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Mihaly Csikszentmihalyi: Flow. Das Geheimnis des Glücks

Cover Mihaly Csikszentmihalyi: Flow. Das Geheimnis des Glücks. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 455 Seiten. ISBN 978-3-608-96148-5. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.
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Thema

Der Begriff des „Flow“ ist inzwischen so geläufig, dass er fast in die Alltagssprache eingegangen ist. „Ich war richtig im Flow“, höre ich jemand sagen. Also ein psychologisches Konzept, das eine breite Wirkung entfaltet hat und zu dem der Autor seit 1972 publiziert hat. Es beschreibt, ganz kurz gesagt, „das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustands völliger Vertiefung“.

Ich habe mich zur Rezension dieses 2017 erschienen Buches bereit erklärt aus Interesse daran, was aus dem Konzept des Flow inzwischen geworden ist, wie es sich weiterentwickelt hat, wie neue Forschungsergebnisse, beispielsweise aus der Achtsamkeits- und Meditationsforschung, aus der Glücksforschung, aus den Neurowissenschaften verarbeitet wurden.

Entstehungshintergrund

Ich muss zugeben: Der erste Eindruck, als ich diesen Band nun in die Hand nahm, war enttäuschend. Die Originalausgabe ist 1990 bei Harper & Row unter dem Titel „Flow – The Psychology of Optimal Experience“ erschienen. 1992 dann die deutsche Übersetzung.

„Der Weltbestseller – erstmals im Taschenbuch“ lese ich auf dem Umschlag. Und stelle schnell fest: es ist die unveränderte Neuausgabe des alten Buches. Selbst das Vorwort des Autors stammt noch aus dem Jahr 1990. Es wurde keine neue Literatur ins Literaturverzeichnis eingearbeitet. Das Stichwortverzeichnis enthält das Stichwort „Achtsamkeit“ nicht einmal … Also ärgerlich weglegen? Einen „Verriss“ schreiben? Stattdessen entschließe ich mich, das Buch unter dem Motto „Klassiker neu gelesen“ zu betrachten. Statt zu kritisieren, was alles fehlt, überholt ist oder was verändert und neu konzipiert werden könnte, konzentriere ich mich auf das, was mir immer noch bedeutsam erscheint.

Autor

Zunächst zum Autor: Er wurde 1934 geboren, stammt aus Ungarn, emigrierte mit 22 Jahren aus Jugoslawien in die USA, studierte in Chicago und ist Direktor des Quality of Life Center und Professor für Psychologie und Unternehmensführung an der Claremont Graduate University in Kalifornien. Er ist außerdem emeritierter Professor für Psychologie der Universität von Chicago und gilt als einer der Pioniere der Kreativitäts- und Glücksforschung und als führender Autor der Positiven Psychologie.

Aufbau

Nach wie vor überzeugend ist der klare und übersichtliche Aufbau des gewichtigen Werks. Die ca. 370 Seiten Text sind in zehn Kapitel gegliedert.

  1. Kapitel I gibt einen Überblick über die Bedingungen für menschliches Glück und Unglück.

  2. Kapitel II umreißt die „Anatomie des Bewusstseins“. Es wird dargestellt, wie das Bewusstsein funktioniert und wie es gesteuert wird und wie man lernen kann, Kontrolle über das Bewusstsein zu erlangen.

  3. In Kapitel III geht es um Freude und Lebensqualität und die Bewältigung von Herausforderungen.

  4. Kapitel IV untersucht die Grundbedingungen für flow und führt den Begriff der „autotelischen Persönlichkeit“ ein.

  5. Den körperlichen und sensorischen Aspekten der flow-Erfahrung widmet sich das V. Kapitel, während

  6. in Kapitel VI der „Flow der Gedanken“ untersucht wird.

  7. In Kapitel VII beschreibt der Autor Arbeit als flow, stellt „autotelische Arbeiter“ und „autotelische Berufe“ vor, während

  8. in Kapitel VIII soziale Beziehungen in ihrer Bedeutung für die flow-Erfahrung thematisiert werden.

  9. In Kapitel IX widmet er sich der Bewältigung von Schicksalsschlägen und der Frage, wie man trotz schwierigster Lebensbedingungen glücklich und zufrieden sein kann.

  10. Das abschließende X. Kapitel untersucht die Entstehung von Sinn und die Frage, wie es Menschen gelingt, ihre Erfahrungen zu einem sinnvollen Muster zu verknüpfen.

40 Seiten Anmerkungen verweisen auf die wissenschaftlichen Quellen, Studien und Untersuchungsergebnisse. Hilfreich ist das ausführliche (aber wie erwähnt leider nicht aktuelle) Stichwortverzeichnis.

