socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heiner Fangerau, Sascha Topp u.a. (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie (National­sozialismus und Nachkriegszeit)

Cover Heiner Fangerau, Sascha Topp, Klaus Schepker (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Zur Geschichte ihrer Konsolidierung. Springer (Berlin) 2017. 632 Seiten. ISBN 978-3-662-49805-7. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es ist zu kurz gegriffen, wenn man das stetige Anwachsen der Forschung zum Nationalsozialismus allein mit der Zunahme des Abstandes vom Geschehen und dem Absterben der Nationalsozialisten in Wissenschaft und Forschung, dem Schwund nationalsozialistischer Wirkmacht also, in Zusammenhang bringen wollte oder etwa ausschließlich mit der seit Jahren verstärkt propagierten Staatsräson des Anti-Faschismus und den damit eröffneten wissenschafts-politischen Möglichkeiten einer Förderung.

Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Dieses in der Vorrede zu Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ zu lesende Diktum verweist auf den Zeitbedarf und auf die Kraft der Erkenntnis, die für eine unvoreingenommene Nachbildung und ein Verständnis jeder geschichtlichen Wirklichkeit notwendig sind.

Daher ist es kein Zufall, wenn die zeitgeschichtliche Erforschung des Nationalsozialismus wie im vorliegenden Fall der Kinder-und Jugendpsychiatrie erst jetzt in die Lage kommt, themenzentrierte Ergebnisse und Übersichten vorzulegen und das bereits grob und in Umrissen Bekannte detailliert nachzuzeichnen und zu einem Gewussten zu machen. Ist es uns wirklich bewusst, dass es Kinder waren, mit denen die „Euthanasie“, die direkten medizinische Tötungen der Nazis, begann? Kinder und Jugendliche gehörten zu den ersten Opfern der in der Massenvernichtung der Juden kulminierenden Nazi-Herrschaft.

Auch gibt es in der Forschung der deutschen Verbrechen gegen die Menschheit durchaus noch erkenntnisnotwendigen Zeitbedarf, insofern sich auch aus der bisherigen Forschungsarbeit immer wieder neue Desiderate ergeben. Von einem Abschluss der Forschungen kann jedenfalls in absehbarer Zeit nicht die Rede sein; der kumulativ gebildete Forschungsbestand wächst und dürfte mittlerweile von einem Einzelnen kaum überblickt werden können.

Herausgeber

Die Herausgeber - Prof. Dr. med.Heiner Fangerau (Lehrstuhlinhaber und Leitung), Dr. phil. Sascha Topp und Klaus Schepker M.A. - arbeiten am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Entstehungshintergrund

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) hatte 2014 ein mit 60.000 Euro dotiertes Forschungsprojekt öffentlich ausgeschrieben: Entstehungsgeschichte und Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik“ 1940 in Wien und deren Aktivitäten in den folgenden Jahren bis in die unmittelbare Nachkriegszeit bis 1955. Nach fachlicher Begutachtung ging der Auftrag an die Herausgeber dieser Publikation, die u.a. die Projektergebnisse vorstellt.

Bestandteil des Auftrages war es auch, Kontakt mit anderen Forschern in diesem Themenfeld Kontakt aufzunehmen. Die auf einem Expertenworkshop vorgestellten Beiträge sind ebenfalls in die Publikation aufgenommen worden.

Aufbau

Im ersten Kapitel wird die „Kinder -und Jugendpsychiatrie bis 1945“ in sechs Untersuchungen thematisiert:

