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Ulrich T. Egle, Sven O. Hoffmann u.a. (Hrsg.): Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung

Cover Ulrich T. Egle, Sven O. Hoffmann, Peter Joraschky (Hrsg.): Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen. mit 81 Tabellen. Schattauer (Stuttgart) 2005. 3., vollst. aktualisierte und erweiterte Auflage. 800 Seiten. ISBN 978-3-7945-2314-6. 79,00 EUR, CH: 123,00 sFr.
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Themenstellung und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die dritte vollständig aktualisierte und erweiterte Auflage eines Werkes, das 1996 erstmals veröffentlicht wurde mit dem Ziel, die Problemfelder sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Misshandlung und Vernachlässigung in ihrer Bedeutung für die Entstehung späterer Krankheiten zu beleuchten. Neben Krankheitsbildern werden Therapie, Vorbeugung und auch Begutachtung von schwer traumatisierten PatientInnen und ebenso von TäterInnen ausführlich behandelt. Besonderes Anliegen war und ist es den Herausgebern, sich inhaltlich auf die aktuelle Faktenlage zu beziehen bzw. "dem nüchternen Pfad der Erkenntnis zu folgen" jenseits von Bagatellisierung, Tabuisierung oder auch Dramatisierung.

Für die aktuelle Fassung haben insgesamt über 60 AutorInnen an der Entstehung von 47 Artikeln mitgewirkt, und einige dieser VerfasserInnen genießen einen hohen Bekanntheitsgrad in der Fachwelt. Die überwiegende Zahl der AutorInnen weist sich durch Expertentum im medizinischen Fachbereich aus, ist also gegenwärtig in der Forschung oder Klinik tätig. Dies spiegelt sich inhaltlich wieder in einer deutlichen Akzentuierung der Texte zugunsten medizinischer, psychopathologischer und psychologischer Fakten gegenüber einer teilweise eher zurückhaltenden Behandlung von soziologischen, sozialpsychologischen und sozialpädagogischen Erkenntnissen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat insgesamt sieben Kapitel, die zwischen 2 und 16 Artikeln umfassen.

  1. Kapitel 1 vermittelt Grundlagen zu den einzelnen Problemfeldern, wobei Entstehungsbedingungen von Gewalt gegen Kinder, Folgeprobleme und ebenso Besonderheiten spezifischer Beeinträchtigungen des Kindeswohls dargestellt werden. Im Detail werden (1) Formen der Misshandlung von Kindern hier behandelt aber auch (2) pathogene und protektive Entwicklungsfaktoren für die spätere Gesundheit, (3) tierexperimentelle Befunde zu den hirnstrukturellen Folgen früher Stresserfahrungen, (4) psychobiologische Folgen früher Stresserfahrungen, (5) Traumatisierung und zerebrale Bildgebung, (6) Risikofaktoren, Schutzfaktoren und Resilienz bei Misshandlung und Vernachlässigung, (7) Vernachlässigung und Misshandlung aus Sicht der Bindungstheorie, (8) Langzeitfolgen von Trennung und Scheidung, (9) sexueller Missbrauch und Vernachlässigung in Familien, (10) Hinweise auf und diagnostische Vorgehen bei Misshandlung und Missbrauch, (11) Familien von Kindern mit aggressiven Verhaltensweisen, (12) sexueller Missbrauch als Thema der Psychoanalyse von Freud bis zur Gegenwart, (13) Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch im Rahmen einer psychoanalytischen Traumatologie und schließlich (14) die Auswirkungen von Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch auf Selbstwert und Körperbild.
  2. Kapitel 2 informiert unter dem Obertitel methodische Aspekte über Möglichkeiten der Eruierung von Beeinträchtigungen in der Kindheit. Vorgestellt werden einerseits (1) standardisierte Verfahren zur retrospektiven Erfassung von Kindheitsbelastungen und andererseits (2) die retrospektive Erfassung von Kindheitsbelastungen bei Erwachsenen.
  3. Kapitel 3 beschreibt bekannte und bislang weniger bekannte Folgeprobleme bzw. Krankheitsbilder in der Folge von sexuellem Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung. Dazu gehören (1) psychische und psychosomatische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, (2) Angsterkrankungen, (3) depressive Störungen und Suizidalität, (4) posttraumatische Belastungsstörungen, (5) Konversionsstörungen, (6) anhaltende somatoforme Schmerzstörung, (7) Pelipathie, (8) Fibromyalgie, (9) Somatisierung und Somatisierungsstörung, (10) sexuelle Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, (11) dissoziative Störungen, (12) Borderline-Persönlichkeitsstörungen, (13) offene und heimliche Selbstbeschädigung, (14) Persönlichkeitsstörungen und frühe Stresserfahrungen, (15) Essstörungen und abschließend (16) Suchterkrankungen.
  4. In Kapitel 4 werden vielfältige Hilfestellungen für die Opfer kindlicher Gewalterfahrungen in Form von Therapie psychisch schwer traumatisierter Patienten vorgestellt. Dazu zählen Einzel- und Gruppenangebote, und Zielgruppen sind je nach Angebot das eine Mal von Gewalt betroffene Mädchen und Jungen und das andere Mal Erwachsene mit traumatischen Kindheitserfahrungen. Detailliert beschrieben werden hier (1) Psychotherapie bei misshandelten und missbrauchten Kindern und Jugendlichen, (2) psychoanalytische Behandlung, (3) psychodynamisch imaginative Traumatherapie, (4) EMDR, (5) früh traumatisierte Patienten in der Gruppentherapie, (6) dialektiv-behaviorale Therapie für traumatisierte Patientinnen mit Borderline-Störung, (7) Familientherapie bei sexuellem Missbrauch und abschließend (8) Folgetherapie nach sexuellem Missbrauch in der Psychotherapie und Psychiatrie.
  5. Kapitel 5 befasst sich mit der Prävention und stellt einen vergleichsweise großen Ausschnitt dessen dar, was gegenwärtig auch in der sozialen Praxis unter Prävention von Gewalt gegen Kinder firmiert. Dabei wird auch die gegenwärtig immer häufiger gestellte Frage nach der Effizienz bereits entwickelter Maßnahmen nicht außer Acht gelassen. Im Einzelnen behandelt werden (1) Präventionsprogramme und ihre Wirksamkeit zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs, (2) Gewaltprävention - Unterstützung der Familien und Förderung der Kinder und (3) Ansätze zur Prävention der Langzeitfolgen früher Stresserfahrungen.
  6. Kapitel 6 stellt Möglichkeiten der Begutachtung nach sexuellem Missbrauch vor. Die drei Formen unterscheiden sich im Hinblick auf den zeitlichen Bezug zur Tat und die Form der Beteiligung am Geschehen (Opfer/Täter). Behandelt werden entsprechend (1) die Begutachtung von Kindern und Jugendlichen, (2) retrospektive Begutachtung von in der Kindheit traumatisierten Erwachsenen und (3) Begutachtung der Täter.
  7. Abschließend formulieren die Herausgeber des Buches in Kapitel 7 Perspektiven im Rahmen einer Abhandlung, die umschrieben wird als Versuch einer Bilanz zur Bedeutung von Traumatisierungen in Kindheit und Jugend für die Entstehung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen.

