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James W. Trent: Inventing the Feeble Mind

James W. Trent: Inventing the Feeble Mind. Oxford University Press (Oxford OX2 6DP) 2016. 392 Seiten. ISBN 978-0-19-939618-4. 44,95 EUR.
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Autor und Entstehungshintergrund

James W. Trent ist Professor für Soziologie und Soziale Arbeit am Gordon College (Massachusetts) und forscht zur Geschichte von sozial marginalisierten Gruppen. Er ist Autor und Mitherausgeber mehrerer grundlegender Werke zur US-amerikanischen Geschichte von Behinderung (Brian & Trent, 2017; Noll & Trent, 2004; Trent, 2012). Die Erstauflage des hier rezensierten Buches erschien 1994. Bei der rezensierten Version handelt es sich um eine 2016 erschienene, vollständig überarbeitete Neuauflage.

Thema, Aufbau und Methodologie

Die Studie basiert auf einem breiten, heterogenen Quellenkorpus und beschreibt die US-amerikanische Geschichte der „feeble minds“ von den frühen Institutionen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Jahrtausendwende. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, welche jeweils durch weitgehend summarische Fazits abgeschlossen werden.

Trent folgt einem sozialkonstruktivistischen Behinderungsmodell. Wie er in seiner Einführung darlegt, ist die vermeintlich natürliche Tatsache „geistige Behinderung“ als eine soziale Konstruktion zu verstehen, „whose changing meaning is shaped both by individuals who initiate and administer policies, programs, and practices and by the social context to which these individuals are responding“ (S. xvii). Wiederholt macht er deutlich, dass Behinderung in modernen Gesellschaften als eine zentrale Abgrenzungskategorie fungiert und sowohl auf der Ebene des Körpers als auch auf Ebene der gesellschaftlichen Reaktionen als kontingentes Resultat einer Diskursgeschichte zu fassen ist (Steffen, 2017, S. 8). Damit lässt sich die Untersuchung dem Forschungsansatz der Disability History zuordnen, der einem kulturwissenschaftlichen Modell von Behinderung folgt und im deutschsprachigen Raum zweifellos noch wenig elaboriert ist (Bösl, 2013; Klein, 2010; Waldschmidt, 2010, S. 18-19).

Inhalt

Trent verortet um 1840 eine erste bedeutsame Zäsur in der gesellschaftlichen Bewertung der „feeble minds“: Während die Betroffenen in den politischen Diskursen der Kolonialzeit und in den Jahrzehnten nach der Amerikanischen Revolution keine wahrnehmbare Rolle spielten, kam es zu einem „shift … from intellectual disability as a family and local problem to a social and state problem“ (S. xvii). Ökonomische Probleme führten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhundert zur Verarmung von breiten Bevölkerungsschichten. Die Internierung verarmter Individuen in Armenhäusern fungierte als dominante gesellschaftliche Antwort auf den Pauperismus. Zunächst hatten die Armenhäuser die Funktion eines Sammelbeckens für heterogenste Bevölkerungsgruppen, deren einziges gemeinsames Merkmal das Fehlen einer existenzsichernden Arbeit darstellte. Ab den 1820er-Jahren wurden Einrichtungen für bestimmte Gruppen von Armen implementiert, wobei den „feeble minds“ vorerst keine besondere Aufmerksamkeit zukam. Dies änderte sich in den 1840er-Jahren mit der Rezeption europäischer Autoren, welche auf Seiten der „feeble minds“ eine Erziehungs- und Bildungsfähigkeit postulierten. Sozialreformerinnen und -reformer forderten erfolgreich spezifische Massnahmen der Erziehung und Bildung. Um 1850 öffneten mit den „idiot schools“ die ersten Sonderinstitutionen ihre Tore. Erklärtes Ziel dieser Einrichtungen war die Heranführung der „feeble minds“ an eine „productive citizenship“ (S. xvii, 1-11).

