socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) (Hrsg.): DHS Jahrbuch Sucht 2017

Cover Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) (Hrsg.): DHS Jahrbuch Sucht 2017. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. 288 Seiten. ISBN 978-3-95853-276-2. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das „Jahrbuch Sucht“ fasst die neuesten Statistiken zum Konsum von Alkohol, Tabak, Arzneimitteln mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential, illegalen Drogen sowie zu Glücksspiel und Suchtmitteln im Straßenverkehr zusammen. Darüber hinaus gibt es die wichtigsten aktuellen Ergebnisse der Deutschen Suchthilfestatistik konzentriert wieder, informiert über die Versorgung und Rehabilitation Suchtkranker, setzt sich mit zwei aktuellen Themen auseinander und liefert ein umfangreiches Adressenverzeichnis deutscher und europäischer Einrichtungen im Suchtbereich.

Herausgeber

Das „Jahrbuch Sucht“ wird von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) in Hamm herausgegeben, die 2017 ihr 70-jähriges Jubiläum feiert. Der Verein, in dem mit wenigen Ausnahmen sämtliche Träger der ambulanten Beratung und Behandlung, der stationären Versorgung und der Selbsthilfe vertreten sind, wurde 1947 gegründet, um allen in der Suchtkrankenhilfe bundesweit tätigen Verbänden und gemeinnützigen Vereinen eine Plattform zu geben. Die DHS hat das Ziel, Menschen im Hinblick auf suchtbezogene Probleme zu informieren, zu beraten und auf Hilfeangebote aufmerksam zu machen. Dabei setzt sie zum einen auf vor beugende Maßnahmen (Suchtprävention), indem sie über Suchtgefahren informiert und über mögliche Folgen aufklärt. Zudem bieten ihre Mitgliedsverbände abhängigen Menschen und deren Angehörigen konkrete Hilfen und Hilfen zur Selbsthilfe an. Dies ermöglicht den Betroffenen, Wege aus der Abhängigkeit zu finden.

Die DHS setzt sich zudem dafür ein, dass Beratung und Behandlung für Menschen mit Suchtproblemen ständig qualitativ weiterentwickelt und versorgungspolitisch gesichert werden. Das „Wissenschaftliche Kuratorium der DHS“ hat die Aufgabe, die DHS kontinuierlich zu beraten, ihre Arbeit zu fördern, zu begleiten und insbesondere die entsprechende wissenschaftliche Arbeit anzuregen und mit zu gestalten. „Fachausschüsse der DHS“ greifen grundsätzliche und aktuelle Probleme von Sucht, Suchthilfe und Suchtprävention auf und erarbeiten Lösungsvorschläge, die zuverlässige Orientierungshilfen bieten. Sie geben grundlegende Impulse für Weiterentwicklungen und Standards der Suchthilfe und Suchtprävention (vgl. www.dhs.de).

Die Redaktion der vorliegenden Ausgabe, an deren Entstehung insgesamt 28 anerkannte Fachleute aus verschiedenen Institutionen mitgewirkt haben, lag in Händen von Dr. Raphael Gaßmann, Christina Rummel, Peter Raiser und Jolanthe Kepp von der Geschäftsstelle der DHS.

Entstehungshintergrund

Ihrem Namen alle Ehre machend, erscheint die vorliegende Publikation bereits seit 1958. Zu den drei vorangegangenen Ausgaben 2016, 2015 und 2014 vergleiche die Besprechungen des Rezensenten unter www.socialnet.de/rezensionen/20855.php, www.socialnet.de/rezensionen/19168.php und www.socialnet.de/rezensionen/16877.php.

Aufbau

Nach einem „Vorwort“ von Heribert Fleischmann und Raphael Gaßmann gliedert sich der Band in die folgenden sechs Kapitel beziehungsweise Unterkapitel:

1. Daten, Zahlen und Fakten (Christina Rummel, Birgit Lehner, Jolanthe Kepp)

2. Suchtstoffe, Suchtformen und ihre Auswirkungen

  1. Alkohol (Ulrich John, Monika Hanke, Christian Meyer, Jennis Freyer-Adam)
  2. Tabak – Zahlen und Fakten zum Konsum (Benjamin Kuntz, Johannes Zeiher, Thomas Lampert)
  3. Medikamente 2015 – Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial (Gerd Glaeske)
  4. Illegale Drogen – Zahlen und Fakten zum Konsum (Daniela Piontek, Boris Orth, Ludwig Kraus)
  5. Glücksspiel – Zahlen und Fakten (Gerhard Meyer)
  6. Rauschgiftlage 2015 (Karin Rühl)
  7. Suchtmittel im Straßenverkehr 2015 – Zahlen und Fakten (Martina Albrecht, Stefanie Langner)

3. Suchtkrankenhilfe in Deutschland

  1. Versorgung abhängigkeitskranker Menschen in Deutschland (Gabriele Bartsch)
  2. Jahresstatistik 2015 der professionellen Suchtkrankenhilfe (Barbara Braun, Jutta Künzel, Sara Specht, Hanna Dauber)
  3. Suchtrehabilitation durch die Rentenversicherung (Barbara Naumann, Verena Bonn)

