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Helmut Paula: Patientensicherheit und Risikomanagement in der Pflege

Helmut Paula: Patientensicherheit und Risikomanagement in der Pflege. Für Stationsleitungen und PDL. Springer (Berlin) 2017. 2., überarbeitete Auflage. 195 Seiten. ISBN 978-3-662-53566-0. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Thema

Der Begriff „Risiko“ wird im Allgemeinen mit einem Wagnis verbunden, welches einen negativen Ausgang haben kann. Parallel zu diesem defizitären Ansatz benutzen wir das Sprichwort „Wer nichts wagt, der nicht gewinnt!“. Ohne Risiken sind Umbrüche nicht denkbar. Eine vorrangig im wirtschaftlichen Kontext verwendete Risikoperspektive spiegelt somit nur eine Bedeutung wider. Setzen wir aber einmal voraus, dass sich auch Betriebe und Unternehmen entwickeln, erfährt der Risikobegriff eine weitergehende Deutung. Entwicklung, vor allem die des menschlichen Individuums, ist fehlerfreundlich. Die menschliche Existenz wäre ohne probieren, mutieren und das Eingehen von Risiken nicht denkbar. Wenn wir also das Risiko auch als Chance begreifen, ändert sich die erstgenannte Perspektive schlagartig. Ein Risiko, vor allem die, die aus einem Fehler resultieren, können als Ansatz für Veränderungen oder Verbesserungen dienen. Auch wenn dieser Interpretation ein zu positivistischer Ansatz unterstellt werden kann, geht das vorliegende Werk doch im Kern davon aus, dass eine Fehlerkultur primär Chancen für Transparenz von Prozesses ermöglicht und ein Ansatz für Verbesserungsmaßnahmen bietet.

Gerade das Gesundheitswesen, welches im Wesentlichen immer noch sehr in einer säulen- oder berufsgruppenspezifischen Denkstruktur verhaftet ist, sind Fehler eine Störung und werden zu allererst als das Versagen einer Einzelperson oder einer Kette von menschlichen Fehlern gesehen, die vor allem arbeitsrechtlich geahndet werden müssen.

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens trägt dazu bei, das die Marktmechanismen auch auf die Kliniken wirken. Um sich einem durchaus kritisch zu sehenden, jedoch politisch gewollten, Wettbewerb zu stellen, müssen die Kliniken ihre Risiken kennen, die Einfluss auf die Unternehmenssicherung besitzen. Zu den genannten Marktmechanismen zählt auch die Auseinandersetzung mit dem Thema der Qualitätssicherung. Hierunter ist auch die Patientensicherheit zu verstehen. Die Praxisrelevanz des Risikomanagements leitet sich unter anderem aus der zeitlich hohen Präsenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der professionellen Pflege gegenüber den Patienten/Kunden ab. Der Kreis des Pflegepersonals verfügt über den häufigsten Patienten- bzw. Kundenkontakt und somit passieren naturgemäß eben auch für die Patienten/Kunden sichtbare Fehler.

Aufbau und Inhalt

Eine werteorientierte Unternehmensführung im Gesundheitswesen befasst sich nicht nur mit den ökonomischen Risiken der Institution, sondern auch mit der Patientensicherheit. Also die Frage danach, ob die Prozesse und Verfahren so erfolgen, dass die Patientenversorgung auch ethischen und juristischen Perspektiven Maßstäben. Das vorliegende Buch versucht den Spagat zwischen der Etablierungsnotwendigkeit einer Managementmethode, hier dem Risikomanagement, und einem humanistischen Menschenbild zu schaffen. Der Autor leitet seine Intention sich des Themas anzunehmen aus einer umfassend recherchierten Studienlage ab. Als wesentliches Ergebnis wird erläutert, dass „bis zu 10 % der in Krankenhäusern behandelten Patienten zusätzlichen Schädigungen erleiden“ (S. 3).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Nachdem der Autor den Begriff des Risikomanagements umfassend und nachvollziehbar vorstellt, widmet er sich den allgemeinen Strategien des Risikomanagements (Kap. 2). Die Dimensionen der Risikoentstehung, zum Beispiel nach Technisierungsaspekten oder den Entstehungsorten von möglichen Patientenschädigungen, sind gut erläutert und spannend zu lesen. Wesentlich erscheint der Abschnitt, in dem Herr Paula erläutert, dass die Beschäftigung mit der Patientensicherheit und dem Risikomanagement ein Unternehmensziel sein muss. Gerade der Abschnitt über die Auswirkungen von Überlastungsfaktoren der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Kliniken und die daraus resultierenden Konsequenzen bzw. Fehler werden sehr gut begründet. Auch auf die Wirkung von Hierarchien, als Risiko steigernde Funktion, wird nachvollziehbar hingewiesen. Beispiele aus dem Militär- und Klinikbereich bereichern die Verständlichkeit der Materie. Als mögliche Lösung der Probleme wird darauf hingewiesen, dass einheitliche oder standardisierte Abläufe und die Redzierung von Redundanzen, dabei helfen können die Risiken zu minimieren. Wesentlich erscheint auch der Hinweis, dass der „menschliche Faktor“ als Realität akzeptiert werden muss und eben nie ganz zu eliminieren ist. Gleichwohl werden Fehlervermeidungsstrategien verständlich vorgestellt. Weiter erörtert der Autor, dass auch Sekundärfaktoren, wie zum Beispiel die Arbeitszeitgestaltung Einfluss auf die Fehlerentstehung besitzen. Den Methoden der Fehlerfassung und -aufbereitung wird ein umfangreicher Abschnitt gewidmet. Unter anderem wird das Ishikawadiagramm als Problemlösungsmethode vorgestellt. Dieser Methode kann eine hohe Praxistauglichkeit attestiert werden.

