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Katharina Maria Röse: Betätigung von Personen mit Demenz (Pflegeheim)

Cover Katharina Maria Röse: Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Hogrefe (Bern) 2017. 415 Seiten. ISBN 978-3-456-85470-0. 39,95 EUR.
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Thema

In der Pflege und Betreuung Demenzkranker ist die Ergotherapie eher von randständiger Bedeutung. Die zentralen Arbeitsfelder dieser Disziplin sind überwiegend Rehabilitationsmaßnahmen wie das Wiedererlernen verloren gegangener Alltagsfertigkeiten wie z.B. nach einem Schlaganfall. Bei Demenzen vom Alzheimer-Typ im fortgeschrittenen Stadium hingegen entfällt die Komponente Rehabilitation. Hier stehen mehr die Aspekte eines kompensatorischen Vorgehens im Sinne einer Optimierung der Person-Umwelt-Passung im Vordergrund. Wohlbefinden und Zufriedenheit durch Gestaltung einer demenzspezifischen Lebenswelt herzustellen, das sind konkrete Zielvorgaben und auch Erwartungen. Die vorliegende Studie befasst sich mit der Bedeutung der Beschäftigung Demenzkranker im Pflegeheim.

Autorin

Katharina Maria Röse ist als Ergotherapeutin am Institut für medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaften an der Charité-Universitätsmedizin in Berlin beschäftigt. Die vorliegende Arbeit wurde als Dissertation an diesem Institut angenommen.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus 13 Kapiteln und einem Anhang.

Kapitel 1 (Einleitung: Seite 13 – 16) wird u.a. auf die Occupational Science als „internationale Betätigungswissenschaft“ als theoretischen Bezugsrahmen verwiesen, die auch zentrale ergotherapeutische Fragestellungen in verschiedenen Kontexten der Arbeitsfelder bearbeitet.

In Kapitel 2 (Betätigungsorientierte Perspektiven der Ergotherapie und Occupational Science: Seite 17 – 56) wird die Entstehung und Bedeutung dieses Ansatzes in seiner bisherigen Entwicklung auf internationaler und nationaler Ebene ausführlich beschrieben.

In Kapitel 3 (Demenz aus verschiedenen Perspektiven: Seite 57 – 63) erläutert die Autorin ihr eigenes Modell von der Demenz, das aus einer „Demenz aus der Perspektive der Biomedizin“ und parallel dazu aus einer „Demenz aus der Perspektive eines biopsychosozialen Gesundheitsverständnisses“ besteht, wobei sie u.a. auf das Konstrukt von Tom Kitwood rekurriert.

In Kapitel 4 (Das Pflegeheim als institutioneller Kontext für Betätigung für Personen mit Demenz: Seite 65 – 96) wird der Werdegang des Pflegeheimes von einer so genannten „totalen Institution“ hin zu einer Einrichtung erläutert, die eine Milieugestaltung und neue Wohnkonzepte für Demenzkranke ermöglicht. Des Weiteren werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Beschäftigungsangebote für Demenzkranke im Heimbereich und demenzspezifische Handlungsweisen im Kontext Beschäftigung angeführt.

Kapitel 5 (Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim – Stand der Forschung: Seite 97 – 117) enthält u.a. eine Kategorisierung von Beschäftigungsformen Demenzkranker. So unterteilt die Autorin in Anlehnung an einige einschlägige Untersuchungen die Betätigung Demenzkranker in „Aktiv – angemessene Betätigung“ (z.B. Selbstversorgung und soziale Aktivitäten), „Aktiv – unangemessene Betätigung“ („unnötige motorische Aktivitäten“ und „antisoziales Verhalten“) und „Passive Betätigung“ („Neutrales Verhalten“ wie z.B. „Nichtstun“). Hieran anschließend wird die Betätigung Demenzkranker im Wechselspiel mit den Alltagsroutinen der Pflege und Betreuung im Heimbereich beschrieben.

In Kapitel 6 (Fazit und Konkretisierung des Forschungsziels und der Forschungsfragen: Seite 119 – 125) erläutert die Autorin u.a. die zentrale Fragestellung ihrer Untersuchung: die Verflechtung von Bewohnerverhalten, den Beschäftigungsangeboten des Heimes und dem Wirken der Mitarbeiter.

Kapitel 7 (Methodik: Seite 127 – 162) enthält die Beschreibung des methodischen Vorgehens, wobei im Zentrum die teilnehmende Beobachtung von 14 Bewohnern und Interviews mit 19 Mitarbeitern stehen.

Kapitel 8 (Das Untersuchungsfeld: Seite 163 – 170). Die Untersuchung wurde in zwei Pflegeheimen mit unterschiedlichen Versorgungskonzepten für Demenzkranke durchgeführt. In einer Einrichtung („Haus Emmaus“) ohne Beschränkung des Zu- und Ausgangs werden die Demenzkranke gemeinsam mit nicht Demenzkranken in einem Wohnbereich mit einigen sogenannten „teilintegrativen“ Angeboten (mehrstündige zentrale Betreuung außerhalb des Wohnbereiches) für dieses Klientel versorgt. Die zweite Einrichtung („Haus Magdala“) hingegen verfügt über einen beschützten Wohnbereich für Demenzkranke.

Kapitel 9 (Vorstrukturierte Betätigungssituationen im institutionellen Kontext Pflegeheim: Seite 171 – 207) beinhaltet das Spektrum an Betätigungen für Demenzkranke im Heimbereich: tägliche Verrichtungen wie die Pflege und Ankleiden, Mahlzeiteneinnahme, kleine Handreichungen im Wohnbereich (z.B. Tische abräumen und abputzen), Warte- und Ruhezeiten, wöchentliche Angebote (Bewegungsangebote wie „Tanzkaffee“, Sportgruppe, Sitztanz und Kegeln – Gedächtnis anregende Angebote wie u.a. Bingo, Rätseln oder gemeinsames Singen) und „Jahresfeste“ bzw. kirchliche Feste (u.a. Sommer- und Oktoberfest, Advents- und Weihnachtsfeier).

Kapitel 10 (Betätigung von Bewohner_innen mit Demenz: Seite 209 – 282) enthält die Ergebnisse der Feldbeobachtung bezüglich des Verhaltens der Demenzkranken. U. a. folgende krankhafte Verhaltenssymptome sind in den Wohnbereichen registriert worden:

  • Örtliche Desorientierungsphänomene aufgrund episodischer Langzeitgedächtnisinhalte: So halten Demenkranke den Wohnbereich für ihre ehemaligen Arbeitsstellen (Handelsschule oder Kindergarten).
  • Fremde Personen und Mitarbeiter werden für Familienangehörige gehalten („Sohn“, „Cousine“)
  • Ständige Suche nach verstorbenen Angehörigen und auch nach verstorbenen Mitbewohnern
  • Unfähigkeit, Handlungsabläufe zu beenden: So wird z.B. ein bereits leer gegessener Joghurtbecher ständig weiter ausgelöffelt. Und eine Demenzkranke zerschneidet weiterhin die schon zerkleinerten Zwiebeln.
  • Fehlwahrnehmung und Fehlverhalten: Eine Bewohnerin hält eine Spieluhr in der Hand, die sie gleichzeitig mit einem Becher Saft begießt, um sie anschließend mit einer Serviette zu säubern.
  • Nachahmungsverhalten: Wenn eine Bewohnerin aufsteht und geht, folgen ihr die anwesenden Mitbewohner.

In Kapitel 11 (Handlungsweisen der Mitarbeiter_innen im Pflegeheim: Seite 283 – 344) stehen die Umgangsformen der Mitarbeiter bezüglich der verschiedenen Krankheitssymptome im Mittelpunkt. Folgende Verhaltensmuster wurden u.a. beobachtet:

  • Anpassung an die Kommunikationsweisen der Demenzkranken (u.a. Jargon, das Demenz-Du, mit Vornamen ansprechen)
  • Pflegende übernehmen die Rolle des Sohnes bzw. der Mutter zwecks Lenkung und Beeinflussung der Bewohner.
  • Bei Furcht und Unruhe der Bewohner: in den Arm nehmen, berühren, streicheln, auch gemeinsames Kaffeetrinken anbieten.
  • Singen u.a. zur Beruhigung bei der Pflege.
  • Vormachen zwecks Nachahmung z.B. beim Brotschmieren.
  • Reduzierung der Grundpflegehandlung auf das Notwendigste zwecks Vermeidung von Überforderungsphänomenen

In Kapitel 12 (Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim – Zusammenführung der Ergebnisse: Seite 345 – 354) kommt die Autorin u.a. zu der Erkenntnis, dass regelmäßige Betreuungsangebote und das begleitende Wirken der Mitarbeiter das Einleben und das Empfinden von Geborgenheit bei den Demenzkranken positiv stark beeinflussen.

In Kapitel 13 (Diskussion: Seite 355 – 377) wird u.a. das Fazit gezogen, dass vor allem das gesellige und gemeinschaftliche Milieu mit den verschiedenen Interaktionsformen für das Wohlbefinden der Demenzkranken von Bedeutung ist und es weniger auf die konkreten Inhalte einzelner Angebote ankommt. Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung benötigen eine Lebenswelt, die Schutz, Vertrautheit und Geborgenheit erfahren lässt.

Als positiv gilt der Sachverhalt zu bewerten, dass es der Autorin in den beiden zentralen Kapiteln (Kapitel 10 und 11) gelungen ist, die wesentlichen Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtungen und auch der Interviews sehr detailliert und zugleich auch plastisch und damit allgemeinverständlich darzustellen.

Diskussion und Fazit

Eine Studie über das Verhalten Demenzkranker und der Mitarbeiter im Heimbereich aus der Sicht einer Beschäftigungstherapeutin ohne grundlegende Kenntnisse in diesem Metier mit dem Anspruch wissenschaftlichen Wirkens (Qualifizierungsarbeit Dissertation), kann das gutgehen? Aus der Sicht des Rezensenten nicht! Folgende Belege werden für diese kritische Einschätzung angeführt:

  • Es fehlt die Darstellung des Standes der Forschung auf diesem Gebiet. Somit können die begrenzten Daten der qualitativen Studie nicht angemessen interpretiert werden. Bloße Rohdaten können die Ebene einer bloßen Beschreibung nicht überschreiten. Weitergehende Erkenntnisse lassen sich auf diesem Wege dann nicht eruieren.
  • Das Modell einer zweigliedrigen Demenz in Anlehnung an Kitwood (biologisch und sozial) entspricht nicht dem Stand der Forschung. Es gibt keine Parallelwelten in der Demenz, sondern nur neurowissenschaftliche Ableitungen und Erklärungen.
  • Die von der Autorin verwendeten Begriffe entsprechen nicht der Nomenklatur der Demenzforschung. Wenn dann auch noch krankheitsbedingte kognitive Fehl- und Minderleistungen im alltäglichen Verhalten als „kreative Neuschöpfungen“ oder „Umdeutungen“ klassifiziert werden, weist das auf einen eklatanten Mangel an Fachwissen hin.
  • Eine „internationale Betätigungswissenschaft“ mag Beschäftigungstherapeuten vielleicht einen fachlichen Orientierungsrahmen bieten, für den Umgang mit Demenzkranken im fortgeschrittenen Stadium hingegen weist sie keineswegs neue Perspektiven auf.

Es bleibt das Fazit zu ziehen, dass es der Autorin nicht gelungen ist, den Gegenstandsbereich angemessen zu bearbeiten. Das Verhalten Demenzkranken ist zu vielschichtig und komplex, als dass es sich mit nur einem begrenzten Zugangsweg wie den Modellen der Beschäftigungstherapie ausreichend erfassen lässt.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 02.10.2017 zu: Katharina Maria Röse: Betätigung von Personen mit Demenz im Kontext Pflegeheim. Hogrefe (Bern) 2017. ISBN 978-3-456-85470-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22752.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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