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Sigrun Schmidt-Traub: Kognitive Verhaltenstherapie bei Ängsten im Kindes- und Jugendalter

Cover Sigrun Schmidt-Traub: Kognitive Verhaltenstherapie bei Ängsten im Kindes- und Jugendalter. Ein Leitfaden für die Behandlung von Panikstörung, Agoraphobie, spezifischen Phobien und Trennungsangst. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2017. 150 Seiten. ISBN 978-3-8017-2832-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Obwohl Angststörungen epidemiologisch gesehen deutlich häufiger auftreten als depressive Erkrankungen oder gar externalisierende Störungsbilder, so erfahren sie laut der Autorin im Alltag selten angemessene Aufmerksamkeit. Zudem kritisiert Frau Schmidt-Traub gleich zu Beginn (S. 45) die Distanz von Forschung und Praxis: „Zwischen Psychotherapieforschung und klinischer Praxis liegt noch ein tiefer Graben“. Der Leitfaden sei „das Ergebnis langjähriger therapeutische Erfahrung mit der Behandlung von ängstlichen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ (S. 52). Es handele sich um ein halbstrukturiertes „Manual mit Leitlinien für eine kognitiv- verhaltenstherapeutische Vorgehensweise im Einzel- sowie im gemischten Einzel- und Gruppensetting. Die Module ermöglichen eine Individualisierung der Therapie. Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapeuten können zahlreiche Materialien auch für die Arbeit mit jüngeren Kindern verwenden“ (S. 12). Für die Gruppe der jungen Erwachsenen (ab 17 Jahren) liege bereits das Therapiemanual „Panikstörung und Agoraphobie“ (Schmidt-Traub, 2014) vor.

Der Leitfaden sei „das Ergebnis langjähriger therapeutische Erfahrung mit der Behandlung von ängstlichen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ (S. 52) und sowohl für die Gruppen- als auch Einzeltherapie geeignet.

Autorin

Dr. rer. pol. Sigrun Schmidt-Traub ist Diplom-Psychologin (Studium der Psychologie und Soziologie in Tübingen, Hamburg, Berlin, Frankfurt und an der Yale University in New Haven/USA), Psychotherapeutin (Ausbildung in Verhaltens-, Gesprächspsycho- und Hypnotherapie), Supervisorin und Ausbilderin an verschiedenen verhaltenstherapeutischen Ausbildungsinstituten in Berlin mit eigener Praxis.

Aufbau und Inhalt

Der Leitfaden ist in drei Kapitel gegliedert:

  1. Grundlagen der Panikstörung, Agoraphobie, spezifischen Phobien und Trennungsangst
  2. Diagnostik
  3. Therapie

Zusätzlich gibt es eine umfassende Literaturliste und einen Anhang mit Arbeitsmaterialien, die zudem auf einer CD-Rom beigefügt sind.

Grundlagen der Panikstörung, Agoraphobie, spezifischen Phobien und Trennungsangst

In diesem Kapitel werden die einzelnen Angststörungen kurz beschrieben. Die Autorin stellt hierbei den aktuellen leitlinienkonformen Wissensstand übersichtlich dar. Zunächst beschreibt sie Angst und Furcht im Allgemeinen und geht hierbei auch auf altersbezogene normale Angst im Gegensatz zu pathologischen Angststörungen ein. Im weiteren Verlauf beschreibt sie dann folgende Störungsbilder:

  • Panikattacken
  • Panikstörung
  • Agoraphobie
  • spezifische Phobien
  • Trennungsangst
  • soziale Angststörung (soziale Phobie)
  • generalisierte Angststörung
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Zwangsstörung und verwandte Störungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • sowie Komorbidität und Suizidalität bei Angst

im weiteren Verlauf wird die Ätiologie von Agoraphobie und Panikstörung genauer betrachtet. Hierbei werden Grundlagen der Psychoedukation vermittelt.

Diagnostik

In diesem kurzen Abschnitt wird ein Leitfaden zur Exploration von panischen und agoraphobischen Ängsten erläutert, Selbst- und Fremdbeobachtungstechniken vorgestellt sowie auf gängige (test-)diagnostische Verfahren zur Erfassung von panischer und phobischer Angst eingegangen.

