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Anke Wischmann: Dimensionen des Lernens und der Bildung

Cover Anke Wischmann: Dimensionen des Lernens und der Bildung. Konturen einer kritischen Lern- und Bildungsforschung entlang einer Reflexion des Informellen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 236 Seiten. ISBN 978-3-7799-3481-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung, Band 51.
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Thema

„Kann die Anerkennung des Informellen tatsächlich einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten?“ – so provokant formuliert die Autorin das Anliegen ihres Buches. Sie nimmt den Leser auf eine interessante Forschungsreise durch die Analysen der Begriffe Bildung und Lernen, sie stellt formelle und informelle Lern- und Bildungsprozesse gegenüber, leitet und regt den Leser an, in diesen Diskurs einzutreten und unvoreingenommen verschiedene Perspektiven nachzuverfolgen und kritisch auf vertraute Perspektiven zu blicken. Ob diese Überlegungen und Erkenntnisse tatsächlich zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen, bleibt trotz der vorliegenden wissenschaftlichen Analyse sicherlich an weitere Bedingungen und einem grundsätzlich offenen kritischen Diskurs gebunden.

Autorin

Anke Wischmann (Jg. 1980) veröffentlicht im vorliegenden Buch ihre Habilitationsschrift, für die sie von 2011 bis 2016 an der Leuphana Universität Lüneburg am Institut für Bildungswissenschaft geforscht und gelehrt hat. Seit 2016 hat sie vertretungsweise die Professur für Sozialisations- und Bildungsforschung an der Universität Hamburg inne. Dort hatte sie bereits zum Thema Bildungsprozesse benachteiligter Jugendlicher promoviert.

Deutlich wird in ihrer bisherigen wissenschaftlichen Karriere die intensive Auseinandersetzung mit Themen der Bildung und des Lernens, die v.a. den Diskurs um Bildungsgerechtigkeit bereichert haben. Dazu hat die Wissenschaftlerin eine Vielzahl von Fachartikeln publiziert, v.a. zur rekonstruktiven Erforschung von Lern-, Bildungs- und Sozialisationsprozessen von Kindern und Jugendlichen, die unter sozial ungleichen Bedingungen aufwachsen.

Das Buch wird in der Reihe der Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung (Bd. 51) von Marlis Tepe herausgegeben.

Entstehungshintergrund

Die Diskussion um Bildungs- und Lernprozesse wird in der Erziehungswissenschaft, Sozial- und Kindheitspädagogik (und vielen anderen Disziplinen) engagiert geführt. Der Humboldtsche Bildungsbegriff fehlt in keiner Einführungsvorlesung der Erstsemester. V.a. in der frühen Kindheitspädagogik wird die Bedeutung informeller Lern- und Bildungsprozesse beschworen. Seit Beginn des neuen Jahrtausends, so konstatiert die Autorin, gäbe es offensichtlich eine große Mehrheit von Wissenschaftlern und Pädagogen, die das informelle Lernen in allen Lern- und Bildungsprozessen annehmen und dies als einen besonderen Vorteil interpretieren. Ein Mensch würde nur dann nachhaltig lernen, wenn es informell stattfindet. Sollte es wirklich so einfach sein, hinterfragt Anke Wischmann. Dann könnten informelle Lern- und Bildungsprozesse gestärkt und somit eine höhere Anerkennung erfahren. Wäre das nicht ein Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit?

