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Helga Oberloskamp: Vormundschaft, Pflegschaft und Beistandschaft für Minderjährige

Cover Helga Oberloskamp: Vormundschaft, Pflegschaft und Beistandschaft für Minderjährige. C.H.Beck Verlag (München) 2017. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. 650 Seiten. ISBN 978-3-406-70280-8. D: 69,00 EUR, A: 60,70 EUR.
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Herausgeberin, Bearbeiterinnen und Bearbeiter

Die Herausgeberin Prof. Dr. Helga Oberloskamp ist Professorin (a.D.) an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln.

Bearbeitet wurden die einzelnen Abschnitte von jeweiligen Fachleuten aus Hochschulen und der Praxis:

  • Markus Band, Rechtsanwalt in München;
  • Hans-Otto Burschel, Direktor des Amtsgerichts Bad Salzungen;
  • Edda Elmauer, Abteilungsleiterin Vormundschaft/Rechtliche Betreuung bei der Katholischen Jungendfürsorge München e.V.;
  • Martin Filzek, Seminartrainer;
  • Prof. Dr. Urs Peter Gruber, Professor für Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz;
  • Prof. Dr. Birgit Hoffmann, Professorin an der Hochschule Mannheim;
  • Prof. Peter-Christian Kunkel, Professor a.D. an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der FH Köln,
  • Helmut Schindler, Justitiar der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg e.V.

Vergleich zur Vorauflage

Das Buch ist nunmehr in der vierten Auflage erschienen. Es ist umfangreicher geworden und geht ausführlich auf aktuelle Entwicklungen ein (insbesondere auf das Gesetz zur Änderung des Vormundschafts- und Betreuungsrechts sowie den Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen). Die bearbeitenden Personen haben teilweise gewechselt, doch der Aufbau ist gleich geblieben.

Aufbau und Inhalt

Gegliedert ist das Buch in sieben Hauptkapitel und insgesamt 25 Unterabschnitte.

Das erste Kapitel gibt einen Überblick und beantwortet allgemeine Fragen. Hier wird zunächst nach einem kurzen historischen Abriss über die Entwicklung von Vormundschaft, Pflegschaft und Beistandschaft die gegenwärtige Rechtslage beschrieben und mit Statistiken ergänzt.

Im Anschluss werden die Organe des Vormundschaftswesens (Vormund, Familiengericht, Jugendamt und Vormundschaftsverein) und deren Funktionen sowie das familiengerichtliche Verfahren in Kindschaftssachen erläutert. Nach einer Darstellung grundsätzlicher Rechte und Pflichten von Vormund und Pfleger (insbesondere Vergütungs- und Haftungsfragen) folgt ein längerer Abschnitt über Vormundschaften und Pflegschaften mit Auslandsbezug, in dem die anwendbaren internationalen Übereinkommen erläutert und praktische Hinweise gegeben werden.

Das zweite Kapitel geht detailliert auf die Vormundschaft für Minderjährige ein und führt gut gegliedert durch die gängigen Fragestellungen und Probleme. Gegenüber der Vorauflage neu aufgenommen ist ein eigener Abschnitt zur Vormundschaft für geflohene unbegleitete Minderjährige.

Im dritten Kapitel wird die Pflegschaft für Minderjährige dargestellt und die Unterschiede zwischen einer Pflegschaft kraft Gesetzes und einer Pflegschaft kraft gerichtlicher Anordnung aufgeführt.

Das vierte und fünfte Kapitel befasst sich mit den Besonderheiten bei der Vereinsvormundschaft/-pflegschaft/-beistandschaft und Verfahrensbeistandsschaft (4. Kapitel) sowie der Amtsbeistandschaft, Amtspflegschaft und Amtsvormundschaft (5.Kapitel). Das vierte Kapitel beginnt mit einem historischen Abriss und klärt dann die Anforderungen an den Verein und die Unterschiede, die sich daraus ergeben, wenn der Verein selbst Vormund, Pfleger oder Beistand ist oder wenn ein Mitarbeiter des Vereins bestellt wird. Vergütungs- und Haftungsfragen runden das Kapitel ab. Im 5. Kapitel wird ausführlicher die Rechtsnatur der Amtsbeistandschaft, Amtspflegschaft und Amtsvormundschaft beschrieben. Sie wird als „ein Einbruch in die privatrechtlich geschlossene Systematik des Vormundschaftsrechts im BGB“ bezeichnet (§ 16 Rdnr. 22) und es werden die daraus resultierenden Besonderheiten beschrieben.

Im sechsten Kapitel werden die verschiedenen erzieherischen und materiellen Hilfen des SGB VIII aufgeführt und voneinander abgegrenzt. Ferner werden sie in Bezug gesetzt zu weiteren Sozialleistungen: Grundsicherung für Arbeitssuchende, Sozialhilfe, Opferentschädigungsleistungen, Berufsausbildungsbeihilfe, Berufsausbildungsförderung, Kindergeld und Unterhaltsvorschussleistungen.

Das abschließende Kapitel befasst sich mit den Kosten für Vormundschaft, Pflegschaft, Beistandschaft, sonstigen Angelegenheiten und dem Beschwerdeverfahren.

