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Ulrich Deinet, Maria Icking u.a.: Potentiale der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Cover Ulrich Deinet, Maria Icking, Dirk Nüsken, Holger Schmidt: Potentiale der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Innen- und Außensichten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 212 Seiten. ISBN 978-3-7799-3485-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die umfassend und differenziert angelegte empirische Studie leistet eine exemplarische Analyse der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) in NRW am Beispiel von vier Kommunen. Es ist die Absicht des Forscherteams, dieses sozialpädagogische Handlungsfeld nicht nur systematisch zu durchleuchten, sondern auch die Sichtweisen von Kooperationspartnern, BesucherInnen als auch NichtbesucherInnen sowie der Politik und Verwaltung einzufangen.

Autoren und Autorin

  • Dr. rer. soc. Ulrich Deinet ist Professor für Didaktik / Methodik am Fachbereich Sozial-und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf
  • Dr. phil. Maria Icking ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung an der Hochschule Düsseldorf
  • Dr. phil. Dirk Nüsken ist Professor im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie der Ev. Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
  • Dr. phil. Holger Schmidt ist Professor für die Wissenschaft der Sozialen Arbeit im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund.

Entstehungshintergrund

Grundlage dieses Buches bildet ein vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen gefördertes, von der Hochschule Düsseldorf und dem dort angesiedelten Forschungsinstitut FSPE in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund und der Ev. Hochschule Bochum durchgeführtes Forschungsprojekt zum aktuellen Entwicklungsstand der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in NRW. Der Projektzeitraum umfasst die Jahre von 2012 bis 2014.

Aufbau

Das Werk beinhaltet neun Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Infrastruktur und Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
  3. Die BesucherInnen von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
  4. Kooperation im Sozialraum
  5. Kommunale Organisation und Steuerung der OKJA
  6. Jugendliche Lebenswelten zwischen Stadt und Land – mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
  7. Partizipation
  8. Arbeitsbeziehungen
  9. Ausblick

Inhalt

Im ersten Kapitel, der Einleitung, würdigen die AutorInnen den gesellschaftlichen Stellenwert der OKJA und skizzieren aktuelle Herausforderungen.

Darüber hinaus erläutern sie u.a. die Zielsetzung der Studie, skizzieren das methodische Vorgehen und den Aufbau ihres Buches. Vier Untersuchungsebenen werden empirisch in den Blick genommen: Einrichtungen und Angebote, Zielgruppen, Kooperation und Sozialraumorientierung sowie die kommunale Gesamtorganisation.

Im zweiten Kapitel präsentieren die ForscherInnen die Ergebnisse ihrer Analyse der Infrastruktur und Angebote der OKJA. Dabei gehen sie auf verschiedene Aspekte ein, wie z.B. Einrichtungsgröße,Trägerschaft, Sozialraumbedingungen, Raumprogramm, Ausstattung, Personalsituation, pädagogische Angebote in unterschiedlichen Formaten, organisatorische Rahmenbedingungen usw.

Das Team erkennt vielfältige strukturelle Differenzen, aber auch Gemeinsamkeiten. Große Verteilungsunterschiede bei der Ausstattung stellen sie nicht fest.

Die meisten Einrichtungen arbeiten auf Grundlage einer gemischten Finanzierung und sehen sich gestiegenen (niedrigschwellige, individuelle Beratung) und neuen Anforderungen (z.B. Mittagstisch, Hausaufgabenhilfe, neue medienpädagogische Aufgaben) sowie personellen Problemen (z.B. Phasen personeller Unterbesetzung, zeitlich begrenzte Projektstellen, hohe Altersstruktur) ausgesetzt.

Auf Grundlage der erhobenen Daten formulieren die WissenschaftlerInnen Entwicklungspotenziale dieses Praxisbereichs (Ausbau sozialraumorientierter Bedarfserhebungen, Konzeptionsarbeit, gute Balance klassischer Angebote, konstruktive Integration neuer Medien, Aufnahme der Bedürfnisse junger Menschen nach Ruhe und Rückzug; vgl. 64).

Das dritte Kapitel wendet sich der empirischen Beschreibung der BesucherInnenschaft von Einrichtungen der OKJA zu.

Die Studie skizziert ein differenziertes Bild der NutzerInnen hinsichtlich verschiedener Gesichtspunkte (z.B. Besucherstruktur, Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, Migrationshintergrund uws. in Bezug auf Groß-, Mittel-, Kleinstadt und Landkreis).

