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Petra Anna Maria Hermes: Methamphetamin-Abhängigkeit bei Frauen

Rezensiert von Stefanie Neumann, 04.07.2017

Cover Petra Anna Maria Hermes: Methamphetamin-Abhängigkeit bei Frauen ISBN 978-3-7369-9422-5

Petra Anna Maria Hermes: Methamphetamin-Abhängigkeit bei Frauen. Auswirkungen auf Schwangere, erziehende Eltern und Kinder. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2016. 132 Seiten. ISBN 978-3-7369-9422-5. D: 26,70 EUR, A: 27,50 EUR.

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Thema

Der steigende Konsum von Methamphetamin ist ein weltweiter Trend. In Europa kommt das sog. „Crystal Meth“ vorwiegend aus tschechischen Produktionsstätten und ist damit bei Konsumierenden in Deutschland v.a. in den grenznahen Bundesländern, wie Sachsen, Thüringen und Bayern, verbreitet. Es wird prognostiziert, dass die Droge eine Relevanzsteigerung im deutschen Suchthilfesystem erfährt und seit einiger Zeit widmen sich auch hierzulande Studien und Projekte der Crystal Meth-Problematik.

Erste internationale Forschungsarbeiten geben Hinweise, dass methamphetaminabhängige Frauen anderen Risikofaktoren und Folgen unterliegen als methamphetaminabhängige Männer. Auch in Deutschland ist in den regional betroffenen Entwöhnungseinrichtungen zu beobachten, dass Missbrauch und Abhängigkeit von Crystal Meth, im Gegensatz zu anderen illegalen Drogen, tendenziell häufig bei Frauen auftreten. Während sich für die Gruppe der methamphetaminkonsumierenden Frauen v.a. in den USA ein wachsendes Forschungsinteresse entwickelt, sind im deutschsprachigen Raum z.B. Erkenntnisse zu risikorelevanten psychosozialen Determinanten des weiblichen Methamphetaminkonsums und seine Folgen jedoch noch rar.

Entstehungshintergrund

Mit ihrem Buch legt die Sozialpädagogin und Suchttherapeutin Petra Anna Maria Hermes eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten zu einem daher relativ neuen Forschungsfeld in Deutschland vor. Insgesamt verfolgt die theoretische und empirisch-deskriptive Auseinandersetzung das Ziel die Lebensrealität und damit die Besonderheiten, spezifischen Aspekte und Risikofaktoren weiblicher Crystal Meth-Konsumenten zu beschreiben – v.a. mit Blick auf die Auswirkungen und sozialen Folgen für konsumierende Schwangere bzw. Mütter und die Konsequenzen für die Kinder und deren Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

Mit dem I. Kapitel macht Petra Anna Maria Hermes die Intention ihrer Arbeit klar: Das Buch soll nicht nur eine Übersicht (inter-)nationaler Ergebnisse liefern und die spezifischen Zusammenhänge zwischen dem weiblichen Konsum und den Konsequenzen für die eigene Gesundheit und die der Kinder aufzeigen, sondern v.a. im Bundesland Sachsen zur Aufklärung beizutragen. Die Autorin möchte für die Bedeutsamkeit des Themas sensibilisieren, offene Fragen aufzeigen und Anregungen für eine Ausdifferenzierung des Hilfesystems bzw. weiterführende forschungsrelevante Fragestellungen geben. Darüber hinaus verfolgt die Arbeit das Ziel auf Grundlage etablierter regionaler Praxis Wissen für Handlungsempfehlungen bereitzustellen, Einblick in Hilfestrukturen zu ermöglichen und Anforderung an das Hilfesystem rund um Schwangerschaft Geburt und Elternschaft zu ermitteln, um letztendlich Anregungen für weitere praxisrelevante Entwicklungen geben zu können.

