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Helmut Arnold, Hubert Höllmüller (Hrsg.): Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit

Cover Helmut Arnold, Hubert Höllmüller (Hrsg.): Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-3292-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Niederschwelligkeit bzw. Niedrigschwelligkeit sind in der Praxis der Sozialen Arbeit alltäglich verwendete Termini. Sie finden häufig insbesondere dann Eingang in Konzeptionen und Konzepte, wenn es darum geht, Menschen zu adressieren, die durch andere („hochschwellige“) Maßnahmen nicht gut erreichbar sind oder von denen angenommen wird, sie könnten nicht gut erreichbar sein; dabei kann es sich um Adressat*innen handeln, die

  • aufgrund äußerer Barrieren („Schwellen“) die Voraussetzungen für den Zugang zu Hilfeangeboten nicht erfüllen (können),
  • aufgrund von subjektiv als negativ bewerteten Erfahrungen mit Hilfeangeboten erst wieder neu gewonnen werden müssen oder
  • bislang aufgrund fehlender eigener Problemeinsicht absichtslos im Hinblick auf eine Inanspruchnahme von Hilfeangeboten sind, die aber als hilfebedürftig identifiziert werden (vgl. Mayrhofer 2012; siehe nächster Absatz)

Die Zahl der einschlägigen Publikationen zur Niederschwelligkeit nimmt sich (noch) bescheiden aus – auch die Fachlexika der Sozialen Arbeit behandeln in ihrer Mehrzahl Niederschwelligkeit nicht oder nicht explizit. Hemma Mayrhofer veröffentlichte im Jahr 2012 ihre Dissertation zum Thema „Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit. Funktionen und Formen aus soziologischer Perspektive“ im Springer-Verlag. Auf diese Arbeit wird in den Diskursen zur niederschwelligen Sozialen Arbeit häufig Bezug genommen. Von daher verspricht der vorliegende Sammelband eine wichtige Ergänzung und Erweiterung zu sein.

Herausgeber

Die beiden Herausgeber Helmut Arnold und Hubert Hollmüller sind Professoren an der FH Kärnten.

Aufbau

Die Herausgeber gliedern die Beiträge des Sammelbandes in vier thematische Kapitel

  1. Professionstheoretische Überlegungen
  2. Jugend und Jugendhilfe
  3. Arbeitsleben und Lebensfragen im Erwachsenenalter
  4. Soziale Altenarbeit

Bereits im Inhaltsverzeichnis wird deutlich, dass sich der Band vor allem entlang ausgewählter Handlungsfelder seinem Gegenstand nähert. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind Professorinnen und Professoren, Fachkräfte der Sozialen Arbeit, aber auch zu einem nicht geringen Anteil Studierende der Sozialen Arbeit (Auszüge aus Abschlussarbeiten bzw. Projektberichten). Die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren arbeitet in Österreich.

Den vier o.g. Kapiteln ist eine Einführung von Arnold/Höllmüller vorangestellt, in der die Herausgeber einige allgemeine Überlegungen zum Thema „Niederschwelligkeit“ anstellen und in einem „Gang“ durch den Sammelband die einzelnen Beiträge kurz vorstellen.

Zu 1.

Das Kapitel „Professionstheoretische Überlegungen“ umfasst vier Beiträge.

Zunächst hält Höllmüller nach wichtiger Begriffsbestimmung ein „Plädoyer“ für Niederschwelligkeit als ein eigenständiges Konzept Sozialer Arbeit, nämlich als „Hilfe ohne Kontrolle“ für solche Zielgruppen, bei denen ein Versorgungsauftrag nur noch ohne Kontrollauftrag ausgeführt werden könne. Er diskutiert (und kritisiert) dabei durchaus auch die Praxis, Zielgruppen aus einem zumindest impliziten Kontrollbedürfnis des Auftraggebers (und der Sozialen Arbeit) heraus zu definieren. Sehr überzeugend begründet Höllmüller deshalb die Notwendigkeit einer berufsethischen Rahmung zur Verhinderung von Beliebigkeit.

