socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Iris Tatjana Graef-Calliess, Meryam Schouler-Ocak (Hrsg.): Migration und Transkulturalität

Cover Iris Tatjana Graef-Calliess, Meryam Schouler-Ocak (Hrsg.): Migration und Transkulturalität. Neue Aufgaben in Psychiatrie und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2017. 352 Seiten. ISBN 978-3-608-43181-0. D: 69,99 EUR, A: 72,00 EUR.

Unter Mitarbeit von Katharina Behrens.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Zur Beschreibung des Themas eignet sich am besten ein Zitat aus dem Vorwort der Herausgeber: „Das vorliegende Buch hat (…) den Anspruch, eine Brücke zwischen den Erfahrungen der klinischen transkulturellen Psychiatrie und interkulturellen Psychotherapie einerseits und den Diskursen in Sozial-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften andererseits zu schlagen.“

Die Autoren des Buches beschäftigen sich mit der vielfältigen Problematik, die sich aus Migration und Transkulturalität ergeben. Vorgestellt werden wissenschaftliche Theorien, Forschungsergebnisse, klinische Implikationen, praxisnahe Beispiele, sowie pragmatischer Handlungsoptionen und Empfehlungen für die tägliche Arbeit.

Den Kern des Bandes bildet die Beleuchtung der unterschiedlichsten Facetten und Herausforderungen in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Arbeit um das Thema Kultur. Der Leser wird des Weiteren wiederholt mit kritischen Fragen konfrontiert, die zum (über)denken anregen. Somit liefert es über den Fachdiskurs hinaus auch einen wesentlichen gesellschaftspolitischen Beitrag zur Diskussionen um Migration, Integration und Umgang mit unterschiedlichen Kulturen.

Herausgeberinnen

Das Werk entstand in Kooperation mit 49 AutorInnen verschiedenster kultureller und professioneller Herkunft, aus einem breiten Spektrum des deutschen Sprachraums. Die beiden Herausgeberinnen sind in folgenden Institutionen tätig:

Frau PD Dr. med. Iris Tatjana Graef-Calliess ist die leitende Ärztin im Zentrum für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie in Hannover und

PD Dr. med. Meryam Schouler-Ocak ist die leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin.

Entstehungshintergrund

Aus der Zusammenarbeit diverser Fachleute entstand ein vielfältiges, an Informationen und Anregungen reiches Werk, welches zugleich als Rollenmodell für die gelebte Diversität fungiert.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Teile und insgesamt 32 Kapitel. Die einzelnen Teile bilden sich aus unterschiedlich vielen Kapiteln und die Kapitel wiederum sind unterschiedlich lang. Den Kapiteln gemein ist, dass die in gut proportionierte Unterpunkte gegliedert sind. Die Inhaltliche Spezifität ist meist trichterförmig gestaltet, i.d.S. dass der Aufbau meist von Allgemein zu Konkret, von Theorie zu Praxis verläuft.

Am Ende des Buches steht ein Sachverzeichnis zur Verfügung. Das https://d-nb.info/1095124676/04 vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich bei der Deutschen Nationalbibliothek.

Inhalt

Teil I mit dem Titel „Akkulturation, Kultur und Identität im Wandel“ beinhaltet drei Kapitel. Dieses Teil des Buches bietet dem Leser eine fundierte Einführung in die komplexe Thematik, präzisiert Begriffe, legt Erklärungsmodelle dar und stellt Kernfragen in den Fokus.

Teil II „Die postmigrantische Gesellschaft“ hat drei Kapitel und baut auf das vermittelte Wissen des ersten Teiles auf und treibt die theoretischen Diskussionen weiter voran, bzw. behandelt Studien sowie die damit einhergehenden Konsequenzen. Den Themen Fremdenfeindlichkeit, sowie soziale Exklusion und deren Folgen wird jeweils ein separater Kapitel gewidmet.

Teil III „Interkulturelle Öffnung des psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgungssystems“ bildet mit seinen acht Kapiteln den umfangreichsten Abschnitt des Bandes.

Die Kapitel ersten beiden Kapitel skizzieren den Ist-Zustand im Versorgungssystem und offerieren eine Reihe statistischer Einblicke in die aktuelle Versorgungsrealität. Ergänzt folgen die Kapitel zu aktuellen und potentiellen Veränderungsmaßnahmen, um die bereits bekannten Zahlen aus den Statistiken mit Leben zu füllen und den Leser zu einer umfassender und tieferer Einsicht einzuladen. Hier werden auch selbstkritisch Hürden und Chancen in der Versorgung aufgezeigt.