4. Aktuelle Themen

  1. Medikamentenmissbrauch in Fitnessstudios und beim Kraftsport (Martin Hörning)
  2. 10 Jahre Rauchverbot – eine Presseschau (Dietmar Jazbinsek)
  3. Was Sie außerirdischen Besuchern besser nicht zu erklären versuchen… Teil 8: Symbole, Zeichen und Signale (Raphael Gaßmann)

5. AutorInnenverzeichnis

6. Anschriften aus dem Suchtbereich.

Inhalt

In ihrem Vorwort nehmen Heribert Fleischmann (Vorstandsvorsitzender) und Dr. Raphael Gaßmann (Geschäftsführer) von der DHS das 70-jährige Jubiläum ihres Vereins zum Anlass für einen kurzen historischen Rückblick. Als Zusammenschluss von 23 Mitgliedsverbänden und vier kooperierenden Organisationen mit sehr breit gefächerten Aufgaben und Zielen bündele die DHS enorme Kompetenzen, wobei sie aber keinen wirtschaftlichen oder gesundheitspolitischen Einzelinteressen verpflichtet sei. Parteilich auf Seiten wirksamer Gesundheitsversorgung und Gesundheitspolitik arbeite die DHS seit sieben Jahrzehnten für die Verhinderung, Verringerung und Lösung von Suchtproblemen, für frühe und bestmögliche Hilfen und Therapien. Dabei sei sie „politisch neutral und nicht zu kaufen“, was angesichts der Tatsache, dass alleine in Deutschland jährlich zweistellige Milliardensummen mit suchtgefährlichen Produkten umgesetzt werden, „leider bis heute alles andere als selbstverständlich“ (S. 7) ist.

Unter der Überschrift „Daten, Zahlen und Fakten“ präsentieren Christina Rummel, Birgit Lehner, Jolanthe Kepp von der DHS – sozusagen für „Schnellleser“ – im ersten Kapitel (S. 9-33) zusammenfassende Statistiken über Alkohol, Tabak, Psychotrope Medikamente, Illegale Drogen und Glücksspiel.

Das umfangreiche zweite Kapitel „Suchtstoffe, Suchtformen und ihre Auswirkungen“ (S. 35-160) vereint sieben Beiträge mit den neuesten Statistiken zum Konsum von Alkohol, Tabak, Medikamenten (Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential), Illegale Drogen, Glücksspiel, zur Rauschgiftlage sowie über Suchtmittel im Straßenverkehr. Die Fülle des hierbei übersichtlich aufbereiteten Zahlenmaterials ermöglicht es jedem daran Interessierten einfach, sich zu den einzelnen Themen einen fundierten Überblick zu verschaffen. Dank den in jedem Beitrag separat gegebenen Hinweisen auf weiterführende Literatur ist zugleich eine vertiefende Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema leicht möglich.

Das dritte Kapitel umfasst drei Beiträge. Neben einem Überblick über die „Versorgung abhängigkeitskranker Menschen Deutschland“ (S. 161-176) gehören hierzu die „Jahresstatistik 2015 der professionellen Suchtkrankenhilfe“ (S. 177-202) und ein Bericht über die „Suchtrehabilitation durch die Rentenversicherung“ (S. 203-218).

Das vierte Kapitel („Aktuelle Themen“) beleuchtet den „Medikamentenmissbrauch in Fitnessstudios und beim Kraftsport“ (S. 219-230), gibt eine Presseschau über „10 Jahre Rauchverbot“ (S. 231-244) und setzt sich – in der Rubrik „Was Sie außerirdischen Besuchern besser nicht zu erklären versuchen…“ (S. 245-247) – mit „Symbolen, Zeichen und Signale“ auseinander.

Wie Prof. Dr. Dr. Martin Hörning von der Katholischen Hochschule NRW (Institut für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie) in Paderborn zeigt, hat sich inzwischen auch im Freizeitsport der Missbrauch von Medikamenten zur Steigerung von Muskelwachstum (Muskelhypertrophie) und fettfreier Körpermaße etabliert. Die am häufigsten von Fitnesssportlern und Bodybuildern missbräuchlich verwendeten Substanzen sind dabei die anabol-androgenen Steroide, die im allgemeinen Sprachgebrauch häufig als Anabolika, anabol Steroide oder kurz „Roids“ bezeichnet werden. Genaue Prävalenzen für Deutschland sind nach Darstellung des Autors nicht bekannt; bei der eher zurückhaltenden Annahme, dass fünf Prozent der Studiobesucher Anabolika und andere Medikamente zur Leistungssteigerung einnehmen, entspreche dies aber einer Zahl von 450.000 Konsumenten in Deutschland. Da Fitnessstudios nicht nur Orte sind, an denen trainiert wird, sondern auch ein wichtiger Lernort für Trainings- und Ernährungswissen und für den Umgang mit anabolen Steroiden, ist es nach Ansicht von Martin Hörning sinnvoll, Präventionsangebote genau dort zu verorten. Was für andere Missbrauchsformen längst üblich sei, fehle ansonsten im Freizeitsportbereich: Möglichkeiten für medikamentenmissbrauchende Sportler, fachkundig und anonyme Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aus diesem Grund sei im Rahmen des vom Bundesministeriums für Gesundheit geförderten Projekts „no roids inside“ ein niederschwelliges Beratungs- und Hilfeportal geschaffen worden (natural-training.info), das betroffenen Usern zumindest eine internetgestützte, anonyme und neutrale Beratung anbietet.