In einem weiteren Beitrag beschäftigt sich Reutlinger mit der Frage, ob der Sozialraum „niedrigschwellig per se“ sei. Auch er setzt sich zunächst gründlich mit der Bestimmung des Fachbegriffs „Niederschwelligkeit“ auseinander. Den Sozialraum hält er nicht für „per se“ niederschwellig und formuliert Anforderungen an eine niederschwellige Soziale Arbeit im sozialräumlichen Kontext – nicht zuletzt in deutlicher Abgrenzung zum „Fachkonzept Sozialraumorientierung“, das er als pragmatisch-verkürzt kritisiert.

Scheu/Autrata sehen im Verstehen des „Mensch-Seins“ die Basis für Niedrigschwelligkeit (im Sammelband gibt es keine einheitliche Verwendung von „Niederschwelligkeit“ oder „Niederschwelligkeit“). Auch hier wird zunächst der Begriff der Niedrigschwelligkeit bestimmt; anschließend entwickeln die Autoren auf der Basis theoretischer Darlegungen zur Gestaltung des Sozialen Überlegungen zur Überwindung von Schwellen. Niedrigschwelligkeit konzipieren sie dabei als „substantielle Grundorientierung“ der Sozialen Arbeit. Voraussetzung dafür sei ein Verstehen, das sie subjekttheoretisch begründen.

Kapitel 1 endet mit einem Beitrag von Böhnisch, der Niedrigschwelligkeit als interaktiven Prozess auffasst und insbesondere die Frage nach „Barrieren“ stellt, die sich einerseits tiefendynamisch zwischen Fachkräften und ihren Klientinnen und Klienten aufbauen, aber auch als „innere Barrieren“ von Klientinnen und Klienten den Hilfeprozess beeinflussen. Solche inneren Barrieren seien ein biographisch erworbenes Abwehrverhalten, um auch in psychisch belastend erlebten Lebenssituationen subjektiv handlungsfähig zu bleiben. Auf Grundlage seines bewältigungstheoretischen Konzepts beschreibt er, auf Basis einer akzeptierenden Haltung seien ein konsequentes Reframing und die Schaffung funktionaler Äquivalente eine angemessene Methodik zur „Verlegung“ von Schwellen, damit Klientinnen und Klienten in einem interaktiven Prozess „selbst den Zugang zu sich und ihrem Verhalten“ finden.

Zu 2.

Kapitel 2 („Jugend und Jugendhilfe“) beginnt mit einem Beitrag von Schmölzer/Watzenig, die sich mit „Anforderungen und Grenzen einer niederschwelligen Sozialen Arbeit“ beschäftigen, und zwar am Beispiel der Arbeit mit sogenannten „herausfordernden“ Jugendlichen; solchen Jugendlichen also, für die die Jugendhilfe keine adäquaten Angebote bereithält und die nicht selten von einer (intensivpädagogischen) Einrichtung zur nächsten weitergereicht werden. Die Jugendlichen werden bereits im Titel des Beitrags, aber mehrfach auch im Text selber, als „Wanderpokal“ bezeichnet. Diese Metapher scheint nicht nur inhaltlich misslungen (schließlich bekommen die Einrichtungen die Jugendlichen gerade nicht als Auszeichnung zugewiesen), sie erscheint auch ansonsten unangemessen. Die Autoren plädieren für eine konsequente Kooperation beteiligter Maßnahmen und Handlungsfelder, um auf diesem Wege eine verbesserte Erreichbarkeit der Adressatinnen und Adressaten zu fördern („Niederschwelligkeit durch Koordinierung“).

