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Nicolas Hoffmann, Birgit Hofmann: Anpassungsstörung und Lebenskrise

Cover Nicolas Hoffmann, Birgit Hofmann: Anpassungsstörung und Lebenskrise. Material für Therapie, Beratung und Selbsthilfe : mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 2., aktualisierte Auflage. 205 Seiten. ISBN 978-3-621-28414-1.
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Thema

Das Buch widmet sich Menschen in Lebenskrisen und Erschöpfungssituationen, deren Zustand möglicherweise nicht eindeutig mit einer psychiatrischen Diagnose belegt werden kann. Es werden für den therapeutischen Kontext, aber auch für die „Selbsthilfe in Eigenregie“, ressourcenorientiert die einzelnen Schritte analysiert, um eine Lebenskrise zu überwinden und konkrete Maßnahmen werden vorgestellt. Dabei werden im ersten Teil des Buches zunächst die Hintergründe für krisenhaftes Erleben genauer analysiert. In einem zweiten Teil werden in zwölf Modulen Wege aus der Krise entwickelt und sehr konkrete Hilfestellungen angeboten. Die entsprechenden Materialien stehen additiv zum Ausdruck online zur Verfügung. In der E-Book Version sind alle Arbeitsblätter des Buches enthalten.

Autor und Autorin

Dr. phil. Nicolas Hoffmann ist Verhaltenstherapeut, Dozent und Supervisor, Gründungsvorsitzender des Institutes für Verhaltenstherapie Berlin, Autor diverser Fachbücher. Dr. rer. nat. Birgit Hofmann ist Mitarbeiterin in Forschungsprojekten an der Universität Potsdam und der Technischen Universität Dresden, Autorin diverser Fachbücher über Ängste, Zwänge und Depressionen sowie Verhaltenstherapeutin.

Aufbau und Inhalt

Zunächst führen die Autor*innen in die Thematik ein und weisen darauf hin, das es kaum verhaltenstherapeutische Fachliteratur zum Thema »Anpassungsstörung« gibt und diese Diagnose auch vielfach als eine Art »Verlegenheitsdiagnose« betrachtet wird. Eine Anpassungsstörung ist abzugrenzen gegenüber Akuten und Posttraumatischen Belastungsreaktionen, die eine Folge von extremen Erlebnissen wie Naturkatastrophen oder Bedrohung des eigenen Lebens oder des Lebens nahestehender Personen sind. Die Autor*innen definieren eine Anpassungsstörung wie folgt: „Die Anpassungsstörung bezeichnet vielmehr Reaktionsformen auf psychosoziale Belastungen von nicht-traumatischem Ausmaß wie Trennungserlebnisse, Schwierigkeiten in Beziehungen und am Arbeitsplatz, schwere körperliche Erkrankungen und andere einschneidende Lebensveränderungen und »Schicksalsschläge«“ (13). Das hat weitreichende Folgen, ist die betroffene Person doch fundamental in ihrem/seinem Dasein berührt: „Ein altes Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seiner Welt wird gestört und es entsteht die Notwendigkeit, eine Neuorientierung und eine Neuanpassung vorzunehmen.“ (13)

Folgende Merkmale arbeiten die Autor*innen heraus:

  • Von Anpassungsstörungen betroffene Personen gehören offensichtlich nicht zu denen, die einschneidende Veränderungen leicht »wegstecken«: Die Betroffenen reagieren darauf mit Angst und Niedergeschlagenheit bis hin zu Suizidgedanken. Mögliche weitere Reaktionen können sein Störungen des Sozialverhaltens, das Nachlassen der Arbeitsfähigkeit und Einschränkungen bei der Bewältigung des täglichen Lebens.
  • Die Symptome beginnen nach ICD-10 innerhalb eines Monats als Folge der belastenden Ereignisse und klingen innerhalb von sechs Monaten (außer bei einer längeren depressiven Reaktion) nach deren Beendigung ab.

Aus der Sicht der Betroffenen stellt sich der als Anpassungsstörung diagnostizierte Zustand als eine »Lebenskrise« dar: „Ihre Welt ist aus den Fugen geraten, sie haben entweder Wesentliches verloren, das bislang ihr Gleichgewicht aufrecht erhielt, oder sie sind neuen Belastungen ausgesetzt, zu deren Bewältigung sie erst einmal keine Mittel finden oder die so gravierend sind, dass sie ihre Kräfte übersteigen.“ (13) Wenn es bei diesen Prozessen Störungen gibt oder sie mißlingen, kann von Anpassungsstörungen gesprochen werden. Den Autor*innen geht es in ihrem Buch nun genau darum, die Struktur dieser spezifischen Störungen genauer in den Blick zu nehmen und Empfehlungen hinsichtlich der Art der therapeutischen Hilfestellungen, die Abhilfe leisten können, zu beschreiben. Sie haben einen diagnostischen Leitfaden entwickelt, der

  • die ursächlichen Bedingungen für Anpassungsstörungen genauer skizziert,
  • die Problemlösefähigkeiten und Ressourcen der Patient*innen einschätzen hilft und
  • Vorschläge für mögliche Therapieziele macht.