Diskussion

Grundsätzlich handelt es sich um ein solide bearbeitetes und hervorragend strukturiertes Grundlagenwerk, mit dem Juristen und Praktiker sich schnell juristische Fragen beantworten und einschlägige Gerichtsentscheidungen recherchieren können. Streckenweise ist das Buch geschrieben wie ein Kommentar (z.B. § 8 Rdnr. 55 ff.), in dem viele Entscheidungen zitiert, jedoch nicht diskutiert werden.

Je nach Temperament der bearbeitenden Person lesen sich die Abschnitte wie eine fundierte Darstellung der gegenwärtigen Rechtslage ohne eigene Positionierung (z.B. § 2 Rndr. 31, 32a zur Diskussion, ob das Institut „Gegenvormund“ sinnvoll ist) und dann wieder erfrischend praxisnah mit einer klar formulierten eigenen Meinung (z.B. § 15 Rdnr. 5 zum Problem der Vertretung bei einer persönlichen Bestellung als Vormund im Gegensatz zur Bestellung des Vereins). Manche Ausführungen erinnern an ein Lehrbuch zur Rechtsdogmatik (z.B. die gute Argumentation in § 20 Rdnr. 15, warum der Hilfeplan kein Verwaltungsakt ist). Andere haben eher politischen Charakter (z.B. die eindrückliche Darstellung der besonderen Schutzbedürftigkeit unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in § 9 Rdnr. 31).

Das Buch ist gut geeignet für Juristen, die sich in das Thema einarbeiten möchten. Für Praktiker ist es sehr hilfreich, um Gerichtsentscheidungen zu finden. Ansonsten würde das Buch gewinnen, wenn das Thema Vormundschaft, Pflegschaft und Beistandschaft für Minderjährige stärker interdisziplinär bearbeitet worden wäre. Es bleibt bei einer überzeugenden rechtlichen Behandlung des Themas stehen. Für die Praxis wären aber ebenso psychologische, soziologische und interkulturelle Fragestellungen relevant.

Kurze entwicklungspsychologische Ausführungen werden eher mit Gerichtsurteilen als mit einschlägiger entwicklungspsychologischer Literatur belegt. So wäre es für einen interdisziplinären Ansatz angebracht, Behauptungen darüber, was in der Regel dem Kindeswohl entspricht, nicht allein mit einer Oberlandesgerichtsentscheidung zu belegen (§ 8 Rdnr. 58). Der kurze Hinweis darauf, bei einer Vollstreckung dürfe keine Gewalt gegen Kinder angewandt werden (§ 3 Rdnr. 124), lässt z.B. die praktisch relevante Frage offen, ob und in welcher Form pädagogisch auf ein von einem Elternteil manipuliertes Kind eingewirkt werden kann, ohne dieses in unerträgliche Loyalitätskonflikte zu bringen.

Soziologische Aspekte werden insbesondere in den historischen Überblicken erwähnt. Vertiefende Reflexionen zu Rollenbildern, kulturell geprägten Familienkonzepten oder der Bedeutung von Autonomie für die heranwachsenden Kinder fehlen. So wird z.B. nur erwähnt, dass die Rechtsprechung vermutet, die Eltern würden die Interessen ihres Kindes bei der Wirtschaftsführung angemessen berücksichtigen, während eine solche Vermutung für den Vormund fehlt (§ 11 Rdnr. 23). Welches ideologische Konzept dahinter steht und warum sich der Staat einer Einmischung in die familiäre Sorge stärker entzieht als in die Arbeit des Vormundes, wird nicht vertieft.

Erforderliche interkulturelle Sensibilität und spezielle Erfahrung im Umgang mit traumatisierten Menschen werden beim Umgang mit unbegleiteten minderjährigen geflüchteten Kindern angesprochen. Allerdings fehlen praktische Beispiele, in welchen Situationen diese Kenntnisse Bedeutung erlangen und wie sie erworben werden können.

Das Buch ist zu umfassend, als dass auf alle Abschnitte und Aspekte eingegangen werden könnte. Es bleibt bei aller Kritik eine wertvolle Unterstützung der praktischen Arbeit, wenn man sich rechtlich orientieren möchte. Da sich das Buch an Praktiker richtet (so das Vorwort), sollte nur vermieden werden, einseitig eine Meinung zu vertreten und versteckt in der Fußnote darauf hinzuweisen, dass der Bundesgerichtshof eine andere Meinung vertritt (so einmalig geschehen in § 3 Rdnr. 65, FN 133).

Fazit

Das Buch kann uneingeschränkt empfohlen werden für alle Praktiker, die sich im Bereich Vormundschaft, Pflegschaft und Beistandschaft für Minderjährige rechtlich orientieren möchten. Es ist diesbezüglich umfassend und ermöglicht eine schnelle Orientierung durch eine hervorragende Gliederung. Zu kurz kommt ein interdisziplinärer Ansatz, der dem interdisziplinären Thema allerdings gut angestanden hätte.


Rezensent
Prof. Dr. Anusheh Rafi
Rektor der Evangelischen Hochschule Berlin, 1. Vorsitzender des Bundesverbands Mediation e.V.
Homepage www.konflikte-aufheben.de
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Zitiervorschlag
Anusheh Rafi. Rezension vom 19.02.2018 zu: Helga Oberloskamp: Vormundschaft, Pflegschaft und Beistandschaft für Minderjährige. C.H.Beck Verlag (München) 2017. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-406-70280-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22742.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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