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Eva Maria Waibel: Erziehung zum Sinn - Sinn der Erziehung

Cover Eva Maria Waibel: Erziehung zum Sinn - Sinn der Erziehung. Grundlagen einer Existenziellen Pädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 431 Seiten. ISBN 978-3-7799-3606-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die inhaltliche Basis für das Buch bildet die Logotherapie von Viktor E. Frankl sowie die durch Alfried Längle vorgenommenen Weiterentwicklungen hin zur Existenzanalyse. Daraus werden Grundlagen einer Existentiellen Pädagogik entwickelt und beschrieben.

Autorin

Dr. phil. Eva Maria Waibel ist seit 2012 Professorin im Fachbereich Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Kärnten – Viktor Frankl Hochschule.

Entstehungshintergrund

Das Entstehen des Buches ist durch die Berufsbiographie der Autorin geprägt, die sich, nach eigener Angabe, von Kindheit an für Fragen der Erziehung interessierte. Diesen Fragen ist sie als Lehrerin an einer Grundschule und in der Sekundarstufe I ebenso wie als Dozentin in der Ausbildung von Lehrkräften an verschiedenen Hochschulen in Österreich und der Schweiz nachgegangen. Eine Psychotherapieausbildung in Existenzanalyse und Logotherapie beeinflussen wesentlich ihr Verständnis von Erziehung, worauf auch der Titel des Buches verweist: „Erziehung zum Sinn – Sinn der Erziehung. Grundlagen einer Existentiellen Pädagogik“.

Aufbau und Inhalt

Eva Maria Waibel teilt ihr Buch in zwei Hauptkapitel ein, die unterschiedlich gewichtet sind.

  1. Auf 114 Seiten werden zunächst „Grundlagen der Existentiellen Pädagogik“ entfaltet und
  2. auf 288 Seiten dann „Innenansichten von Erziehung“ beschrieben.

Im Kapitel „Grundlagen der Existentiellen Pädagogik“ finden sich 14 Unterkapitel: Die Kapitelfolge eröffnet mit einem thematischen Überblick, gefolgt von Überlegungen zur Existenzanalyse als Grundlage einer Existentiellen Erziehung. Daraufhin wird das Menschenbild der Existenzanalyse expliziert und im Anschluss vom „Personbild“ (S. 36 ff.) unterschieden bzw. um dieses ergänzt. Es schließen sich Kapitel zu existentiellen Grundmotivationen des Menschen an sowie Ausführungen zu Werten, Wille und Gewissen. In einem weiteren Kapitel werden Werte und Gewissen inhaltlich miteinander verbunden und münden im elften Kapitel in eine Auseinandersetzung mit dem existentiellen Sinn. Schließlich geht es um die Beziehung und Begegnung zwischen Mensch, Natur und Dingen sowie die Phänomenologie als wesentliche Methode der Existenzanalyse. Ein resümierendes Kapitel zu Existenz als zusammenfassendem Begriff schließt diesen Teil des Buches ab. Eva Maria Waibel versteht Existenz als die „personal zu gestaltende Herausforderung einer jeden (Lebens)Situation durch Wahl und Entscheidung“ (S. 131), das damit zu einem „essentiellen Leben“ werde und zu „eigener Lebendigkeit“ führe (ebd.).

Das zweite Hauptkapitel zu „Innenansichten von Erziehung“ beinhaltet 25 Unterkapitel und eröffnet ebenso wie das Grundlagenkapitel mit einem thematischen Überblick sowie einleitenden Überlegungen. Es folgen sechs im Hinblick auf ihren Umfang sehr unterschiedliche Kapitel, die sich allgemeinen Aspekten von Erziehung widmen:

  • Erziehung – Sozialisation – Bildung
  • Herausforderungen an Erziehung heute
  • Metaphern von Erziehung
  • Die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
  • Erziehungsziele
  • Aspekte von Erziehung