  1. Die Gründungsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik (DGKH) und ihr Wirken (Klaus Schepker und Heiner Fangerau)
  2. Kollektives Vergessen: Die Diagnose Psychopathie und der Umgang mit dem schwierigen Kind im Verständnis von Fritz Kramer und Ruth von der Leyen (Petra Fuchs und Wolfgang Rose)
  3. Zwischen Anlage und Erziehung. Zum pädiatrischen Umgang mit „nervösen“ und „psychopathischen“ Kindern in der Weimarer Republik (Thomas Beddies)
  4. „Denn im Verein stehen wir dem Nichts gegenüber“. Der Vorstand des Deutschen Vereins zur Fürsorge für jugendliche Psychopathen e.V. zwischen gescheiterter Überlebensstrategie und Resistenz (1933-1935) (Anne Oommen-Halbach und Klaus Schepker)
  5. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik im Nationalsozialismus als verkappte Fachgesellschaft für Sonderpädagogik (Dagmar Hänsel)
  6. Die Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater und die Verselbstständigung der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Konkurrenz oder Kooperation? (Hans-Walter Schmuhl)

Im zweiten Kapitel geht es in vier Untersuchungen um die „Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Nachkriegszeit“:

  1. Deutsche Vereinigung für Jugendpsychiatrie (Sascha Topp)
  2. Erbbiologie und Kriegserfahrung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der frühen Nachkriegszeit: Kontinuitäten und Kontexte bei Hermann Stutte (Volker Roelcke)
  3. Zwangsbewahrung: Fürsorgerische Freiheitsentziehung im bundesdeutschen Rechtsstaat (Matthias Willing)
  4. Finanzierung von Krankenhausbehandlung in den 50er Jahren unter dem Fortwirken des „Halbierungserlasses“ (Renate Schepker)

Im dritten Kapitel werden in vier Untersuchungen „Einzelne Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie nach 1945“ vorgestellt:

  1. „Ein dringendes Erfordernis unserer Zeit“. Zur Entwicklung der pfälzischen Kinder- und Jugendpsychiatrie 1945-1986 (Maike Rotzoll)
  2. Kindheit, Krankheit, Krieg. Kinder und Jugendliche in psychiatrischen Einrichtungen des Rheinlandes nach 1945 (Silke Fehlemann, Frank Sparing, Jörg Vögele)
  3. Die Sorge um das erziehungsschwierige Kind (Michaela Ralser)
  4. „Mancher Konflikt lässt sich über das Tier lösen“. Von der Kinderbeobachtungsstation zur Bremer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrien und Psychotherapie (Gerda Engelbracht)

Im vierten Kapitel werden „Perspektiven und Kommentare“ geboten:

  • Grenzen der Erziehbarkeit? (Christian Schrapper)
  • Die österreichische Kinder- und Jugendpsychiatrie nach 1945 bis 1975 (Ernst Berger)
  • Kinderneuropsychiatrie in der DDR (Frank Häßler)

Mit einem Stichwortverzeichnis und einem Personenverzeichnis wird die Publikation abgeschlossen.

Inhalt

Werfen wir einen Blick auf die 170 Seiten umfassende Darstellung der „Gründungsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik (DGHK) und ihr Wirken“. Diese ärztlich-sonderpädagogische Gesellschaft wird am 5.9.1940 mitten im Krieg, parallel zur sogenannten Kindereuthanasie, und im Rahmen einer von 500 Teilnehmern besuchten kinderkundlichen Tagung in Wien mit direkter materieller Unterstützung durch nationalsozialistische Ministerien und Ämter gegründet. Anhand einer Analyse des personenbezogenen Netzwerkes sowie des aus verschiedenen Institutionen und Verbänden gebildeten Geflechtes wird die Geschichte der Fachgesellschaft für die Zeit zwischen 1933 und 1945 detailliert nachgezeichnet, wobei auch die Theorie -und Ideenwelt der Akteure, ihre Motive und die jeweiligen Machtkonstellationen Aufmerksamkeit finden.