Fazit

Das Buch ist zweifellos das, was der Klappentext verspricht, nämlich eine in ihrer Komplexität weltweit einzigartige Synopsis im Hinblick auf Erkennung und Behandlung von Opfern sexualisierter Gewalt, Erziehungsgewalt und Vernachlässigung und ebenso im Hinblick auf die Folgen von Gewalterfahrungen und auftretende Krankheitsbilder. Als Fachbuch sollte es im Zuge dessen in keiner Institution fehlen, die mit Betroffenen der genannten Gewaltformen und/oder deren Bezugspersonen arbeitet.

Lesenswert ist es insbesondere deshalb, weil es einerseits weite Teile des aktuellen Diskurses über diese Formen der Gewalt gegen Kinder wiedergibt. Andererseits kann es wirksam werden als eine reichhaltige Informationsquelle auch und gerade im Hinblick auf Wissenschaft und Forschung durch die Bekanntmachung von hilfreichen Zahlen, Fakten, Daten. Denn die Inhalte werden in mehreren Abhandlungen durch eine Vielfalt von neu gewonnenen Erkenntnissen aus repräsentativen Studien untermauert. An anderen Stellen trägt die vergleichende Darstellung verschiedener Studien aktuellen und älteren Datums zu einem tieferen Einblick oder auch Verstehen in Besonderheiten eines Problemfeldes bei.

Die übersichtliche Gestaltung des Buches an sich und ein gutes und detailliertes Sachverzeichnis erleichtern die Erfassung der wichtigsten Inhalte einer Abhandlung vor der Entscheidung einer vertiefenden Beschäftigung und die gezielte Suche nach Informationen.

Wie die fachliche Verortung der überwiegenden Anzahl der AutorInnen bereits vermuten lässt, ist das Werk nahezu ausschließlich für psychiatrische, therapeutische und / oder medizinische Fachkräfte geeignet. Wenngleich der Titel wenig fachspezifisch klingt, sind die Abhandlungen in der Mehrzahl aufgrund der Fachsprache daher einschränkend nicht verständlich für Interessierte, die keine einschlägigen Vorkenntnisse haben.


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 24.05.2005 zu: Ulrich T. Egle, Sven O. Hoffmann, Peter Joraschky (Hrsg.): Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen. mit 81 Tabellen. Schattauer (Stuttgart) 2005. 3., vollst. aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7945-2314-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2270.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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