Besonders einflussreich waren die Arbeiten des Franzosen Édouard Séguin, der 1850 in die USA emigrierte und „more than any other nineteenth-century figure shaped American interest in educating intellectually disabled people“ (S. xvii). Séguin beschrieb die „Idiotie“ als einen rein pädagogischen Sachverhalt. Die „Idiotie“ gründe in einem Versagen des Willens: Da die Betroffenen unwillig seien, ihre Sinne zu trainieren, bliebe ihnen eine höhere geistige Entwicklung verwehrt. Die Gründe für diesen mangelhaften Willen seien mentalen Ursprungs: So könne etwa eine frühkindliche sensorische Deprivation eine „Idiotie“ auslösen. Mittels der auf Leibesübungen basierenden „physiologischen Erziehung“ sei es möglich, das Entwicklungsgeschehen anzuregen. Dabei folgte Séguin einem umfassenden Bildungsimperativ: Demnach sollten und konnten die „feeble minds“ zu unabhängigen, in das gesellschaftliche Gefüge eingegliederten Bürgerinnen und Bürgern sozialisiert werden (S. 11, 38-46).

Obwohl Séguin in der US-amerikanischen Philanthropie zeitlebens als „apostle of the idiots“ verehrt wurde, wandten sich die Leiter der sich etablierenden Anstalten für „feeble minds“ bereits in den 1850er-Jahren von seiner Pädagogik ab. Séguin´s pädagogisches Modell wurde durch eine medizinische Heuristik verdrängt, im Rahmen derer die „Idiotie“ auf eine – erzieherisch bestenfalls modifizierbare – pathologische Physiologie und auf Faktoren degenerativer Vererbung zurückgeführt wurde. Verstärkt wurde auch ein dem pathologischen Zustand inhärenter Zusammenhang mit Amoralität und Delinquenz problematisiert, der Massnahmen sozialer Überwachung notwendig mache. Darüber hinaus fanden selbst „educated idiots“ in der zunehmend industrialisierten, von wirtschaftlichen Krisen gebeutelten Nation kaum noch Stellen auf dem regulären Arbeitsmarkt. Spätestens in den 1880er-Jahren hatten sich die Institutionen vom Ziel einer „productive citizenship“ verabschiedet und fungierten als nach dem Vorbild der Irrenanstalten modellierte Verwahranstalten. Mediziner verdrängten die zu Beginn der Institutionalisierung noch dominanten Pädagogen aus den Leitungsfunktionen. Zwar spielte Erziehung weiterhin eine Rolle, diese fungierte fortan aber „as a means of institutional perpetuation“ (S. 18), indem sie primär auf eine angepasste und oft lebenslange Existenz in der Anstalt vorbereiten sollte. Ab den 1860er sind gemäss Trent zwei Entwicklungen erkennbar, welche die US-amerikanische Geschichte der „feeble minds“ bis weit ins 20. Jahrhundert dominieren sollten: Einerseits erfolgte ein rasantes Wachstum der „custodial care“, in deren Zentrum die Verwahranstalten standen. Andererseits kam es zu einer sozialen Stratifizierung der Anstaltslandschaft. Sozioökonomisch benachteiligte Personen wurden in staatlich geführten Verwahranstalten plaziert, die oft gigantische Ausmasse mit Tausenden von Insassinnen und Insassen annahmen. Parallel dazu entstanden kleinere Privatanstalten, in denen wirtschaftlich besser gestellte Personen untergebracht wurden (S. xvii, 2-65, 79-83).

