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Joachim Bischoff, Bernhard Müller: Piketty kurz & kritisch

Cover Joachim Bischoff, Bernhard Müller: Piketty kurz & kritisch. Eine Flugschrift zum Kapitalismus im 21. Jahrhundert. VSA-Verlag (Hamburg) 2015. 93 Seiten. ISBN 978-3-89965-646-6. D: 9,00 EUR, A: 9,30 EUR, CH: 13,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2013 im Original, 2014 in englisch- und deutschsprachigen Übersetzungen erschienen) lief mit dem Aufstieg einer sich seit langem abzeichnenden öffentlichen Debatte über soziale (v.a. in ökonomischen Kategorien verstandene) Ungleichheit zusammen, die zuletzt auch in unterschiedlichen Wahlkämpfen (Bernie Sanders in den USA, Jeremy Corbyn in Großbritannien, wenigstens rhetorisch auch Martin Schulz in Deutschland) eine relevante Rolle spielte. Kein Wunder also, dass in diesem Zusammenhang in den Jahren seit der Veröffentlichung eine Reihe an Sekundärtexten erschien, die sich insbesondere mit Pikettys Beiträgen zu dieser Debatte auseinandersetzen. Die vorliegende Flugschrift der Autoren Joachim Bischoff und Bernhard Müller, 2015 als Flugschrift im Hamburger VSA-Verlag erschienen, ist dieser Reihe zuzuschreiben, geht jedoch über eine bloße Zusammenfassung hinaus.

Autoren

Die Autoren Bischoff und Müller sind maßgeblich durch ihre Arbeit als Mitherausgeber bzw. Redakteur der Zeitschrift „Sozialismus“ und Mitwirkende an zahlreichen Publikationen bekannt. 2013 erschien von Müller „Erosion der gesellschaftlichen Mitte. Mythen über die Mittelschicht, Zerklüftung der Lohnarbeit, Prekarisierung & Armut, Abstiegsängste“, 2017 von Bischoff „Donald Trump – ein Präsident mit Risiko. Die USA zwischen Niedergang der Demokratie und dem Umsturz der Weltordnung“ (beide VSA). „Piketty kurz und kritisch“ ist daher im Zusammenhang mit den Überlegungen der Autoren hinsichtlich globaler Verschiebungen von polit-ökonomischer Macht und ihren Konsequenzen für sich als demokratisch verstehende Gesellschaften zu sehen.

Aufbau und Inhalt

Die 87 Seiten umfassende Flugschrift ist in vier Kapitel unterteilt. Ihnen vorgelagert ist jedoch eine konzise Einleitung (7-19), in der bereits „die zentrale These“ Thomas Pikettys benannt wird: „Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst“ bzw. „die Ungleichheit der Vermögensverteilung nehme im Kapitalismus stetig zu.“ (7) Dies liege im stärkeren Wachstum der Kapitalrendite gegenüber der Wachstumsrate und dem Zugewinn der Arbeitseinkommen begründet. Mit ökonomischer Macht geht politische Einflussnahme oftmals einher, weshalb nicht zuletzt demokratische Politiken gefährdet sind. Die Autoren stellen aber vor dem Hintergrund dieser einer Vielzahl an Lesern womöglich nicht gänzlich unbekannten Annahme gleichwohl die Frage, weshalb „Pikettys umfangreiche Darstellung nun eine so außergewöhnliche Aufmerksamkeit auf dem Büchermarkt, in der Wissenschaft sowie in der Öffentlichkeit und in der Politik gefunden hat“ (8). Es werden auf diese Frage dreierlei Antworten gegeben:

  1. Piketty liefert mit der Aufbereitung mehr oder minder verlässlicher Steuerdaten einen Beitrag zur Fortschreibung von Armut und Reichtum in der historischen kapitalistischen Entwicklung.
  2. Pikettys Auswertungen weisen trotz vereinzelter methodologischer Streitpunkte darauf hin, „dass sich die Ungleichverteilung von Einkommen und Kapitalbesitz gegenwärtig auf Werte zubewegt, die zuletzt am Ende des 19. Jahrhunderts erreicht wurden“ (10) und stellen damit „eine Zäsur in der gesellschaftspolitischen Debatte“ (12) dar. Vor dem Hintergrund vergangener und andauernder Debatten um die ‚Notwendigkeit‘ von Ungleichheit beziehen sich Bischoff und Müller u.a. auf die britischen ÖkonomInnen John Maynard Keynes und Joan Robinson, um einerseits auf „funktionslosen Reichtum“ (Robinson) hinzuweisen und andererseits vermeintlich teleologisch anmutende Annahmen über in der kapitalistischen Entwicklung erst ansteigende, dann beständig abnehmende Ungleichheit – wie sie etwa vom US-amerikanischen Ökonomen Simon Kuznets vertreten wurden – zurückzuweisen.
  3. Piketty erzählt insbesondere eine Geschichte vom Auf- und Abstieg einer vergleichsweise vermögenden Mittelschicht, drehte sich doch die ‚große Kompression‘, die Tendenz zu einer Streuung des Vermögens in weiten Teilen der kapitalistischen Nachkriegswelt, in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten um.

Im ersten Kapitel, „Erneute Zuspitzung der sozialen Kluft zwischen Reichtum und Armut in den USA und ihre Gründe“ (21-46), werfen die Autoren einen detaillierten Blick auf den Fall der USA vor dem Hintergrund der „Generalthese von Pikettys Untersuchungen […]: Die USA und die meisten modernen kapitalistischen Gesellschaften verändern ihre soziale Gestalt in Richtung einer hierarchischen Ordnung, in der eine kleine Schicht sehr mächtiger und sehr reicher Leute alle wesentlichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bereiche durch finanzielle, wirtschaftliche und politische Macht dominieren.“ (21) Anhand des Beispiels der USA lässt sich illustrieren, dass die Einkommensungleichheit bis zur Großen Depression ab 1929 stieg, danach bis in die 1970er beständig abnahm und seitdem erneut in die Höhe schnellt – die Vermögensungleichheit, die den Kern der Pikettyschen Auswertungen darstellt, nahm einen ähnlichen Verlauf. Die Kehrtwende der jüngeren Vergangenheit bezeichnen die Autoren dabei unter Rückgriff auf den US-amerikanischen Ökonom Paul Krugman als „Große Divergenz“ (24).

Ohne die Leistung dieser empirischen Analyse zu schmälern, wird bereits an dieser Stelle jedoch Kritik an Piketty geübt: Dieser bleibe überzeugende und umfangreiche Erklärungen für die beschriebenen Phänomene weitgehend schuldig – etwa unter systematischem Rückgriff auf Rolle anwachsender Geldbestände, Thesen zur zunehmenden Stagnation v.a. ‚westlicher‘ Industriestaaten oder gesellschaftlichen Verteilungskämpfen und der (abnehmenden) Rolle von organisierten Lohnabhängigen. Mit dem Hinweis auf Pikettys Arbeitsdefinition von Kapital als Vermögensbestand (!) fassen Bischoff und Müller schließlich dessen Ergebnisse wie folgt zusammen: „Das Privatvermögen wächst schneller als die Wirtschaft. Wichtiger als die Verteilungsverhältnisse durch die Arbeitseinkommen ist das zunehmende Gewicht der Einkommen aus Kapital: der Zinsen und Dividenden, Mieten und anderer Einnahmen aus Eigentum. […] Das Einkommen aus Arbeit kann nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten. Und wenn es schneller wächst als die Wirtschaft, wird eine Gesellschaft irgendwann ungleicher.“ (29 f.) Verstärkt wird diese Tendenz besonders, je näher man die gesellschaftlichen Hierarchien hinaufklettert, insbesondere die obersten 0,01 % der Bevölkerung hat von der zunehmenden Vermögensungleichheit profitiert: „Der Aufstieg einer kleinen Spitzengruppe der wirtschaftlichen Elite durch die Aneignung eines überproportionalen Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, hat eine Kehrseite: den Abstieg bei der großen Mehrheitsklasse.“ (36) Jene findet sich in konsequent prekäreren Arbeitsbedingungen wieder. Diese Beobachtungen Pikettys gelten für die USA sowie in unterschiedlichem Maße auch für europäische Länder wie Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, weshalb Piketty schließlich für eine konsequent progressive Vermögenssteuer argumentiert, transparente Vermögensdatenbeschaffung empfiehlt und „neoliberale Mentalitätsregime – Deregulierung, Niedrigsteuern für Wohlhabende, trickle-down-economy“ (31) ablehnt.

