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Jan Weisser: Konfliktfelder schulischer Inklusion und Exklusion im 20. Jahrhundert

Cover Jan Weisser: Konfliktfelder schulischer Inklusion und Exklusion im 20. Jahrhundert. Eine Diskursgeschichte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-3604-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die Monografie stellt die Maßgabe von Inklusion und Menschenrechten in Bezug zu pädagogischen Diskursen von Teilhabe an und Ausschluss von Bildungsangeboten im 20. Jahrhundert. Dabei wird eine Perspektive diskursiver Herstellung und Verfestigung von Differenz verfolgt und es werden Verwobenheiten von gesellschaftlichen Leistungs- und Verhaltenserwartungen, kindbezogenen Entwicklungs- und Bildungsvorstellungen sowie professions- und bildungssystembezogenen Argumentationen und Entwicklungen rekonstruiert.

Autor

Jan Weisser ist Professor der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel und dort Leiter des Instituts Spezielle Pädagogik und Psychologie.

Aufbau

Das Buch erfährt durch Vorwort, Prolog und Epilog eine Rahmung und Einordnung in die zugrundeliegende diskursanalytische Perspektive.

Die weitere thematische Auseinandersetzung erfolgt in vier chronologisch aufeinander aufbauenden Hauptkapiteln, in denen die als wesentlich identifizierten Diskurse nachgezeichnet werden (s. Inhalt).

Innerhalb der Kapitel folgt die Struktur wiederkehrend folgenden fünf zentralen Themenfeldern von Erziehungs- und Bildungsdiskursen:

  1. theoretische Zugänge zu Schule
  2. dominierende Aspekte der Differenzziehung
  3. wesentliche politische bzw. öffentliche Dimensionen und Funktionen
  4. institutionelle und professionelle Entwicklungen
  5. zentrale moralische Vorstellungen

Glossar, Zeittafel sowie die Trennung von Quellen- und Literaturverzeichnis ermöglichen eine gute Orientierung.

Inhalt

Die Analyse beginnt mit dem gesellschaftlichen Programm der Hilfsschule im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Ausgehend von der für die Sonderpädagogik grundlegenden Verknüpfung von kindbezogenen Überlegungen und Schultheorie werden Aussagezusammenhänge und deren Widersprüche aufgezeigt, wie sie beispielsweise in der Gleichzeitigkeit von Individualisierung und Entwicklungsbegrenzung durch askriptive Differenzbehauptungen bestehen. Zudem wird deren überdauernde Rolle in der pädagogischen Stabilisierung von Ungleichheitsverhältnissen herausgearbeitet.

Das zweite Kapitel, überschrieben mit Weltwirtschaftskrise, Rassismus und Sonderpädagogik, fokussiert die Radikalisierung der kindbezogenen Differenzbehauptungen sowie der versprochenen Entlastungsfunktionen durch die Hilfsschule im Kontext sozialhygienischer Zielvorstellungen. Die Befunde werden in machttheoretischer Perspektive eingeordnet in Kontexte gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Entwicklungen sowie von Professionalisierungsdiskursen. Als zentraler Aspekt gilt die Herausbildung einer „an sich leeren Differenz von Allgemeinem und Besonderem“ (S. 54). Dies geschieht durch die Abstraktion unterschiedlicher Teilbereiche (Blinden-, Gehörlosen-, Körperbehindertenpädagogik usw.) in eine übergeordnete Sonderpädagogik, die sich im Wesentlichen entlang von Prinzipien gesellschaftsrelevanter Funktionsfähigkeit organisiert.

Das dritte Kapitel thematisiert die sonderpädagogischen Diskurse nach 1945 unter der Überschrift einer Sonderpädagogik der repressiven Toleranz. Die Analyse zeigt die Weiterführung der bekannten Argumentationslinien von Entlastung, Brauchbarmachung und gesundheits- und bevölkerungspolitischen Aufgaben, nun aber subsummiert unter den Topos des Dienstes am benachteiligten Kind. Es wird herausgearbeitet, wie Widersprüche in der Verbindung von Rechten, Menschenwürde und Bildung mit den bisherigen Vorzeichen der Begrenzung von Entwicklung, der Bevormundung und des Helfens bearbeitet werden, unter anderem indem sich die Disziplin selbst als Repräsentantin und Garantin von Humanität und Würde inszeniert.