Die Autor*innen arbeiten heraus, welche Charakteristika „typisch“ sind für Patient*innen mit Anpassungsstörungen und welche therapeutischen Hilfen sich bewährt haben, beispielsweise

  • Stützung und Entlastung
  • Verordnung einer Ruhepause
  • Unmittelbare positive Beeinflussung durch den/die Therapeut*in
  • Beruhigung
  • Induzierung von Hoffnung
  • Entlastung
  • Vermittlung des Gefühls, verstanden zu werden
  • Vermittlung einer realistischen Sichtweise
  • Ermutigung
  • Strukturierung und Führung.

Für die konkrete Unterstützung und Therapie von Menschen mit Anpassungsstörungen und in Lebenskrisen haben die Autor*innen 12 Module entwickelt. Sie enthalten jeweils einführende Hintergrundunformationen für Therapeut*innen und konkrete Arbeitsmaterialien für die Arbeit mit Patient*innen oder die Selbsthilfe.

1. Modul: Die eigene Befindlichkeit annehmen und eine Auszeit nehmen. Hier geht es vor allem darum, eine Bestandsaufnahme des aktuellen Zustandes vorzunehmen, Überforderungen zu vermeiden, Grübeleien einzuschränken oder zu beenden lernen, Ansprüche an sich selbst zu reduzieren oder eine Auszeit zu nehmen.

2. Modul: Die eigene Krise besser verstehen. Die Entstehungsbedingungen und Folgen von Lebenskrisen werden erörtert und Patient*innen so in die Lage versetzt, die eigene Situation besser zu verstehen.

3. Modul: Die aktuelle Lage realistisch einschätzen. Patient*innen werden dabei unterstützt, einseitig negative und verzerrende Sichtweisen zu modifizieren bzw. zu vermeiden und die negative Bewertung der aktuellen Lebenskrise für die eigene Zukunft nicht zu hoch einzuschätzen.

4. Modul: Mit Überholtem aufräumen: außen. Es werden Techniken vermittelt, die negative Energieausgaben vermeiden helfen, verhindern dass Entwicklungsfortschritte gehemmt werden und der Umgang mit „kräfteraubenden Mitmenschen“ reduziert werden und Unerledigtes bearbeitet werden kann.

5. Modul: Mit Überholtem aufräumen: innen. Patient*innen werden dabei ermutigt, die eigene Lebensphilosophie dahingehend zu überprüfen, dass destruktive oder behindernde Einflüsse hinterfragt und entmachtet werden können.?

6. Modul: Neue Ziele und Perspektiven aufbauen. Der Blick soll von der depotenzialisierenden Vergangenheit auf die gestaltbare Zukunft gelenkt und Schritte für entsprechende Planungen eingeleitet werden.

7. Modul: Wollen und Planen. Patient*innen sollen aktiviert werden, ihr Leben wieder aktiv gestalten zu wollen und entsprechende Veränderungen planen zu können.

8. Modul: Kräfte mobilisieren. Ein Schema zur Gestaltung von belastenden und kraftgebenden Elementen bzw. Faktoren wird eingeführt und Techniken zu Mobilisierung von Energien werden vorgestellt mit der Zielperspektive, die Energiebilanz insgesamt zu optimieren.

9. Modul: Handeln und sich hilfreich begleiten. Es werden die einzelnen Stadien wirkungsvollen Handelns vorgestellt und auch Strategien präsentiert, wie mit potentiellen Misserfolgen umgegangen werden kann.

10. Modul: Mit Problemen und Schwierigkeiten umgehen. Es werden Ideen und Strategien für die konstruktive Handhabung von Problemen und Schwierigkeiten präsentiert.

11. Modul: Der Umgang mit anderen Menschen. Es werden Vorschläge präsentiert, wie ein konstruktiver Umgang mit – immer wiederkehrenden – Problemen im zwischenmenschlichen Umgang am Arbeitsplatz oder im Privatleben aussehen könnte. Dazu werden verschiedene Menschentypen eingeführt:

  • „Zuschauer
  • Menschen mit hohem Ermüdungswert
  • Krisenmanager
  • Echte Helfer
  • Täter und schließlich
  • Menschen, die Ihre Hilfe brauchen.“ (171)

und Vorschläge entwickelt, wie ein entsprechender ressorcenschonender Umgang mit ihnen aussehen könnte.

12. Modul: Umgang mit sich selbst. Hier werden wichtige Prinzipen für den Umgang mit sich selbst vorgestellt, z. B. die Besinnung auf die eigenen Ressourcen, die Versöhnung mit den eigenen Fehlern die Eiladung zum Perpektivischen denken etc.

Diskussion und Fazit

Dem Buch von Hoffmann und Hofmann merkt man die langjährige theoretische und praktische Erfahrung und Auseinandersetzung mit verhaltenstherapeutischen Fragestellungen an. Es ist kenntnisreich und sehr anwendungorientiert geschrieben, gleichermaßen geeignet für Therapeut*innen als auch für die Selbsthilfe reflektierter Patient*innen. Sehr positiv sind die zusätzlichen kostenfreien Downloads, insbesondere da ebook. Fazit: sehr empfehlenswert!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 19.06.2017 zu: Nicolas Hoffmann, Birgit Hofmann: Anpassungsstörung und Lebenskrise. Material für Therapie, Beratung und Selbsthilfe : mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-621-28414-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22726.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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