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Karla Schneider, Vanessa Köneke: Warum manchmal ein Brett vorm Kopf klebt (Jugendliche mit Autismus)

Cover Karla Schneider, Vanessa Köneke: Warum manchmal ein Brett vorm Kopf klebt und wieso man im Sitzen miteinander gehen kann. Ratgeber für Jugendliche mit Autismus. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 212 Seiten. ISBN 978-3-497-02692-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Mittlerweile gibt es zum Thema Autismus eine Vielzahl an Literatur: Wissenschaftliche Texte, Autobiografien, Ratgeber, Erfahrungsberichte von Angehörigen … Das Buch „Warum manchmal ein Brett vorm Kopf klebt und wieso man im Sitzen miteinander gehen kann“ richtet sich vorrangig direkt an Jugendliche im Autismus-Spektrum. Viele Fragen zu Themen des Lebens, die den Autorinnen von Betroffenen gestellt wurden, sollen in diesem Ratgeber aufgenommen und angesprochen werden. Aber auch interessierte Menschen außerhalb des Autismus-Spektrums sollen Einblicke und Anregungen bekommen.

Autorinnen

Die studierte Juristin und Psychologin Karla Schneider arbeitet als Richterin und betreut zudem ehrenamtlich Menschen am Autismustherapiezentrum Köln. Sie war Stipendiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Graduiertenkollegs IRTG „Brain-behavior relationship of normal and disturbed emotions in schizophrenia and autism“ an der Universitätsklinik Aachen.

Vanessa Köneke arbeitet als freie Journalistin in Köln und hat VWL, Politik und Sozialpsychologie studiert.

Entstehungshintergrund

Trotz der Individualität und Unterschiedlichkeit von Menschen im Autismus-Spektrum begegneten den Autorinnen immer wieder ähnliche Fragestellungen zu verschiedenen Bereichen des Lebens. Diese werden in dem vorliegenden Buch aufgegriffen, eingeordnet und beleuchtet. Dazu wollen die Autorinnen Tipps und Anregungen für den Umgang mit vielen alltäglichen Sachverhalten und Situationen geben.

Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch die Fähigkeiten, die Menschen im Autismus-Spektrum mitbringen. Dieses Buch soll Menschen innerhalb und außerhalb des Autismus-Spektrums Einblicke in die Wahrnehmungen und Sichtweisen der jeweils anderen ermöglichen, sowie das Verständnis von und für beide Seiten wecken.

Aufbau

Schneider und Köneke haben das Buch in einzelne Kapitel gegliedert, die sich mit jeweils einem Themenbereich befassen:

  • Autismus
  • Wahrnehmung
  • Sprache
  • Verhaltensweisen
  • Andere Menschen
  • Körper und Sex
  • Pflichten
  • Wer bin ich?

Die Unterkapitel sind als Frage formuliert und behandeln jeweils einzelne Teilaspekte. Entsprechend der anvisierten Zielgruppe wird der Leser geduzt. Einführend wird der Hinweis gegeben, dass die Kapitel auch einzeln lesbar sind. Innerhalb der Themen finden sich Querverweise, weiterführende Informationen, Anregungen für Übungen und viele Tipps für den Alltag. Veranschaulicht werden die Ausführungen durch zahlreiche Berichte, Zitate und Beispiele aus dem Leben von Menschen im Autismus-Spektrum.

Inhalt

Nach einer Einführung in das Buch, folgt ein Abschnitt zum Thema Autismus. Dargestellt werden die unterschiedlichen Ausprägungen, Diagnosekriterien, sowie mögliche Ursachen.

Der erste Themenschwerpunkt ist die Wahrnehmung. Diesbezügliche Besonderheiten, sowie Vor- und Nachteile der Reizverarbeitung und Anregungen für den Umgang damit finden hier Erwähnung. Zudem befasst sich das Kapitel mit dem Erkennen und dem Ausdruck von Gefühlen bei der eigenen Person und bei anderen.

Sprache ist das Thema im folgenden Abschnitt. Zum Einen wird die gesprochene Sprache thematisiert. Schwerpunkte sind hierbei die Ursachen von Missverständnissen, die entstehen können, wenn Menschen im Autismus-Spektrum mit anderen Menschen kommunizieren, sowie der Gesprächsverlauf, das Sprechen und das Verstehen. Zum Anderen werden Funktion und Sinn des Small Talks, sowie der nonverbalen Kommunikation erläutert und Anregungen zur praktischen Umsetzung gegeben.