Interessante Denkanstöße liefert zudem die Analyse der Sicht der pädagogischen MitarbeiterInnen auf die BesucherInnen als auch die der Kinder und Jugendlichen auf die OKJA.

Im vierten Kapitel befasst sich die Studie mit der Vernetzung der OKJA im Sozialraum und nimmt dabei auch die jeweiligen Sichtweisen und Bewertungen der Kooperationspartner auf.

Die Schule wird als bedeutender Partner erkannt. Innerhalb des schulischen Ganztags realisiert die OKJA überwiegend spiel-, sport- und bewegungspädagogische, außerhalb des Ganztags vorrangig präventive Angebote (z.B. soziales Kompetenztraining, Antigewalttraining, Suchtprävention).

Neben der Schule arbeitet die OKJA darüber hinaus mit der Schulsozialarbeit, Jugendsozialarbeit und Jugendgerichtshilfe, aber auch mit Kirchengemeinden, Sportvereinen, der Polizei, der lokalen Politik und den lokalen Medien zusammen.

Die Partner schätzen an der OKJA besonders deren Niedrigschwelligkeit und Offenheit sowie das Prinzip der Freiwilligkeit. Auch ihre Räumlichkeiten sind beliebt.

Im fünften Kapitel werden „sehr unterschiedliche Formen der Organisation und Steuerung der OKJA“ und Unterschiede „entlang anderer Differenzierungslinien“ (141) identifiziert und interessante Einblicke in die Einschätzungen und Bewertungen der Steuerungsverantwortlichen freigegeben.

Diese bewerten die offene Jugendarbeit grundsätzlich „als überaus wirksam“ (135) und schreiben ihr Aufgaben „in Richtung Politikberatung und Lobbyarbeit“ (142) zu.

Offene, freizeit- und bedarfsorientierte Angebote sowie die individuelle Beratung, Begleitung und Hilfe junger Menschen im Rahmen der OKJA werden von diesen Experten priorisiert.

Der Wunsch nach einer Intensivierung der Kooperation mit der Schule wird weniger zum Ausdruck gebracht.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit den unterschiedlichen jugendlichen Lebenswelten.

Große sozialräumliche Unterschiede werden nicht festgestellt. Aus diesem Ergebnis schlussfolgert das Team, dass die gleichen großen Trends (Freizeitpräferenzen, Medien, Musik, Mode) in den unterschiedlichen Sozialräumen den Ton angeben und „durch die jeweiligen sozialräumlichen Unterschiede nur in geringer Weise verändert“ (162) werden.

Mit ihrem siebenten Kapitel wenden sich die WissenschaftlerInnen der Partizipation zu. Über die Auswertung der Daten gelangen sie u.a zu der Erkenntnis, dass die offene Jugendarbeit zwar bereits vorhandene Partizipationsfähigkeiten aufnehmen und einbeziehen kann, konstatieren jedoch in Bezug auf die Herstellung einer partizipationsbezogenen Motivationen und Vermittlung relevanter Fähigkeiten einigen Entwicklungsbedarf.

Im achten Kapitel geht es um das Verhältnis zwischen den PädagogInnen und den BesucherInnen der OKJA. Hierfür wird der Begriff „Arbeitsbeziehungen“ verwendet, welche dem Aufbau von Vertrauen dient und lebensweltorientiertes Arbeiten ermöglicht.

Die Gruppendiskussionen mit den Fachkräften gelangen zu dem Ergebnis, dass die Professionellen in der Herstellung intensiver Arbeitsbeziehungen einen Schwerpunkt ihres beruflichen Handelns sehen. Die ForscherInnen stellen fest, dass es ihnen gelingt, zu einer großen Anzahl von BesucherInnen eine sehr intensive und vertrauensvolle Arbeitsbeziehung aufzubauen (vgl. 202).

Das neunte Kapitel akzentuiert die wichtigsten Ergebnisse der Studie. Das Forscherteam bestätigt die Relevanz niedrigschwelliger Beratungsangebote in der OKJA, betont jedoch die Gefahr, dass diese sich auf Einzelfallhilfe verengen könnte (vgl. 207).

