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Patricia Stošić: Kinder mit Migrations­hintergrund

Cover Patricia Stošić: Kinder mit Migrationshintergrund. Zur Medialisierung eines Bildungsproblems. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 317 Seiten. ISBN 978-3-658-17172-8. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Wie der Titel schon unschwer vermuten lässt, stehen Kinder mit Migrationshintergrund als zu Exemplifizierendes im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung wie medialen Umsetzung. Anders als in den meisten Publikationen mit dieser Zielgruppe findet sich bei Stošić die Medialisierung als spezieller Zugriff auf die in den Blick genommene Problematik. DER SPIEGEL und DIE ZEIT stehen für mediale Verarbeitung in Theorie und Praxis.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk bildet die Dissertation von Patricia Stošić und wurde von ihr 2013 an der Universität Frankfurt/Main eingereicht. Schon daraus leitet sich ab, dass wissenschaftliche Analyse und Expertise das Vorgehen dominieren. Letztlich liegt ein Vorhaben auf dem Tisch, dass für den Wissenschaftsbetrieb verfasst worden ist und dessen Standards bedient, obwohl es weit darüber hinaus von Relevanz sein könnte.

Aufbau

Das Buch nimmt klassisch alle Bestandteile des Titels in den Blick, wobei die aktuelle Entlehnung PISA als Anknüpfungspunkt dient. Alle theoretischen Grundlagen in und um Wissenschaft werden theoretisch herausgeschält, um die Systeme Wissenschaft und Medien separiert mit ihren Wirkweisen und Ansprüchen in den Blick zu nehmen. Auf die Ausführungen um System und Umwelt mit Konstruktivismus, Kommunikationsbegriff und Funktionssystem nach Luhmann folgen Wissenschaft und Medien an sich sowie Bildung und Migration als theoretische und praktische Größen, die das theoretische Kompendium abrunden. Untersuchungsdesign und empirische Untersuchung nehmen abschließend vor der Zusammenfassung einen breiten Raum ein.

Inhalt

Kinder mit Migrationshintergrund stehen schon seit Jahren im Zentrum der Aufmerksamkeit. Insbesondere der PISA-Schock sitzt in Deutschland noch immer tief. Viele Ansätze werden in Praxis und Theorie diskutiert, für Stošić bildet der erziehungs-/sozialwissenschaftliche Diskurs den Bezugspunkt. Vor allem aber untersucht sie, wie ein bildungswissenschaftliches Thema in Medien gelangt. Um diesen Weg gehen zu können, taucht sie in die Frage ein, ob sich Wissenschaft an mediale Logik anpasst bzw. inwieweit Wissenschaft medial vereinnahmt wird, sich unscharf abgebildet wiederfindet oder sich durch Medien, Politik oder öffentliche Diskurse in ihrer Wirkweise distanzieren lässt. Der extreme Fall wäre sich an der Eigenlogik der Medien zu orientieren, um finanzielle Förderungen zu erhalten.

Forschungspraktisch stellte sich für die Autorin in der Folge die Frage, welche Quellen sie aus DER SPIEGEL und DIE ZEIT heranziehen sollte: Thematische oder nur wissenschaftsbezogen Thematische. Systemtheoretisch rückgebundene Erwägungen ließen beide in die Analyse einfließen. Im Luhmann´schen Sinn sind Soziale Systeme Kommunikationen. Ausführungen zu systemtheoretischen Grundbegriffen, erkenntnistheoretischen Grundlagen, Wissenschaftssystem, Massenmedien, Verortung eines Medialisierungskonzepts folgen. Die Argumentationen basieren fast ausschließlich auf Luhmanns Theorie.

Nach der analytischen Vorbereitung der vorzunehmenden qualitativen Literaturuntersuchung folgt die Fokussierung auf den Bildungsproblem für ‚Kinder mit Migrationshintergrund‘. Bildung, Bildungsdisparitäten, Bildungserfolg werden entlang von individuellen und kollektiven Bildungswegen/-modellen untersucht und bestimmt.

Die Untersuchung selbst, den umfangreichsten Teil, eröffnet die Autorin klassisch mit methodischen Abwägungen, Auswertungsmöglichkeit sowie interpretativen Anwendungen, topischer Analyse sowie story-line-Methode. Das Codebuch steht anschließend mit der quantitativen Auswertung von Kategorien. Mediale Konstruktionen, Rekonstruktionen sowie strukturbezogene Erklärungsansätze bilden den Schluss des empirischen Kapitels. Das gesamte Kapitel ist wissenschaftlich hervorragend geplant, aufgebaut und ausgewertet. Zudem sei angemerkt, dass es visuell und textlich sehr gut anspricht.