Der zweite Abschnitt des Teil III mit weiteren vier Kapiteln behandelt spezifische, teilweise methodische, diagnostische Aspekte der Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund. Separate Kapitel haben Suizidalität, muttersprachliche Materialien, sowie Besonderheiten des DSM-5 zum Thema. Ergänzend richtet sich der Blick schließlich auf bereits etablierte, sowie zukünftig geplante Bildungsmaßnahmen in den Gesundheitsberufen.

Im Teil IV „Interkulturelle Psychotherapie: vom Orchideenfach zum allgemeinen Therapeuten-Handwerk“ bietet die Reihenfolge der Kapitel, was der Titel verspricht und führt den Leser Schrittweise in die Interkulturelle Psychotherapie im allgemeinen ein und ermöglicht im Weiteren ein besseres Verständnis im Einzelnen (durch Problemanalyse, Fallkonzeption, Fallbeispiele und Beschreibung von Therapieverläufen).

Teil V „Einsatz von Sprach- und Kulturmitteln in der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie“ behandelt Kapitel zur Arbeit mit Dolmetscher, welche als Sprach- und Kulturmittler zu verstehen sind. Es wird die Herausforderung der Arbeit mit unterschiedlichen Sprachen diskutiert, aber auch konkrete Handlungsempfehlungen gegeben. Abgerundet wird dieser Teil mit einem ausführlichen Bericht über die multikulturelle Gruppenpsychotherapie mit dem gleichzeitigen Einsatz mehrerer Dolmetscher.

Teil VI „Akkulturationsmöglichkeiten von traumatisierten Migranten und Flüchtlingen“ beinhaltet drei Kapitel. Dargestellt und diskutiert werden hier psychotherapeutische Strategien auf verschiedenen Ebenen (Modell zur psychosomatischen Versorgung, Gruppenpsychotherapie, traumazentrierte Psychotherapie).

In Teil VII „Supervision“ stellen die drei Kapitel Herangehensweisen an Einzel- und Teamsupervision dar, die sich sowohl an interkulturelle Teams, als auch auf die Arbeit mit Patienten mit Migrationshintergrund richten.

Teil VIII „Spezielle Fragestellungen“ greift mit seinen vier Kapiteln besondere Aspekte auf, die über die bisherigen Themenbereiche hinaus gehen: Behandlung von Traumata bei (unbegleiteten) minderjährigen Flüchtlingen; Umgang mit Scham und Schuld in der Pflege im transkulturellen Kontext; Begutachtung bei aufenthaltsrechtlichen Verfahren bzgl. Traumafolgen; Ethnische Aspekte in der Psychopharmakologie.

Diskussion

Es liegt ein hoch aktuelles, gut lesbares – durch die feste Bindung auch bequem in die Hand schmiegendes – Buch zu einem durchaus sensiblen und zentralen Thema vor. Kultur und Transkulturalität fanden über den psychiatrischen Alltag hinaus auch bereits Einkehr in den individuellen Alltag jedes Einzelnen. Somit ist das Buch nicht nur für Psychotherapeuten oder Psychiater eine interessante und anregende Lektüre, sondern auch für den interessierten Laien, der sich eine bessere Übersicht über die Theorie, Forschung und Praxis zu Migration, Kultur und Transkulturalität verschaffen möchte.

Günstig wären einführende Zeilen zu den jeweiligen Teilen gewesen, um den Leser einen leichteren Einstieg in die neue Facette, welches von den einzelnen Teilen abgebildet wird, zu verschaffen. Des Weitere hätte ein Gesamtverzeichnis der zitierten Literatur, bzw. der zitierten Autoren zu einem schnelleren „Navigieren“ zwischen den Inhalten beisteuern können und somit das Werk als geschlossene Gestalt erscheinen lassen können.

Fazit

Insgesamt liegt hier ein komplexes Werk über die Diversität der Themen Migration, Kultur, Transkulturalität vor. Die acht Teile des Buches und die darin weiter gegliederten 32 Kapitel umfassen Bereiche von Theorie, Forschung bis Praxis und zukünftige Handlungsoptionen.


Rezensentin
Dr. rer. medic. Csilla Jeszenszky
Dipl.-Psych.
Psychologische Psychotherapeutin
Uniklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Homepage www.uniklinikum-dresden.de
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Csilla Jeszenszky anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Csilla Jeszenszky. Rezension vom 03.04.2018 zu: Iris Tatjana Graef-Calliess, Meryam Schouler-Ocak (Hrsg.): Migration und Transkulturalität. Neue Aufgaben in Psychiatrie und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-43181-0. Unter Mitarbeit von Katharina Behrens. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22737.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Betreuer/in für Übergangswohnheim, Berlin

Betreuer/in für Wohnheim, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!