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Bernhard Waldenfels: Sozialität und Alterität

Cover Bernhard Waldenfels: Sozialität und Alterität. Modi sozialer Erfahrung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. 466 Seiten. ISBN 978-3-518-29737-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Die phänomenologische Forschung hat in den letzten Jahren einen Aufschwung und eine Restauration der sozialen Erfahrung als ihres Gegenstandes erfahren. Dabei sind Themen wie kollektive Intentionalität, soziale Wahrnehmung oder das narrative Selbst relevant geworden. Diese thematischen Felder sind allerdings aus der Tradition der Denkrichtung inspiriert und schließen oftmals an klassische Beiträge der namhaften Vordenker an, wie etwa Husserl, Heidegger oder Merleau-Ponty. In diesem Zusammenhang präsentiert Waldenfels den Ansatz einer neuen Orientierung, den er als eine „responsive Form der Phänomenologie“ (285) bezeichnet. Im Zentrum seines Denkens steht dabei der Antwortcharakter der sozialen Erfahrung, der sich auf die Apelle und Aufforderungen bezieht, die Subjekten in ihrer Lebenswelt widerfahren.

Autor

Bernhard Waldenfels ist eine einflussreiche Persönlichkeit der zeitgenössischen philosophischen Phänomenologie. Sein Denken ist keine orthodoxe Fortsetzung der klassischen Denktraditionen, sondern ein kontroverser Beitrag, 1959 wurde er in München promoviert, wo er 1967 habilitierte. Zwischen 1976 und 1999 war er Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Im Zentrum seiner Arbeit stehen die Beschäftigung mit der französischen Phänomenologie („Phänomenologie in Frankreich“, 1998) und die Auseinandersetzung mit dem Fremden.

Entstehungshintergrund

Suhrkamps Wissenschaftsreihe hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Monographien des Autors veröffentlicht. Die vorliegende Arbeit steht dabei inhaltlich insbesondere in der Kontinuität der vorherigen Auseinandersetzungen mit der Erfahrung des Fremden: „Antwortregister“ (1994), „Bruchlinien der Erfahrung“ (2002), „Schattenrisse der Moral“ (2006) und „Hyperphänomene“ (2012). Die Schwerpunkte dieser Arbeiten werden mehrfach aufgegriffen und mit der aktuellen Thematik in Bezug gesetzt. Der Grundgedanke einer „responsiven Phänomenologie“ wurde dabei bereits 1994 im Journal für Psychologie unter dem Titel „Response und Responsivität in der Psychologie“ zusammengefasst.

Aufbau

Waldenfels gibt seiner Arbeit eine Zweigliederung, die durch einen Prolog (homo respondens) und einen Epilog (Mehrstimmiges Europa) gesäumt wird. Insgesamt handelt es sich um 15 Kapitel:

  1. Das Dilemma einer ungeselligen Geselligkeit
  2. Koaffektion und Kointention
  3. Angst und Furcht als Ausdruck des Pathischen
  4. Geburt und Tod als Grenzzonen des Mitseins
  5. Wir vor und unter dem Gesetz
  6. Metapolitischer Einschub
  7. Fremdheitsschwellen
  8. Mitwirkung der Dinge
  9. Transformationen der Erfahrung
  10. Edmund Husserl: Normalität im Widerstreit
  11. Alfred Schütz und Aron Gurwitsch: Alltagsmoral
  12. John R. Searle: Sozialontologie auf sozialbiologischer Basis
  13. Paul Ricoeur: Erzählen, Erinnern und Vergessen
  14. Cornelius Castoriadis: Revolutionäre Praxis und ontologische Kreation
  15. Michel Foucault: Wahrsprechen und Antworten

Die ersten neun Kapitel stellen eine thematische Übersicht dar, welche die responsive Phänomenologie einführt, indem sie deren Bedeutung für diverse Kontexte der Erfahrung, etwa den Tod, die Politik und die Freiheit, herausstellt. Es folgen Auseinandersetzungen mit etablierten philosophischen Positionen, die Waldenfels mit der responsiven Phänomenologie in die Kritik stellt, um somit ihr Profil zu konturieren. Im Epilog artikuliert er abschließend die Konsequenzen, die er aus seinen Gedanken für die gesellschaftliche Wirklichkeit Europas zieht.

Inhalt

Den Grundgedanken für die responsive Phänomenologie gewinnt der Verfasserim Rückgriff auf psychologische Überlegungen Goldsteins zur Responsivität: Er verstehe „unter Responsivität die Fähigkeit des Organismus beziehungsweise eines Individuums, adäquat auf Anforderungen eines Milieus zu antworten“ (19). Waldenfels konsekutiver Gedankengang ist, in phänomenologischer Analyse die beiden kategorialen Bestandteile der Responsivität als Pathos bzw. Widerfahrnis und Response hervorzuheben. Der Pathos sei dabei eine Erschütterung (111) der eigenen Erfahrung, die sich „in der Form eines plötzlichen Aufblitzens, eines explosiven Knalls“ (20) ereigne. Der Anforderungscharakter des Pathos dränge des Weiteren ein Ausdruckverhalten des Subjektes, im Sinne einer Antwort auf das Widerfahrnis, auf, das als Response bezeichnet wird. Diese grundlegende Dyade von Pathos und Response ist das Grundelement der responsiven Phänomenologie und wird von Waldenfels als „Doppelereignis“ aufgefasst: „Pathos und Response sind wie zwei Glieder einer Kette, die sich nicht schließt. Eines läßt sich nicht aus dem anderen herleiten“ (23).

Die responsive Phänomenologie widmet sich der Beschreibung der Eigenheiten in diesem Doppelverhältnis. Der vorliegende Band konzentriert sich dabei auf die „Geburt des Sozialen aus dem Pathos“ (76), welche allerdings in enger Beziehung zu den fundamentalen Charakteristika der responsiven Phänomenologie artikuliert wird. So ist das Doppelereignis durch ein eigentümliches zeitliches Verhältnis charakterisiert. Im Hinblick auf die Response ist es etwa dadurch indiziert, dass „Antworten, die Neues erfinden und nicht bloß Altes wiederfinden“, sich „niemals unverzüglich“ (159) einstellen. Diese „originäre Form der Zeitverschiebung“ (158) nennt Waldenfels die Diastase. Einerseits komme der Pathos zu früh, andererseits die Response zu spät: Die Diastase ist somit „[d]ie zweifache Ungleichzeitigkeit von originärer Vorgängigkeit des Pathischen und originärer Nachträglichkeit des Responsiven“ (24).

Innerhalb dieser Diastase vollzieht sich die „Umsetzung des Pathos“ (166) in kreativer Antwortarbeit, die „Heterogenese“ (267), denn der Pathos im Allgemeinen konkretisiert sich in der jeweiligen Situation in „qualitativ variierende Pathemata, also in Affektionsweisen“ (164). Eine wichtige Unterscheidung verläuft dabei zwischen Appell und Affekt, die davon abhängt, ob das Widerfahrnis von einer Person oder einer Sache ausgeht: Während „der Andere als Appellant auftritt“ (59) und einen „fremden Anspruch“ (ebd.) bedeutet, haben die Dinge einen „Aufforderungscharakter“ (240), z.B. wenn eine Treppenstufe ein zweijähriges Kind zum Heraufklettern und Herunterspringen reizt.

Eine anschließende Konsequenz der Diastase nennt Waldenfels die signifikative Differenz, die er im Anschluss an die phänomenologische Tradition auch als Als-Struktur (242) bezeichnet. Dabei handelt es sich um die Einsicht, dass das pathische Ereignis nicht vollständig berücksichtigt werden kann und deswegen „als etwas“ ersetzt wird: „Ich schlage vor, von Supplement zu sprechen, wenn etwas zu ersetzen ist, das uns affiziert“ (272). Auf diese Weise wird die Brücke zum zentralen phänomenologischen Konzept der Intentionalität geschlagen: „Alle Intention hebt an mit einer Affektion, die ‚Ichfremdes‘ ins Spiel bringt, die auf mich zukommt, mich anrührt, und dies in Form einer Passivität, die meiner Aktivität zuvorkommt“ (283). Von der signifikativen Differenz ist auch das Antwortverhalten bestimmt, denn es „bevölkert sich der blinde Fleck, der jede Antwort innewohnt, mit originären Supplementen“ (166).

Neben die Intentionalität der signifikativen Differenz stellt der Autor außerdem die appetitive Differenz, aus der ein Begehren entsteht. Sie ist durch die Erfahrung von „etwas in etwas“ (268) ausgezeichnet und verbindet sich mit der signifikativen Differenz zur Bedeutungssuche „als Artikulation eines Begehrens“ (269): „was wir signifikative und appetitive Differenz nennen, bildet einen Zusammenhang, aber einen gebrochenen. Auffassen-als-etwas und Begehren-in-etwas gehen ineinander über; Begehrenswertes erhält Bedeutung, Bedeutsames wird affektiv aufgeladen“ (ebd.). Waldenfels nennt deswegen das Als und das In, aber auch das soziale Mit „Transformatoren der Erfahrung“ (264), die den Übergang vom Pathos zum Response kennzeichnen, der sog. Responsiven Differenz als „Trennlinie, die das Antwortgeschehen durchschneidet“ (270).

Die zentrale Fragestellung des Bandes ist allerdings erst durch den Begriff der Alterität angezeigt. Im Sinne seiner „Phänomenologie des Fremden“ (30) hebt der Autor die „Fremdheit des Pathischen“ (171) hervor. Das Doppelereignis von Pathos und Response entspringt demnach der Fremdheit. Der Begriff der Fremdheit, der dafür relevant ist, stimmt allerdings nicht mit dem bloßen Unterschied überein: „Alterität ist nicht mit Andersheit im Sinne der Verschiedenheit zu verwechseln. Ich selbst spreche generell von Fremdheit und bezüglich der speziellen Fremdheit des Anderen (autrui) von Alterität“ (211). Im Sozialen sei dafür die „plurale Singularität“ maßgeblich: „die Alterität des Anderen ist etwas, das ich nicht haben kann und das sich nicht in ein Wir einschließen läßt. Wir haben es mit einem Hypersozialen zu tun“ (62). Der entscheidende Schritt sei indessen, dass das Grundverhältnis von Pathos und Response die Alterität essentiell enthalte, denn „solange das Pathische nicht als radikale Fremdheit gedacht wird, behält auch das Responsive, […] etwas Vorläufiges“ (283). An dieser Stelle wird die Fremdheit also als Wesenskern der responsiven Phänomenologie positioniert.

Neben der Alterität hebt Waldenfels indes auch ihr Pendent der Sozialität heraus. Er spricht von einer „Ursprünglichkeit des Mitseins“ (41), die in Abgrenzung zu klassischen Phänomenologen wie Husserl und Heidegger nicht auf die Ursprünglichkeit des je eigenen Daseins zurückgeführt wird. Diese „Ipsozentrik“ (74) kranke an der fehlenden Anerkennung der phänomenalen Eigenständigkeit der Intersubjektivität und Sozialität. Zugleich könne das Soziale in dieser gemeinschaftlichen Form auch auf das Doppelereignis von Pathos und Response bezogen werden, was der Autor als „responsive Individuation“ bezeichnet: „Die Vergemeinschaftung vollzieht sich im Übergang vom Wovon des Pathos zum Worauf der Response, in der Transformation von Affekt in Sinn, Gestalt, Struktur, Typus und Habitus“ (95).

Auf Grundlage dieser Deskription des Doppelereignisses versucht Waldenfels dann einige Phänomene als responsive zu beschreiben. So trage etwa die Angst einen Index der Alterität (127) und Angst, Furcht und Schreck können im Lichte von Pathos und Response verstanden werden (118), wobei die Diastase die Zeitstruktur von Angst und Furcht bestimme (122). Ein anderes Beispiel ist die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und dem allgemeinen Krankheitsbegriff. Im Geiste der responsiven Phänomenologie könne das Symptom auf Grundlage des Doppelereignisses erklärt werden: „Symptome werden geschaffen, um das Ich der Gefahrsituation zu entziehen oder die Gefahrsituation aufzuheben […], sie haben generell einen Antwortcharakter“ (146). Zugleich erlaubt das Beispiel des klinischen Kontextes, zu illustrieren, wie ein Pathos ohne Response zu verstehen ist: „Der Patient ist überwältigt von dem, was ihm oder ihr zustößt“ (151).

Nach dieser thematischen Anwendung der responsiven Phänomenologie begibt sich der Verfasser in den Dialog mit prominenten philosophischen Positionen. Dabei steht im Vordergrund, deren Positionen auf Grundlage der vorgestellten Gedanken in die Kritik zu nehmen, zudem aber auch deren Gedankengänge als Anlass zur Erweiterung der responsiven Phänomenologie zu nehmen. Husserls Beiträgen zum Verständnis der Normalität erwidert Waldenfels, dass sie die natürliche Einstellung als Bekanntes voraussetzten ohne die Beteiligung des Fremden in einem „Untergrund von Unbestimmtheit“ (308) zu berücksichtigen. Ein anderes Beispiel ist der Kommentar zum Austausch zwischen Schütz und Gurwitsch über die moralische Situation des Flüchtlings, in welchem Waldenfels Gurwitschs Einwände auf Grundlage der responsiven Phänomenologie befürwortet.

Diskussion

Als vorwiegend philosophische Arbeit ist Sozialität und Alterität eine voraussetzungsreiche Lektüre. Das ist erstens durch den Anspruch des Autors bedingt, denn Waldenfels bedient eine bewusst ambivalente Stilistik, die mit Wortspielen und unerwarteten Wendungen zum Nachdenken und Staunen, aber auch Grübeln und Hadern provoziert. Dabei greift er auf ein kompendiarisches Repertoire an Referenzen aus der Geistesgeschichte zurück, das teils gelungene Ausblicke, die den Hauptgedanken konturieren, und teils überfrachtete Querverweise, die verwirren, offeriert. Unter der Vielzahl von Zitaten zahlloser Autoren finden sich bisweilen auch poetische Texte, wie etwa Ovid (111) oder Musil (281), die das Werk zudem um ästhetische Komplexität bereichern.

Zweitens ist die Lektüre voraussetzungsreich, weil Waldenfels einerseits an die phänomenologische Tradition, andererseits an das eigene Denken vorheriger Arbeiten anschließt, ohne diese Traditionen einsteigerfreundlich einzuführen. Dem ungeschulten Leser können so leicht zahlreiche Verweise, aber auch maßgebliche Bedeutungen der Auseinandersetzung entgehen. Die Arbeit steht also in der Mitte eines spezifischen Diskurses, ohne sich aber vollständig hermetisch gegen den Blick des Novizen zu verschließen, denn der Phänomenologie ist eine intuitive Zugänglichkeit zu eigen. Es geht ihr im Wesentlichen um das Verständnis der Erlebnisse, die in der Erfahrung eines jeden Menschen relevant sind.

Drittens sind auch durch die gewählte Methode Voraussetzungen für das Verständnis erfordert. Der Autor bedient sich nämlich einer eklektischen Fülle von Analysen, etwa etymologischen, historischen, daseinsanalytischen und komparativen, um die responsive Phänomenologie minutiös zu elaborieren. Die Homogenität seines Denkens erscheint deswegen nur demjenigen, der mit der Bemühung der Phänomenologen vertraut ist, der Erfahrung in ihrer eigentlichen Lebendigkeit gerecht zu werden. Ohne diese Konzession an die deskriptive Tiefe der Analysen mag es gleichsam schwer fallen über scheinbar sprunghaftes Denken oder wüste Metaphorik ( „Ordnung im Zwielicht“ (210), „Das Ich der Geburt bildet einen Knotenpunkt, keinen Mittelpunkt“ (159), „Implantation des Anderen“ (285), „Vergessen im Herzen der Gegenwart“ (372) u.v.m.) hinwegzusehen.

Die Themen, die Waldenfels aufgreift, sind universell – was dem Anspruch seiner responsiven Phänomenologie entspricht –, aber nicht systematisch etabliert. Der Autor scheint in den drei vergangenen Dekaden seines Denkens über die Responsivität eine sukzessive oder grassierende Erweiterung des Gedankens vorgenommen zu haben, statt eine kontinuierliche Anwendung auf unterschiedliche Domänen zu exerzieren. Deswegen ist der Schwerpunkt des Werkes, die Auseinandersetzung mit Phänomenen des Sozialen, nicht tragend, sondern vielmehr ein Anlass für und ein Blickwinkel auf die responsive Phänomenologie. Dennoch gelingt auf diese Weise auch ein kreativer Beitrag zum Verständnis der universellen Themen und insbesondere ihrer sozialen Dimensionen. Das Denken über „Geburt und Tod als Grenzzonen des Mitseins“ (155ff) ist etwa eine ungewöhnliche, aber stimmige und bedeutsame Betrachtung der existenziellen Endlichkeit des Lebens, die oftmals als Idealbeispiel für die fundamentale Vereinzelung des individuellen Lebens, hier aber als Glied der responsiven Erfahrung vorgetragen wird.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist die Auseinandersetzung mit alternativen Positionen. Doch während sich die letzten Kapitel diesem Unterfangen dezidiert widmen, werden die ersten Abgrenzungen bereits in Laufe der ersten Abschnitte markiert. Die Kritik an der Ipsozentrik der klassischen Phänomenologie (74) ist dabei ein prominentes zeitgenössisches Thema der Bewusstseinsphänomenologie. Die einflussreichen Protagonisten, wie etwa Zahavi und Gallagher, dieser Debatte werden im vorliegenden Band zwar erwähnt, aber ihre Beiträge nur tangiert. Gewissermaßen werden sie als „neuere Arbeiten“ (134) in Fußnoten anerkannt, aber nicht in die Auseinandersetzung integriert. Dieser Umstand ist dem fortgeschrittenen Stadium der Arbeit geschuldet, deren Wurzeln Jahrzehnte zurückreichen. Indes wirft dieses Verhältnis auch die Frage auf, ob Waldenfels den Kontakt zur kontemporären Szene halten kann – eine Gefahr, die in der Philosophie kein Verhängnis wäre.

Ein anderes Beispiel der Auseinandersetzung mit alternativen Positionen ist das Kapitel „Der zweifelhafte Status materialer Werte und sozialer Gefühle“ (85ff), das Schelers phänomenologisches Denken in die Kritik nimmt. Hier und in anderen Passagen des Werkes zeigt sich die konfliktbereite Einstellung des Verfassers, der akribisch Schwachpunkte in den phänomenologischen Vorläufern seines Denkens sucht, um die Vorteile der responsiven Phänomenologie hervorzuheben. Es gelinge Scheler beispielsweise nicht, die sog. Wertnehmung von der Wahrnehmung abzugrenzen. Der Zugang zu den Werten habe auch weiterhin den sensuellen Charakter einer „Paraoptik der Wertnehmung“ (89). Diese Invektive gegen Scheler deutet zwar auf ein auch in der Scheler-Forschung angesprochenes Thema hin, belässt es aber bei diesem Scharmützel, ohne sich auf Detailfragen der Exegese einzulassen. Auf diese Weise wird der Kommentar kursorisch, was nicht bedeutet, dass er nicht trifft, aber Waldenfels Beitrag bleibt großflächig und wendet sich eher stroboskophaft gegen zwei Dutzend klassische Denker als einem von ihnen mit Geduld zu begegnen.

Insgesamt bleibt der Kern der Arbeit die responsive Phänomenologie, die sich subkutan, langsam und assoziativ in allen zur Sozialität und Alterität gehörenden Kontexten entfaltet. Es bleiben einige Kerngedanken wie Pathos und Response, signifikative und appetitive Differenz, Diastase und Heterogenese, die fundamentale und beeindruckend weitreichende Phänomenbeschreibungen sind. Ihre Nützlichkeit ist groß, auch wenn der Zugang zu ihr die phänomenologische Einstellung in ihrer Eigenart tatsächlich voraussetzt.

Fazit

Die responsive Phänomenologie ist Waldenfels Ansatz, das Erlebnis des Fremden zu beschreiben. In der vorliegenden Arbeit zeigt er sie in der „Geburt des Sozialen aus dem Pathos“ auf. Dabei exploriert er einerseits fundamentale Kontexte des Mitseins wie die Endlichkeit, Emotionalität oder Krankheit, und begibt sich andererseits in den Dialog mit klassischen philosophischen Positionen. Auf diese Weise gelingt es ihm, anzuzeigen, wie sich soziale Erfahrung als Verhältnis von auffordernden Widerfahrnissen und der sog. Response verstehen lässt. Zugleich macht diese Perspektive einige Mängel in etablierten Denkströmungen sichtbar. Allerdings ist das Verständnis der kompendiarischen und metaphorischen Schreibweise voraussetzungsreich und die Bearbeitung universeller Themen geht zu Lasten der Tiefe in den einzelnen Analysen. Es handelt sich um eine anspruchsvolle Lektüre, die Kennern der phänomenologischen Bewegung empfohlen werden kann, auch wenn der Autor eher solitär argumentiert, als in den ausführlichen Austausch mit Zeitgenossen zu treten.

Summary

Responsive phenomenology is Waldenfels´ approach to describe the experience of the alien. In the present work, he traces it in the "birth of the social in pathos". In the process, he explores fundamental contexts of being-together, such as finitude, emotionality, or sickness, while inviting the dialogue with classical philosophical positions. Thereby, he elucidates social experience as a relation of affordances and so-called Response. Moreover, this perspective succeeds to reveal certain deficiencies within mainstream traditions of thought. However, compendious and metaphoric stylistics aggravate comprehension and the text trades-off attending universal topics for a loss of depth of the individual analyses. It is a fairly sophisticated reading matter which can be recommended for adepts of the Phenomenological Movement even though the author fancies solitary arguments over the extensive dialogue with contemporaries.


Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 26.10.2017 zu: Bernhard Waldenfels: Sozialität und Alterität. Modi sozialer Erfahrung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2015. ISBN 978-3-518-29737-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22756.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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