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Stefanie Gysin: Subjektives Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern

Cover Stefanie Gysin: Subjektives Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 292 Seiten. ISBN 978-3-7799-3627-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die von Stefanie Gysin an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz vorgelegte Dissertation geht davon aus, dass Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern, wie z.B. das Gefühl der Zugehörigkeit oder die positive Beziehung zu Peers, wichtige Einflussgrößen für eine stabilisierende und vertraute Lernumgebung darstellen. Unterschiedliche Einflussgrößen befinden sich dabei auf den Ebenen des Individuums, des Unterrichts und der Schulorganisation. Das Dissertationsprojekt von Gysin ist eingebettet in das Forschungsprogramm „Faule Jungs und strebsame Mädchen?“ an der Pädagogischen Hochschule Bern. Dementsprechend ist ein Schwerpunkt der Dissertation eine geschlechtsspezifische Analyse des Wohlbefindens.

Aufbau

Der Aufbau des Bandes umfasst sieben Kapitel:

  1. Inhaltliche Rahmung und Zielsetzung
  2. Das Wohlbefinden von Kindern in und außerhalb der Schule
  3. Zur Komplexität des Wohlbefindens
  4. Das Konstrukt des schulischen Wohlbefindens und seine Bedingungsfaktoren
  5. Präzisierung der Forschungsfragen und Untersuchungsmethode
  6. Diskussion der Ergebnisse

Zu Kapitel 1 und 2

Diese Kapitel haben einen einführenden Charakter und geben einen Forschungsüberblick zum Wohlbefinden. Auf dem Hintergrund der internationalen Child Well-being Forschung weißt die Autorin u.a. darauf hin, dass objektive Messkriterien wie z.B. Gesundheit, Bildung und Wohnen keineswegs dem subjektiven Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen entsprechen müssen. In Deutschland bewerten 59 Prozent der befragten Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren ihre Lebenszufriedenheit als sehr positiv. Positiv erhält 32 Prozent der Bewertungen, Neutral 8 Prozent und Negativ 1 Prozent. Gefragt wurde in dieser World Vision Kinderstudie (2013) nach der Lebenszufriedenheit insgesamt, dem Freundeskreis, der Freizeit, der elterlichen Fürsorge, den von den Eltern gewährten Freiheiten und der Schule. Die UNICEF – Studie Report Card zeigt mit befragten Kindern von 11 bis 15 Jahren den höchsten Wert für die Niederlande und den niedrigsten Wert für Rumänien. Deutschland führt dort das untere Drittel an.

Auf die Schule bezogen wird festgestellt, dass das Wohlbefinden von der Grundschule hin zu den Sekundarstufen deutlich abnimmt. Im höheren Schulalter nimmt allerdings die positive Bewertung von Ferien, Freizeit, Pausen und der Umgang mit den Peers deutlich zu. Einfluss hat auch die subjektive Leistungszufriedenheit wie auch die Unterrichtsqualität und die Beziehungsqualität zu den Lehrkräften.

Zu Kapitel 3

Ein schlüssiges und einheitliches Konzept des subjektiven Wohlbefindens liegt zur Zeit auch in den internationalen Forschungen nicht vor. Deshalb entwickelt Gysin in Anlehnung an Hascher ein eigenständiges Konzept. Zu den drei Hauptaspekten gehört:

- Subjektives Wohlbefinden als spezifische Gefühlsqualität.

- Subjektives Wohlbefinden als Sammelbegriff für positive Emotionen.

- Subjektives Wohlbefinden als mehrdimensionales Konstrukt (kognitive u. emotionale Faktoren).

Zu den Ursachen subjektiven Wohlbefindens wird angemerkt, dass subjektive Faktoren bedeutsamer sind als objektive Faktoren. Als eine wichtige Quelle des Wohlbefindens gelten enge positive Sozialbeziehungen.

Zu Kapitel 4

Zunächst werden verschiedene Modellvorstellungen zur schulischer Wirksamkeit und zu Bedingungsfaktoren schulischer Leistung vorgestellt und diskutiert. Dazu gehört z.B. auch die Metaanalyse von John Hattie. Aufgrund dieser Analysen werden drei Ebenen gefunden, die das Wohlbefinden in der Schule bedingen:

  1. Die Ebenen der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler,
  2. die Ebene der Eltern und der Familie sowie
  3. die Ebene der Schule und des Unterrichts einschließlich der Lehrperson.

Diese Ebenen werden ausdifferenziert und auf der Schulebene sind es z.B. die Leistungsanforderungen der Schule, schulische Rahmenbedingungen (z.B. Stundenplan, Hausaufgaben) sowie schulische Unterstützungsangebote. Diese Bedingungsfaktoren werden sodann im detailliert beschrieben und geprüft.

Auf der Ebene des Individuums u.a. die Lern- und Leistungsmotivation von Schülerinnen und Schülern sowie die Bedeutung des mikrosozialen Umfeldes (Eltern, Peers). In dem Bedingungsmodell werden zum Schluss geschlechtsspezifische Faktoren herausgearbeitet. So berichten Mädchen über positivere Einstellungen zur Schule als Jungen, ein Unterschied der insbesondere zwischen der siebten und neunten Klassenstufe auftritt. Ein positives Selbstgefühl ist bei Jungen deutlicher ausgeprägt als bei Mädchen. Teilweise finden sich solche Befunde auch in länderübergreifenden internationalen Studien.