Im Einzelnen geht es in der Darstellung um folgende Ereignisse:

  • 1933-1935 Gleichschaltung des Fürsorge- und Gesundheitswesens
  • 1933-1938 Aufstieg von Prof. Dr. med. Paul Schröder und Prof. Dr. med. Werner Villinger
  • 1936-1937 Der 1. Internationale Kongress für Kinderpsychiatrie in Paris 1937
  • 1938-1939 Vorbereitung des 2. Internationalen Kongresses für Kinderpsychiatrie in Leipzig
  • 1940 Vorbereitung und Gründungstagung der DGHK
  • 1940-1941 Die DGHK unter dem Vorsitzenden Prof. Dr. med. Paul Schröder
  • 1941 Der kommissarische Vorsitzende Prof. Dr. med. Werner Villinger
  • 1942-1945 Die DGHK unter dem Vorsitzenden Prof. Dr. med. habil. Hans Heinze
  • 1946-1949 Kontinuitäten nach 1945

Ein Liste der fast 60 Individuen mit Namen, Lebenszeitraum, Ausbildung und ihrem Hauptbezug zur Gründungsgeschichte sowie eine Aufstellung der in die Gründungsgeschichte involvierten über 20 Institutionen sind abgebildet. Im Laufe der Darstellung kommen detaillierte Angaben hinzu, die diese Akteure in ihrer Beziehung zur Kinder- und Jugendpsychiatrie und in ihren Netzwerkzusammenhängen beleuchten. Auch die beteiligten Institutionen (Zeitschriften, Fachgesellschaften, Ämter, politische Organisationen) werden in ihren Beziehungen zur Kinder- und Jugendpsychiatrie dem Forschungsstand entsprechend detailliert beschrieben. Die Kontinuitäten nach 1945 werden bei den Personen und den Institutionen aufgewiesen.

Was die inhaltliche Ausrichtung der neuen Gesellschaft angeht, die 1941 mehr als 200 Mitglieder aus überwiegend pädagogischen und pädiatrischen Berufen hatte, ergibt sich aus den auf der Gründungsversammlung gehaltenen Vorträgen folgendes Bild:

  • der Bedarf an Kinderpsychiatrie sei überall dort vorhanden, wo „schwierige Kinder“ zu finden wären, aber auch dort, wo es um die recht – und frühzeitige Prognose von Aufstiegschancen einerseits und andererseits um die Feststellung von Minderwertigkeit gehe,
  • das Ziel der Behandlung liege darin, die „geschädigten und nicht vollwertigen Kinder zu ihrem und der Allgemeinheit Nutzen…in die Volksgemeinschaft und in den allgemeinen Wirtschaftsprozess“ einzugliedern,
  • die dafür notwendigen Methoden bestünden in charakterologischen Frühdiagnose und Prognose,
  • die Fürsorgeanstalten sollen nach Charakterstruktur und Grad der Umweltschädigung neu gegliedert werden und immer sollte eine Beobachtungsstation vorgelagert sein,
  • der Charakter sei vererbt, womit es erblich bedingte Grenzen der Erziehbarkeit gebe und das Gebot der Stunde im „zielbewussten Verzicht auf die als überwiegend wertlos und unerziehbar Erkannten“ bestehe,
  • für diese Unerziehbaren soll ein Bewahrungsgesetz mit zeitlich unbestimmter Unterbringung erlassen werden.

Für alle Vorsitzenden der DGHK gehörten Zwangssterilisation und die sogenannte Kindereuthanasie sowie die enge Verzahnung mit Jugendschutzlagern ebenfalls zu den Konzeptionen der Kinder-und Jugendpsychiatrie.

Über Prof. Dr. med. Villinger heißt es zusammenfassend: „Mit der Freigabe seiner psychiatrischen Patienten für Menschenversuche und der Beteiligung an der ‚Euthanasie‘-Mordaktion war der ethisch-moralische Tiefstand seiner psychiatrischen Karriere erreicht.“

Villinger sollte gleichwohl in der Nachkriegszeit der Motor der „Neugründung“ der Nachfolgeorganisation der DGHK werden: der „Deutschen Vereinigung für Jugendpsychiatrie“ (DVJ). Der ebenfalls 170 Seiten umfassende Beitrag über die „Deutsche Vereinigung für Jugendpsychiatrie“ nimmt dem Leser jede Illusion über einen Neuanfang oder einen Nullpunkt der Entwicklung der Kinder- und Jugendpsychiatrie nach dem Nazi-Desaster. In der frühen Nachkriegszeit werden weitgehend unverändert wissenschaftliche Prämissen, Sprache und Wertvorstellungen aus der eugenisch- rassenhygienisch motivierten „Erbgesundheitspolitik“ weiterverwendet, so resümiert der Verfasser.

