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Sina Motzek-Öz: Handlungs(ohn)macht im Kontext

Cover Sina Motzek-Öz: Handlungs(ohn)macht im Kontext. Eine biographische Analyse des Handelns von Migrantinnen in transnationalen Unterstützungskontexten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 278 Seiten. ISBN 978-3-7799-3635-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Frauen mit türkischem Migrationshintergrund werden immer mal wieder Defizite zugeschrieben: Mangelnde Deutschkenntnisse, geringe Schulbildung, niedrige Einkommen, sozialer Rückzug. Selbst da, wo dies zutrifft, haben auch diese Frauen nicht nur Ohnmachtsgefühle, sondern können Momente der Handlungsmacht gewinnen oder erinnern.

Autorin

Dr. Sina Motzek-Öz ist Sozialarbeiterin (BA), hat einen MA in angewandten Sozialwissenschaften und ist mit der vorliegenden Studie 2016 an der Universität Kassel promoviert worden. Derzeit ist sie dort am Institut für Sozialwesen Lehrkraft.

Aufbau

In den ersten drei Kapiteln klärt die Autorin ihre theoretischen Grundlagen und das methodische Vorgehen.

Im Mittelpunkt stehen Interviews mit acht Migrantinnen türkischer Herkunft. Motzek-Öz transkribiert, dokumentiert und interpretiert deren Erzählungen. Zentrale Passagen werden auch in türkischer Sprache wiedergegeben.

Im 6. Kapitel fasst sie die Ergebnisse in Hinblick auf transnationale Unterstützung und Implikationen für die Soziale Arbeit zusammen.

Inhalt

Die Studie handelt von Migrantinnen türkischer Herkunft mit depressiven Beschwerden. Selbst in dieser zurückhaltenden Formulierung steckt eine Deutung, wird Differenz behauptet, wird Hilfsbedürftigkeit konstruiert. Der Begriff der „Depression“ ist einerseits sozial vermittelt und klinisch definiert, andererseits reduziert er tendenziell Personen auf eine (mögliche) Erkrankung, riskiert Stigmatisierung.

Personen werden immer als Handelnde verstanden, die mehr oder auch weniger Handlungsmacht haben, genauer gesagt: in dieser oder jener Situation Handlungsmacht oder -ohnmacht wahrnehmen oder behaupten. Mit Agency ist ein Konzept verbunden, das danach fragt, welche Handlungsmöglichkeiten eine Person sich selbst zuschreibt oder andere Personen ihr zuschreiben. Menschen sind nie nur Opfer oder handeln immer nur autonom.

Diese Frage betrifft gerade auch die Krankheit: Glauben die Protagonisten eher, dass sie Wirkmacht über sie haben, zielgerichtet ihr entgegenhandeln können, oder fühlen sie sich ihr (oder dem Gesundheitssystem ausgeliefert)? Handlungsmacht zu stärken und Spielräume zu erweitern, ist nun mal eine Aufgabe der Sozialen Arbeit.

Acht Interviews werden hier vorgestellt: Entlang einiger Schlüsselfragen der Autorin erzählen die Frauen (eigentlich zum ersten Mal in ihrem Leben, wie sie sich bewusst werden) die eigene Lebensgeschichte. Dazu gehören dramatische und traumatische Ereignisse, etwa die Heirat in Deutschland als Flucht aus dem türkischen Elternhaus, die Heirat mit einem ungeliebten „Versorger“, die Scheidung vom gewalttätigen, dem Glücksspiel verfallenen Ehemann, der unerklärliche Tod eines Kleinkindes, die Rückkehr der Tochter und deren Familie in die Türkei, Morddrohungen aus der Verwandtschaft wegen religiöser Neuorientierung. Bekannt ist das Dilemma zwischen der Anforderung, Geld zu verdienen, und der Tradition, dass die Frau zuhause bleibt.