Suppan kritisiert anhand einer kleinen Fallstudie die Weigerung von Unterstützungssystemen, trotz erkennbaren Scheiterns von Maßnahmen im „niederschwelligen Überscheidungssystem von Kinder- und Jugendhilfe, Psychiatrie und Justiz“ aus den Fehlern zu lernen und neue Konzepte zu entwickeln. So originell der Beitrag zunächst eingeleitet wird, so lieblos ist allerdings die Fallstudie aufbereitet.

In einem weiteren, recht kurzen, Beitrag zu Kapitel 2 beantwortet Jochade die Frage, was an Streetwork niederschwellig sei. Er reflektiert dabei Sequenzen aus dem beruflichen Streetwork-Alltag auf Grundlage systemtheoretischer Überlegungen. Der Beitrag handelt en passant auch von den Zumutungen, die es im Kontext akzeptanzorientierter Sozialer Arbeit aushalten gilt.

Klemenjak thematisiert in einem nächsten Beitrag die Frage, ob Niederschwelligkeit in der Lehrlingsausbildung ein Widerspruch sei. Der Autor des eher oberflächlich gehaltenen Beitrags kommt zu dem Ergebnis, dass – jedenfalls in einem von ihm exemplarisch betrachteten Ausbildungsverbund – durchaus Elemente von Niederschwelligkeit identifizierbar seien, die aber im Wesentlichen überhaupt nichts mit dem Handlungsfeld an sich, sondern mit Entscheidungen über die spezifischen Rahmenbedingungen des exemplarischen Projekts zu tun haben. Der Erkenntnisgewinn des Beitrags ist daher bescheiden.

Kapitel 2 schließt mit einem Beitrag von Hirmann zu „Drogenkonsummustern bei Jugendlichen und Erwachsenen – niederschwellig betrachtet“. Der Bezug zur Niederschwelligkeit fehlt nahezu vollständig, tatsächlich erfährt der Leser auf zunächst 21 Seiten vor allem über Substanzwirkungen und Konsumgründe; lediglich die letzte Seite des Beitrags greift mit „Akzeptanzorientierter Drogenarbeit“ Aspekte von Niedrigschwelligkeit auf.

Zu 3.

Bezugspunkte von Kapitel 3 sind „Arbeitsleben und Lebensfragen im Erwachsenenalter“. Rottermanner vergleicht darin im Kern die Betriebliche Soziale Arbeit mit der Betriebsratsarbeit. Aspekte von Niederschwelligkeit spielen eher am Rande eine Rolle. Bezeichnend für die Qualität des Beitrags (vermutlich aus einer studentischen Abschlussarbeit hervorgegangen) ist der von der Autorin ausgemachte „wahrscheinlich wesentlichste Unterschied“ zwischen Betrieblicher Sozialer Arbeit und Betriebsratsarbeit: Das eine sei „BERUF“, das andere „BERUFUNG“. Was die Herausgeber bewogen hat, diesen Beitrag aufzunehmen, erschließt sich dem Rezensenten nicht.

Im nächsten Beitrag schreibt Wunder über „niedrigschwellige Kompetenzförderung von lernbehinderten und beeinträchtigten jungen Menschen“, basierend auf einer studentischen Projektarbeit. Im Kern geht es dabei – gestützt auf das Empowerment-Konzept – um die Entwicklung von Lern- und Unterstützungsunterlagen zur Förderung von berufsrelevanter Handlungskompetenz.

Ein nächster und wirklich anregender Beitrag stammt von Jäger, die über „Niederschwellige aktivierende Beschäftigung in der ambulanten Drogenarbeit mit jungen Erwachsenen“ schreibt. Die Autorin vermag ausgehend von Ausführungen zur Bedeutung von Erwerbsarbeit sehr plausibel eine relevante Versorgungslücke darzulegen, nämlich das Fehlen von niederschwelligen Beschäftigungsmöglichkeiten für drogenkonsumierende junge Menschen. Sie belässt es aber nicht bei der Analyse, sondern entwickelt ein überzeugendes Konzept und resümiert abschließend Möglichkeiten und Grenzen von aktivierenden niederschwelligen Angeboten zur Beschäftigungsförderung.