Der Beitrag über die Diagnose Psychopathie und den Umgang mit dem schwierigen Kind, in dem die Auffassungen von Franz Kramer und Ruth von der Leyen vorgestellt werden, verweist auf die vergessenen und von der Nazi-Wissenschaft bekämpften Traditionen und auf mutige Wissenschaftler, die dem wissenschaftlichen Zeitgeist und Opportunismus mit einem milieu-orientierten Konzept der Therapie jugendlicher Psychopathie entgegentraten.

Noch 1934 vertreten beide die Auffassung, es gebe keine „eindeutige Anlage“ als Ursache für die Entwicklung kindlicher psychischer Auffälligkeiten, für „asoziales“ Verhalten, Kriminalität und Schwererziehbarkeit. „Wir haben unter unserem großen Material an schwer erziehbaren, kriminellen, asozialen Kindern bisher vergeblich nach solchen gesucht, bei denen trotz Einleitung zweckmäßiger Erziehungsbedingungen der anethische Systemkomplex bestehen geblieben wäre.“

Der Preis für das Festhalten an einer individualisierenden, auf Beobachtung und Erfahrung basierenden und in letzter Konsequenz stets am Einzelfall orientierten Wissenschaft war hoch: Die von ihnen gegründeten Institutionen und das multiprofessionelle Netzwerk der Psychopathenfürsorge wurden durch Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung jüdischer Mitglieder sowie politisch anders denkender Akteure ausgelöscht. Ruth von der Leyen, Sonderpädagogin und eine führende Persönlichkeit auf dem Feld der Heilpädagogik, beging am 10.7.1935 Selbstmord. Der Pionier der Kinder- und Jugendpsychiatrie Prof. Dr. med. Franz Kramer wanderte 1938 aus Deutschland aus und kehrte nie zurück. (Gemeinsam mit dem Assistenzarzt Hans Pollnow berichtete Franz Kramer 1932 in einer vielbeachteten Untersuchung „Über eine hyperkinetische Erkrankung im Kindesalter“ in der „Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie“ über ein später nach ihnen als Kramer-Pollnow-Syndrom benanntes Syndrom, das heute dem Formenkreis der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zugerechnet wird.) Erst heute finden die Konzeptionen von Franz Kramer und Ruth von der Leyen wieder die Aufmerksamkeit, die sie als Leuchttürme in wissenschaftlich dunklen Zeiten verdienen.

Diskussion

Die deutsche Ärzteschaft hat 1933 ihre Selbstgleichschaltung so schnell vollzogen, dass die Nationalsozialisten kaum Schritt halten konnten. Die jüdischen Ärzte wurden ausgegrenzt, bevor es vom NS-Regime verlangt wurde. 45 Prozent der deutschen Ärzte waren Mitglieder der NSDAP. 26 Prozent traten der SA bei und 9 Prozent der SS (zum Vergleich: 11 Prozent der Lehrer waren in der SA und 0,4 Prozent in der SS). Von der NS-Politik versprachen sich die Ärzte eine finanzielle Verbesserung ihrer Situation. Überdies waren sie empfänglich für eine Gesundheitspolitik, die die Starken und Gesunden förderte und die Kranken und Schwachen aussonderte. Machen wir hier in der Horrorgeschichte eine Zäsur.

Auch die Gründungs- und Formierungsprozesse der Kinder- und Jugendpsychiatrie, so wie sie hier an der Vorgeschichte, der Gründung und dem Nachwirken der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik bis ins Detail dargestellt werden, weisen darauf hin, dass die Ärzte aktive Streiter für die Umsetzung der NS-Gesundheitspolitik – im Kern: für die „Vernichtung des lebensunwerten Lebens“ – waren und besonders in ihren führenden Persönlichkeiten keine Mitläufer und einfachen Gefolgsleute.

