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Doris Dauer: Staunen, Zweifeln, Betroffensein

Cover Doris Dauer: Staunen, Zweifeln, Betroffensein. Mit Kindern philosophieren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 141 Seiten. ISBN 978-3-7799-3716-6. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Das Philosophieren hat seinen Ort nicht nur in wissenschaftlichen Diskursen, sondern ist verwurzelt in einer Nachdenklichkeit, in der uns zuvor Vertrautes fragwürdig erscheint. Insbesondere das kindliche Fragen, das verbunden ist mit einem den Erwachsenen oft nicht mehr so leicht zugänglichen Staunen über die Welt, hält dieses ursprüngliche Philosophieren lebendig. So rückt das Philosophieren mit Kindern seit einigen Jahrzehnten immer stärker ins Blickfeld der Pädagogen und Philosophen und ist in verschiedenen Formen praktisch erprobt worden.

Doris Dauer stellt in ihrem Buch den in Deutschland wenig rezipierten Ansatz des auf Hawai lehrenden Thomas E. Jackson vor, der durch eine besondere Förderung der Eigenständigkeit des kindlichen Fragens gekennzeichnet ist. Hierbei sollen möglichst wenig inhaltliche Impulse vorgegeben, sondern vor allem eine bestimmte Haltung des Fragens und miteinander Sprechens gefördert werden. Neben einer theoretischen Einführung in diese Art des Philosophierens mit Kindern stellt die Autorin auch exemplarische Gesprächssequenzen vor, die Jackson oder sie selbst geleitet haben. Das Buch bietet eine praktisch orientierte Einführung in die Methode, weniger deren akademische Diskussion. Somit ist es der Ratgeber-Literatur zuzuordenen. Der Schwerpunkt liegt auf pädagogisch-didaktischen Aspekten.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Erziehungswissenschaftlerlin Doris Dauer hat selbst auf Hawai bei Jackson dessen Methode kennengelernt und praktisch erprobt. Im deutschsprachigen Raum hat sie freiberuflich als Kinderphilosophin an verschiedenen Orten nach dieser Methode gearbeitet und läßt ihre praktische Erfahrung immer wieder in die Darstellung einfließen. Das Buch ist eine Neuausgabe eines erstmals 1999 erschienen Werkes, das für die neue Veröffentlichung vor allem um neuere Literaturhinweise und -zitate erweitert worden ist. Zudem wird es durch ein Vorwort von Thomas E. Jackson bereichert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist, nach einer knappen Einleitung, in drei Hauptteile gegliedert. Sie widmen sich

  1. dem „Begriff Kinderphilosophie“ (14-37),
  2. der „Methode der Kinderphilosophie nach Dr. Jackson“ (38-95) und
  3. der „Analyse kinderphilosophischer Gespräche“ (96-135) widmen.

Ein kurzer „Ausblick“ schließt das Buch ab.

Im ersten Teil versucht die Autorin ein Verständnis des Philosophierens zu vermitteln, das dem Kinderphilosophieren adäquat erscheint. Es gehe nicht um wissenschaftliche Philosophie, sondern um einen durch Staunen, Zweifeln und Betroffensein angeregten offenen Denkprozess. Wichtig erscheint der Autorin, dass philosophische Fragen nicht eindeutig zu beantworten und dadurch von einem empirischen Forschungsinteresse zu unterscheiden seien. Sie sieht das philosophische Fragen nicht nur als Beginn eines Forschens, sondern als Ausdruck einer skeptischen Haltung, mit der auch die Rationalität selbst überschritten und auf ein anthropologisch weiter gefasstes, sinnlich und emotional geprägtes Staunen bezogen werden könne. „Philosophieren meint, das intellektuell-rationale Denkvermögen in Gebrauch zu nehmen und darüber hinauszugehen – und auch Betroffenheit, Berührbarkeit, Gefühl und Intuition zu verwenden. [.] Dr. Jackson spricht davon, den ‚sense of wonder‘ beim Philosophieren lebendig zu halten.“ (19 f.)

Philosophiegeschichtliche Bezüge stellt Dauer hierbei in sehr knapper Form vor allem zu Sokrates, Descartes und Jaspers her. Für das Philosophieren mit Kindern sei besonders wichtig, die Bedeutung philosophischer Fragen von anderen Fragen abzugrenzen und die Kinder zu einer solchen Art des Fragens anzuregen, ohne dabei deren Eigeninitiative durch zu starke inhaltlich Impulse einzuschränken. Dies erläutert die Autorin durch einen Vergleich der Methode Jacksons mit dem „Pionier des modernen Kinderphilosophierens“ (25) Matthew Lipman, wobei sie den Unterschied überspitzt auf die Formel „Selbstdenken versus Hinterherdenken“ (30) bringt. Als Ziele der Methode Jacksons werden benannt: persönlichkeitsfördernde, soziale und logische Fähigkeiten sowie die Hinführung zu philosophischen Ideen (vgl. 36 f.).