Anke Wischmann stolpert über diese scheinbar allgemein anerkannten Statements – es sind Irritationen, die sie zur intensiven Auseinandersetzung mit den zentralen Themen des vorliegenden Buches motivieren. Ein weiterer Stolperstein ist für sie der fast synonyme Gebrauch der Begriffe Lernen und Bildung. Tatsächlich wird gerade in der (frühen) Kindheitspädagogik eher auf Gemeinsamkeiten der Begriffe verwiesen – vielleicht auch deshalb, weil sich die Prozesse in diesem Alter v.a. informell vollziehen. Unklar scheint zudem zu sein, was „informelle Bildung“ im eigentlichen Sinne ist. Es geht Anke Wischmann im vorliegenden Buch nicht in erster Linie um „neue“ Definitionen, „sondern vielmehr um eine Reflexion gängiger Definitionen und Relationierungen in ihren jeweiligen Kontexten.“ (S. 11). Dieser Anspruch ist es vermutlich auch, der das Lesen „entschleunigt“ – der Rezipient wird immer zum Nachdenken aufgefordert – das ist anstrengend, aber auch gewinnbringend, selbst wenn der Leser den Gedankengängen der Autorin nicht immer zustimmt und vielleicht manchmal Schwierigkeiten hat, ihnen zu folgen.

Diesen beiden Irritationen möchte die Autorin auf den Grund gehen und eine für sie nachvollziehbare und wissenschaftlich begründete Antwort finden. Allerdings verweist sie gleich zu Beginn darauf, dass die Irritationen im Laufe der Auseinandersetzung eher größer geworden sind. Und sie ist sich offensichtlich nicht ganz sicher, ob die Leser ihrer Argumentation tatsächlich folgen werden – sie weiß um die Herausforderungen der Thematik (S. 12 „… ohne dass versprochen werden kann, dass der Versuch ‚gelingt‘, also den Leser oder die Leserin überzeugt.“)

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, wobei das erste Kapitel eine allgemeine Einführung in die Thematik darstellt. Die dort aufgeführte Gliederung ist nicht ganz konsistent mit den tatsächlichen Kapiteln (ab Kapitel 4).

1 Einleitung: Eine Matrix des Lernens und der Bildung. (s. Entstehungshintergrund)

2 Methodologie und Selbstverortung. Eine kritische erziehungswissenschaftliche Perspektive. Die Autorin betont, dass sie sich und damit auch die vorliegende Veröffentlichung in die Tradition einer Kritischen Erziehungswissenschaft verortet. Sie sieht die Notwendigkeit zunächst einmal zu klären, was Kritik eigentlich ist. Dabei greift sie v.a. auf Foucault, Adorno und Butler zurück und gibt eine detaillierte Übersicht über die Kritische Erziehungswissenschaft und ihre Entwicklungsstränge innerhalb und außerhalb von Deutschland. Dies ist quasi der Ausgangspunkt, um in den folgenden Kapiteln die kritische Perspektive auf den Diskurs des informellen Lernens und der informellen Bildung zu richten.

3 Überlegungen zu einer Diskurskritik des informellen Lernens und der informellen Bildung. Dieses Kapitel hat eher den Charakter eines Zwischenabschnittes, indem nochmals die kritische Diskursanalyse und verschiedene Analyserichtungen zusammengefasst werden.

4 Zur Konjunktur des Informellen. Anke Wischmann konstatiert, dass es zwar in unserer Zeit typisch ist, sich über informelle Lern- und Bildungsprozesse auszutauschen, dass häufig aber nicht eindeutig geklärt ist, was darunter verstanden wird. Sie verdeutlicht dies an verschiedenen Handlungsfeldern bzw. Themen der Erziehungswissenschaft: Erwachsenenbildung, Medienpädagogik, Kinder- und Jugendforschung, Soziale Arbeit, Kommunale Bildungslandschaften, (Fach)Didaktik, Allgemeine Pädagogik, Bildung für nachhaltige Entwicklung. Obwohl die Auswahl zunächst etwas willkürlich erscheint, sind es aktuelle Themen, die sich v.a. in ihrem Verständnis des Informellen unterscheiden. Die Autorin führt zu jedem der Themen ausführlich eine Analyse anhand eines 4-Felder-Schemas durch.