So steigt die Autorin mit dem II. Kapitel in die Thematik Methamphetamin ein und präsentiert aktuell relevante Forschungsergebnisse. In Argumentation der im Bundesland Sachsen steigenden Verbreitung von Crystal Meth und dem daraus resultierenden wachsenden regionalen Behandlungsbedarf (1. Abschnitt) geht Petra Anna Maria Hermes zunächst einen Schritt zurück und verschafft den Leserinnen und Lesern im 2. und 3. Abschnitt ein grundlegendes Verständnis zum Methamphetamin (u.a. Geschichte, chemische und pharmakologische Grundlagen). Anschließend fokussiert die Autorin im 4. Abschnitt die spezifische Wirkung des Methamphetamins bei Frauen (z.B. auf den weiblichen Zyklus) und ihre Abhängigkeitsentwicklung; zeigt aber auch Erkenntnisse zum geschlechtsspezifischen Sexualverhalten Konsumierender auf. Im 5. Abschnitt nimmt die Autorin die Frauenspezifika wieder etwas zurück und stellt eher allgemein die Forschungsergebnisse zu langfristigen gesundheitlichen Folgen vor, thematisiert Wirkungsweise, Konsummuster, Rolle des Dopamins, Parkinson-Risiko, Schmerzempfinden, Anomalien und organische Folgeschäden sowie Suizidversuche. Der 6. Abschnitt filtert den Blick erneut auf frauenspezifische Aspekte des Konsums, wie Risikofaktoren, Schwangerschaftsrisiken oder v.a. die Folgen für die Mutter-Kind-Beziehung und kindliche Entwicklung. Im vorletzten Abschnitt knüpft Petra Anna Maria Hermes an den regionalbezogenen Anfang des Kapitels an und schildet die Erfahrungen des Universitätsklinikums Dresden mit schwangeren Crystal-Meth-Patientinnen.

Nach der Hälfte des Buches geht die Autorin im III. Kapitel in die empirische Untersuchung über, die in klassischer Struktur vorgestellt wird. Der 1. Abschnitt beschreibt demnach zunächst die Vorbereitungsphase (inkl. Ausgangslage und Ziel der Befragung, Forschungsdesign und Kritik) und die methodische Vorgehensweise bei der Datenerhebung und -auswertung; bevor Petra Anna Maria Hermes anschließend im 2. Abschnitt die Durchführung wiedergibt (u.a. Entwicklung der Erhebungsinstrumente, Zeitrahmen, Umsetzung). Insgesamt handelt es sich hierbei um eine Befragung regionaler Suchtberatungsstellen in Sachsen zur Bestandaufnahme methamphetaminkonsumierender Frauen und Eltern. Mit der Beschreibung der Stichprobe leitet Petra Anna Maria Hermes in die Auswertung und Darstellung der Ergebnisse des Fragenbogens I (Charakteristika Klienten und Klientinnen) ein; hier präsentiert sie deskriptiven Daten, wie u.a. Geschlecht, Alter, Anzahl Kinder, Wohnsituation, Lebenslagen, Konsumstatus, Beteiligte im Helfersystem. Im weiteren Verlauf erfolgt die Auswertung und Darstellung der Ergebnisse des Fragebogens II (Hilfestrukturen), mit dem die Autorin u.a. spezielle Angebote für erziehende Eltern und Schwangere, Kooperationspartner im Hilfesystem und die Nutzung vorhandener Angebote der Suchtberatung aufzeigt. Mit dem letzten Abschnitt dieses Kapitels geht Petra Anna Maria Hermes in die Diskussion und Reflexion der Ergebnisse und versucht Anregung für Forschung und Praxis zu geben, bevor sie im IV. Kapitel ein gesamtes Fazit ihrer wissenschaftlichen Arbeit zieht.

Diskussion

Petra Anna Maria Hermes gibt mit ihrem Buch einen ersten guten Einblick in das komplexe Phänomen „Frauen und Crystal Meth“. Da es sich um ein in Deutschland noch relativ junges Forschungsfeld handelt, ist der ambitionierte Versuch die beeinflussenden und auswirkenden Aspekte der weiblichen Methamphetaminabhängigkeit umfassend darzustellen, insgesamt für Laien und unbedarfte Leserinnen und Leser aber leider nicht allzu leicht verständlich.

