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Manfred Spitzer: Cyberkrank!

Cover Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Knaur (München) 2015. 320 Seiten. ISBN 978-3-426-27608-2. D: 22,99 EUR, A: 23,70 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Autor

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Seit bald zwei Jahrzehnten publiziert er zum Thema Lernen und Gehirnentwicklung, in den letzten Jahren weist er vermehrt auf die Gefahren der Digitalisierung hin und wurde zum Bestsellerautor. „Kaum jemand kann wissenschaftliche Erkenntnisse derart pointiert und anschaulich präsentieren“, sagt der Klappentext.

Aufbau

Nach ausführlichem Vorwort und mehrseitiger Einleitung werden dreizehn Kapitel abgearbeitet, deren Titel programmatisch sind: „Zivilisationskrank“, „Cybersucht“, „Digital schlaflos“ „Digital depressiv und einsam“ aber auch „Cybersex“. Es endet mit dem Kapitel „Was tun?“

Die Rezensentin hat die einzelnen Kapitel sehr unterschiedlich rezipiert. Während das erste Kapitel einen großen Bogen vom Menschen als Jäger und Sammler zur allmächtigen Lobby der Informationstechnologie schlägt, sind andere recht konkret und gespickt mit aussagekräftigen Studienergebnissen. Auch der Stil scheint zu wechseln, während das erste im Erzählstil des weisen Allwissenden beim Lesen viele Zwischenfragen aufkommen lässt, sind die Kapitel „Digitale Kindheit: unsinnlich und sprachlos“ und „Digitale Jugend: unaufmerksam, ungebildet und unbewegt“ anregend und flüssig zu lesen.

Digitale Kindheit: unsinnlich und sprachlos

Die Entwicklung des kindlichen Gehirnes wird anschaulich beschrieben: Was im Hirn passiert, wenn wir das Sehen, Hören und Fühlen lernen.

Ein Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit E-Books, die als Medium gedruckten Büchern gegenüber schlechter dastehen: Sie werden weniger gründlich gelesen und das Gelesene wird schlechter erinnert. Besonders kritisch sieht der Autor die enhanced E-Books, die durch das Drücken einer Extrataste weitere Informationen liefern, aber damit vom Haupttext ablenken. Die Fähigkeit des Multitasking kann nicht entwickelt werden, da der Mensch sich auf Nebensächliches nur nebenbei konzentrieren könne, die Konzentration auf das Wesentlich ginge dabei verloren. Dies wird durch vorgestellte Studien belegt.

Vor allem wird deutlich, dass Tablets für Babys nicht geeignet sind. Das Zusammenspiel zwischen Augen und anderen Sinnen und der Hand kann nicht eingeübt werden. Programme, in denen schon in der frühen Kindheit „Medienkompetenz“ erreichen wollen, werden abgelehnt. Als Negativbeispiel zitiert er: „Einjährige Babys, die gerade das Laufen lernen, finden sich am iPad der Eltern erstaunlich gut zurecht–besser vielleicht als in der eigenen Wohnung…Es liegt daher auf der Hand, dass mediale Frühförderung ein immer wichtigerer Bestandteil der Bildungsarbeit werden muss.“ (Aus einem Handbuch, welches das Österreichische Kulturministerium gemeinsam mit der EU zur Aus- und Weiterbildung vor KindergartenpädagogInnen herausgegeben hat.) Es wird moniert, dass derartige Behauptungen zwar oft wiederholt, aber nie belegt wären.

Auf Seite 211 wird eine Abbildung von jeweils fünf Strichmännchen gezeigt, wo die der oberen Reihe mit Hälsen, Händchen und Füßchen versehen, die unteren aber nicht und sofort umfallen würden. Als Beschriftung „„Zeichne einen Menschen“, lautete die Aufgabe, der fünfjährige Kinder gern nachkommen. Oben sind beispielhafte Zeichnungen von Kindern zu sehen, die täglich weniger als eine Stunde fernsehen, untern Zeichnungen von Kindern mit einem Fernsehkonsum von täglich drei Stunden und mehr.““ Beim Nachschlagen dieses Zitats erfahren wir, dass es sich um eine Studie handelt, publiziert unter dem Titel „Medienkonsum und Passivrauchen bei Vorschulkindern, Risikofaktoren für die kognitive Entwicklung?“ Nun weiß jeder Kinderarzt, dass es sich, wenn die Kleinen passiv rauchen, offensichtlich um Familien handelt, die frühe Hilfen brauchen, also ein wenig förderliches Umfeld haben. Leider erweckt der Autor den Eindruck, dass der Medienkonsum allein die Entwicklung der Kinder behindert hätte. Dies als eines der vielen Beispiele, wo komplexe Zusammenhänge unterkomplex beschrieben werden.

Digitale Jugend: unaufmerksam, ungebildet und unbewegt

In diesem Kapitel erfahren wir viel über die Art, wie gelernt wird. Dies wird erläutert am Beispiel einer Studie, bei der 60 vierjährige Kinder in drei Gruppen eingeteilt worden waren. So sahen jeweils 20 Kinder einen „schnell geschnittenen phantastischen Cartoon“, die nächste Gruppe einen Lehrfilm und die andere Gruppe durfte frei zeichnen. Danach wurden sie alle gleichen Tests zur Konzentration und selektiven Aufmerksamkeit unterzogen. Am besten schnitten diejenigen ab die gezeichnet hatten. „Der schnelle Cartoon hatte hingegen eine verheerende Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit.“ Es werden mehrere Studien vorgestellt, die belegen, dass übermäßige Mediennutzung das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verstärkt. Menschen sind nicht geeignet für Multitasking.