5 Zur Differenzierung zwischen Lernen und Bildung. Anke Wischmann sieht die unbedingte Notwendigkeit, herauszuarbeiten, welches Verständnis den beiden Begriffen Lernen und Bildung zugrunde liegt. Diese Standortbestimmung ist ausschlaggebend für den kritischen Diskurs, für Forschungen, für Verstehens- und Verständigungsprozesse und schließlich auch für gesellschaftliche, politische und finanzielle Entscheidungsprozesse. Lern- und Bildungsprozesse sind daher immer in ihrer „Relationalität und Kontextualität“ zu erforschen und zu verstehen, so konstatiert die Autorin. Auch in diesem Kapitel verweist sie auf die Unterschiede in der Rezeption deutschsprachiger und englischsprachiger Autoren bzw. Veröffentlichungen.

6 Eine Ausdifferenzierung der Matrix des Lernens und der Bildung. Welche Schlussfolgerungen können aus dem Vorangegangenen abgeleitet werden? Sehr ausführlich entwickelt die Autorin eine „Matrix des Lernens“ und eine „Matrix der Bildung“ und vergleicht diese anschließend. Die integrierten Abbildungen sind für das Verständnis hilfreich. Welche Konsequenzen sich aus der kritischen Diskursanalysen für die empirische Forschung ergeben und welche Limitationen damit verbunden sind, analysiert die Autorin in

7 Empirische Perspektiven der Erforschung von Lern- und Bildungsprozessen unter Berücksichtigung von Komplexität, Relationalität und Kontextualität. Dabei wird nicht nur die Herausforderung bei „der Verknüpfung von Theorie und Empirie“ thematisiert, und Fragen zur „Repräsentation und der Positionalität“ erläutert. Anke Wischmann stellt auch eigene Forschungsergebnisse vor, die die vorangegangenen Überlegungen beispielhaft und praxisnah wiederholen (Projekt Lernen in der Adoleszenz/ LidA).

8 Was kann eine kritische Lern- und Bildungsforschung leisten? In diesem Kapitel werden die umfangreichen Ergebnisse und Erkenntnisse der kritischen Diskursanalyse zusammengefasst – sehr hilfreich, um die vielfältigen Aspekte zu einem möglichen „Gesamtkunstwerk“ zusammenzusetzen. Vielleicht gestaltet der Leser auch ein anderes, für ihn verständliches Kunstwerk. Das ist nicht das wichtigste Anliegen der Autorin, sondern die kritische Auseinandersetzung, die Reflexion sind ausschlaggebend, damit der Leser auf eine andere Art und Weise „erkennt und versteht“.

9 Schluss. Schließlich lässt Anke Wischmann die Jugendlichen aus ihrer Studie selbst zu Wort kommen – eine tolle Idee und ein gelungener Abschluss.

Fazit

Die Veröffentlichung von Frau Anke Wischmann ist kein Buch „zum schnellen Lesen zwischendurch“ – dazu ist zum einen das Thema sehr anspruchsvoll, manchmal sind es aber auch die stilistischen Besonderheiten der Autorin. (Einige Abschnitte musste ich tatsächlich mehrfach lesen.) Doppelte Verneinungen, viele Nebensätze und gedankliche Einschübe wirken zwar einerseits authentisch, verlangsamen aber andererseits das Tempo beim Lesen. Vielleicht hat das die Autorin ja beabsichtigt, damit der Leser nicht nur konsumiert, sondern im Nachvollzug der Überlegungen der Autorin eigene Gedanken generiert und kritisch überprüft.

Meine Empfehlung: Absolut lesenswert v.a. für Studierende der einschlägigen Studiengänge und für interessierte Laien.


Rezensentin
Prof. Dr. Charis Förster
Studiengangsleiterin Pädagogik der Kindheit (BA), Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes
Homepage www.htwsaar.de/sowi
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Zitiervorschlag
Charis Förster. Rezension vom 29.09.2017 zu: Anke Wischmann: Dimensionen des Lernens und der Bildung. Konturen einer kritischen Lern- und Bildungsforschung entlang einer Reflexion des Informellen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3481-3. Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung, Band 51. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22766.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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