Parallel zum rasanten Wachstum der Anstaltslandschaft kam es im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einer immer drastischeren Problematisierung der „feeble minds“ als eine Bürde für die gesellschaftliche Ordnung. Soziale Probleme wurden verstärkt auf hereditäre Faktoren zurückgeführt. In diesem Zusammenhang gerieten insbesondere weibliche „feeble minds“ – als „easy prey of man´s lust and the mother of criminals“ (Brown, 1887, zitiert nach Trent, 2016, S. 71) – in den Fokus einer interventionistischen Sozialpolitik. Den Anstaltsleitungen gelang es geschickt, dieses gesellschaftliche Klima für die eigenen Interessen zu nutzen. Zunehmend fanden sie Gehör für ihre Forderung nach einer Expansion der institutionellen Erfassung, um die Gesellschaft von der sozialen Last der unproduktiven, zuweilen kriminellen „feeble minds“ zu befreien und deren Fortpflanzung zu verhindern. Verbunden war damit das Ansinnen, leichtere Fälle („high grades“) in den Anstalten zur Mithilfe bei der Pflege der „low grades“ auszubilden und damit die Kosten der Anstalten zu reduzieren. Tatsächlich wurden die Anstalten fortan von zwei Gruppen von Internierten bevölkert: Auf der einen Seite „trained high-grade adults“, auf der anderen Seite als weitgehend bildungsunfähig beschriebene „custodial cases“. Dies ging soweit, dass den Ersteren zuweilen Verantwortungen übertragen wurden, die sich kaum noch von denjenigen des bezahlten Pflegepersonals unterscheiden lassen. Die Anstalten, die ironischerweise meist als „state schools“ oder „training schools“ betitelt wurden, mutierten zu „Welten in der Welt“ (Schmuhl & Winkler, 2013), aus denen eine Entlassung an sich nicht angedacht war. Als Qualitätsmerkmal einer Anstalt fungierte anfangs des 20. Jahrhunderts nicht mehr die Wirksamkeit im erzieherischen Bereich, sondern ein reibungsloser, effizienter und skandalfreier Anstaltsbetrieb. Die Anpassung sowohl der Internierten als auch der Mitarbeitenden an die institutionellen Bedingungen sollte durch Routinisierung und hierarchische Autoritätsverhältnisse sichergestellt werden. Diese „total institutionalization“ (S. 97) spiegelt sich auch in den pädagogischen Diskursen und Praktiken. Ab 1900 spielten Lesen und Schreiben in den Anstaltsschulen nur noch eine untergeordnete Rolle (S. 55-128). Propagiert wurde dagegen das „habit training“, welches die Anpassung der Zöglinge an die Lebensbedingungen einer totalen Institution fokussierte: „Punctuality, obedience to authority, patience, teamwork, and respect for the rights of others“ (S. 106).

Gemäss Trent stagnierten die oben beschriebenen Strukturen in den staatlichen Anstalten bis in die 1970er-Jahre. Die gesellschaftliche Problematisierung der „feeble minds“ eskalierte allerdings weiter. Zu Beginn des 20. Jahrhundert figurierten die Betroffenen als eine „embodied antithesis“ (S. 131) zum immer populärer werdenden Narrativ des Selfmademans, der sich durch Intelligenz und Moralität über widrige Bedingungen hinwegsetzt. Darüber hinaus faszinierten sozialdarwinistische und eugenische Diskurse Personen aus dem gesamten politischen Spektrum, darunter auch die Philanthropie. Insbesondere in den 1910er-Jahren gerieten die „feeble minds“ nicht nur als soziale Belastung in den Fokus der Öffentlichkeit, sondern auch als unmittelbare Bedrohung für die „Gesundheit des Volkskörpers“. Ein exponentielles Wachstum der „feeble minds“ drohe einerseits aufgrund einer gegenüber der Normalbevölkerung erhöhten Fruchtbarkeit. Andererseits komme es durch Immigration zu einem Zustrom an biologisch minderwertigen Personen. Die Führungsriegen der „state schools“ waren an dieser alarmistischen Rethorik massgeblich beteiligt. Trent zufolge ist dies mitunter dadurch zu erklären, dass die Popularisierung der Eugenik dem medizinischen und psychologischen Anstaltspersonal die Möglichkeit bot – mit ihrem Expertenwissen zu den „stigmata of degeneracy“ – über die Anstalten hinaus gesellschaftlichen Einfluss zu nehmen. Des Weiteren lieferten dysgenische Drohszenarien Argumente für einen weiteren Ausbau des Anstaltswesens. Insbesondere der an der Vineland Training School (New Jersey) tätige Psychologe Henry H. Goddard – berühmt für seine vererbungsdogmatische Familienstudie „The Kallikak Family“ (1912) – kooperierte mit der eugenischen Bewegung und forderte die systematische Durchforstung der Bevölkerung nach „mental defectives“ sowie deren Unschädlichmachung durch Segregation, Heiratsverbote und Sterilisationen. Die Forderungen nach einer institutionellen Expansion stiessen auf Seiten der Gesetzgeber auf fruchtbaren Boden: Anfang der 1920er-Jahre unterhielten 42 der 48 Bundesstaaten mindestens eine öffentliche Anstalt für „feeble minds“ und das private Anstaltswesen war beträchtlich angewachsen. Die Anzahl der in Anstalten untergebrachten „feeble minds“ stieg zwischen 1904 und 1936 von 14.347 auf 81.000 (S. xviii, 125-185, 191).

Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden in Anstalten für „feeble minds“ vereinzelte Sterilisationen durchgeführt. Was zunächst der Elimination von „inordinate desires“, insbesondere der Onanie, dienen sollte, wurde mit dem Siegeszug der Eugenik zunehmend als Mittel der Geburtenkontrolle propagiert. Nachdem 1927 ein Entscheid des obersten Gerichtes eugenisch indizierte Sterilisationen für legal befand, kam es in den Anstalten zu massenhaften Sterilisationen an „high grades“. Trent führt diese Entwicklung allerdings weniger auf eugenische Überzeugungen zurück als auf massive Kapazitätsprobleme in den öffentlichen Anstalten. Die Sterilisation von „high grades“ und deren nachfolgende Entlassung auf Bewährung („parole system“) fungierte ab 1925 als „new policy to relieve the crowded conditions of public institutions“ (S. 193). Darüber hinaus hatte die psychohygienische Bewegung mit ihrer sozialpsychiatrischen Ausrichtung ein neues Interesse an der Integration von „feeble minds“ in „local communities“ geweckt. Obwohl diese Bewegung gerade auch in Abgrenzung von der Eugenik entstand, versuchten die Anstalten sich durch Sterilisationen dagegen zu versichern, dass Entlassene Nachkommen in die Welt setzten. Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass das „parole system“ aufgrund der ökonomischen Krisen der 1930er-Jahre schnell an Bedeutung verlor, systematische Sterilisationen aber, tlw. bis in die 1970er-Jahre, weitergeführt wurden (S. 178-215, 277-288).

Derweil wuchsen die Belegungszahlen in den „state schools“ weiter an, ohne dass die finanziellen Beiträge an die Institution massgeblich erhöht wurden. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war die Anstaltspopulation auf 116.000 Personen angestiegen. Betten wurden oftmals doppelt belegt und Internierte hausten auf den Anstaltskorridoren. Ende der 1940er-Jahre erschienen erste Medienbeiträge zu den katastrophalen Lebensbedingungen im New Yorker „Letchworth Village“. Wesentlich beteiligt an diesen ersten Skandalisierungsprozessen waren sozial gut situierte Kriegsdienstverweigerer, die ihren Ersatzdienst in Anstalten leisteten und Zeugen von chronischer Vernachlässigung und systematischer Gewalt wurden. Weiter löste die Literaturnobelpreisträgerin Pearl S. Buck 1948 mit einem Buch über ihre Tochter eine Welle von Bekenntnisliteratur aus: Eltern bekannten sich öffentlich zur Existenz eines „geistig behinderten“ Kindes, wandten sich mehrheitlich aber nicht gegen eine Anstaltsunterbringung. Vielmehr kommt Trent zum Schluss, dass eine wesentliche Funktion dieser Bekenntnisliteratur für die Eltern darin bestand, sich mit der Anstaltsunterbringung ihrer Kinder abzufinden. Von medizinischer Seite wurden sie weiterhin bestärkt, bei Erziehungsproblemen ihr Kind in einer Anstalt unterzubringen und den Kontakt zu meiden. Auch die Skandalberichte verschwanden schnell wieder aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit. Weiter liessen neu erhältliche Bundesbeiträge an die Baukosten von neuen Einrichtungen die Anstaltspopulation nochmals gewaltig ansteigen: Das Jahr 1965 verzeichnete mit einem Zuwachs von 7.674 Personen das grösste jährliche Wachstum in der US-amerikanischen Geschichte (S. 211, 216-233).