Zu Kapitel 5

Dieses Dissertationsprojekt ist eingebettet in das Forschungsprogramm „Faule Jungs und strebsame Mädchen?“ an der Pädagogischen Hochschule Bern und der Abteilung für Bildungssoziologie an der Universität Bern.

Präzisiert werden zunächst die erkenntnisleitenden Fragestellungen der Untersuchung. Dass geschlechtsspezifisch ausgerichtete Forschungsinteresse wird deutlich, indem die geschlechtsspezifische Durchführung des Projektes dargestellt wird: Insgesamt werden 16 Gruppendiskussionen getrennt nach Geschlecht durchgeführt.

Die qualitative Inhaltsanalyse erfolgt nach Mayring. Die Auswahl der Schülerinnen und Schüler erfolgte in drei Real-, zwei Sekundar- und drei Spezialsekundarklassen (gymnasiale Vorklassen). Dabei wurde darauf geachtet, Klassen mit starken und mit schwachen patriarchalen Geschlechtsrollenvorstellungen zur Untersuchung heranzuziehen. Die durchschnittliche Gruppengröße lag bei 15 Schülerinnen und Schülern, das Durchschnittsalter betrug 14,9 Jahre.

Zu Kapitel 6 und 7

Auf der Ebene des Unterrichts wird u.a. herausgestellt, dass die Qualität der fachlichen und didaktischen Kompetenz der Lehrperson geschlechtsunabhängig als Faktor für das Wohlbefinden von Bedeutung ist.

Jungen wünschen allerdings eine stärkere Betonung derjenigen Unterrichtshalte, die auf den zukünftigen Beruf zugeschnitten sind. Auch ist die Beziehungsqualität zur Lehrperson bedeutsamer. Mädchen betonen hingegen stärker Interesse und Verständnis seitens der Lehrperson für ihre Anliegen. Dazu gehört auch, dass die Lehrperson Mädchen etwas zutrauen sollte.

Auf der Ebene des Individuums ist die Bedeutung guter Noten für Mädchen wichtiger. Jungen hingegen haben kein Verständnis für eine übertriebene Leistungsorientierung. Beide Geschlechter bestätigen, dass der Unterricht Spaß und Freude bereiten soll. Bei Mädchen wird eher eine am Misserfolg orientierte Attribuierung festgestellt, während Jungen dazu neigen Misserfolge eher äußeren Umständen zuzuschreiben.

Auf der Ebene der Schulorganisation wird von Mädchen und von Jungen eine hohe Prüfungsdichte negativ bewertet ebenso wie die langen Schultage. Für Mädchen ist die Bedeutung von Zeugnissen und Leistung wichtig, auch weil sie einen Abstieg auf tieferes Schulniveau befürchten. Jungen bewerten Unterstützungsmaßnahmen seitens der Schule positiv, wenn sie die Suche nach einem Ausbildungsplatz fördern. Für beide Geschlechter sind die informellen Zonen (Peers) innerhalb der Schule von großer Bedeutung und damit im Zusammenhang stehen auch Pausen und Schulferien.

In der Diskussion der Forschungsergebnisse stellt die Autorin u.a. Vergleiche zu ähnlichen empirischen Studien und dortigen Befunden her. So werden Parallelen zu einer führend – helfend – verständnisvollen Lehrperson hergestellt, die auch in anderen Studien herausgearbeitet wurde. Solche Zusammenhänge stellen sich auch bei dem Bedingungsfaktor freie und selbstorganisierte Unterrichtsphasen heraus, die positiv auf das Wohlbefinden wirken. Selbiges trifft auch für Vertrauen zur Lehrperson zu wie auch zu positiven Peerbeziehungen. Zur Verbesserung des Wohnbefindens nennt Gysin zusammenfassend:

  • Besser Koordination von Prüfungsterminen,
  • Schulische Unterstützung (z.B. in der Berufswahl),
  • Schulanlässe mit sozialem Austausch (z.B. Sporttage),
  • Entwicklung der Unterrichtsqualität,
  • Gestaltung der Lernumgebung,
  • Individuelle Hilfestellung,
  • Aufbau positiver Beziehungen zwischen Schüler- und Lehrerschaft.

Diskussion

Die vorliegende Studie bestätigt im Wesentlichen auch andere Befunde zum Thema des Wohlbefindens von Schülerinnen und Schülern und unterstreicht dabei die Bedeutung der Erforschung des Wohlbefindens. Die geschlechtsspezifische Analyse verweist indes auf durchaus neue geschlechtssensible Aspekte. Insgesamt sind die Ergebnisse eher „weich gezeichnet“ und in ihrer Darstellung ergeben sich Redundanzen. Hilfreich ist deshalb die überschaubare Zusammenfassung der Ergebnisse im sechsten Kapitel. Den im ersten Kapitel angekündigten pädagogische Konsequenzen hätte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden können.

Fazit

Subjektives Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern als Thema der Schul- und Unterrichtsforschung wird mittels von Gruppendiskussion und nachfolgender qualitativen Inhaltsanalyse differenziert herausgearbeitet. Durch den geschlechtsspezifischen Analyseschwerpunkt stellt die Studie eine Bereicherung im aktuellen Forschungsspektrum dar.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 30.06.2017 zu: Stefanie Gysin: Subjektives Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3627-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22692.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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