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Ulrike Busch, Claudia Krell u.a. (Hrsg.): Eltern (vorerst) unbekannt

Cover Ulrike Busch, Claudia Krell, Anne-Kathrin Will (Hrsg.): Eltern (vorerst) unbekannt. Anonyme und vertrauliche Geburt in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-3456-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die Beiträge des Sammelbandes beschreiben die interdisziplinären Perspektiven auf anonyme Geburten, Babyklappen und vertrauliche Geburten – vor dem Hintergrund des Gesetzes zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt, das am 1. Mai 2014 mit dem Ziel in Kraft trat, die Angebote zur Unterstützung von Schwangeren auszubauen. Die in diesem Band geführte Auseinandersetzung mit den anonymen Möglichkeiten der Kindesabgabe gründet sich auf eine aktualisierte Datenbasis, geht einer Reihe grundsätzlicher Fragen nach und ergänzt die im Mai 2017 veröffentlichten Ergebnisse der Evaluation der Maßnahmen des Gesetzes zur vertraulichen Geburt.

Einleitung und Aufbau

Die Herausgeberinnen stellen dem Sammelband eine Einleitung voran, in der sie betonen, dass die anonymen Möglichkeiten der Kindesabgabe vor dem Hintergrund der nun bestehenden Alternative der vertraulichen Geburt neu zu diskutieren und zu bewerten sind. Sie verbinden mit diesem Band die Hoffnung, dass der Wissensstand unterschiedlicher Disziplinen in diesem Kontext erneut reflektiert werden kann, die Diskussion auf der Grundlage neuer Daten und Erfahrungen belebt wird und damit „die ausstehende Entscheidung bezüglich der anonymen Angebote abschließend gefällt“ werden kann (S. 13).

Der Sammelband gliedert sich dann in drei Teile:

  • Teil I beleuchtet gesellschaftliche und rechtliche Regelungsweisen,
  • Teil II versammelt Beiträge über die Akteur_innen im Feld anonymer Abgaben und vertraulicher Geburt und
  • in Teil III werden Themen besprochen, die auf diese Angebote einen Einfluss haben oder auf die sich umgekehrt anonyme Abgaben und vertrauliche Geburt auswirken können.

Zu Teil I

In dem auf die Einleitung folgenden Teil I finden sich fünf Beiträge.

Der Aufsatz von Cornelia Grünewald befasst sich mit der anonymen Kindesabgabe aus einer historischen Perspektive. Diese umfangreiche Retrospektive setzt in der Antike an, verfolgt die Kindesabgabe über das Mittelalter bis ins 18./19. Jahrhundert, wo sie sich als Massenphänomen darstellte, und reicht bis zur aktuellen bundesweiten Verbreitung der anonymen Kindesabgaben.

Daran schließt der Beitrag von Claudia Krell an, der die gegenwärtige Situation der anonymen Kindesabgabe in der Bundesrepublik Deutschland mit anderen Ländern und Rechtskreisen vergleicht. Im Fazit stellt die Autorin fest, dass die komplexen und unterschiedlichen Situationen einen kleinen gemeinsamen Nenner haben: dass „durch Babyklappen, der anonymen Übergabe oder anonymen Geburt das Leben von neugeborenen Kindern gerettet werden soll“ (ebd. S. 42).

Im Beitrag von Anne-Kathrin Will zur „Vertraulichen Geburt in Deutschland – Genese eines Gesetzes“ werden der gesellschaftliche Hintergrund, erste Gesetzesinitiativen bis hin zum Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt nachgezeichnet.

Heike Pinne wählt in ihrem Beitrag den Schwerpunkt der Beratung nach den Vorgaben des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Sie stellt die Herausforderungen dar, die sich aus der Einführung der vertraulichen Geburt aktuell ergeben, und folgert aus ihren Überlegungen, dass die vertrauliche Geburt nicht bloß als ein weiterer Baustein in der Schwangerschaftsberatung anzusehen ist, sondern vielmehr als eigenes und neues Aufgabengebiet.

Der erste Teil des Sammelbandes wird durch den Beitrag von Ulrike Busch abgerundet, in dem sie zunächst die aktuelle Bedeutung, Erklärungsversuche und den Umgang mit ungewollten Schwangerschaften diskutiert, um anschließend gegenwärtige Unterstützungsangebote darzustellen.

Zu Teil II

Teil II des Sammelbandes vereint sieben Beiträge, die sich mit den Perspektiven der Akteur_innen im Feld anonymer Abgaben und vertraulicher Geburt befassen.

Zunächst geht Cornelia Helfferich in ihrem Aufsatz „dem gesellschaftlichen Wandel der sozialen Definition von Schwangerschaften bzw. Kindern als illegitim, peinlich und nachteilsbeladen“ (ebd. S. 106) nach.

Die Stigmatisierung von Schwangerschaften greift auch Jens Wessel in seinem Beitrag auf, indem er den Fokus auf verdrängte und verheimlichte Schwangerschaften richtet und hierzu Erklärungen und Daten liefert.

Der Neonatizid als eine Folge verdrängter oder verheimlichter Schwangerschaften wird im Beitrag von Theresia Höynck, Mira Behnsen und Ulrike Zähringer aus kriminologischer Sicht anhand einer Analyse von Strafverfahrensakten dargestellt.