In der Einleitung und dem umfänglichen Theorieteil stellt die Autorin zwar grundlegend relevantes Wissen zur Methamphetaminabhängigkeit dar; beim Lesen gelingt es aber nur schwer, einen zusammenhängenden Faden zu erkennen. Die Titelankündigung und Intension des Buches sich mit der Methamphetaminabhängigkeit bei Frauen zu befassen, lässt sich leider nicht stringent in den einzelnen Kapiteln und Abschnitten finden, sodass es einiger Anstrengung bedarf, dem Gedankengang der Autorin zu folgen, die viele wichtige, aber eben zu wenig frauenspezifische, Faktoren aufzeigt. Zu kurz betrachtet sind die weiblichen Abhängigkeits-, Konsum- und Folgenspezifika oder fehlen weitere von der internationalen Forschung bereits aufgegriffene Ansätze; so werden z.B. die Studienergebnisse zur psychischen Komorbidität oder zu den sozialen Lebensumständen (z.B. Gewalt, niedriges Bildungs- und Beschäftigungsniveau) methamphetaminkonsumierender Frauen, die zusätzlich Einfluss auf Sexualverhalten, Schwangerschaften und Kindererziehung haben können, nicht betrachtet.

Der empirische Teil der Arbeit beschäftigt sich mit methamphetaminkonsumierenden Schwangeren, Müttern und Eltern, was mit dem Untertitel des Buches angekündigt ist, aber weniger die Auswirkungen als vorrangig die Inanspruchnahme des Hilfesystems i.S. sächsischer Suchtberatungsstellen betrifft. Petra Anna Maria Hermes gibt hier einen guten Einblick in die Praxis, Strukturen, Angebote und subjektiven Erfahrungen der Fachkräfte. Trotz einer kleinen Stichprobe kann die Autorin jedoch wichtige Versorgungsdefizite aufzeigen Hinweise liefern.

Insgesamt ist die wissenschaftliche Arbeit von Petra Anna Maria Hermes eine durchaus gelungene Vorstellung und Auseinandersetzung mit der Problematik Crystal Meth in Deutschland – mit dem Fokus auf Frauen, Schwangere und vom Konsum ihrer Eltern betroffene Kinder. Praktikern und Fachkräften aber auch Studierenden, die sich mit der Droge und den Konsumierenden beschäftigen wollen bzw. müssen, bietet das Buch ein erstes Verständnis dafür, wie umfänglich sich der Konsum von Crystal Meth bei Frauen auswirkt und welche Versorgungsstrukturen bei einer weiteren Relevanzsteigerung im deutschen Hilfesystem von Nöten sein werden.

Fazit

Das Buch von Petra Anna Maria Hermes ist eine gute Bestandsaufnahme zur Thematik Crystal Meth; im Hinblick auf die Frauenspezifika ist es eine Lektüre, die ausgewählte (Forschungs-)Erkenntnisse zusammenträgt und aktuelle Realitäten des (regionalen) deutschen Versorgungs- und Hilfesystem aufzeigt. Wer sich mit der weiblichen Methamphetaminabhängigkeit jedoch intensiv beschäftigen will oder muss, wird aktuell nicht an internationalen und daher v.a. englischsprachigen Publikationen vorbeikommen.

Rezension von
Stefanie Neumann
M.A., Hochschule Neubrandenburg – University of Applied Sciences, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
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Es gibt 4 Rezensionen von Stefanie Neumann.

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Zitiervorschlag
Stefanie Neumann. Rezension vom 04.07.2017 zu: Petra Anna Maria Hermes: Methamphetamin-Abhängigkeit bei Frauen. Auswirkungen auf Schwangere, erziehende Eltern und Kinder. Cuvillier Verlag (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-7369-9422-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22698.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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