Das Kapitel Verhaltensweisen beinhaltet einen Abschnitt zum Thema Routinen und Rituale, sowie einen weiteren zu Spezialinteressen, in denen Funktion, Bedeutung, Vor- und Nachteile, sowie Anregungen zum Umgang gemacht werden. Auch der Frage nach Sinnhaftigkeit, Modifikation, Ersatz oder Abschaffung derselben wird nachgegangen.

Im folgenden Abschnitt werden die Beziehungen zu anderen Menschen thematisiert. Diese werden in verschiedene Gruppen unterteilt: Familie, Freunde, sowie Liebesbeziehungen. Neben einer begrifflichen Einordnung werden Aspekte wie Gefühle, Schwierigkeiten und Chancen, sowie die Bedeutung von Gegenseitigkeit, wechselseitiger Rücksichtnahme, Kompromissen und Kommunikation beleuchtet. Es finden sich Hinweise zum Eingehen, Pflegen und Beenden von Beziehungen. Dabei finden der Umgang mit dem Thema Autismus, sowie individuelle Einstellungen und Bedürfnisse Beachtung. Anschließend wird das Thema Mobbing ausführlicher beleuchtet. Das Kapitel schließt ab mit der Betrachtung der Beziehung von Menschen im Autismus-Spektrum zu Tieren. Dabei werden sowohl positive als auch negative Aspekte erwähnt.

Körper und Sex stehen im Mittelpunkt des folgenden Kapitels. Einführend werden die Themen Körpergefühl, -wahrnehmung und -kontrolle, sowie die Wahrnehmung von Bedürfnissen beleuchtet. Dabei werden auch soziale Zusammenhänge aufgezeigt. Ausführungen gibt es des Weiteren zu den Bereichen Körperkontakt, Sport und Bewegung, Stimme, Aussehen und Hygiene, Kleidung und Frisur, Schlaf und Essen, sowie der Händigkeit.

Im anschließenden Abschnitt Pubertät und Sex finden sich Ausführungen zu den Themen körperliche und seelische Entwicklung, individuelle Bedürfnisse, Selbstbefriedigung, Sex mit anderen Menschen, Homosexualität und Flirten. Es finden sich Anmerkungen zum Erkennen von auffordernden und ablehnenden Signalen, zum Thema Fiktion und Realität, sowie Spielarten der Sexualität. Betont werden die Bedeutung von Gegenseitigkeit und Austausch innerhalb einer Partnerschaft. Zudem gibt es Hinweise, wo und wie man weitere Informationen bekommen kann. Abschließend wird sexueller Missbrauch ausführlicher thematisiert.

Pflichten sind Schwerpunkt im folgenden Kapitel. Zuerst wird der Lebensbereich Schule betrachtet. Individuelle Beschulungssituationen und Schularten werden angesprochen, Sonderregelungen wie Schulbegleitung, Nachteilsausgleich, Rückzugsorte etc. vorgestellt und Tipps für individuelle Regelungen und Unterstützungen inklusive einer Betrachtung möglicher Vor- und Nachteile gegeben. Zudem gibt es Hinweise zu verschiedenen Aspekten wie mündliche Mitarbeit, Langeweile, Verbessern von Fehlern, Strukturierung und Orientierung.

Der Lebensbereich Beruf betrachtet neben beruflichen Möglichkeiten, die Aspekte Berufsfindung, Rolle der Spezialinteressen, Praktika und Möglichkeiten der Berufsvorbereitung. Vorgestellt werden Programme und spezialisierte Firmen, sowie Unterstützungsmöglichkeiten für Ausbildung und Beruf. Zudem finden sich hier Hinweise zu den Themen Studium, Bewerbungsgespräche und Berufsalltag.

Das folgende Kapitel ist mit der Frage „Wer bin ich?“ überschrieben und befasst sich mit der Frage des Outings. Dabei geht es nicht nur um das Für und Wider, sondern auch um die Fragen wann, wem und wie von der Diagnose Autismus-Spektrum berichtet wird. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage der Notwendigkeit des Sich-änderns aufgegriffen. Aspekte wie Neurodiversität als andere Wahrnehmung, Autistic Pride, Stärken, Krankheit und Behinderung, sowie Therapie und Akzeptanz finden sich hier wieder. Beleuchtet werden zudem die Funktion des Feedbacks und der Gegenseitigkeit. Im Hinblick auf die nachfolgende Thematik Zukunft werden die Bedeutung der eigenen Motivation und der Unterstützung durch andere hervorgehoben. Die Bereiche Wohnen, Partnerschaft und Autofahren werden exemplarisch betrachtet.