Auf diese Darstellung der originär Pikettyschen Ergebnisse folgt eine Reihe Einwürfe anderer Autoren: mit Hilfe der Historiker Jürgen Kocka und Wolfgang Merkel wird auf die Aushöhlung des politischen Gleichheitsprinzips durch ökonomische Ungleichheit verwiesen, mit Hilfe des Soziologen Wolfgang Streeck die soziale Kohäsion kapitalistischer Gesellschaften stark angezweifelt. Diese Warnungen werden mittels Verweisen auf die Erosion der US-amerikanischen Mittelschicht unterstrichen, insbesondere da es die Mittel- und Unterschicht der Einkommen waren, die wiederum von den teils gravierenden Vermögensverlusten im Zuge der Wirtschaftskrise ab 2007 am stärksten getroffen wurden, da ihr Vermögen hauptsächlich aus Immobilien bestand, deren Werte rapide sanken.

Das zweite Kapitel,„Die soziale Ungleichheit wächst auch in Deutschland“ (47-56), geht bereits über eine Zusammenfassung Pikettys hinaus, indem detaillierte Einblicke in die Entwicklung sozialer Ungleichheit in Duetschland gegeben werden. Anhand von Einkommensdaten des Statistischen Bundesamtes, die jedoch nur bis zum Jahr 2011 reichen, wird aufgezeigt, dass auch hier die bereits für die USA besprochenen Trends, wenn auch in teils schwächerer Form, bestehen. „Mit anderen Worten: Die gesellschaftliche ‚Mitte‘ steht auch in Deutschland unter erheblichem ökonomisch-sozialen Druck und schrumpft.“ (50) Deutlich drastischer fällt indes die Betrachtung der bundesdeutschen Vermögenskonzentration aus, welche „die größte soziale Schieflage im Euroraum“ (52) aufweist. Hier greifen Bischoff und Müller Daten der Bundesbank und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung auf, nicht ohne auf deren inhärente Begrenzungen bzw. tendenzielle Unterzeichnung der Vermögensungleichheit hinzuweisen. Denn die Daten der Steuerstatistik werden, erstens, nur im dreijährigen Abstand erhoben und mit bedeutendem zeitlichen Abstand veröffentlicht. Durch den Wegfall der Vermögenssteuer seit 1996 fehlt, zweitens, eine verlässliche Datengrundlage zur Messung. Die starke Zunahme der Kapitaleinkommen und der spiegelbildliche Fall der Lohnquote deutet, drittens, auf eine weitere Verstärkung hin. Zuletzt führt, viertens, die Einführung der Abgeltungssteuer seit 2009 zu einem noch schwächeren personenbezogenen Datenbestand.