Rindlisbacher entwickelt in ihrem Beitrag ein Konzept für Flüchtlingsarbeit in strukturschwachen ländlichen Regionen, indem geflüchtete Menschen in bäuerlichen und touristischen Betrieben untergebracht und über mobile Angebote Sozialer Arbeit in die dörflichen Strukturen integriert werden sollen.

In einem weiteren Beitrag fordert Bittner ein, die Soziale Arbeit als „niederschwellige Stimme … im Gutachterverfahren“ im Maßnahmenvollzug (Österreich; in Deutschland: Maßregelvollzug) zu berücksichtigen. Ausgehend von Böhnischs Konzept der Lebensbewältigung und Thierschs Konzept der Lebensweltorientierung formuliert sie plausible Gründe, die für eine stärkere Beteiligung der Sozialen Arbeit bei der Begutachtung gefährlicher Straftäter sprechen. Was genau die „Stimme der Sozialen Arbeit“ aber niederschwellig macht, hätte deutlicher herausgestellt sein dürfen.

Im abschließenden Beitrag von Kapitel 3 diskutiert Allmayer die Frage, ob Frauenhäuser als niederschwellige Unterstützungssysteme gelten dürfen. Ausgehend von Mayrhofers Dimensionen niederschwelliger Sozialer Arbeit (zeitliche, räumliche, inhaltliche bzw. sachliche und soziale Dimension) erkennt sie in der Frauenhausarbeit sowohl niederschwellige als auch hochschwellige Aspekte.

Zu 4.

Schließlich widmet sich Kapitel 4 der Sozialen Altenarbeit.

In einem kurzen Beitrag sucht Groß die Notwendigkeit niederschwelliger Angebote der Sozialen Arbeit für Menschen zu begründen, die vom „Vermüllungssyndrom im Alter“ betroffen sind. Niederschwelligkeit bedeutet für die Autorin eine explizite Biographieorientierung, eine Anbindung Betroffener an Selbsthilfegruppen und die Ermöglichung psychotherapeutischer Hilfe durch interprofessionelle Kooperationen.

Abschließend beschäftigt sich ein Beitrag von Hechtl mit weiblicher Sexualität im Alter und niederschwelliger Sexualberatung. Sich ebenfalls auf Mayrhofers Dimensionen beziehend legt sie Kriterien für niederschwellige Sexualberatung dar.

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Sammelband vereint eine Vielzahl von Beiträgen zu Aspekten von Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit und stellt insoweit eine gute Ergänzung dieser in der wissenschaftlichen Literatur noch eher randständig behandelten Ausrichtung Sozialer Arbeit dar. Besonders anregend sind die Beiträge zu ausgewählten „professionstheoretischen Überlegungen“ (Kapitel 1), die die Fachdiskussionen zur Niederschwelligkeit befruchten. Anregende Lektüre versprechen auch viele der praxisbezogenen und oft konzeptionellen Beiträge der Folgekapitel. Allerdings geht in einigen Beiträgen der Fokus auf „Niederschwelligkeit“ zu sehr verloren, worunter die Stringenz der inhaltlichen Ausrichtung leidet. Einige Beiträge gehen aus studentischen Projekt- und Abschlussarbeiten hervor, darunter auch solche, deren Verbleib im Sammelband im Falle einer Neuauflage seitens der Herausgeber überdacht werden sollte.

Insgesamt bereichert der Sammelband die Literatur zur Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. phil. Stephan Barth
Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagoge, FH Münster, FB Sozialwesen
Homepage www.fh-muenster.de/fb10/index.php
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Zitiervorschlag
Stephan Barth. Rezension vom 11.01.2018 zu: Helmut Arnold, Hubert Höllmüller (Hrsg.): Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3292-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22712.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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