Weitere 14, abermals sehr unterschiedlich gewichtete, Kapitel verbinden Existenzanalyse und Erziehung miteinander und kombinieren verschiedene Inhaltsaspekte, die im ersten Hauptkapitel bereits grundgelegt wurden. Im Einzelnen geht es um:

  • Wichtige Grundlagen der Existenzanalyse für die Existenzielle Erziehung
  • Grundsätzliche Überlegungen zur Erziehung aus existentieller Sicht
  • Das personbezogene Vorgehen
  • Die Entwicklung der Potenzialität des Menschen
  • Das Sein des Erziehenden: Person als tragendes Erziehungsmittel
  • Die Beziehung und die Begegnung
  • Die Antworthaltung in der Erziehung
  • Das Aufgreifen existentieller Fragen
  • Erziehung zu Selbstkompetenz, Selbstwirksamkeit und Selbstwert
  • Die Werteerziehung aus existentieller Sicht
  • Verschiedene Themen aus Sicht Existentieller Erziehung
  • Die Erziehung zwischen Freiheit und Grenzen
  • Erziehungsmittel und Erziehungsmaßnahmen aus existentieller Sicht
  • Erziehungsstile aus existentieller Sicht

Die Explizierung eines Existentiellen Erziehungsstils, verstanden als ein „Eingehen auf die Person des Kindes, mit dem Anspruch, den ganzen Menschen zu sehen und diesen möglichst weitgehend zu verstehen“ (S. 368), rundet diese Kapitelfolge zusammenfassend ab.

Zwei weitere Kapitel befassen sich mit „Sandkörnern und Mühlsteinen“ (S. 371 ff.) in der Erziehung sowie „Ausweichendem Verhalten“ (S. 390 ff.). In diesen Kapiteln geht es um Störungen des Erziehungsprozesses aufgrund extremer Erziehungsstile (z.B. Anpassung, Verwöhnung, Vernachlässigung etc.) sowie verschiedener Verhaltensweisen und psychischer Störungen, wie beispielsweise Aggression und Gewalt, aber auch Sucht und Angst. Das letzte Kapitel stellt als Zusammenschau ein „Instrumentarium zur Qualitätskontrolle der Existentiellen Erziehung“ vor. Auf zweieinhalb Seiten werden in zwei Spalten zentrale Schlagwörter der Existentiellen Erziehung sowie mit ihnen verbundene Fragen gelistet, die der erziehenden Person als Reflexionsgrundlage dienen sollen.

66 Abbildungen und zwölf Tabellen veranschaulichen die Ausführungen des Buches.

Diskussion

Eva Maria Waibel legt ein umfassendes Buch zu Erziehung aus existenzanalytischer Sicht vor. Der Titel des Buches lässt sich in mindestens zwei Lesarten deuten: Einmal könnte er darauf abzielen, dass es der Sinn von Erziehung sei, zu Sinn zu erziehen, was der hier eingenommenen existenzanalytischen Perspektive entspräche. Zum anderen ließe sich der Titel aber auch so lesen, dass es grundsätzlich um den Sinn von Erziehung geht. Darauf verweisen etliche Kapitel, die sich Fragen aus der Theorie der Erziehung widmen, wie beispielsweise die begriffliche Einordnung (Kapitel 4.3), die Zielfrage (Kapitel 4.7) oder die Auseinandersetzung mit erzieherischen Metaphern (Kapitel 4.5). Es ist zumindest des Fragens würdig, ob diese Kapitel in ihrer Kürze den Problemstellungen gerecht werden können, die sich in ihnen inhaltlich stellen.