Sowohl bereits in den einzelnen empirischen Analyseschritten und deren Auswertung finden sich immer wieder Bezüge auf das zuvor dargelegte theoretische Konstrukt. Ebenso weist die Zusammenfassung mit Ausblick viele (indirekte) Rückbezüge, so dass der spezifische Fall der Anpassung der Funktionssysteme Wissenschaft und Medien in der Theorie höchst gelungen ist, auf, doch lässt sich die Tiefe wissenschaftlicher Erkenntnis kaum abbilden. Wissenschaft, Migrationshintergrund und Medialisierung ergeben aufgrund ihrer dialektischen Zusammenführung zum Teil paradoxe Effekte.

„Eine Harmonie der Täuschungen verweist auf eine Wirklichkeit, die zwar nicht beliebig, aber dennoch als kontingent – als immer auch anders möglich – gedacht werden muss und an deren Konstruktion immer auch die Wissenschaft beteiligt ist. Wissenschaft macht nicht nur Wissenschaft, sie macht Gesellschaft. Weder ist es möglich aus diesem Spiel auszusteigen, noch kann kontrolliert werden, wie wissenschaftliche Ergebnisse verwendet werden.“ (Stošić 2017, 298)

Diskussion

Die thematische Anschlussfähigkeit des wissenschaftlichen Themas „Kinder mit Migrationshintergrund“ und deren mediale Verarbeitung wirft überhaupt keine Probleme in der „Szene“ auf, doch bleibt dies – das mag dem Vorhaben Dissertation geschuldet sein – dem akademischen Funktionssystem inhärent und schließt damit selbst Fachöffentlichkeiten aus. Luhmann ist als Autor äußerst brillant, doch sperrt sich seine Wissenschaftssprache gegen Medialisierung. Der Inhalt des Buches bringt analytisch und alltagspraktisch für geneigte Lesende eine ausgezeichnete Wiedergabe von Luhmanns systemtheoretischem Denken – wie andere aus der Theorie herangezogene Vorüberlegungen, Erhebungsinstrumentarien usw. – in Bezug auf Wirklichkeit, Konstruktionen und Massenmedien beeindruckende Erkenntnisse, doch bleibt er beim derzeitigen Bildungsstand für die Mehrheit der Menschen ein „Buch mit sieben Siegeln“. Das provoziert die Frage, ob aus dem Wissenschaftssystem heraus nicht auch medial gearbeitet werden müsste. Stošić stellt fest: „Ihr [Medien, LF] Geschäft ist die Realität – nicht deren Infragestellung (außer wenn diese dazu dient, neue Realitäten zu schaffen). Sie sind außerdem nicht daran interessiert, wissenschaftliche Komplexität zu erhalten oder weiter auszudifferenzieren. Sie sind auf kondensierte und anschlussfähige Wissensbestände angewiesen.“ (Stošić 2017, 226f)

Aus dem Wissenschaftsdilemma führt eine Bemerkung indirekt aus der Zusammenfassung heraus. Die Autorin macht – wie auch schon im Buch selbst – Sprachverwendungen für Stigmatisierung und auch Unschärfen deutlich, doch verweist sie auf den Gedanken, dass auch andere Begriffe, egal auf welchem System diese aufsäßen. kommunikativ immer vom Verwertungsgedanken abhingen. Obwohl die empirischen Erhebungen schon in den Jahren 1997/98 stattfanden, hat die Studie insgesamt eine relative Zeitlosigkeit, denn durch die extrem guten Erhebungsweisen von Bildung, Migration, individueller und kollektiver Problematik lassen sich sehr schnell Analogien erschließen. Eine Kritik kann gegenüber der anfänglichen Dominanz von Theorie gegenüber der tatsächlichen Einarbeitung in das empirische Projekt geübt werden.

Fazit

Patricia Stošić hat eine wissenschaftliche Analyse von beachtlichem Wert vorgelegt, die Kenntnisse zu Luhmann voraussetzt, das mediale wie auch das wissenschaftliche System an sich sehr gut jeweils spezifisch als auch in Verbindung analysiert und bestimmt. „Kinder mit Migrationshintergrund“ finden mit dem Spezifikum „Bildung“ ebenso eine sehr gelungene Aufnahme, indem individuelle und gesellschaftliche Bedingungen diskutiert und empirisch über zwei Jahrgänge von DER SPIEGEL und DIE Zeit in Wissenschafts- und Öffentlichkeitsdiskursen überprüft und in ihrer Systemlogik entblättert wie gegenläufig analysiert werden. Letztlich bleiben die Systeme jedoch in ihrer Logik hängen. Das sprachliche Differenzdilemma zwischen Wissenschaften und der relativen Oberflächlichkeit und Unschärfe alltäglicher Systeme bleibt – insbesondere bei wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten – bestehen. Nicht thematisiert bleibt von Stošić einerseits die unterschiedliche Sprachausformung der Boulevardpresse und der Leserinnen und Leser selbst. Die im Buch enthalten theoretischen und methodischen Instrumentarien erlaubten diese noch komplexere Zugangsweise.


Rezensent
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 05.07.2017 zu: Patricia Stošić: Kinder mit Migrationshintergrund. Zur Medialisierung eines Bildungsproblems. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17172-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22691.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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