Akteure der Bundesstaaten beobachteten das anhaltende Wachstum der „state schools“ allerdings mit Sorge, da die Betriebskosten die Staatsbudgets zunehmend in Schieflage brachten. Parallel dazu bildete sich in den 1960er-Jahren – ausgehend von Wissenschaftlern wie Erving Goffmann und Thomas Szasz, aber auch von populären Filmproduktionen (z.B. „One Flew over the Cuckoo´s Nest“) – eine kulturell einflussreiche psychiatriekritische Bewegung. Die öffentlichen Anstalten im Bereich der Psychiatrie und der Behindertenhilfe wurden als eine „state-operated hell“ skandalisiert. Einzelne Bundesstaaten begannen, wohlgemerkt aus finanzpolitischen Erwägungen, die Budgets der ohnehin chronisch unterfinanzierten Anstalten zu kürzen. Die Verhältnisse in den Anstalten verschlechterten sich weiter und immer mehr Skandalberichte gelangten an die Öffentlichkeit. Forderungen nach einem radikalen Politwechsel und einer Abkehr von segregierenden Sondersystemen wurden vor diesem Hintergrund zunehmend mehrheitsfähig. In den 1970er-Jahren kam es zu einer rasanten Deinstitutionalisierung unter dem Credo des Normalisierungsprinzips. Die „state schools“, die über Jahrzehnte als unverzichtbar galten, verloren ihre zentrale Funktion im Behinderungsdispositiv und wurden durch gemeindeintegrierte Einrichtungen ersetzt. Dieser Prozess der Deinstitutionalisierung war alles andere als widerspruchsfrei: Trent weist etwa darauf hin, dass ein Teil der gemeindeintegrierten Einrichtungen inzwischen anstaltsartige Dimensionen angenommen hat. Zudem wurde ein Teil der ehemaligen Zöglinge der „state schools“ im Rahmen des Justizvollzugs „reinstitutionalisiert“ (S. 234-292, 294-295). Vor allem aber lassen die „new eugenics of prenatal testing“ (S. 290) die faktische Inklusionsbereitschaft der Gesellschaft fragwürdig erscheinen. Trotzdem bewertet Trent die Entwicklung seit den 1970er-Jahren insgesamt positiv: „. Intellectually disabled children and adults are more integrated into everyday social institutions that [sic] at any time since the founding of institutions in the 1840s.“ (S. 289)

Fazit

Dem Autoren ist eine bemerkenswerte Studie zur US-amerikanischen Geschichte von Behinderung gelungen, die insbesondere durch ihren Quellenreichtum besticht. Neben der einschlägigen wissenschaftlichen Höhenkammliteratur greift der Autor auf unterschiedlichste Archivbestände (Gerichtsakten, populäre Zeitschriften, Memoiren von Anstaltsleitern etc.) zurück und rekonstruiert dadurch umfassend die „Bedingungen des historischen Erscheinens“ (Foucault, 2007, S. 72) der „feeble minds“ in der US-amerikanischen Gesellschaft. Dabei sticht besonders positiv hervor, dass Trent – in einem Bereich, in dem autobiographische Berichte von Betroffenen oft weitgehend fehlen (Burch & Sutherland, 2006, S. 142) – eine verblüffende Anzahl an Ego-Dokumenten zutage fördert. Die mitunter eindringlichsten Passagen finden sich einerseits dort, wo der Autor auf Basis der Analyse des Schriftverkehrs zwischen Internierten und Angehörigen subjektive, nicht-professionelle Sichtweisen auf das Leben in der Anstalt und das damit verbundene Behinderungsgeschehen nachzeichnet (v.a. S. 93-128). Andererseits gelingt es dem Autoren eindringlich, die „feeble minds“ als eine gesellschaftstheoretisch zu analysierende Kontrastgruppe (McDonagh, 2008, S. 2) zu bürgerlich-modernen Subjektentwürfen hervortreten zu lassen, deren Geschichte insbesondere im Zusammenhang mit modernen Produktionsverhältnissen zu sehen ist. Die US-amerikanische Geschichte zeigt deutlich, dass die Problematisierung der „feeble minds“ wiederholt der Medikalisierung von Armutsverhältnissen diente: „. I hold that the tendency of elites to shape the meaning of intellectual disability around technical, particularistic, and usually psychomedical themes led to a general ignoring of the maldistribution of resources, status, and power so prominent in the lives of intellectually disabeld people.“ (S. xix)

