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Cordula Endter, Sabine Kienitz (Hrsg.): Alter(n) als soziale und kulturelle Praxis

Cover Cordula Endter, Sabine Kienitz (Hrsg.): Alter(n) als soziale und kulturelle Praxis. Ordnungen - Beziehungen - Materialitäten. transcript (Bielefeld) 2017. 364 Seiten. ISBN 978-3-8376-3411-2. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Thema

Die Autoren argumentieren aus einer kulturwissenschaftlich-kulturanthropologischen Perspektive, weil unser Verständnis des Alter(n)s mit Blick auf die Prozesse und Beziehungen, die Materialität(en) und kulturellen Ordnungen, in die es eingebettet ist, neu gefasst werden muss. Obgleich das Alter(n) gegenwärtig insbesondere in der Soziologie und Psychologie starke Beachtung findet, fehlt es an einer kulturwissenschaftlichen-kulturanthropologischen Betrachtung. Diese Lücke soll der vorliegende Band schließen, indem er das Alter(n) als eine Form der kulturellen Praxis begreift, deren Bedeutung erst in der Zusammenschau und im Handeln einer Vielzahl von Akteurinnen entsteht.

Zielgruppen, die erreicht werden sollen, sind politische Entscheidungsträger und Praktiker; vor allem aber Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, die sich aktuell den unterschiedlichen Anforderungen eines ›aktiven‹ Alterns und den damit verbundenen tiefgreifenden Veränderungen des Alltags stellen müssen.

Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen sind, Cordula Endter (M.A., Dipl.-Psychologin), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie an der Universität Hamburg und Sabine Kienitz, (Prof. Dr.) Professorin am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie ebenfalls an der Universität Hamburg.

Aufbau

Das Buch ist neben einer Einleitung in drei Teile mit jeweils spezifischen Kapiteln differenzierter Länge von unterschiedlichen Autoren verfasst, gegliedert.

Die Einleitung von den beiden Herausgeberinnen ist mit dem Titel überschrieben „Alter(n) in Beziehungen“ überschrieben. In ihr wird hervorgehoben, dass es Anliegen des Sammelbandes sei, die sozialen und kulturellen Praktiken, in denen Ordnungen, Erscheinungsformen und Vorstellungen des Alter(n)s ausgehandelt würden, vorzustellen. Es sei eine volkskundlich- kultur- wissenschaftliche Perspektive, die das Altern als eine soziokulturelle Konstruktion verstehe. Die Beiträge des Sammelbandes fußen auf einer interdisziplinären Tagung „Alter(n) in Beziehungen. Ordnungen – Praktiken – Materialitäten“, die Anfang des Jahres 2015 in Hamburg stattfand.

Zu Teil I „Ordnungen des Alter(n)s“

Teil I „Ordnungen des Alter(n)s“ beginnt mit einem Kapitel „Muße, Zeitwohlstand und Langeweile“ von Tina Denninger und Silke van Dyk. Abseits der ständigen Leistungsgesellschaft wird die Frage gestellt, was ist mit Menschen, die über „Zeitwohlstand“ verfügen, vielleicht sogar an zu viel Zeit leiden? Es wird diskutiert, warum es so schwer ist, über Langeweile „als kleiner Bruder des Todes“ zu problematisieren und zu artikulieren. In einem Forschungsprojekt der Friedrich – Schiller – Universität Jena wurde eine Analyse konkreter Zeitbewältigungsstrategien im Ruhestand untersucht.

Das zweite Kapitel dieses ersten Teils wurde von Irene Götz, Esther Gajek, Alexandra Rau und Petra Schweiger geschrieben und steht unter dem Titel „Prekärer Ruhestand. Arbeit und Lebensführung von Frauen im Alter“. Es wird skizziert, weshalb speziell Frauen mit ihren Erwerbsbiografien im Alter schlecht abgesichert sind (S. 56 ff). Grundlage sind biografische Tiefenstudien auf der Basis von teilnehmender Beobachtung und leitfadengestützten narrativen Interviews mit Frauen im Münchner Raum. Schlussfolgerungen, die Vulnerabilität und Prekarisierungserfahrungen verstärken, entstünden unter anderem durch körperlichen Verfall, Mieterhöhungen, Scheidung vom Partner oder dessen Tod.