In seinem Beitrag „10 Jahre Rauchverbot – eine Presseschau“ dokumentiert Dietmar Jazbinsek (Berlin) die Ergebnisse einer systematischen Auswertung von 80 Presseartikeln, die zum Thema im Januar 2017 in deutschen Lokalzeitungen erschienen sind. Anlass der Berichterstattung war dabei das Jubiläum des Bundesnichtraucherschutzgesetzes, das am 1. September 2007 in Kraft getreten ist. Nach Ansicht des Autors lässt sich der Tenor der Berichterstattung als „doppelte Überraschung“ kennzeichnen: Zum einen seien die negativen Folgen des Rauchverbots weniger dramatisch ausgefallen, als von vielen befürchtet wurde; zum anderen hätten sich positive Effekte deutlicher bemerkbar gemacht als vorher gedacht. Hauptvorteile des Rauchverbots sind demnach die angenehmere Atmosphäre (aus Sicht der Gäste), die verbesserten Arbeitsbedingungen (aus Sicht des Personals) und der Rückgang des Tabakkonsums bei den Besuchern und den Beschäftigten der gastronomischen Betriebe. Zu den am häufigsten genannten Nachteilen des Rauchverbots gehörten demnach die (temporären) Umsatzeinbußen der Inhaber, die größere Lärmbelästigung der Anwohner sowie die Unruhe, die durch die ständige Fluktuation der Raucher im Gastraum entsteht. Dass dem Rauchverbot in der Berichterstattung mehr Vor- als Nachteile zugebilligt werden, ist nach Ansicht des Autors vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Gastwirte die mit Abstand wichtigsten Ansprechpartner der Lokalreporter waren. Unterdessen widerspreche die Unterstellung, der Nichtraucherschutz im Gastgewerbe sei für das bundesweite Kneipensterben verantwortlich, nicht nur den Unternehmensdaten des Statistischen Bundesamtes, sondern auch den Erfahrungen der Praktiker vor Ort, wie die Auswertung der Lokalreportagen belege.

Ergänzend zum Autorinnenverzeichnis in Kapitel fünf (S. 249-252) enthält das sechste Kapitel „Anschriften aus dem Suchtbereich“ (S. 253-286), aufgegliedert in die Rubriken Bundesweit tätige Organisationen, Anschriften in den Bundesländern, Fachverlage und Europäisches Ausland.

Diskussion

„Sucht“ gehört nach wie vor zu jenen Themen, über die mitunter auch gerne an Stammtischen heiß und innig diskutiert wird. Wer sich freilich ernsthaft damit auseinandersetzen und kompetent mitreden möchte, braucht zunächst einmal verlässliche Daten, Zahlen und Fakten. Diese bietet seit vielen Jahren das jährlich von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. in Hamm herausgegebene „Jahrbuch Sucht“. Als zuverlässiges Standardwerk, das jeweils durch ein aktuelles und umfangreiches Anschriftenverzeichnis von deutschen und europäischen Einrichtungen im Suchtbereich ergänzt wird, handelt es sich um ein unverzichtbares Nachschlagewerk, das umfassende Statistiken auf aktuellem Stand, prägnante Analysen und richtungweisende Schwerpunkte für alle bereitstellt, denen es um mehr als nur Stammtischparolen oder billige Polemik geht. Wer sich zu einzelnen Bereichen intensiver und vertiefender auseinandersetzen möchte, findet darüber hinaus zu jedem Beitrag hilfreiche Hinweise auf weiterführende Literatur. Deshalb ist es sehr gut, dass es dieses Jahrbuch gibt.

Für künftige Ausgaben sei lediglich angeregt, im umfangreichen Anschriftenverzeichnis nicht nur Fachverlage aufzuführen, sondern auch einen Überblick über einschlägige Fachzeitschriften und deren Bestellmöglichkeiten zu geben.

Fazit

Das „Jahrbuch Sucht 2017“ bietet eine Vielzahl an Statistiken und weiteren Informationen. Von daher führt an diesem langjährigen Standardwerk für alle, die zum Thema kompetent mitreden können, erneut kein Weg vorbei.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
E-Mail Mailformular


Alle 173 Rezensionen von Hubert Kolling anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 12.06.2017 zu: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) (Hrsg.): DHS Jahrbuch Sucht 2017. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. ISBN 978-3-95853-276-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22699.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!