Im letzten thematischen Kapitel werden Fragen zu den Punkten Intelligenz, Anzahl der Autisten, Lügen, Religiosität, Alkohol und Selbsthilfegruppen kurz beantwortet.

Abschließend folgt ein recht umfangreicher Anhang. Dort finden sich alphabetisch geordnete Erklärungen einiger Redewendungen und Metaphern, die zum Teil bereits im Buch verwendet werden, sowie ein Glossar. Es werden viele Internetseiten, sowie eine Auswahl an Adressen zu den Kategorien Therapiezentren, Schulen, Schulbegleitung, Arbeit, Freizeit und Wohnen benannt. Abschließend folgt das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Das vorliegende Buch von Schneider und Köneke ist untergliedert in kurze, übersichtliche Kapitel zum jeweiligen Themenbereich. Zahlreiche Berichte, Zitate und Beispiele aus dem Leben von Menschen im Autismus-Spektrum veranschaulichen die Ausführungen und stellen einen sehr guten Alltagsbezug her. Fachbegriffe werden verständlich eingeführt. Die Tipps sind praxisnah und reichen von kleinen Anregungen für den Alltag bis hin zu längerfristigen Trainingsprogrammen. Zu jedem Kapitel gibt es direkt jeweils passende Tipps zum Weiterlesen in Büchern oder im Internet. So ist das Literaturverzeichnis am Ende des Buches übersichtlich und nicht zu umfangreich.

Die Texte zeigen eine wertschätzende Grundhaltung der Autorinnen, versuchen zu motivieren und Mut zu machen. Sie zeigen die Vielfältigkeit und Individualität des Lebens auf und vermitteln, dass man oft mit seinen Fragen nicht allein ist. Verständlich ist, dass auf Grund der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen das Buch nicht die gesamte Bandbreite des Lebens abdecken kann. Einige umfangreiche Themen wie zum Beispiel Schule können auch nur angerissen werden.

Das Layout ist reizarm gestaltet. Teilweise wirken einige Seiten daher eher textlastig und sind möglicherweise für einige Leser nicht so ansprechend.

Menschen, die mit Personen im Autismus-Spektrum zu tun haben oder sich damit auseinandersetzen möchten, gewinnen gute Einblicke in andere Sichtweisen auf die Welt. Zudem können dem Buch interessante Ansätze und Anregungen für das tägliche Miteinander, für Gespräche und social stories entnommen werden.

Fazit

Das Buch „Warum manchmal ein Brett vorm Kopf klebt und wieso man im Sitzen miteinander gehen kann“ von Karla Schneider und Vanessa Köneke richtet sich vorrangig an Jugendliche im Autismus-Spektrum. Grundlage bilden Fragen, die den Autorinnen von Betroffenen zu verschiedenen Themen des Lebens gestellt wurden. In kurzen, inhaltlich anschaulichen Kapiteln greifen die Autorinnen diese auf und beleuchten verschiedene Aspekte zu Themen wie Autismus, Wahrnehmung, Sprache, Verhaltensweisen, andere Menschen, Körper und Sex, Pflichten, sowie „Wer bin ich?“. Die Ausführungen sind alltagsnah, wertschätzend und motivierend. Sie zeigen die Vielfältigkeit und Individualität des Lebens auf. Verständlicherweise können nicht alle Facetten abschließend dargestellt werden. Es finden sich viele kleine Anregungen und Tipps für den Alltag, sowie Hinweise für weiterführende Informationen. Das Layout ist reizarm und teilweise recht textlastig gestaltet. Auch für Menschen außerhalb des Autismus-Spektrums bietet das Buch Einblicke in andere Sichtweisen auf die Welt, sowie interessante Ansätze und Anregungen für das tägliche Miteinander.


Rezensentin
Dipl.-Sozialarb. / Dipl.-Sozialpäd. Anja Karliczek
Schulbegleiterin
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Zitiervorschlag
Anja Karliczek. Rezension vom 11.07.2017 zu: Karla Schneider, Vanessa Köneke: Warum manchmal ein Brett vorm Kopf klebt und wieso man im Sitzen miteinander gehen kann. Ratgeber für Jugendliche mit Autismus. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-497-02692-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22703.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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