So sehr die Autorin differenzierte Aussagen und Beschreibungen zur Existenzanalyse vorzunehmen weiß, so sehr verbleibt das Buch an diesen Stellen an der Oberfläche. So trägt beispielsweise Kapitel 10.1 die Überschrift „Was ist Erziehung?“, um diese Frage auf knapp zwei Seiten zu beantworten. Dies wird dem bestehenden erziehungswissenschaftlichen Diskurs zur Theorie der Erziehung nicht gerecht. Oder: Kapitel 3.10.5 widmet sich der „Angst vor dem Scheitern“. Warum es in diesem Zusammenhang sinnvoller erscheint, aus „Harry Potter“ zu zitieren, als die gerade aus existenzanalytischer Sicht bedeutsamen Ausführungen Otto Friedrich Bollnows zum Scheitern in der Erziehung aufzugreifen, erschließt sich nicht.

Zu bedenken ist, ob die wichtigen existenzanalytischen Aussagen in Bezug zu Erziehung nicht auch ohne diese Kapitel zu verstehen wären. Dadurch hätte man die Struktur des Buches, das durch seine zwei Hauptkapitel mit sehr zahlreichen Unterkapiteln recht hermetisch daherkommt, durchaus verschlanken und dem eigentlichen Anliegen zu mehr Bedeutung verhelfen können. Zugleich wäre Raum entstanden, die eigene, eingenommene Perspektive stärker kritisch zu diskutieren. Dies würde zum einen den Strömungen und Entwicklungen in der Existenzanalyse gerecht, zum anderen dem Erziehungsgeschehen als solchem. Darin hätten dann auch Fragen Platz finden können, inwieweit es möglich und sinnvoll ist, einen therapeutischen Ansatz auf Erziehung zu übertragen und die durchaus existierenden Unterschiede von Therapie und Erziehung herauszustellen.

In diesem Sinne sind auch die das Buch abschließenden Kapitel zu „ausweichendem Verhalten“ einzuordnen. Der Versuch, eine Perspektive auf Verhaltensstörungen aus existenzanalytischer Sicht zu gewinnen, erscheint lohnenswert und könnte die bestehenden Erklärungsperspektiven und Klassifikationsversuche aus pädagogischer Sicht wohltuend erweitern. Allerdings benötigte es dafür eine intensivere Wahrnehmung des bereits existierenden Diskurses in der Pädagogik bei Verhaltensstörungen, die in diesem Buch aber kaum zu leisten ist.

Dass sich am Ende des Buches ein so genanntes „Instrumentarium zur Qualitätskontrolle der Existenziellen Erziehung“ findet, erstaunt; wurde doch in Kapitel 3.13 die „Phänomenologie als wesentliche Methode der Existenzanalyse“ erläutert. Auch wenn es sich eher um eine strukturierte Sammlung von Fragen zur Reflexion des Erziehungsgeschehens handelt, als um ein klassisches Instrumentarium, so verwundert dennoch der sprachliche Ausflug in Richtung evidenzbasierte Empirie. Die Verfasserin macht gerade mithilfe der existenzanalytischen Sicht sehr gut deutlich, dass es im Erziehungsprozess Aspekte gibt, im Besonderen in der Begegnung mit dem jeweils anderen, die sich nur schwer oder gar nicht empirisch fassen oder messen lassen. Sie hätte den Mut haben dürfen, dabei zu bleiben oder zumindest nicht von einem „Instrumentarium“ zu sprechen.

Fazit

Eva Maria Waibel hat ein lohnenswertes Buch zu Erziehung aus existenzanalytischer Perspektive geschrieben, in dem sich eine gelungene Auseinandersetzung mit einer Erziehung zum Sinn findet, Fragen nach dem Sinn der Erziehung jedoch weiterer Ausführungen bedurft hätten oder alternativ auf diese verzichtet worden wäre.


Rezensent
Priv.-Doz. PD Dr. phil. habil. Thomas Müller
Pädagogik bei Verhaltensstörungen, Universität Würzburg
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Zitiervorschlag
Thomas Müller. Rezension vom 18.12.2017 zu: Eva Maria Waibel: Erziehung zum Sinn - Sinn der Erziehung. Grundlagen einer Existenziellen Pädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3606-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22765.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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