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Mirko Eikötter: Inklusion und Arbeit

Cover Mirko Eikötter: Inklusion und Arbeit. Zwischen Rechts- und Ermessensanspruch: Rechte und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 330 Seiten. ISBN 978-3-7799-3702-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation widmet sich dem Thema der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsleben. Hierzu unterzieht Mirko Eikötter die bundesdeutsche Gesetzgebung einer kritischen Revision, in dem er die in Deutschland am 26. März 2009 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), im Hinblick auf ihren Einfluss und ihre Kompatibilität auf die deutsche Sozialgesetzgebung überprüft. Hierbei wird insbesondere der Artikel 27 UN-BRK zum zentralen Ausgangspunkt weiterer Analysen herangezogen und die sich hieraus abzuleitenden Verpflichtungen eines inklusiven, an Teilhabe von Menschen mit Behinderungen orientierten Arbeitsmarktes, einer detaillierten Reflexion unterzogen.

Autor

Dr. Mirko Eikötter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die (Sozial-)Rechtlichen Grundlagen und Gestaltungsspielräume Inklusiver Bildung.

Entstehungshintergrund

Im Kontext der Umsetzungsbemühungen der UN-Behindertenrechtskonvention sowie der Reformierung des neunten Sozialgesetzbuchs (SGB IX) gewinnen Fragen der Rechte und Leistungen zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, eine zunehmende gesellschaftspolitische Bedeutung. An diesem Diskurs setzt die vorliegende Publikation „Inklusion und Arbeit“ an, bei der es sich um eine im Sommersemester 2016 von der Universität Vechta angenommene Dissertation handelt.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch „Inklusion und Arbeit“ ist in sieben Kapitel (A-G) unterteilt. Es beginnt mit einer Einleitung (A) und schließt mit einem Ausblick (G) auf notwendige rechtliche Veränderungen im bundesdeutschen Recht ab. Der Einleitung vorgestellt ist ein Abkürzungsverzeichnis. Hervorzuheben ist das sehr gut strukturierte und detaillierte Inhaltsverzeichnis, das dem Leser erlaubt, wesentliche Rechtsbegriffe und sozialgesetzliche Bestimmungen nachzuschlagen.

In der gut strukturierten Einleitung (A) versteht es der Autor gut, in die komplexe Diskussion und die Hintergründe der Debatte einzuführen. Es folgen Erklärungen zum inhaltlichen Aufbau der Publikation.

In Kapitel Zwei (B) erfolgt die rechtliche Einordnung der UN-BRK in den deutschen Rechtskontext und die sich hieraus abzuleitenden Rechte und Pflichten für die nationale Rechtsauslegung. Darüberhinaus werden Inhalt, Zweck und Systematik der UN-BRK erörtert und einige wichtige Begriffsdefinitionen, wie zum Beispiel der Behinderungsbegriff der UN-BRK und der des SGB IX erläutert und auf inhaltliche Differenzen hingewiesen.

Kapitel Drei (C) diskutiert in der Folge die Rechtsbindung staatlicher Rechtsanwendungsorgane und nimmt eine rechtliche Verortung der subjektiven Rechte vor. Ebenso werden die Bedeutung unbestimmter Rechtsbegriffe sowie die Ausübung von Ermessen im Sozial- und Teilhaberecht erläutert.

Im vierten Kapitel (D) erfolgt die Einordnung der Teilhabeleistungen in das bundesdeutsche Sozialleistungssystem. Neben der begrifflichen Bestimmung von Rehabilitation und Teilhabe werden insbesondere das komplexe Leistungsgefüge und die Akteurlandschaft innerhalb des sozialrechtlichen Dreiecks bestimmt.

Kapitel Fünf (E) analysiert systematisch alle einschlägigen nationalen Rechtsbestimmungen der Rechte und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben im Hinblick auf ihre Kompatibilität und Konformität zu Artikel 27 UN-BRK. Hierbei werden insbesondere die nachstehenden Bestimmungen des Artikels 27 UN-BRK einer kritischen Analyse unterzogen:

  • Das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit
  • Das Diskriminierungsverbot in Zusammenhang mit einer Beschäftigung
  • Die Arbeitsbedingungen von Menschen mit Behinderungen
  • Arbeits- und Gewerkschaftsrechte
  • Das Recht auf Berufsberatung, Stellenvermittlung und Berufsbildung
  • Unterstützung bei Arbeitssuche und Beschäftigung
  • Die Förderung von Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderungen
  • Beschäftigung im öffentlichen Sektor
  • Beschäftigung im privaten Sektor
  • Vorkehrungen am Arbeitsplatz
  • Arbeitserfahrung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt
  • Berufliche Rehabilitation
  • Schutz vor Zwangsarbeit und Sklaverei

Kapitel Sechs (F) greift wesentliche Ergebnisse der voranstehenden Kapitel erneut auf und reflektiert diese im Hinblick auf Barrieren der Inklusion in Arbeit. Darüber hinaus werden konkrete Reformvorschläge entwickelt.