Der Inhalt des dritten Kapitels „Finanzmarktkapitalismus und Umverteilung“ versucht, die bis hierhin weitgehende Aneinanderreihung empirischer Befunde in ein wirtschaftstheoretisches und wirtschaftshistorisches Narrativ einzubetten. Nach einer übersichtlichen Darstellung des oftmals als ‚Fordismus‘ bezeichneten Nachkriegsregimes kapitalistischer Akkumulation verweisen die Autoren auf tiefgehende Änderungen ab den 1970er Jahren: In diesen „setzte sich international wie in den Hauptländern des Kapitals gesellschaftlich ein Block sozialer Kräfte durch, der die Aufhebung der Widersprüche der Krise der fordistischen Entwicklungsetappe mit einer neoliberalen gesellschaftspolitischen Konzeption erzwingen wollte. Durch die Kürzung von Sozialleistungen, Privatisierung von öffentlichem Eigentum, Deregulierungen im Finanzsektor, Steuersekungen, Senkung von Staatsausgaben und Lohnquote sowie Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche wurden dann allerdings die ökonomisch bedingte Tendenz zur Verschiebung der Verteilungsverhältnisse erheblich verschärft. [.] Den Kern der Restrukturierungen der Kapitalakkumulation bildet die über die Loberalisierung des Kapitalverkehrs Ende der 1970er Jahre herausgebildete neue Qualität der Finanzmärkte.“ (58) Letztere wird zunehmend in der akademischen Debatte unter den Schlagworten der ‚finanzdominierten Akkumulation‘ und ‚Finanzialisierung‘ behandelt. Mit dieser geht eine „Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der organisierten Vermögensverwaltung“ einher, mittels derer „eine Hegemonie des Shareholder-Value in der Realökonomie“ (59) etabliert wird. Zur Kompensation des steigenden Drucks, der auf die Lohnabhängigen ausgeübt wird, wird eine ausufernde Privatverschuldung genutzt, die, wenigstens im Beispiel der USA, jedoch zunehmend an die Grenzen ihrer Tragbarkeit gedrängt wird. Hier findet sich also ein, obgleich holzschnittartiger, erster Zugriff auf die Gründe der zuvor beobachteten Ungleichheitszunahmen.

Aus diesen Verschiebungen ziehen die Autoren den Schluss, dass die materiellen Verbesserungen großer Teile der Lohnabhängigen in der Nachkriegszeit endgültig als faktisch umgekehrt gedeutet werden müssen: „Zeitweilig hatte es den Anschein, als würde durch den Ausbau der Mitbestimmung, durch soziale Reformen und den Abbau der Bildungsbarrieren eine meritokratische Gesellschaftsordnung herstellbar. Dieses Versprechen ist im Verlauf insbesondere des letzten Jahrzehnts zurückgenommen worden.“ (63) Sinnbildlich für diesen einseitig aufgekündigten Klassenkompromiss steht die Polarisierung der Einkommen und Vermögen, wie in vorherigen Kapiteln dargelegt wurde.

Die Frage nach den (un-)mittelbaren Konsequenzen der bisher geschilderten Entwicklung wird im vierten Kapitel, „Wachsende Ungleichheit ist kein unabwendbares Schicksal“ (69-87), gestellt. Bischoff und Müller schlagen hier, gemäß des Charakters einer Flugschrift, einen zunehmend härteren Ton an, indem sie angesichts des „unverschämten Reichtums der Reichen“ (70) gegenüber der beständig verunsicherteren vielbeschworenen ‚Mitte‘ der Bevölkerung „Bunkermentalitäten“ (ebd.) in den Reihen letzterer diagnostizieren bzw. befürchten. Hierunter werden „Ausgrenzungs- und Schließungsprozesse gegenüber der wachsenden Zahl derer, die sich ohne Arbeit oder mit prekärer Beschäfigung durchschlagen müssen“ (ebd.) Die Ausprägungen dieser Mentalitäten werden dabei vor allem als „wachsende[n] Distanz zum politischen System und [der] weiteren Erosion der ehemaligen Volksparteien“ (71) beschrieben. Vom sozialen Aufstieg als Ziel vergangener Generation bliebe nunmehr nicht mehr als der Versuch, die Gefahr des sozialen Abstiegs zu vermeiden übrig.