Ein weiteres Kapitel des ersten Teils von Anna Sarah Richter setzt sich mit der „Anerkennung im Alter. Erfahrungen von Anerkennungen, Abwertung und Ausgrenzung in biographischen Erzählungen älterer Frauen in Ostdeutschland“ auseinander. In diesem Beitrag geht es um Erfahrungen der Anerkennung, Abwertung und Ausgrenzungen in biografischen Erzählungen von älteren Frauen, die schon immer in Ostdeutschland gelebt haben. So stelle die Position als Großmutter für einen Teil der Frauen altersspezifische Anerkennungsverhältnisse dar, der Ausstieg aus dem Berufsleben aber kennzeichnet meist einen Verlust an Anerkennungsquellen (S. 88).

Das vierte Kapitel „Too old to die young“ wurde von Gerrit Herlyn geschrieben und beschäftigt sich mit Vertretern von Jugendkulturen, die selbst gealtert sind. So führe deren Älterwerden dazu, dass die spektakulären körperbezogenen Praktiken (Kleidung etc.) wegfielen und mehr eine bestimmte Einstellung als „punk persona“ als Wertemerkmal in den Vordergrund trete.

Im nächsten Kapitel versucht Rebecca Niederhauser herauszuarbeiten, wie der Widerspruch, der das Alt – Werden propagiert, das Alt – Sein aber verwirft, zu lösen sei. „Ich kann das Alter nicht definieren. Alltägliche Alter(n)swirklichkeiten im Dazwischen: Auslotungen einer ethnographischen Dispositivanalyse des ‚jungen Alters‘“ ist der Titel des Beitrages. Die Devise dabei sei „alt werden, aber nicht alt sein“.

Das letzte Kapitel dieses Teils „Alter im Blick“ von Harm- Peter Zimmermann beschäftigt sich mit der Überthematisierung des Alters, womit nicht nur ein rein quantitatives Phänomen gemeint ist – die Masse an Medienberichten etc., sondern besonders ein qualitatives – Probleme der Wertung und Abwertung des Alters (S. 135). Die Argumentationslinie dieses Beitrags erfolgt in vier Schritten – 1. Überdeterminierung des Blicks im Allgemeinen, 2. Überdeterminierung von Alter im Besonderen, 3. wie kann diese überwunden werden und 4. Dethematisierung von Alter.

Zu Teil II „Beziehungen des Alter(n)s“

Teil II „Beziehungen des Alter(n)s“ beginnt mit einem Kapitel von Larissa Pfaller und Mark Schweta „altern zwischen Medikalisierung und reflexiver Praxis. Der Alltag im Zeichen des Anti- Aging“. Hier soll rekonstruiert werden, wie Anti – Aging – Anwender und interessierte Laien die Anti – Aging – Medizin wahrnehmen und sich ihr gegenüber verhalten.

Das zweite Kapitel steht unter der Überschrift „Empowerment the Elderly. A Cultural Analysis oft he Relational Practices within a Municipal Home – Health – Visit“, geschrieben von Amy Clotworthy. Es soll dargelegt werden, wie mit dem Empowerment Ansatz in einer Gemeinde in Dänemark ältere Menschen motiviert werden, Hilfe zur Selbsthilfe zu realisieren. Die Autorin kommt zum Schluss, dass diese Methode dann an ihre Grenzen stößt, wenn es eine symbiotische Beziehung zwischen Mann und Frau gibt und diese sich nicht aus ihren Verstrickungen lösen können.

Ein weiteres englischsprachiges Kapitel, von Kamilla Nortoft verfasst, setzt sich mit der Notwendigkeit auseinander, empathisch in Interventionen zu sein. Es trägt den Titel „When Anna moved to a Nursing Home. Empathic Movements between Self and Others in the Desicion Making and Process of Moving“. Besonders interessant sind die Ausführungen zu den 1. Person – Subjekt – Beziehungen. Um empathisch zu sein, ist es unerlässlich, sich in die 1. Peron hinein versetzen, sie wahrnehmen zu können, sich aber nicht darin zu verstricken. Es könnte nur dann fundiert entschieden werden, wenn das gesamte Familiensystem in die ethnografische Arbeit einbezogen würde (S. 203 ff).

Tina Suopajärvi, eine finnische Ethnographin, hat das Kapitel „Experiencing Ageing through Urban Ethnographic Walks“ verfasst. Sie beschreibt, wie sie mit Älteren an urbane Plätze geht und welche Vorteile diese Methode hat, um die Mobilität der Menschen zu vergrößern.

Das fünfte und damit letzte Kapitel des zweiten Teils von Barbara Ratzenböck befasst sich mit „Recycelte Fernseher und ‚abgestochene Computer‘“. Sie untersucht in Österreich die Nutzung und Deutung von Informations- und Kommunikationstechnologien älterer Frauen. Über den methodischen Zugang von Walking Interviews in deren Wohnungen wird versucht, die Objekte des Alltags in das Untersuchungsgeschehen mit einzubinden.

