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Marga Löwer-Hirsch: Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie

Cover Marga Löwer-Hirsch: Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie. Fallgeschichten und Psychodynamik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 153 Seiten. ISBN 978-3-8379-2689-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Es werden zwölf Fallgeschichten von Betroffenen vorgestellt und verglichen, die sexuelle Gewalt im Rahmen von Psychotherapie erlitten haben.

Autorin

Die Autorin ist psychologische Psychotherapeutin und leitet ein analytisches Ausbildungsinstitut.

Aufbau

Neben einer kurzen Einführung in die Thematik und einer Diskussion am Ende ist das Buch zweigeteilt. Nach der Darstellung der Fallgeschichten werden diese nach verschiedenen, analytischen Aspekten verglichen.

Inhalt

In der Einführung wird auf das Abstinenzgebot und ethische Grundlagen therapeutischer Arbeit eingegangen. Auch wird kurz auf einige Studien eingegangen, die Häufigkeiten sexueller Gewalt im Rahmen der Psychotherapie erfasst haben.

Den ersten Hauptteil des Buches bilden zwölf Fallgeschichten von sexuellem Missbrauch Betroffener und eine Fallgeschichte eines Täters. Anschließend werden die Fallgeschichten nach folgenden Kriterien verglichen:

  • „Einlassen“ (u.a. starke Kontaktwünsche, Naivität),
  • „Missbrauchsphase aufrechterhalten“ (u.a. Doppeldenk, Autoritätskomplex, Rollenumkehr)
  • „Ablösung“,
  • „Die Therapeuten“ und
  • Auswirkungen.

In der abschließenden Diskussion wird Missbrauch in Therapien mit familiärem Missbrauch verglichen, die narzisstische Komponente aufgegriffen und der Aspekt der Geschlechterrollen in ihrer Relevanz für Missbrauchstherapien dargestellt.

Diskussion

„Für die meisten (sic! Nicht für alle!) Wiederholungstäter unter den Therapeuten ist ein Berufsverbot wohl (sic!) unerlässlich.“ Dieser letzte Satz des Buches steht für den ganzen Inhalt, d.h. es werden fast ausschließlich die Merkmale der von Missbrauch betroffenen Frauen analysiert, die perfiden Strategien der Täter werden kurz auf einigen, wenigen Seiten abgehandelt. Die Sichtweise auf die Betroffenen ist von einer Denkweise geprägt, die in einigen Therapieschulen in den 90-er Jahren leider typisch war und die man überwunden geglaubt hatte. In dem fast ausschließlich auf Verhaltensweisen und Merkmale der Frauen, die bei einem Heilberuf Hilfe gesucht hatten, eingegangen wird, wird dem Leser subtil vermittelt, dass diese den Hauptanteil am Geschehen tragen. Es wird zwar an vielen Stellen von der Autorin betont, dass die Frauen nicht am Geschehen schuld seien, jedoch wird allein durch die umfangreiche Darstellung von solchen unfachlichen Kriterien wie Naivität oder Doppeldenk ein eindeutiges Zeichen gesetzt. Auch die Fallgeschichte eines therapeutischen Täters steht gleichrangig neben denen der betroffenen Frauen und wird an einigen Stellen gedeutet, ohne dass explizit auf die Verleugnungsstrategien des Täters oder die strategische und planvolle Vorgehensweise vertiefend eingegangen wird. Auf die besondere Situation, dass schutzlose und hilfesuchende Frauen, die fachliche Hilfe suchen, wird nur indirekt eingegangen. Auch welchen Anteil die Therapiemethoden an sich an dem Missbrauchsgeschehen vielleicht haben könnten, wird nur am Rande (am Beispiel der Primärtherapie und der Gestalttherapie) gestreift. Die Bedeutung der Fallgeschichten für dieses wichtige Thema von Machtmissbrauch wird etwas gemindert, wenn Beispiele aus den (vermutlich) 70-ern und 80-ern einbezogen werden, die eher sektenmäßigen Charakter hatten. Insgesamt überrascht bei diesem Buch, dass die Neuauflage nicht genutzt wurde, die Sichtweise auf das Missbrauchsgeschehen und insbesondere auf die Strategien der Täter zu schärfen.

Fazit

Für praktizierende Psychotherapeuten kann dieses Buch vielleicht als Erinnerung an die Abstinenzregel hilfreich sein.


Rezensent
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 16.08.2017 zu: Marga Löwer-Hirsch: Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie. Fallgeschichten und Psychodynamik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2689-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22748.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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