Die Antwort der Regierenden und ihren verbundenen Instanzen (wie Notenbanken) auf die Wirtschaftskrise ab 2007 hat zudem, wie passenderweise etwa mit einem Zitat des Chefvolkswirts der Deutschen Bank unterlegt wird, die gesteigerten sozialen Unterschiede vergangener Jahrzehnte nicht verringert, sondern befeuert. Dies liegt maßgeblich im Primat der Stabilisierung der Finanzmärkte und -akteure begründet, die mit Austeritätspolitiken auf der anderen Seite ausgeglichen werden sollen. An dieser Stelle, so die Autoren, „greift Piketty die keynesianische Kritik am Kapitalismus auf, wonach sich immer mehr Unternehmer in bloße Rentiers verwandeln.“ Zugleich ziehen die Autoren jedoch die Zwischenbilanz, dass Piketty und seine MitarbeiterInnen „bei der Herausarbeitung der verschiedenen Faktoren, die diese immense Ungleichheit [gemeint ist v.a. der Fall der USA] verursacht haben, […] erst am Anfang“ (76) stehen.

Dass sie dies tun, liegt auch an ihrem begrenzten Verständnis des Kapitalismus, welches bereits im ersten Kapitel anklang. Bischoff und Müller verweisen hier auf kritische Stimmen wie Ingo Stützles oder David Harveys. Ersterer hebt „die bürgerliche Leistungsideologie“ (77) heraus, die Piketty konsequent legitimiere, während letzterer anmerkt, dass Pikettys Ergebnisse zweifelsohne eine relevante empirische Auswertung darstellen und bedeutsame Einsichten beinhalten, „[d]och seine Erklärung für das Aufkommen der Ungleichheiten und oligarchischen Tendenzen […] schwere Mängel auf[weisen]. […] Seine Vorschläge für die Beseitigung der Ungleichheiten sind bestenfalls naiv, schlimmstenfalls utopisch.“ (78) Was ist mit diesen Vorschlägen gemeint? „Piketty schlägt vor, eine progressive Vermögenssteuer einzuführen, um auf der ganzen Welt den auf Vererbung beruhenden Kapitalismus in die Schranken zu weisen.“ (79) Das exakte Gegenteil aber lässt sich beobachten: Insbesondere in Bezug auf Steuern ist längst ein ‚Rennen zum Abgrund‘ zu beobachten, indem – so sie denn noch, anders als in Deutschland, noch existieren – Vermögenssteuern tendenziell abgesenkt oder direkt abgeschafft werden. Hiervon abgesehen, wird mit Daniel Stelter darauf verwiesen, dass Piketty die quantitative Dimension des Problems der hohen Verschuldung in den kapitalistischen Zentren unterschätzt.

Einen Vorgeschmack dessen, was der Fall einer weitergehenden Nichtbeschäftigung mit sozialer Ungleichheit bringen vermag, wird seitens Bischoff und Müller mit einem kurzen Verweis auf die Herausbildung neuer rechter Parteien benannt, welche meist nach Meinung der Autoren progressiven politischen Zielen wie „eine[r] Stärkung der Tarifautonomie, mehr Mitbestimmung, die Besteuerung hoher Erbschaften und Vermögen, mehr Zeitautonomie, zum Beispiel durch eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, sowie eine[r] bessere[n] Versorgung mit öffentlichen Gütern“ (83) oftmals entgegenstehen. Deren „Gebräu aus Europa-Skeptizismus und nationalistischer Rückbesinnung“ (85), wie etwa die Thesen der Wahlprogramme der Alternative für Deutschland (AfD) inzwischen einzuschätzen sind, stellen dabei keinen Ausweg aus der gegenwärtigen Misere, sondern allenthalten mittels zumeist wirtschaftsliberaler Grundüberzeugungen eine weitere Vertiefung ebenjener Entwicklungen, die sie lauthals beklagen, dar. Mit offenen Fragen bezüglich der Entwicklung der Neuen Rechten und ihrem Einfluss auf bis dato etablierte Parteienkonstellationen schließen die Autoren.