Zu Teil III „Materialitäten des Alter(n)s“

Vestimentäre Praktiken von Frauen über 60 Jahren“ ist das erste Kapitel des dritten Teils „Materialitäten des Alter(n)s“. In diesem Teil werden Dinge des Alltags in den Blick genommen – als erstes die Kleidung und das was sie über deren Träger ausdrückt.

Die Autorin dieses Beitrags ist Esther Gajek. So entsprach die Garderobe einem Kleidungsstil, den die Frauen über Jahrzehnte entwickelt hatten, wobei zwischen den Trägerinnen kein einheitlicher Stil bevorzugt wurde, sondern er war sehr verschiedenartig. Die Kleidungswahl veränderte sich mit zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen (leicht anziehbar, nicht drückend etc.). Entscheidend sei nicht das kalendarische Altern. Vielmehr hätten die Sozialisation, das Einkommen, die aktuellen Lebensumstände oder das Körpergewicht Einfluss auf den spezifischen Kleidungsstil der Frauen (S. 286).

Maria Keil verfasst Kapitel zwei „Alter(n) in der Horizontale oder ein Bett ohne Ruhe“. Die Ausführungen beziehen sich auf den Aspekt der Materialität des Bettes und seine Beziehung zum Altern am Beispiel des Krankenhaus- bzw. Pflegebettes. Bei der Pflege älterer Menschen stehe das Bett im Zentrum der Wohn- und Behandlungsräume, das bestimmte Normen zu erfüllen habe, die wiederum Gefahren bergen und Einschränkungen der Freiheit darstellten. Die Autorin weist darauf hin, dass der Ruhestand nicht nur in der unruhigen Materialität des Bettes verbracht werden sollte (Bewegungen durch Aktoren).

High- Tech und Handtasche. Gegenstände und ihre Rolle in der Pflege und Unterstützung älterer und alter Menschen“ ist der Titel des folgenden Kapitels von Anamaria Depner und Carolin Kollewe. Es werden Pflegedinge, die direkt und ausschließlich mit pflegerischem Handeln in Verbindung stehen, in den Blick genommen (Spritzen, Verbände, Dokumentationsmappen etc.) aber auch Dinge, die bedeutsam in der Biografie waren (Handtasche, Feuerzeug etc.).

Die nächsten beiden Autorinnen sind die Herausgeberinnen des Bandes, die zur Thematik „Materielle Beziehungen. Zur Dialektik der Dinge des Alltags“ Stellung nehmen. Es wird die dialektische Beziehung zwischen alternden Dingen und alternden Menschen untersucht, deren Alterung beispielsweise bei einem Kunstwerk anders als bei technischen Dingen oder der Kleidung verlaufe.

Das letzte Kapitel des dritten Teils setzt sich mit „Vorstellungen von Altern im Klang. Praktiken des Produkt Sound Designs“ auseinander und wurde von Anna Symanczyk geschrieben. Quintessenz sei, dass es bei den Herstellern von für ältere Menschen bestimmte Produkte weniger um die ästhetische Verschönerung und Versinnlichung gehe, die funktionale Seite der Produkte und der Defizitausgleich stehe im Vordergrund.

Fazit

Es ist eine Bereicherung, gerade für Soziologinnen und Soziologen, die Auseinandersetzung mit Altern und Alter aus einer kultur- anthropologischen Sicht zu diskutieren und dabei auf ungewohnte Ansätze wie der des rezensierten Sammelbandes „Alter(n) als soziale und kulturelle Praxis“ zu stoßen. Eine Publikation, die wissenschaftlich und theoretisch anspruchsvoll ist, aber durchaus gut verstehbar.

Etwas kritisch sehe ich die drei in Englisch verfassten Kapitel, die inhaltlich einer nicht alltäglichen Theorie zugehörig sind (spirituelle Entwicklungsphasen), die, wenn man nicht sicher im Englischen ist, schnell fehl gedeutet werden könnten. Es wäre für den Leser besser gewesen, sie zu übersetzen.

Ansonsten kann man nur gratulieren, es ist ein Band, der sich lohnt, zu lesen, um eine erweiterte Sicht auf das Phänomen des Alterns und des Alters entwickeln zu können.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 22.06.2017 zu: Cordula Endter, Sabine Kienitz (Hrsg.): Alter(n) als soziale und kulturelle Praxis. Ordnungen - Beziehungen - Materialitäten. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3411-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22688.php, Datum des Zugriffs 24.06.2019.


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