Wahrscheinlich bringt es der enorme Detailreichtum der Studie mit sich, dass vereinzelte Interpretationen des Autoren diskutabel erscheinen. Hervorzuheben ist hier lediglich, dass sich die Darstellung der US-amerikanischen Eugenik tlw. nicht mit den neusten Forschungsergebnissen deckt. So beschreibt Trent die Faszination der Scientific Community für die Eugenik als kurzlebig. Im Wesentlichen habe eine nicht-eugenische Humangenetik die eugenische Bewegung bereits ab den 1920er-Jahren aus dem Bereich der etablierten Wissenschaft verdrängt (S. 195). Kühl (2014, S. 128-162) zufolge kam es im angelsächsischen Raum in diesem Zeitraum zwar zu einer Krise der orthodoxen Eugenik und zur Entstehung einer vorsichtiger argumentierenden Humangenetik. Eine gänzliche Abkehr von den Grundlagen der Eugenik vollzog die Humangenetik aber nicht. In keiner Weise soll dieser Kritikpunkt die Verdienste von Trent schmälern. Zu wünschen ist vielmehr, dass die Zweitauflage seiner pionierhaften Studie als Impulsgeber für weitere Geschichten von „geistiger Behinderung“ insbesondere auch im deutschsprachigen Raum dient.

Literatur

  • Bösl, E. (2013). Was ist und wozu brauchen wir die Dis/ability History? In H.-W. Schmuhl & U. Winkler (Hrsg.), Welt in der Welt. Heime für Menschen mit geistiger Behinderung in der Perspektive der Disability History (S. 21-41). Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.
  • Brian, K., & Trent, J. W. (2017, im Erscheinen). Phallacies: Historical Intersections of Masculinity and Disability. New York: Oxford University Press.
  • Burch, S., & Sutherland, I. (2006). Who's Not Yet Here? American Disability History. Radical History Review, Winter 2006(94), 127-147.
  • Foucault, M. (2007). Archäologie des Wissens (13. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • Goddard, H. H. (1912). The Kallikak Family: A Study in the Heredity of Feeble-Mindedness. New York: Macmillan.
  • Klein, A. (2010). Wie betreibt man Disability History. Methoden in Bewegung. In E. Bösl, A. Klein & A. Waldschmidt (Hrsg.), Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung (S. 45-63). Bielefeld: Transcript Verlag.
  • Kühl, S. (2014). Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Fall der internationalen eugenischen Bewegung im 20. Jahrhundert (2. Aufl.). Frankfurt & New York: Campus Verlag.
  • McDonagh, P. (2008). Idiocy. A Cultural History. Liverpool: Liverpool University Press.
  • Noll, S., & Trent, J. W. (2004). Mental Retardation in America. A Historical Reader. New York: New York University Press.
  • Schmuhl, H. W. & Winkler, U. (2013). Welt in der Welt. Heime für Menschen mit geistiger Behinderung in der Perspektive der Disability History. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.
  • Steffen, M. (2017). „Damit dem Zögling die Möglichkeit genommen wird, in die dumpfe Welt seiner Triebe abzuirren.“ Zur Geschichte der Anstaltsversorgung von „Schwachsinnigen“ in der deutschsprachigen Schweiz, 1925-1945. Bern: Edition Soziothek. Verfügbar unter: www.soziothek.ch
  • Trent, J. W. (1994). Inventing the Feeble Mind. A History of Mental Retardation in the United States. Berkeley & Los Angeles: University of California Press.
  • Trent, J. W. (2012). The Manliest Man. Samuel G. Howe and the Contours of Nineteen-Century American Reform. Amherst: University of Massachusetts Press.
  • Trent, J. W. (2016). Inventing the Feeble Mind. A History of Intellectual Disability in the United States (2. Aufl.). New York: Oxford University Press.
  • Waldschmidt, A. (2010). Warum und wozu brauchen die Disability Studies die Disability History? Programmatische Überlegungen. In E. Bösl, A. Klein & A. Waldschmidt (Hrsg.), Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung (S. 13-27). Bielefeld: Transcript Verlag.

Rezensent
Dipl. Sozialpädagoge Markus Steffen
MSc Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Markus Steffen. Rezension vom 22.06.2017 zu: James W. Trent: Inventing the Feeble Mind. Oxford University Press (Oxford OX2 6DP) 2016. ISBN 978-0-19-939618-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22680.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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