich“, Kennenlernübungen wie „mein rechter, rechter Platz ist frei“, „Morgen- oder Sitzkreis“ sowie eine Anleitung, sich mit dem eigenen Bild von Inklusion mithilfe von Bildkarten o.ä. auseinanderzusetzen.

Kapitel 4 bietet Hilfen zur Schaffung eines inklusiven Raumkonzepts mittels einer „Raum-Kind-Analyse“ und Anregung für eine „interkulturelle Raumgestaltung“.

Kapitel 5 enthält Vorschläge für die Gestaltung von und den Umgang mit inklusiven Gruppen. Dies beginnt mit der „Binnendifferenzierung“, einem Kernstück für die Arbeit mit heterogenen Gruppen, hier auf den Kita-Alltag abgestimmt. Es folgen „Dialogmethode“, „Pro und Kontra“ sowie „Lösungsorientierung“. Bei letzterer werden Elemente des lösungsorientierten Ansatzes adaptiert für den Umgang in der Kita. Auch die Gestaltung von „Fallbesprechungen“ wird hier thematisiert, und es gibt Anregung zur Erfahrung von Vielfalt in der Lerngemeinschaft. Andere methodische Zugänge zielen auf die Reflexion der Fachkräfte, z.B. „vorurteilsbewusste Sprache“ und der „Phrasensack“.

Kapitel 6 befasst sich mit inklusivem Alltag und beginnt mit dem „inklusiven Wochenplan“ und der „Projektarbeit“. Es folgen die „Redeliste“ zur Strukturierung von Gesprächen und die „Deutschwörterliste“ zum Deutschlernen und eine Übung zum Erleben systemischer Zusammenhänge.

Kapitel 7 ist mit „Inklusion gestalten“ überschrieben. Die darin beschriebenen Methoden und didaktischen Übungen sollen konkret auf Chancengerechtigkeit zielen, ein Begriff der Kobelt Neuhaus wichtig ist, und der zugleich im Selbstverständnis der Karl Kübel Stiftung eine zentrale Rolle spielt. Unter dem Stichwort „Biografiearbeit“, die sich an einzelne Erwachsene und Teammitglieder richtet, werden „Körper- und Sinnesmethoden“, „meditative Verfahren“, „Visualisierungen“ (z.B. Genogramm, Lebensstrahl o.ä.), „Rollenspiel und andere szenische Ansätze“ sowie „die Geschichte meines Namens“ vorgestellt. Zum Stichwort Ressourcenorientierung beschreibt die Autorin die Übungen „Tankstelle“ und „Überlebensstrategie“. Es folgen: der Einsatz von „Persona Dolls“, Puppen, die die Vielfalt repräsentieren, anschließend Vorschläge um Über- und Unterforderung zu vermeiden, die Übung „Alltagswahnsinn“, in der pantomimisch Tätigkeiten dargestellt werden und die Übung „wer bin ich“, die mittels Körperumrisszeichnung durchgeführt wird.

Kapitel 8 ist der Inklusion und dem Sozialraum gewidmet. Hier werden verschiedene Verfahren der Erkundung und Analyse wie die „Sozialraumanalyse“, „Fotolandkarten zum Lebensumfeld“, „Autofotografie“ (für Hortkinder), die „Nadelmethode“, die strukturierte Stadtteilbegehung („Sozialräumliche Perspektiven“) und ein kreatives Verfahren – die „Landschaftsgestaltung“ – vorgestellt. Das Kapitel endet mit der „Institutionenbefragung“ und dem Kartografieren von Netzwerken.

Kapitel 9 befasst sich mit dem inklusiven Lernen. Dabei geht es darum, „einen gemeinsamen Lernort so zu gestalten, dass jedes Kind nach seinen individuellen Möglichkeiten lernen kann“ (S. 97), wie die Autorin den Methoden vorausschickt. Hier wird zunächst das „problemorientierte Lernen“ erläutert und das „Blitzlicht“ vorgestellt. Bei der „kompensatorischen Planung“ geht es dann darum, Spiele so zu modifizieren oder anzupassen, dass alle Kinder der Gruppe, auch solche mit Beeinträchtigungen, mitmachen können.

Kapitel 10 enthält Vorschläge zu Rückmeldungen und Evaluation. Dazu zählen die „sprechende Tischdecke“, „Themenfolien“ und die „Wandelhalle“.

Diskussion und Fazit

Das Methodenbuch von Kobelt Neuhaus bietet vielfältige Methoden, die sich für die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion eignen und darüber hinaus allgemeine Anregungen für die Gestaltung von Inklusion in Kindertageseinrichtungen geben. Viele der vorgestellten Methoden kommen aus dem Kanon der Erwachsenenbildung, teilweise wurden sie für die Arbeit mit Kindergruppen verändert und angepasst. Die gewählte Gliederung der Methoden war für mich nicht ganz schlüssig, es hätte m.E. auch anders gruppiert werden können.

Der Titel des Buches könnte die Erwartung auslösen, spezifische Methoden für die Förderung beeinträchtigter Kinder oder zum Umgang mit spezifischen Problemlagen in der heterogenen Kindergruppe zu finden. Der Fokus, den die Autorin gewählt hat, ist jedoch ein anderer. Es geht ihr stärker um die Arbeit an der Haltung und die Schaffung der Voraussetzungen für inklusive Pädagogik. Wer für diese Auseinandersetzung methodische Hilfen sucht, findet in dem Buch wertvolle Anregungen.


Rezensentin
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg
Homepage www.eh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Hiltrud Loeken. Rezension vom 17.08.2017 zu: Daniela Kobelt Neuhaus: Methodenbuch Inklusion in der frühen Kindheit. Planungsschritte in der Praxis umsetzen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. ISBN 978-3-451-34241-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22674.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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