Diskussion

Um der vorliegenden Flugschrift gerecht zu werden, muss zunächst festgehalten werden, an wen sie sich mit welchem Zweck richtet. Es kann unmöglich auf derart knappem Raum der Anspruch erhoben werden, eine umfangreiche Darlegung der Pikettyschen Ergebnisse sämtlicher Veröffentlichung zu ermöglichen. Entscheidend wäre hier jedoch die Frage, ob dies überhaupt wünschenswert wäre. Mit Ulrike Herrmann könnte man dies in Zweifel ziehen, sie behauptet: „Von den 685 großformatigen Seiten [des Pikettyschen Hauptwerks] sind mindestens 600 überflüssig.“ (Herrmann 2014) Warum? Aus demselben Grund, den zuvor David Harvey bereits nannte: Zwar ist die Auswertung dieses empirisch einmaligen Materials, der World Top Incomes Database, sinnvoll und nötig – zu einem veränderten, gar neuen Verständnis des Kapitalismus in unserer Zeit trägt sie aber kaum bei. Erneut Herrmann: „Als Theoretiker kann man Piketty abhaken, trotzdem ist der Hype tröstlich. Offenbar ist die Mehrheit nicht mehr bereit, die Selbstbereicherung der Eliten zu tolerieren.“ (ebd.) Ob dem so ist, sei dahingestellt. Dennoch sollte der Zweck dieser Flugschrift darin liegen, eine knappe Übersicht des hochgelobten Lieblings des Buchhandels des Jahres 2014 zu geben und in den gröbsten Mängeln wenigstens erweiternde Ansätze zu präsentieren. Mit diesen Mängeln ist hier die weitgehende Vernachlässigung politischer Agendas (sowohl in den USA als auch der anderen von Piketty behandelten Staaten) und deren konkreter Umsetzung und die Funktionsweisen finanzdominierter Kapitalakkumulation gemeint.

Bischoff und Müller behandeln insbesondere im dritten Kapitel diese Mängel, obgleich notgedrungen übersichtlich in Formulierungen wie den bereits erwähnten. Wer nationalstaatliche Entwicklungen neoliberalen Einschlags im Detail diskutiert sucht, kann hier nur enttäuscht werden; als Einstiegsliteratur könnte stattdessen auf Harvey (2005) verwiesen werden. Dasselbe gilt für das Verständnis finanzdominierter Kapitalakkumulation, deren oberflächliche Erkennungsmerkmale die Autoren zwar durchaus treffend mit einer „Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der organisierten Vermögensverwaltung“ bzw. einer „Hegemonie des Shareholder-Value“ (59) benennen, tatsächlich aber eine feinere Darstellung eines umstrittenen Forschungsgegenstandes (Windolf 2005, Sablowski 2008, Lapavitsas 2011, French et al. 2011, Christophers 2015) selbstredend nicht leisten können. Als Flugschrift ist daher der Erklärungsgrad ausreichend und versorgt interessierte LeserInnen mit den notwendigsten Informationen zu eben einer weitreichenden Debatte, deren Ausläufer allerorten zu beobachten sind. Insbesondere in Deutschland hat der ‚lange Sommer der Migration‘ seit 2015 pikanterweise Verteilungsfragen wachgerufen, die zuvor weitgehend politisch ignoriert wurden, trotz der im Feuilleton weit und breit genutzten Verweise auf Pikettys alarmierende Auswertungen. Umso wichtiger ist es, diese weiterhin zur Kenntnis zu nehmen, um simplen Suchen nach Sündenböcken zu entgehen – dies ist ein weiteres Anliegen Bischoffs und Müllers, welches im Rahmen seines Anspruches erreicht wird. Angesichts jüngerer Äußerungen von SPD-Größen wie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil („Auch die SPD sei für soziale Gerechtigkeit. ‚Aber wir sind nicht für einen harten Verteilungskampf, wie die Linken ihn fordern. Der ist mit der SPD nicht zu machen.‘“; Presseportal 2017) inmitten eines Wahlkampfes plakatierter ‚sozialer Gerechtigkeit‘ scheint eine Kenntnisnahme der gesellschaftlichen Entwicklungen nach Piketty unumgänglich, um wenigstens Debatten wieder zu befeuern.