Das Kapitel 3 befasst sich mit dem Praktischen Risikomanagement und empfiehlt diese Führungsaufgabe als Projektaufgabe zu verstehen (S. 116 ff). Die Methode des Projektmanagements wird verständlich vorgestellt und mit einem anschaulichen Beispiel über „Gefahrenquellen bei der Notfallanforderung von Blutkonserven“ (S. 136) vermittelt.

Im Abschnitt über die praktische Einführung des Risikomanagements im Krankenhaus schlägt der Autor einen breiten Begründungsrahmen warum diese Methodik eingeführt werden sollte. Dabei hebt der Autor neben den juristischen Aspekten auch der Imageverlust der Klinik und die Chance der Optimierung, sowie die Arbeitabläufe nicht nur sicherer sondern auch optimieren zu können, hervor. Die rechtliche Perspektive des Risikomanagements wird nur kurz vorgestellt. Dieser Abschnitt darf auch ruhig reduziert vorgestellt werden, da es sich bei dem vorliegenden Werk nicht um juristische Fachliteratur handelt. Die wesentlichen rechtlichen Voraussetzungen, warum eine Klinik ein Risikomanagementsystem etablieren sollte, werden treffend erläutert. Besonders die zivil- und strafrechtlichen Aspekte werden verständlich vorgestellt. Der im Inhaltsverzeichnis aufgeführte „Serviceteil“ weckt Erwartungen hinsichtlich praktischer Hinweise oder auch Muster zur Einführung eines Risikomanagementsystems für die Einrichtung der Leserin oder des Lesers. Diese Erwartungshaltung ist unbegründet und wird auch nicht erfüllt. Es finden sich zwar einige praktische Hinweise und ein Muster für ein Fehlermeldesystem. Hier wäre eine breitere Praxisrelevanz wünschenswert gewesen.

Fazit

Der Autor definiert als Zielgruppe für das Thema „Patientensicherheit und Risikomanagement“ Stations- und Pflegedienstleitungen. Dieser Personenkreis wird von dem vorliegenden Buch profitieren. Es ist gelungen einen vordergründig „trockenen“ Inhalt mit einer unterstellt niedrigen Praxisrelevanz so zu schreiben, dass es erstens spannend zu lesen ist und zweitens durch einen durchgehend logischen und nachvollziehbaren Aufbau stets einen roten Faden behält.

Das vorliegende Buch kann als ersten Grundlagenpublikation hinsichtlich der Themen „Patientensicherheit“ und „Risikomanagement“ gelten. Der Autor verwendet die aktuelle Studienlage zur Risikolage im Gesundheitswesen um die Brisanz des Themas zu begründen. Dies ist sehr gut gelungen. Wohltuend ist, dass das Buch nicht mit einem betriebswirtschaftlichen Schwerpunkt ausgestattet ist, sondern aus einer Praxisperspektive heraus geschrieben wurde. Hierdurch erhält das Buch eine gute Lesbarkeit über die Zielgruppe hinaus auch für Berufspraktiker.

Der Inhalt ist hochaktuell und sollte zum Standard für die Fort- und Weiterbildungen für Pflegende im Management gelten. Ebenso kann die Lektüre in der Lehre an Hochschulen Anwendung finden. Vertiefende Literatur wird in einer breit angelegten Literaturrecherche vorgehalten. Wer sich also mit der Primärliteratur befassen möchte, stößt hier auf einen reichhaltigen Fundus.

Vor dem Hintergrund, dass die Patientenperspektive bzw. -orientierung einen immer wichtigeren Stellenwert im Gesundheitswesen einnehmen wird, ist eine hohe Patientensicherheit in der Praxis durchaus ein Wettbewerbsvorteil.

Zusammenfassend kann die vorliegende Publikation tatsächlich als Grundlagenwerk gelten und mit den wenigen genannten Hinweisen uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Olaf Scupin
Stationspfleger, Pflegedienstleiter, Dipl. Pflegewirt (FH), Humanontogenetiker, Professor für Pflegemanagement an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena (EAH) Fachbereich Gesundheit und Pflege, Direktor am Institut für Coaching und Organisationsberatung der EAH Jena (ICO-Jena). Direktor für Pflegeentwicklung in den Waldkliniken Eisenberg
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Zitiervorschlag
Olaf Scupin. Rezension vom 12.10.2018 zu: Helmut Paula: Patientensicherheit und Risikomanagement in der Pflege. Für Stationsleitungen und PDL. Springer (Berlin) 2017. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-662-53566-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22717.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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