Inhalt

Was ist geblieben, was ist – wenn nicht „zeitlos“, so doch nach wie vor aktuell an diesem Buch? Ich greife hier nur einige wichtige Elemente heraus.

Zunächst erscheint mir der Begriff des flow selbst immer noch bedeutsam und erhellend. Trotz seiner Nähe zu anderen Konzepten, beispielsweise zu Abraham Maslows Peak Experiences, Gipfelerlebnissen, lenkt er den Blick auf etwas Wichtiges: wenn wir unserer Erfahrung, was es auch sei, unsere ganze gesammelte Aufmerksamkeit schenken, kann das zu einer besonderen Quelle der Kreativität, des Glücks und der Zufriedenheit werden.

Glück ist also nicht abhängig von äußeren Umständen. Die Bedeutung der Gegenwart, des „Jetzt“, wird in dem Buch schön herausgearbeitet. Die Achtsamkeit auf das, was wir gegenwärtig tun, macht die Tätigkeit lohnend, macht glücklich und bringt Erfüllung. „Steuerung des Bewusstseins bedeutet, dass praktisch alles, was geschieht, in eine Quelle von Freude umgewandelt werden kann. Ein Windhauch an einem heißen Tag, eine Wolke, die sich in der Glasfassade eines Wolkenkratzers spiegelt, ein Geschäftsabschluss, ein Kind mit einem jungen Hund beim Spiel, ein Glas Wasser können sämtlich als zutiefst befriedigende Erfahrungen empfunden werden, die das Leben erfüllter machen.“ (S. 327)

Interessant finde ich die Perspektive der „Selbst-losigkeit“: Bei dieser Konzentration auf das gegenwärtige Erleben und Tun vergessen wir unser „Selbst“, dem wir sonst so viel Aufmerksamkeit schenken. Buddhistisch gesprochen macht die „Praxis des Nicht-Selbst“ glücklich.

Die Theorie des Flow wurde aus Interviews und Fragebögen mit tausenden von Menschen entwickelt, die der Autor und sein Team an der Universität von Chicago und anschließend Kolleginnen und Kollegen in der ganzen Welt gemacht haben. Später entwickelte Csikszentmihalyi dann die Methode des ESM – Experience Sample Method. Bei diesem Verfahren zur Registrierung von Erlebnissen erhalten die Probenden eine Woche lang ein Gerät, das in unregelmäßigen Abständen summt. Dann schreiben sie auf, was sie in diesem Moment tun und was sie dabei empfinden. Diese Methode halte ich immer noch für eine wichtige innovative Leistung – auch wenn es inzwischen elaboriertere Methoden gibt.

Der Begriff der „autotelischen Erfahrung“ ist nach wie vor interessant. „Er bezeichnet eine sich selbst genügende Aktivität, eine, die man ohne Erwartung künftiger Vorteile ausübt, sondern einfach, weil sie an sich lohnend ist.“ (S. 114) Ein „autotelisches Selbst“ verwandelt potentiell entropische Erfahrungen in flow. Die Regeln zur Entwicklung eines solchen Selbst sieht der Autor in folgenden Elementen:

  1. Ziele setzen.
  2. Sich in Handlungen vertiefen.
  3. Aufmerksamkeit auf das Geschehen richten, Konzentration.
  4. Lernen, sich an der unmittelbaren Erfahrung zu freuen. (S. 321 ff.)

Fazit

Insgesamt ein sehr amerikanisches Buch. Im Vorwort beteuert der Autor zwar, kein Rezeptbuch schreiben zu wollen, aber es ist aus meiner Sicht doch eins daraus geworden – und kein schlechtes! Irritierend finde ich den Ausgangspunkt, der im Titel des englischen Originals pointiert zum Ausdruck kommt: Die Suche nach der „optimalen Erfahrung“. Dieser typisch amerikanisch anmutende Optimierungswahn passt nicht zum Inhalt und auch nicht zum beschriebenen Konzept des Flow.

Das Buch als Klassiker wieder – oder auch zum ersten Mal – zu lesen, lohnt sich nach meiner Einschätzung. Man kann viel über sich selbst, die menschliche Existenz im Allgemeinen und die Bedingungen für ein glückliches Leben lernen.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Pfeifer-Schaupp
Dozent für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Hochschule, Universitiy of Applied Science, Freiburg. Systemischer Therapeut und Supervisor (DGSF), Leiter des Freiburger Instituts für systemische Therapie und Beratung


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Zitiervorschlag
Ulrich Pfeifer-Schaupp. Rezension vom 20.07.2017 zu: Mihaly Csikszentmihalyi: Flow. Das Geheimnis des Glücks. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-96148-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22734.php, Datum des Zugriffs 04.07.2020.


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