Das vierte Kapitel, überschrieben mit Integration/ Inklusion oder die Flexibilisierung der Sonderpädagogik, analysiert ausgehend von der Bildungsreformdebatte der späten 1960er Jahre und ihrem Antagonismus von Bildung als Humankapital und Bildung als Bürgerrecht das nun offen zutage tretende Konfliktfeld von vermeintlicher Begabungsgerechtigkeit und der (Re)produktion sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem, dem durch die Leitsemantiken von Chancengleichheit und individueller Förderung begegnet wird. Die Analyse zeigt, wie mit den Implikationen gesellschaftstheoretischer und gesellschaftspolitischer Pluralität für die pädagogischen Diskurse ein nachhaltiger Transformationsdruck einhergeht. In dem Zuge, wie dem Subjekt Rechte und Verwirklichungschancen zugestanden werden, gerät das Fach mit seiner traditionell bestehenden Verfügungsgewalt über Orte, Arten und Ziele von Entwicklung und Bildung einzelner Subjekte zunehmend unter Legitimationszwang. Im menschenrechtliche Zugang wird die Bereitstellung der für pädagogische Diskurse nötigen Distanz und Abstraktion vom eigenen Fach gesehen. Diese benötigen die Disziplin, um Prozesse der subjektiv wie kollektiv bedeutsamen Differenzziehungen, Zuschreibungen und Machtverhältnisse reflexiv zu thematisieren.

Diskussion

Das Buch zeigt für die (sonder-)pädagogische Diskursgeschichte des 20. Jahrhunderts die Relevanz sozial- und gesellschaftspolitischer Disziplinierung und Instrumentalisierung von Kindern, Jugendlichen und deren Familien im Sinne der gesellschaftlichen Brauchbarkeit auf. Es wird deutlich, dass die Prozesse der Konstruktionen von Behinderung sich nicht alleine aus der Vorherrschaft eines biologistisch, medizinischen Modells ableiten lassen, sondern tiefer in gesellschaftlichen, politischen und moralischen Debatten verwoben sind. Dabei sind etliche Aspekte zwar bereits bekannt – die systematische Analyse, vor allem mit Blick auf die inhärenten Widersprüche der Diskurse im pädagogischen Feld, ist für die fachliche Debatte unbedingt weiterführend.

Gewinnbringend ist zudem die diskursgeschichtliche Einbettung der gesellschaftlichen Leitidee der Inklusion als Motor für fachliche Transformationsprozesse im Feld von Erziehung und Bildung. Dies führt über Debatten hinaus, die Inklusion als (unterschiedlich zu bewertendes) Anforderungsprofil fassen, das es durch die bestehenden pädagogischen Disziplinen einfach zu bewältigen gälte.

Fazit

Die diskursgeschichtliche Analyse von Jan Weisser identifiziert gelingende oder misslingende schulische Teilhabe (thematisiert als Inklusion und Exklusion) als voraussetzungsreiche Passung von kindbezogenen Leistungs- und Verhaltenserwartungen mit den entsprechenden gesellschaftstheoretischen und -politischen Erwartungen. Diese werden im Kontext des Bildungssystems im Wesentlichen als pädagogische Diskurse verhandelt. Dabei werden zentrale Thematiken herausgearbeitet, die zu einer Funktionsteilung von Sonder- und Regelpädagogik und damit zusammenhängend zu deren beider Legitimierung führ(t)en. Zudem wird entlang wachsender Konfliktfelder und Widersprüche der Transformationsdruck beschrieben, der zuletzt durch die menschenrechtliche Bezugnahme der Inklusionsdebatte verschärft wird. Es handelt sich um einen sehr lesenswerten Beitrag zum Verständnis gesellschaftsgeschichtlicher Einordnung bestehender Erziehungs- und Bildungspraktiken.


Rezensentin
Dr. Birgit Papke
Dipl. Päd./ Dipl. Sozpäd./ LfbA Universität Siegen
Fakultät II – Bildung · Architektur · Künste
Department Erziehungswissenschaft · Psychologie
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Zitiervorschlag
Birgit Papke. Rezension vom 07.11.2017 zu: Jan Weisser: Konfliktfelder schulischer Inklusion und Exklusion im 20. Jahrhundert. Eine Diskursgeschichte. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3604-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22763.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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