Nichtsdestoweniger stehen den Vorzügen dieses knappen Buches auch Vernachlässigungen gegenüber. So finden sich an mehreren Stellen überraschend unnötige Wiederholungen, die womöglich für LeserInnen gedacht sind, die nur vereinzelte der vier Kapitel zu lesen wünschen. Desweiteren, und dies stört beizeiten den Lesefluss weitaus mehr, wird zwischen nationalstaatlichen Beispielen oftmals gewechselt, sodass der/die LeserIn darauf achten muss, die individuellen empirischen Analysen nicht mehr als nötig durcheinander zu schmeißen. Zwar fördert dies den u.U. sinnvollen Aspekt, größere Gemeinsamkeiten aufzuzeigen – dies hätte jedoch auch auf anderem, klarerem Wege erreicht werden können.

Fazit

Joachim Bischoff und Bernhard Müller geben auf knappstem Raum eine Einführung in die wichtigsten Aussagen, die die sogenannte „Piketty-Debatte“ (8) prägten, in dem sie wichtige Erkenntnisse über eine seit den 1970er Jahren tendenziell zunehmende Ungleichverteilung des gesellschaftlichen Geldreichtums in Form von Einkommen und Vermögen in den westlichen Zentren kapitalistischer Aktivität überblicklich darstellen. Diese Darstellung wird um eine spezifische Darstellung des deutschen Falles und um theoretische Grundgedanken zu den – wenigstens oberflächlichen – Ursachen ebenjener Entwicklungen ergänzt. Interessierte LeserInnen finden hier einen Zugang zu einem Thema, dessen Aktualität tagtäglich zunimmt. Folglich lohnt sich eine Beschäftigung ohne weiteres auch noch zwei bzw. drei Jahre nach den entsprechenden Veröffentlichungen. Kleinere Mängel wie eine bisweilen unübersichtliche Darlegung unterschiedlich verlaufender empirischer Fälle nationalstaatlicher Referenz oder sich wiederholende Aussagen sind nicht von der Hand zu weisen, mindern jedoch den Erkenntnisgewinn nicht nachhaltig. Aus diesen Gründen ist die vorliegende Flugschrift als Ausgangspunkt vorbehaltlos zu empfehlen.

Zusätzliche Literaturverweise

  • Christophers, Brett (2015): The limits to financialization. Dialogues in Human Geography 5(2).
  • Harvey, David (2005): A Brief History of Neoliberalism. Oxford/New York: Oxford University Press.
  • Herrmann, Ulrike (2014): Dicke, schwere Fleißarbeit. taz. die tageszeitung (03.06.2014). URL: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!344586/ (15.09.2017).
  • Lapavitsas, Costas (2011): Theorizing financialization. Work, employment and society 25(4).
  • Neue Osnabrücker Zeitung (2017): NOZ: Ministerpräsident erteilt Rot-Rot-Grün klare Absage. Presseportal.de. URL: http://www.presseportal.de/pm/58964/3656611 (15.09.2017).
  • Sablowski, Thomas (2008): Das globale, finanzgetriebene Akkumulationsregime. Z – Zeitschrift Marxistische Erneuerung 73.
  • Windolf, Paul (2005): Was ist Finanzmarkt-Kapitalismus? Ders. (Hrsg.): Finanzmarkt-Kapitalismus. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 45/2005.

Rezensent
Tobias J. Klinge
B.Sc., gegenwärtig Studierender der Humangeographie M.A. an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
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Zitiervorschlag
Tobias J. Klinge. Rezension vom 02.10.2017 zu: Joachim Bischoff, Bernhard Müller: Piketty kurz & kritisch. Eine Flugschrift zum Kapitalismus im 21. Jahrhundert. VSA-Verlag (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-89965-646-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22694.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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