Valenka Dorsch, Nadine Jelden, Anke Rohde fragen in ihrem Beitrag danach, was über die psychische Situation der Mütter bekannt ist, die einen Neonatizid begehen. Aus ihrer Sicht birgt vor allem die negierte Schwangerschaft ein hohes Risiko für Neonatizide; dieses Risiko wird, so die Schlussfolgerung, aufgrund der besonderen Voraussetzungen dieser Frauen jedoch nicht durch das Angebot der vertraulichen Geburt gesenkt.

Im Beitrag von Claudia Krell, Paul Bränzel, Fabienne Dietzsch, Ina Bovenschen geht es um Adoption in Deutschland. Aufgrund der hohen Bedeutsamkeit der Adoption im Kontext der vertraulichen Geburt und der anonymen Kindesabgabe werden zunächst ein Überblick über die historische Entwicklung der Adoption gegeben, aktuelle Zahlen zu Adoptionsvorgängen zusammengetragen und rechtliche Grundlagen beleuchtet. Abschließend richten die Verfasser_innen ihren Blick auf die Zukunft der Adoption und die darin angelegte Problematik, inwieweit „Mitarbeiter_innen der Institutionen, die anonyme Angebote ermöglichen, in gerichtliche Verfahren, die von anonym geborenen oder abgegebenen Kindern zur Kenntnis ihrer Herkunft gegebenenfalls geführt werden müssen, involviert sind bzw. welche Rolle ihnen in diesen Verfahren zukommt“ (ebd., S. 193).

Direkt an diese Überlegungen schließt der Beitrag von Ina Bovenschen, Paul Bränzel, Judith, Förthner, Jennifer Gerlach, Fabienne Dietzsch, Annabel Zwönitzer an und ergänzt die Perspektive von Kindern, die zur Adoption freigegeben wurden, sowie von den aufnehmenden Familien und abgebenden Müttern hinsichtlich der Bedürfnisse dieser verschiedenen Akteur_innen.

Mit einer Klarstellung, wer im Falle einer vertraulichen Geburt überhaupt als „Vater“ bezeichnet wird, beginnt der nachfolgende Beitrag von Edda E. Pauli. Sie problematisiert den Umstand, dass der biologische Vater im Falle einer vertraulichen Geburt im Gesetz keine große Rolle spielt und zieht einen Vergleich zur Situation in Frankreich. Ihr Fazit: „Will man die Rechte des Vaters auch bei uns effektiver schützen, so muss ihm auch praktisch die Möglichkeit geboten werden, auf das Adoptionsverfahren Einfluss zu nehmen“ (ebd., S. 229).

Zu Teil III

Teil III zu den angrenzenden und überlappenden Diskussionsfeldern von anonymer und vertraulicher Geburt wird durch den Beitrag von Maria-Viktoria Runge-Rannow eröffnet. Sie diskutiert das Recht auf Kenntnis der eigenen (biologischen) Herkunft in Zeiten von Samenspende, Eizellspende und Leihmutterschaft und stellt die rechtlichen und praktischen Schwierigkeiten dar, das Recht auf Kenntnis seiner Abstammung auch faktisch umzusetzen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass einige mit der In-vitro-Fertilisation verbundene Praktiken nach wie vor Irritationen herkömmlichen Denkens über Verwandtschaft, Familie, Mutter- und Vaterschaft auslösen, zeigt der nachfolgende Beitrag von Sven Bergmann, wie Reproduktionstechnologien naturalisiert und normalisiert wurden und sich gleichzeitig das Verständnis von Natur veränderte.

Der dritte und letzte Beitrag dieses Teils des Sammelbandes stammt von Martin Löhnig und widmet sich dem Elternbild des deutschen Gesetzgebers und den rechtlichen Vorgaben für den Umgang und das Zusammenleben in fragmentierten Familienkonstellationen, die durch Trennung und Reproduktionsmedizin entstanden sind.

Diskussion und Fazit

Die gut aufeinander abgestimmten und miteinander korrespondierenden Beiträge dieses Sammelbandes beschreiben und diskutieren sehr unterschiedliche Facetten anonymer Angebote. Damit dürfte der Sammelband sowohl für Praktiker_innen, Wissenschaftler_innen als auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs sozialpädagogischer, soziologischer und rechtswissenschaftlicher Ausrichtung von Interesse sein, sofern sie mit Akteur_innen im Feld anonymer Abgaben und vertraulicher Geburt zu tun haben (werden).

Darüber hinaus leistet der Sammelband als eine Zusammenschau interdisziplinärer Befunde zum Thema einen wichtigen Beitrag in der aktuellen Diskussion um die neu geschaffene Möglichkeit der vertraulichen Geburt. Die Daten und Fallbeispiele lassen die jeweiligen Argumente immer wieder anschaulich werden. Auf dieser Grundlage dürfte ein sachlicher und sachdienlicher Diskurs bezüglich der Entscheidung für oder wider anonymer Angebote gelingen. Deshalb ist dieser Sammelband nachdrücklich allen Entscheidungsträgern auf politischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Ebene zu empfehlen.


Rezensentin
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 29.11.2017 zu: Ulrike Busch, Claudia Krell, Anne-Kathrin Will (Hrsg.): Eltern (vorerst) unbekannt. Anonyme und vertrauliche Geburt in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3456-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22696.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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