Für die psychische Gesundheit ist es nur von Nutzen, wenn die Frauen für sich bestimmen können, welche Anteile an Verantwortung sie sich zuschreiben. Gesundheitshandeln nennt es die Autorin. Solche Agency-Konstruktionen sind dazu geeignet „biografische Kohärenz“ herzustellen. Dazu schätzen die Frauen ein, welche Einflüsse Kultur, Religion, finanzielle Lage, Bildungsstand, Fremdsprachenkenntnisse und Geschlecht auf ihren Lebensweg hatten. Sie entwickeln eigene Analysen zu den Ursachen ihrer depressiven Beschwerden. Eine (laut „Simirna Yilmaz“) sind z.B. der massive Leistungsdruck und die stets drohende Entlassung durch die Zeitarbeitsfirma. Die tatsächlich folgende Arbeitslosigkeit, so die Interpretation, habe dann das Selbstverständnis der zukunftsorientierten, selbst bestimmenden „Gastarbeiterin“ ins Schwanken gebracht.

Sofern die interviewten Frauen sich selbst oder andere ihnen weniger Wirkmacht zuschreiben, sind auch eigene Werte, etwa Selbstdisziplinierung, Geduld und „Aufopferung“ dazu geeignet, Handeln zu erklären, ja Nichthandeln als Option zu verstehen.

In den anschließenden Empfehlungen für die Soziale Arbeit hebt die Autorin genau dies hervor: Es gilt, „Adressat_innen bei der Modifizierung von Handlungsorientierungen nach ihren eigenen Maßstäben zu unterstützen“. Die Erfahrung von wirkmächtigem Handeln und die „Artikulation von Vulnerabilität und Verletzung“ brauchen gleichermaßen Raum und Anerkennung.

Diskussion

Frau Motzek-Öz kommt das Verdienst zu, die Lebensgeschichten von türkischstämmigen Frauen vorzustellen. Es sind eindrucksvolle Erzählungen von Leid und Glück, die allen Respekt verdienen. Dazu gehören deren starke Reflexionen darüber, wer ihr Leben gelebt hat, und wieviel davon sie selbst.

Die Interpretationen und theoretischen Überlegungen hierzu bewegen sich auf höchstem Niveau, jedenfalls begrifflich und der Abstraktion nach. Der Rezensent gibt zu, dass er sie nicht alle verstanden hat. Was soll „Gesundheitshandeln“ sein? Wieso ist ein Lebenslauf gleich eine Biografie? Es scheint eine neue Mode zu sein, alles „auf dem Hintergrund von.“ zu betrachten, ohne dass Ursachen und Wirkungen dekliniert werden.

Ärgerlich finde ich die wiederholte Evokation des Terms „Transnational“. Erstens spielt, soweit es sich nicht um Politik und Fußball handelt, im Alltagshandeln nicht die Staatsangehörigkeit eine Rolle, sondern das Set von Regeln, denen die Personen folgen. Es sind die Einstellungen und Werte, die Selbstverständlichkeiten des Alltags, gemeinhin als Kultur bezeichnet, welche die Individuen mit anderen teilen, die aber individuell und gruppenspezifisch auch unterschiedlich sind. Zweitens meint die Autorin wohl die Kommunikation zwischen Familienangehörigen, die in Deutschland oder der Türkei leben, wobei über diese (jede!) Distanz hinweg manche umso intensiver kommunizieren, manche mal mehr den Schein wahren wollen.

Die Empfehlungen, die Motzek-Öz abschließend für die Soziale Arbeit formuliert, sind nachzuvollziehen, aber nicht neu: mehr Empowerment, mehr zweisprachige Mitarbeiterinnen in der Sozialpsychiatrie, mehr Biografiearbeit.

Fazit

Einerseits vermittelt das vorliegende Buch einen mitreißenden und empathischen Einblick in migrantische Lebenswelten und fördert den Respekt vor Lebensleistungen, die oft leichthin mit Scheitern verbunden werden.

Andererseits zeigt es erneut das Problem, dass Dissertationen so dicht, so abstrakt, so im akademischen Jargon formuliert sind, dass die Lektüreanstrengung die Freude an neuen Erkenntnissen erheblich mindert.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 27.06.2017 zu: Sina Motzek-Öz: Handlungs(ohn)macht im Kontext. Eine biographische Analyse des Handelns von Migrantinnen in transnationalen Unterstützungskontexten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3635-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22683.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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