Der weitaus umfangreichste Teil ist der Darstellung der Methode nach Jackson im zweiten Kapitel gewidmet, wobei sowohl das Grundanliegen, die didaktischen Elemente als auch das „Verhalten der Kinderphilosophin/des Kinderphilosophen“ thematisiert werden. Sehr charakteristisch für die Methode ist, dass die Kinder selbstständig ihre Fragen formulieren und sich über die Gesprächsthemen abstimmen können, wobei einige Grundregeln des gemeinsamen Diskutierens sehr ernst genommen werden (z.B. niemals über eine Äußerung zu lachen, jeden ausreden zu lassen).

Kernbestandteil ist die „Werkzeugkiste für schlaue Denker“, mit der die Wortmeldungen argumentativ strukturiert und so die Kinder zu einem geordneten Denkprozess angeregt werden. Auf vorbereiteten Zetteln stehen Anfangsbuchstaben für bestimmte Argumentations- oder Fragetypen, mit denen die Kinder ihre Wortmeldungen einführen:

  • „G“ für die Frage nach dem Grund,
  • „W“ für Bedeutungsfragen („Was meinst du mit … ?“),
  • „A“ für Annahmen (zur Unterscheidung von Tatsachenfeststellungen),
  • „F“ für Folgerungen,
  • „S“ für kritisches Infragestellen („Stimmt das?“),
  • „B“ für Beispiel und
  • „G“ für „Gegenbeispiel“.

So nehmen ihre Wortmeldungen geordnet aufeinander Bezug, ohne bloß Gegenmeinungen zu artikulieren. Diese Auflistung der Werkzeuge macht deutlich, daß die Strukturierung des Gesprächs ein Hauptanliegen ist, mit deren Hilfe die gemeinsame Vertiefung der Fragestellung (als Suche nach Gründen oder Folgerungen) möglich wird. Hieran wird deutlich, dass nicht ein bestimmtes thematisches Wissen, sondern eine Denk- und Gesprächshaltung Anliegen der Methode ist, die dadurch auch persönlichkeitsbildende und soziale Ziele im Blick hat. „Im Mittelpunkt stehen das selbstständige Finden von Antworten, das Begründen von Meinungen und die Förderung der Mobilität des Denkens. Geübt werden das Konstruieren von Hypothesen, die Entdeckung von Alternativen und Möglichkeiten, das Wahrnehmen verschiedener Perspektiven und die Anwendung der Logik auf alltägliche Lebenssituationen.“ (34)

Das Verhalten der das Gespräch leitenden Person beschränkt sich weitgehend auf korrigierende Maßnahmen, wenn Grundregeln nicht beachtet werden, oder auf Hilfestellungen, wenn einzelne Kinder durch den Fortgang des Gesprächs überfordert werden. Dabei setzt die Autorin mehr auf „Feingefühl und Einfühlungsvermögen“ (53) als auf klare didaktische Hinweise. Ihre Darstellung wird von zahlreichen Beispielen aus ihren eigenen Erfahrungen begleitet.

Der dritte Hauptteil bietet in sehr anschaulicher Weise einen Einblick in diese Art der Kinderphilosophie, indem Gesprächssequenzen vorgestellt und analysiert werden, die von Jackson in Hawai und von Dauer im deutschsprachigen Raum geleitet wurden. Die Analyse orientiert sich dabei an den oben genannten vier Zielen der Methode.

Diskussion

Die sehr lebendige Darstellung wird getragen von der Begeisterung der Autorin für die „fantastischen Möglichkeiten und den Reichtum dieser Methode“ (55). Sie bietet den praktisch Interessierten vielfältige Anregungen und methodische Grundlagen für das Philosophieren mit Kindern, wobei dies ganz auf die Methode nach Jackson beschränkt bleibt. Eine kritische Diskussion dieser Methode und der pädagogischen Möglichkeiten des Kinderphilosophierens findet dabei kaum statt. Manchmal bleibt die Darstellung zu sehr an Beispielen verhaftet und wenig systematisch. Besonders akademisch interessierte LeserInnen (die allerdings nicht die Zielgruppe des Buches sind) werden öfters genauere Differenzierungen vermissen.