Die AutorInnen äußern sich darüber hinaus eher skeptisch was die Chancen eines fachlichen Fortschritts der Zusammenarbeit von OKJA und Schule angeht: Ihren eigenen Bildungsauftrag könne die OKJA „auch jenseits der Kooperation mit Schule erfüllen.“ (206) Einen Legitimationsdruck seitens der Steuerungsverantwortlichen halten sie für unwahrscheinlich.

Diskussion

In der OKJA schient mir eine Neigung zur Beziehungsarbeit und Einzelhilfe tief eingewurzelt zu sein. Offenbar trifft hier eine fachliche Notwendigkeit auf ein menschlich verständliches Bedürfnis einiger Professioneller.

Ich meine das Schutzbedürfnis einzelner MitarbeiterInnen, die über die Beziehungsarbeit feste und kalkulierbare Arbeitsbedingungen suchen, weil sie sich nicht angemessen auf das Wagnis beruflichen Handelns in sozial komplexen, offenen, sich möglicherweise ständig wandelnden Verhältnissen vorbereitet sehen oder von ihren persönlichen Voraussetzungen her derartige Situationen nur schwer ertragen können.

Hinzu kommt nach meinen Beobachtungen, dass akademisch gebildete SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen eine deutlich ausgeprägte Beratungsidentität ausgebildet haben und sich weniger als FreizeitpädagogInnen und schon gar nicht als „Animateure“ sehen.

Dass nur rd. 4 bis 9 % der gleichaltrigen Bevölkerung (vgl. 88) die Angebote der OKJA regelmäßig nutzen, obwohl diese im Prinzip den Vorstellungen der jungen Menschen entsprechen (vgl. 89), könnte mit dieser „Schieflage“ etwas zu tun haben.

Diese systematisch identifiziert und problematisiert zu haben, ist ein großes Verdienst dieser Studie

Eine Wiederbelebung der freizeitpädagogischen Dimension in der OKJA (und auch in den auf sie vorbereitenden Studiengängen) wäre für mich eine Antwort auf dieses Problem – auch und besonders mit Blick auf aktivierende Handlungsansätze.

Die ForscherInnen bezweifeln, ob es den Fachkräften in der offenen Arbeit immer gelingen würde, den jungen NutzerInnen „die Teilnahme an einer steigenden Partizipationsspirale“ (185) zu ermöglichen. Diese Kritik wirft für mich die inhaltlich wesentlich interessantere Frage auf, wie der implizit formulierte pädagogische Anspruch unter den empirisch gegebenen Bedingungen der OKJA und in einem Setting grundsätzlicher Offenheit praktisch einzulösen ist.

Dabei ist die Gefahr nicht aus den Augen zu verlieren, dass sich innerhalb der BesucherInnenschaft mit ansteigender Partizipationsspirale Funktionärsstrukturen etablieren könnten, die durchaus im Stande wären, Exklusionswirkungen zu erzeugen und das Prinzip der Offenheit zu unterlaufen.

Fazit

Das Werk ist klar und übersichtlich gegliedert und bietet eine Fülle empirischer Informationen. Die zahlreichen, übersichtlich und verständlich gestalteten Tabellen verschaffen einen differenzierten Überblick über das Datenmaterial und ermöglichen der Leserschaft, die Interpretationen des Forscherteams kritisch nachzuvollziehen und auch eigene Erkenntnisse zu gewinnen.

Ein besonderer Vorzug dieser Studie ist, dass sie die OKJA nicht allein von innen her analysiert, sondern über quantitative und qualitative Verfahren auch die Sichtweisen von Kooperationspartnern, BesucherInnen sowie NichtbesucherInnen, der Politik und Verwaltung erhebt.

Über die Auswertung des empirischen Materials gelingt es den VerfasserInnen, wichtige Entwicklungsnotwendigkeiten dieses sozialpädagogischen Handlungsfeldes schlüssig herauszuarbeiten und Anstöße für nachfolgende Studien zu geben.

Meines Erachtens fehlt leider ein Anhang, in welchem das Forschungsdesign und die Instrumente genauer und differenzierter dargestellt werden.

Das Werk vermag eine gewinnbringende Lektüre besonders für all jene zu sein, die in der Praxis, Forschung, Lehre, Politik, Verwaltung und im Studium mit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu tun haben. Es ist daher all jenen sehr zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 14.06.2019 zu: Ulrich Deinet, Maria Icking, Dirk Nüsken, Holger Schmidt: Potentiale der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Innen- und Außensichten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3485-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22709.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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