Weiterer Schwerpunkt sind in der Bildung eingesetzte Bildschirme. In verschiedenen Ländern wurden Untersuchungen durchgeführt, die belegen, dass das Schreiben mit der Hand die Lese- und Merkfähigkeit verbessert. In vielen Ländern wird anstelle des mit der Hand Schreibens, das Schreiben mit Druckbuchstaben, oder in den USA, in einigen Staaten, das Zehn-Fingerblindschreiben auf der Tastatur gelehrt und gelernt.

„Betrachten wir zwei Beispiele: Die große von Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, der Europäischen Union und der Deutschen Telekom geförderte Studie Schulen am Netz. 1000 mal 1000: Notebooks im Schulranzen hatte weder bessere Noten noch besseres Lernverhalten der Schüler zum Ergebnis: „Insgesamt kann die Studie somit keinen eindeutigen Beleg dafür bieten, dass die Arbeit mit Notebooks sich grundsätzlich in verbesserten Leistungen und Kompetenzen sowie förderlichen Lernverhaltens von Schülern niederschlägt.“ Allerdings waren „die Schüler im Unterricht mit Notebooks tendenziell unaufmerksamer.“ Nicht einmal der Umgang mit Computern wurde in den Computer-Klassen gelernt: „Im Informationskompetenz-Test wurden keine Unterschiede zwischen Notebook und Nicht-Notebook-Schülern gefunden.“

Das weitere Beispiel ist eine Hamburger Studie, die drei Jahre später ergab: „Ein eindeutiger Trend zu einer Stärkung der Medienkompetenz im Umgang mit Computer und Internet konnte infolge des Netbook-Einsatzes nicht verzeichnet werden.“ Diese Kompetenzen hatten sich die Schüler zu 58 % selbst beigebracht, zu 28% waren es Familienmitglieder, und nur 8% hatte diese in der Schule erlernt.

Ein weiterer Schwerpunkt dieses Kapitels ist der Zusammenhang zwischen Computernutzung, Bewegungsarmut und Adipositas. Auch bei den adipösen Jugendlichen wird das Problem monokausal dargestellt, Warum nur gab es schon vor der „Smartphoneepoche“ Adipöse?

Diskussion

Denkt man den Gedanken zu Ende, so müssten ja früher, bevor es diese Medien gab, die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, die zu Sorgen Anlass gibt, besser gewesen sein. Beobachtungen wie diese können den Wissenschaftler, der ein Buch rezensiert, zur Verzweiflung bringen. Es drängt sich die Frage auf, warum Herr Spitzer, der ja eine Reihe fundierter Argumente für seine Thesen vorbringt, so einseitig polarisiert und damit das von ihm argumentativ Aufgebaute wieder entwertet.

Wenn jetzt eine Ich-Botschaft folgt, so entspricht es dem Stil des Autors, der gern Sachliches mit Persönlichem mischt: Rezensieren wollte ich das Buch, nachdem ich bei einer seiner Veranstaltungen im gut gefüllten Humboldtsaal der Urania Berlin den Eindruck hatte, dass manche Studien etwas salopp angeführt wurden, vielleicht auch angeregt durch ein sehr dankbares Publikum. Besonders beunruhigend der Hinweis, dass in Korea schon 30% der Jugendlichen „Smartphonesüchtig“ wären. Weitere Auftritte von Herrn Spitzer auf YouTube verstärkten die Zweifel, etwa der Bericht aus Korea, nach dem 30% der Jugendlichen dort smarphonesüchtig seien, und Deutschland sich auf dem Weg dahin befände.

Dann kam im April d.J. in der ZEIT ein Übersichtsartikel „Kann das stimmen?“ zum Umgang mit Zahlen in der Wissenschaft, wo dieses Beispiel analysiert wurde: Die von ihm genutzten Zahlen stammen aus eine Veröffentlichung des koreanischen Ministerium, ohne Angaben, wie sie erhoben wurden. Auch beim Zusatz, den Herr Spitzer in einem Rundfunkinterview gemacht hatte, “in Deutschland sind wir auch auf dem Weg dahin“ fehlte die präzise Unterscheidung zwischen „süchtig“ und „suchtgefährdet.“

Fazit

Wer das Buch liest, um einen Überblick über vorhandene Studienergebnisse zu erlangen, erhält reichlich Stoff und Denkanstöße. Als Gegenrede zu den beschönigenden Aussagen die, da ist Herrn Spitzer zuzustimmen, von Medienkonzernen und manche Politikern unisono gemacht werden, liest sich das gut. Aber: Immer wieder fragt man sich, warum unzulässige Vereinfachungen in der Argumentation gemacht werden. Auch einem breiten Publikum sind komplexe Zusammenhänge vermittelbar.

Beim Lesen des Vorworts und der Danksagung, entsteht der Eindruck, dass der Autor sich in der Rolle des Außenseiters stilisiert, die sollte man also lieber zum Schluss lesen.

Wer als Wissenschaftler eine faire Rezension schreiben soll, hadert mit dieser Aufgabe und fürchtet, ihr nicht gerecht zu werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Eva Luber
MSc
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Zitiervorschlag
Eva Luber. Rezension vom 21.09.2017 zu: Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Knaur (München) 2015. ISBN 978-3-426-27608-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22679.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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