Darüber hinaus wird deutlich, dass mit dem Ende des Nazi-Regimes und der Einführung der Demokratie keineswegs der alte Einfluss, die alte Haltung und die alten Denkweisen vom Erdboden verschwunden waren. Es ist atemberaubend, wenn man den in diesem Buch beschriebenen Karrieren mancher NS-Ärzte auch in der Nachkriegszeit und in den Anfängen der Bundesrepublik nachgeht. Hier liegt noch ein weites unbeackertes Feld. Wer hat eigentlich den Nachwuchs rekrutiert, gefördert und ihn schon so platziert, dass er durchstarten konnte? Wer hat die Studienpläne geschrieben? Ist der neue Anzug der Kinder – und Jugendpsychiatrie ohne Herkunftsflecken? Was haben die neuen Fachvertreter von den Wölfen im Schafspelz alles lernen können? Anpassung und Opportunismus auf jeden Fall?

Natürlich muss man den Blick auch auf die anderen gesellschaftlichen Eliten richten und auch dort liegen die Verhältnisse wenig anders. Doch bleibt bei dem für die Lebensbewahrung und der Krankheit zuständigen Arzt das berufliche Versagen in seiner Kernaufgabe erschütternder und verstörender als sonst wo anders.

Durch den von den Autoren weitgehend verfolgten Ansatz der Netzwerkanalyse wird nicht nur das personelle Netzwerk sichtbar, das über Jahre hinweg aufgebaut und in Gang gehalten wurde, sondern auch das gleichermaßen gepflegte institutionelle Netzwerk der Zeitschriften, Gesellschaften, Ämter und Behörden. Erst das Zusammenspiel von Personen und Institutionen ermöglicht Herrschaft, Unterdrückung und Vernichtung. Ohne die Beamten und die Bürokratie wäre eine solche Vernichtungsstrategie, wie sie schon bei diesen Gründungsprozessen einer ärztlich dominierten Fachgesellschaft in Erscheinung tritt, undenkbar, zum Scheitern verurteilt.

Bei alledem bleibt der Befund richtig, dass für die Mehrzahl der Weg des geringsten Widerstandes immer das Mittel der Wahl sein wird. Anpassung an die herrschenden Meinungen und offiziellen Ansichten, Übernahme von geltenden Einschätzungen, gängigen Bewertungen und vorgeprägten Urteilen ist in jeder Gesellschaft das sicherste Mittel des Fortkommens und des sozialen Aufstiegs oder der Bewahrung der Bestände oder der Ruhe. Nur nicht den Zeitgeist in seiner Entfaltung stören und aufhalten! Es gibt aber nicht nur den Opportunismus der kleinen Leute oder des einfachen Mannes, sondern auch der Wissenschaftler oder der Eliten, wie wir erfahren konnten. Vergessen wir beim Blick auf den Opportunismus von gestern doch auch nicht den Blick auf den Opportunismus von heute. Die Menge des opportunistischen Potentials in unserer Gesellschaft dürfte jedenfalls nicht geringer als gestern sein. Jeder befrage sich selbst.

Fazit

Jeder, dessen Arbeitsfeld im Kinder-und Jugendbereich liegt und der die persönliche Verunsicherung durch sogenannte Vergangenheitsbewältigung nicht vermeiden will, sollte zu diesem Buch greifen. Es enthält eine detaillierte Darstellung der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik mit Einschluss der DDR. Es hat darüber hinaus einen lexikalischen Charakter, insofern über die beteiligten Personen und Institutionen Auskunft gegeben wird, die sich sehen lassen kann und durchaus eigene Forschungsfragen aufwirft. Auch die Geschichtsschreibung der frühen Bundesrepublik dürfte von diesem Band nicht nur methodisch langfristig substantielle Anregungen erhalten.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 78 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 13.06.2017 zu: Heiner Fangerau, Sascha Topp, Klaus Schepker (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit. Zur Geschichte ihrer Konsolidierung. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-49805-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22720.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung