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Jan-Friedrich Bruckermann, Karsten Jung (Hrsg.): Islamismus in der Schule

Cover Jan-Friedrich Bruckermann, Karsten Jung (Hrsg.): Islamismus in der Schule. Handlungsoptionen für Pädagoginnen und Pädagogen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 176 Seiten. ISBN 978-3-525-70226-0. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Islamismus in der Schule wird in diesem Sammelband ausgehend vom aktuellen gesellschaftlichen und bildungspolitischen Diskurs beleuchtet mit einem speziellen Fokus bezüglich möglicher Zugänge aus religionspädagogischer Sicht. Die einzelnen Beiträge gliedern sich in die beiden Schwerpunkte Islamismus mit dessen politischen und religiösen Hintergründen sowie den Umgang mit Islamismus im Handlungsfeld Schule.

Die Publikation richtet sich an ein breites Publikum, welches sich für Hintergrundanalysen und Praxiswissen interessiert und die Facetten von Islamismus im schulischen Kontext besser verstehen und begegnen möchte. Sie eignet sich ebenso für ein akademisches Publikum wie für Fachleute aus der Praxis. Die Beiträge sind hochaktuell und anschaulich dargestellt. Es werden sowohl Lesende mit wenig Vorwissen als auch solche mit profunden Kenntnissen angesprochen und versorgt insbesondere diejenigen, welche im Bildungsbereich oder auch in der Jugendarbeit mit der Thematik konfrontiert sind, mit relevanten, weiterführenden und anregenden Inhalten.

Herausgeber

Die Herausgeber arbeiten beide an der CVJM Hochschule Kassel: Prof. Dr. jur. Jan-Friederich Bruckermann, Rechtsanwalt und Professor für soziale und diakonische Handlungsfelder sowie Dr. theol. Karsten Jung, Leiter der Forschungsstelle Religionspädagogik.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren der Beiträge stammen grösstenteils aus Deutschland und kommen aus dem sozial- und erziehungswissenschaftlichen sowie aus dem religionspädagogischen Feld.

Aufbau

Die Publikation gliedert sich in drei Teile:

  1. Im ersten Teil werden grundlegende, differenzierte Überlegungen zum Islamismus und seinen politischen und religiösen Hintergründen vermittelt, wobei auch interessante Facetten wie Antisemitismus und türkischer Nationalismus beleuchtet werden.
  2. Im zweiten Teil werden sowohl juristische als auch politische und sozialarbeiterische Handlungsoptionen vernetzter Vorgehensweisen gegen Radikalisierung unter Jugendlichen für den Schulkontext aufgezeigt.
  3. Im dritten Teil werden religionspädagogische Fragestellungen und Ansätze vermittelt.

Inhalt

Die Artikel behandeln unterschiedliche Themen und werfen Fragen auf, die für den Umgang mit Islamismus in der Schule von Relevanz sind. Sie decken so eine breite Palette aktueller und interessanter Bezüge und Hintergrundinformationen ab, welche für die pädagogische Praxis von Nutzen sein können. Insbesondere werden die Konfliktlinien aufgezeigt, welche sich im Schulunterricht durch Kontroversen zwischen westlichen Grundwerten und Positionen islamistischer Strömungen ergeben können, wie etwa bei den Themen Demokratie und Volkssouveränität versus die „Souveränität Gottes“.

Aber auch auf soziologischer Ebene werden wichtige Dimensionen angesprochen, etwa bezüglich der „Islamisierung der MigrantInnen“ sowie Islamismus als Teil einer neuen Jugend(-sub)kultur, wenn der Islam als Gruppenamalgam benutzt wird weg.

Damit zusammenhängend wird eine Bewegung weg von einer ethnisch-nationalen hin zu einer religionsspezifischen Identität festgestellt, welche auch mit Fremdzuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft rückgekoppelt ist. Die durch den Islamismus geprägte Lebensweise hat wiederum Folgen auf die Assimilationsbereitschaft bzw. Diskriminierung bei der Arbeitssuche, was wiederum einem Rückkoppelungseffekt unterliegt. Solche Ausgrenzungserfahrungen werden im Beitrag von Samet Er als Nährboden für die Rekrutierung zum Salafismus bezeichnet, als „eine Community, (…) die gemeinsam reaktionär entgegenwirkt und Aufmerksamkeit erregen will“ (2017, S. 37).

Zum islamistischen Antisemitismus führt Sabrina Worch aus, dass die einseitige Problematisierung muslimischer Jugendlicher eine verkürzte Sicht darstellen, denn es gelte die Befragungsergebnisse differenzierter zu betrachten und insbesondere antisemitische Vorurteile bei russischstämmiger SchülerInnen zu berücksichtigen oder auch diejenigen von Lehrkräften nicht zu vernachlässigen. In diesem Beitrag werden auch Wege aufgezeigt, wie ein Dialog unter Jugendlichen hergestellt werden kann und wie sich muslimische und jüdische SchülerInnen aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen bzgl. Islamfeindlichkeit und Antisemitismus annähern und eine gemeinsame Betroffenheit entdecken können.

Wie die Schule als Organisation auf Islamismus und Radikalisierung reagieren kann, ist Thema der nachfolgenden Beiträge. Hier geht es zuerst um das Erkennen von islamistischen Tendenzen und ab welchem Punkt Schulleitungen und Lehrpersonen Grenzen setzen sollten, insbesondere wenn der Schulfrieden auf dem Spiel steht. Weiter werden schul- und strafrechtliche Grundlagen der Gefahrenabwehr und Handlungsoptionen bei Radikalisierung vermittelt, indem Straftatbestände von Volksverhetzung, über üble Nachrede bis hin zu Verleumdung erläutert und von zulässiger Meinungsäusserung abgegrenzt werden. Auch werden Reaktions- und Interventionsmöglichkeiten bei Verstössen aufgezeigt.

Illustriert werden solche Handlungsansätze zum einen durch einen Beitrag zum Hessischen Präventionsnetzwerk gegen Salafismus, welches auf der Zusammenarbeit und Vernetzung der zivilgesellschaftlichen Akteure fußt, und zum anderen durch einen Artikel zum Erkennen, Verstehen und Handeln als pädagogische Antworten auf die Radikalisierung junger Menschen an. Diese Antworten fussen im Rahmen des Erziehungs- und Bildungsauftrags auf der Förderung einer politisch-demokratischen Grundhaltung, der Persönlichkeitsentwicklung der SchülerInnen einschliesslich der Werteerziehung sowie einer kompetenzorientierten Wissensvermittlung. Dabei spielt die Persönlichkeit und die pädagogische Grundhaltung der Lehrperson eine wichtige Rolle, da nur durch eine belastbare und vertrauensvolle Beziehung zu den betroffenen Jugendlichen Interventionen zu einer echten Auseinandersetzung führen – was reine Ordnungsmassnahmen meist verfehlen würden (vgl. Faix, 2017, S. 123).

Der Teil zu Islamismus als religionspädagogische Herausforderung beleuchtet die Merkmale des Neo-Salafismus aber auch den Nährboden, welcher aufgrund autoritärer islamischer Religionspädagogik entstehen kann, wenn Kinder mit einem veralteten Sündenverständnis eingeschüchtert werden. Hier plädiert Karsten Jung für eine pluralitätsfähige islamische Theologie, welche die Menschenrechte, die Trennung von Staat und Religion sowie die Einsicht der historischen Gewachsenheit von Religion und fordert das Durchbrechen der halal-haram-Logik (ebd., S. 135).

An dieses Statement schliesst sich der Artikel von Abdel-Hakim Ourghi an, der für eine islamische Reformpädagogik plädiert und aufzeigt, wie der oft monotone und unidirektionale Koranunterricht in den meisten muslimischen Organisationen Elemente politischer Indoktrination (meist für nationalistische und politisch-ideologische Zwecke) enthält und von einem strikten, autoritären Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden geprägt ist.

Weiter führt Karsten Jung aus, was in diesem Zusammenhang Toleranz bedeutet, wie ein professioneller Umgang mit religiösen Überzeugungen aussieht. Gleichzeitig zeigt er auch die Grenzen von Toleranz auf, wenn es um die Beeinträchtigung von Grundrechten geht, und fordert die Schule in diesem Fall zu unmissverständlichen Grenzsetzungen auf.

Abgerundet wird dieser Teil mit einem Beitrag von Götz Nordbruch zu religiösen Zugängen in der Prävention von salafistischen Orientierungen im Unterricht, indem er dessen Identitätsstiftung und Orientierungsangebot erörtert, um gleichzeitig Alternativen aufzuzeigen, wie das „Deutschsein“ und „Muslimsein“ hinterfragt und als miteinander vereinbar vermittelt werden können.

Diskussion

Diese Publikation leistet einen relevanten Beitrag zu einer aktuellen Herausforderung im pädagogischen Feld, wobei Islamismus auch ein heisses Eisen darstellt und die Gefahr des Alarmismus genauso wie das Risiko des Verkennens in sich trägt. Umso wichtiger es folglich, dass differenzierte Beiträge Facetten von Islamismus, wie er sich im Kontext Schule zeigen kann, beleuchten und erörtern. Gleichzeitig werden auch Handlungsansätze für Antworten der Schule aufgezeigt, welche sich nicht auf die pädagogisch-inhaltliche Auseinandersetzung beschränken, sondern auch behördliches und strafrechtliches Intervenieren erläutern. Über den schulischen Kontext hinaus geht es aber auch um eine Reformation des Islams von innen heraus, was einem Appell an fortschrittliche Kräfte innerhalb der Minderheit gleichkommt, offensiv auf die Herausforderungen des Islamismus zuzugehen.

Fazit

Eine informative und ausgewogene Publikation zu einem hochaktuellen Thema. Die gut aufeinander abgestimmten und differenzierten Beiträge vermitteln vielfältige Einblicke in die Facetten des Islamismus. Gleichzeitig vermitteln sie einen guten Überblick über die Herausforderung des Islamismus im Kontext Schule und zeigen praxisrelevante Handlungsansätze auf.


Rezensentin
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 12.10.2017 zu: Jan-Friedrich Bruckermann, Karsten Jung (Hrsg.): Islamismus in der Schule. Handlungsoptionen für Pädagoginnen und Pädagogen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-70226-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22761.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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