Schon der im ersten Teil entfaltete Philosophiebegriff läßt vieles im Unklaren. Dies sei verdeutlicht am „Zweifeln“ als einem der drei thematischen Hauptbegriffe. Die Autorin läßt dessen Bedeutung schwingen zwischen den Polen Forschungsneugier und Skeptizimus, wobei sie in der skeptischen Haltung die eigentlich philosophische Haltung sieht. Descartes kann hierfür nur in sehr verzerrter Weise als Gewährsmann angeführt werden. Dass seit der Antike die methodische Begründung des Wissens ein Hauptanliegen der Philosophie ist (auch bei Descartes), tritt so in den Hintergrund. Wenn Dauer bei der Vorstellung der „Werkzeugkiste“ das Infragestellen besonders heraushebt („denn hinter der skeptischen Frage ‚stimmt das?‘ verbergen sich die drei Grundpfeiler des Philosophierens: das Staunen, das Zweifeln und die Betroffenheit.“ (71)), so läßt sie dahinter die große Bedeutung des sokratischen Fragens („was meinst du mit … ?“) zurücktreten, obwohl auch für die heutige Philosophie Bedeutungsfragen sehr kennzeichnend sind. Ebenso kann man auch die Frage nach Begründungen als eine philosophische Grundhaltung ansehen. Dennoch bieten die verschiedenen Werkzeuge den Kindern die Möglichkeit, all diese Argumentationen zu erproben.

Auch in pädagogischer Hinsicht läßt das Buch manche Fragen offen, auch für die praktisch interessierten Leser. An den Beispielen der Autorin wird deutlich, dass sie das Kinderphilosophieren sowohl mit Kindergartenkindern als auch mit Elfjährigen betreibt. Sie stellt aber nirgends systematisch und entwicklungspsychologisch fundiert die Bedeutung dieser Altersunterschiede für die Anwendung der Methode dar. Es bleibt bei der Besprechung von Schwierigkeiten (vgl. 88 ff.) und vereinzelten Beispielen einer altersgerechten Anpassung der Werkzeuge, und erst auf S. 124 findet sich ein knapper Hinweis auf Piaget. Durch das Vertrauen der Autorin in die Möglichkeiten der Methode kommt es auch zu widersprüchlichen Akzenten, wenn sie einerseits meint, die Methode bewirke, „dass die Kinder automatisch aufeinander eingehen [.], sodass sich zwangsläufig ein Gesprächsfaden ergibt, der sich vom bloßen Aneinanderreihen unterschiedlicher Gedanken [.] deutlich unterscheidet“, andererseits aber „logische Fallstricke aufgedeckt und analytische Fehler ausgesiebt“ werden müssten (55), wobei ein „Eingreifen der Kinderphilosophin“ nötig sei, um „Mißbrauch“ der Werkzeuge zu vermeiden (worunter sie notorisches Nörgeln und destruktives Kritisieren versteht).

Das Buch bietet weder eine entwicklungspsychologisch fundierte und differenzierte Darstellung der Kinderphilosophie, noch einen kritischen Blick auf die Methode Jackson. Der Einbezug neuerer Literatur für die Neuausgabe beschränkt sich weitgehend auf das Zitieren besonders prägnanter Formulierungen und dient nicht der Verortung des Ansatzes in neueren pädagogischen Diskursen. Als praktisch orientierte Einführung bietet das Buch jedoch vielfältige Anregungen und einen genaueren Einblick in eine bestimmte Methode als manch andere Sachbücher zur Kinderphilosophie, die einen Überblick über verschiedene Ansätze und Methoden geben wollen.

Fazit

Das Buch von Doris Dauer vermittelt einen lebendigen Eindruck der Kinderphilosophie nach Thomas E. Jackson. Es ist praxisorientiert und mit vielen Beispielen angefüllt, womit es zur Ratgeber-Literatur gehört. Die Konzentration auf eine Methode hat für die praktisch interessierten LeserInnen den Vorteil, gebündelte Anregungen zur Durchführung philosophischer Gespräche unter Kindern zu bieten und auf einige Schwierigkeiten der Umsetzung hinzuweisen. Die Autorin möchte weder einen Überblick über verschiedene Ansätze der Kinderphilosophie bieten, noch eine wissenschaftliche Fundierung und Diskussion des Ansatzes von Jackson. Unbefriedigend bleibt damit aber, auch für die Praxis, die unsystematische Berücksichtigung der altersspezifischen Besonderheiten.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Bösch
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Zitiervorschlag
Michael Bösch. Rezension vom 21.09.2017 zu: Doris Dauer: Staunen, Zweifeln, Betroffensein. Mit Kindern philosophieren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3716-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22764.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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