Das Kapitel Sieben (G) liefert eine kurze Zusammenfassung und einen Ausblick auf die Reformierung des SGB IX und das Bundesteilhabegesetz.

Diskussion

Das Buch bietet einen exzellenten Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen der Rechte und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechts-konvention in Deutschland. Die konsequente Analyse der sich aus Artikel 27 UN-BRK abzuleitenden Rechte und Pflichten für die nationale Gesetzgebung ist hervorragend gelungen. Darüber hinaus hilft die detaillierte und strukturierte Vorgehensweise sozialgesetzlicher Bestimmungen und Normierungen des internationalen und nationalen Teilhaberechts, die Komplexität des gegliederten Sozialleistungssystems zu durchdringen und lehrbuchhaft zu veranschaulichen. Damit eignet es sich ebenso gut als Nachschlagewerk für gezielte rechtliche Fragestellungen zur Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen.

Auch sehr gut gelungen ist die kritische Reflexion aktueller sozialrechtlicher Diskurse, wie zum Beispiel der Behinderungsbegriff, das Budget für Arbeit und die Zukunft der Werkstätten. Die kritische Analyse verbleibt allerdings sehr nah an der rechtlichen Auslegung sozialgesetzlicher Rahmenbedingungen und spart aktuelle gesellschaftspolitische und sozialwissenschaftliche Diskurse weitgehend aus; auch wenn in Kapitel Zwei darauf hingewiesen wird, dass nach der sozialwissenschaftlichen Theorie der funktionalen Differenzierung eine Inklusion in die (Gesamt-) Gesellschaft nicht denkbar ist und sich Gesellschaft als ein sich aus komplexen Teilsystemen ausdifferenziertes Konstrukt begreifen lässt.

Durchaus nachvollziehbar, allerdings nicht ohne leichte Einbußen im Hinblick auf die Aktualität der Analyse, bleibt die nur im letzten Kapitel angerissene Reformierung des SGB IX durch das Bundesteilhabegesetz. Einige der im Kontext dieser Entwicklung zum Teil sehr kontrovers geführten Diskurse rund um Behinderungsbegriff, Zukunft der Werkstätten und Vereinfachung des Leistungszugangs hätten sich auch gut für eine in den einzelnen Kapiteln anschließende Diskussion angeboten.

Nichtsdestotrotz werden die einschlägigen „Baustellen“ und Potenziale der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Arbeit deutlich herausgearbeitet und verständlich dargestellt.

Fazit

Das Buch ist ein „Muss“ für alle Lehrenden, Studierenden und Fachkräfte der sozialrehabilitativen Berufe, die sich mit Fragen der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in Arbeit beschäftigen. Es bietet einen exzellenten und aktuellen Überblick über das komplexe und heterogen gegliederte Sozialleistungssystem der Bundesrepublik Deutschland im Lichte des Artikels 27 der UN-BRK. Insbesondere die Kapitel D und E erlauben es, gezielte rechtliche Fragestellungen zu recherchieren und zu analysieren.

Damit eignet sich das Buch in besonderer Weise dafür, Fachkräfte zu befähigen, das Recht auf Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in Arbeit zu verwirklichen, indem sie die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie Rechte und Leistungen anwenden können. Noch bedeutender erscheint es allerdings, dass Menschen mit Behinderungen durch die Lektüre dieses Buches angeregt werden, ihr Recht auf Inklusion und Arbeit selbstständig einzufordern.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Boecker
Lehrgebiete: Sozialmanagement und Wirkungsorientierung der Sozialen Arbeit, Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an der Fachhochschule Dortmund am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Michael Boecker. Rezension vom 20.12.2017 zu: Mirko Eikötter: Inklusion und Arbeit. Zwischen Rechts- und Ermessensanspruch: Rechte und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3702-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22767.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


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