Therapie

Zunächst erläutert die Autorin allgemeine Prinzipien der Behandlung von Angststörungen. Sie geht hierbei auf therapeutische Fähigkeiten von Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapeuten sowie auf die therapeutische Beziehung in der KVT von Angststörungen ein. Hierbei beschreibt sie entsprechende wichtige Bestandteile und Hindernisse genauso, wie sie eine allgemeine Strategie zum Beziehungsaufbau in der Therapie erläutert. Des Weiteren wird auch auf Aspekte „virtueller Therapie“ (z.B. mittels APPs) eingegangen. Anschließend gibt sie noch grundlegende Informationen zum vorliegenden Leitfaden, bevor sie dann die insgesamt acht Übungseinheiten des Leitfadens beschreibt. In diesen werden folgende Schwerpunktthemen bearbeitet:

  1. Psychoedukation
  2. Konfrontation
  3. Wirklichkeitsüberprüfung und Veränderung der katastrophisierenden Vorstellungen von Angst
  4. Psychoedukation über Sterben und Tod
  5. Stress, Stressmanagement und Problemlösen
  6. Abbau von Hemmungen, mehr Durchsetzungsfähigkeit
  7. Rückfallprophylaxe
  8. Elternschulung

Abschließend geht sie auf Behandlungsalternativen (was tun, wenn die kognitive VT nicht anschlägt?) und Katamnese (Nachsorgetreffen ca. ein Jahr nach Abschluss der Therapie) ein.

Diskussion

Der Leitfaden erscheint in der Reihe „Therapeutische Praxis“, in der in der Regel Therapiemanuale veröffentlicht werden. Dies kann zunächst zu Irritationen führen, da sich hierbei keinesfalls um ein klassisches Therapiemanual handelt. Folgerichtig benennt die Autorin es auch als Leitfaden. Auch wenn hier konkrete Behandlungseinheiten beschrieben werden, so stellt sie sich der großen Herausforderung, gleich für unterschiedlichste Angststörungsbilder und Altersgruppen ein therapeutisches Vorgehen zu beschreiben. Dies gelingt ihr überraschend gut. Obwohl sie im Gegensatz zu gängigen Lehrbüchern nur sehr kurz die Grundlagen beschreibt, reicht dies vollkommen aus, um hieraus bei entsprechender Vorbildung das folgende Vorgehen abzuleiten.

Auch wenn dieser Leitfaden nicht evaluiert wurde, so wird doch auf jeder Seite deutlich, wie erfahren die Autorin in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Ängsten ist. Nach eigenen Angaben stelle dieser Leitfaden einen Versuch dar, das eigene Praxiswissen entsprechend zu operationalisieren: dies ist vollkommen gelungen. Ohne entsprechende Fortbildung (Psychotherapieausbildung) sollten diese Inhalte selbstverständlich auf keinen Fall umgesetzt werden. Diese Reihe richtet sich jedoch ohnehin ausschließlich an entsprechendes Fachpersonal.

Besonders positiv hervorzuheben ist der Umstand, dass auf das bereits veröffentlichte DSM-V (und die noch nicht publizierte ICD-11) eingegangen wird. Die Kompetenzliste, welche individuelle Fähigkeiten von KJP-Therapeuten beschreibt habe ich in dieser Form auch noch nie gesehen. Leichte Verbesserungsvorschläge gäbe es lediglich im Hinblick auf die sehr kurz geratene Darstellung der Persönlichkeitsstörungen, obwohl dies im Hinblick auf die genannte Alterspanne auch nicht wirklich relevant ist. Zudem hätten bei den genannten Testverfahren einige aktuellere genannt werden können (z.B. AFS, KAT-3 & Feel-KJ).

Fazit

Die Autorin kritisiert vollkommen zu Recht die Distanz von Forschung und Praxis und versucht mit diesem Leitfaden, das eigene Praxiswissen entsprechend zu operationalisieren. Dies gelingt ihr in beeindruckend. Das Buch eignet sich im Grunde nur für (angehende) Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen, sollte für diese aber eine Pflichtlektüre werden.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 28.09.2017 zu: Sigrun Schmidt-Traub: Kognitive Verhaltenstherapie bei Ängsten im Kindes- und Jugendalter. Ein Leitfaden für die Behandlung von Panikstörung, Agoraphobie, spezifischen Phobien und Trennungsangst. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-8017-2832-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22730.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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