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Cord Benecke, Felix Brauner (Hrsg.): Motivation und Emotion

Cover Cord Benecke, Felix Brauner (Hrsg.): Motivation und Emotion. Psychologische und psychoanalytische Perspektiven. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 245 Seiten. ISBN 978-3-17-022278-6. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,50 sFr.

Psychoanalyse im 21. Jahrhundert.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das vorliegende Buch erscheint in der Reihe „Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, grundlegende Konzepte, Methoden und Anwendungen der modernen Psychoanalyse allgemeinverständlich darzustellen und somit auch zu interdisziplinärem Austausch anzuregen.

Interessant macht das Buch von Benecke und Brauner zum einen das gewählte Thema und zum anderen, wie sie selbiges bearbeiten. Beleuchtet werden zwei grundlegende Konzepte der Allgemeinen Psychologie – menschliche Motivation und Emotion. Das Besondere ist hierbei, dass sich die Autoren eben nicht nur im Theorierahmen der in Deutschland etablierten akademischen Psychologie oder der Psychoanalyse bewegen, sondern sich auf beide Denk- und Theorietraditionen beziehen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort gliedert sich das vorliegende Buch in vier Kapitel.

Kapitel eins („Motivation“) wendet sich auf den ersten knapp 100 Seiten des Buches der Darlegung psychologischer und psychoanalytischer Motivationstheorien zu. Gemeinsam ist diesen, dass sie die Frage zu beantworten suchen: Was treibt den Menschen an bzw. was sind Motive / Beweggründe dafür, dass ein Mensch sich so verhält, wie er sich verhält? Betrachtet man die Entwicklung beider Theorietraditionen, so zeigt sich in aktuellen Konzepten eine deutliche Erweiterung der Bandbreite dessen, was als mögliche Quellen menschlicher Motivation angenommen wird. Konzeptualisiert werden verschiedene, dynamische Motivsysteme, die nebeneinander bestehen und zugleich in einem mitunter spannungsreichen Wechselverhältnis stehen. Vorgestellt werden hier z.B. das „Züricher Modell sozialer Motivation“, das von fünf basalen Motivsystemen ausgeht (Bindung/Sicherheit, Explorationen/Erregung, Autonomie, Sexualität und Fürsorge), die motivationalen Systeme nach Lichtenberg (Bedürfnis nach psychischer Regulierung physiologischer Erfordernisse, nach Bindung/Zugehörigkeit, nach Selbstbehauptung und Exploration, Bedürfnis aversiv zu reagieren, Bedürfnis nach sinnlichem Genuss und sexueller Erregung) oder auch die Konflikt-Achse der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD), die Konflikte als (unbewusste) innerseelische Zusammenstöße entgegen gerichteter Motivbündel fasst (z.B. Versorgung vs. Autarkie, Abhängigkeit vs. Individuation).

Das zweite, ca. 80 Seiten umfassende Kapitel ist mit „Emotionen“ überschrieben und folgt einem ähnlichen Aufbau wie Kapitel eins. Dargelegt werden zunächst psychologische Emotionstheorien, daran anschließend wird die Entwicklung psychoanalytischer Emotionstheorien nachgezeichnet. Deutlich wird hier die enge Verknüpfung zwischen Motiven und Emotionen. So können Emotionen zu bestimmten Handlungen motivieren und umgekehrt können insbesondere motivdienliche Handlungen zur Regulation von Emotionen dienen. Beiden Theorietraditionen kann eine „emotionale Wende“ attestiert werden, nachdem über einen langen Zeitraum Emotionen vernachlässigt und in ihrer Bedeutung unterschätzt wurden. Die dann folgenden zwei Unterkapitel greifen Aspekte des Themas auf, die sich auf die klinische Relevanz des Themas beziehen: Im Focus steht die Fähigkeit zur Emotionsregulation, der in verschiedenen therapeutischen „Schulen“ eine große Bedeutung zuerkannt wird, sowie Spezifika der Emotionsregulation bei psychischen Störungen.

Das dritte Kapitel („Psychodynamisches Integrationsmodell der Motivation und Emotion“) umfasst 25 Seiten. Zentral ist hier der Versuch der Autoren, Bausteine der zuvor erläuterten Theorien zu Motivation und Emotion in einem Modell der Emotionsdynamik zu integrieren. Angestrebt wird hiermit, „zu einem besseren Verständnis der Psycho-Logik motivational-emotionaler Prozesse beizutragen und zu einem kritischen Denken über die jeweils eigenen Fachgrenzen hinaus anzuregen“ (S. 12).

Kapitel vier heißt: „Ein Triebverständnis für die moderne Psychoanalyse?“ Ausgehend von der These, dass der Psychoanalyse ohne Triebkonzept einige auch klinisch relevante Aspekte verloren gehen, schlagen Benecke & Brauner hier eine mentalisierungstheoretisch basierte Neukonzeption des Triebbegriffs vor. Die in diesem Zusammenhang dargelegten Überlegungen möchten die Autoren als Debattenanstoß verstanden wissen.

Fazit

Das vorliegende Buch vermittelt pointiert Basiswissen über zwei grundlegende psychologische Konzepte. Es gelingt, interessante Bezüge zwischen Ansätzen herzustellen, die eher der in Deutschland etablierten akademischen Psychologie zuzuordnen sind sowie solchen, die der psychoanalytischen Tradition entstammen. Dass ein Austausch und wechselseitiges Über-den-Tellerrand-Gucken fruchtbar sein kann, zeigt auch dieses Buch. Möglicherweise hätte das Buch weiter gewonnen, wenn auch Konzepte der Humanistischen Psychologie (Maslow) einbezogen worden wären.

Das Buch zeichnet sich durch einen klaren Aufbau sowie eine gut lesbare Sprache aus. Fachbegriffe werden eingeführt und erläutert, die zentralen Kapitel folgen einer Struktur (Einführung, Lernziele, Einleitung, hervorgehobene Definitionen, Literatur zur vertiefenden Lektüre, Fragen zum weiteren Nachdenken, Zwischenfazit), die den Lese- und Aneignungsprozess unterstützen. Als positiv stellt sich mir weiterhin dar, dass der Aufbau des Buches eine relativ flexible Nutzung erlaubt: Es kann als Ganzes gelesen werden, möglich ist aber auch, sich je nach Interesse einzelne (Unter-)Kapitel herauszusuchen, die auch für sich gesehen, mit Gewinn gelesen werden können.

Zu empfehlen ist das Buch m.E. in erster Linie Psychologiestudent*innen und Psychotherapeut*innen. Gewinnbringend kann die Lektüre aber auch für Fachkräfte benachbarter Disziplinen sowie für interessierte Laien sein, die sich vertiefter mit der Frage beschäftigen wollen, was den Menschen eigentlich antreibt und die mehr über die Logik von Emotionen sowie über das Wechselwirkungsverhältnis von Motivation und Emotion wissen möchten.


Rezensentin
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 15.02.2018 zu: Cord Benecke, Felix Brauner (Hrsg.): Motivation und Emotion. Psychologische und psychoanalytische Perspektiven. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-022278-6. Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22732.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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