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Sonja Fehr: Familien in der Falle?

Cover Sonja Fehr: Familien in der Falle? Dynamik familialer Armut in der individualisierten Erwerbsgesellschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 400 Seiten. ISBN 978-3-7799-3646-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Erklärtes Ziel der vorliegenden Monographie ist, eine umfängliche, differenzierte und tiefgründige Beschreibung von Dynamiken familialer Armut vorzunehmen. Dazu wurde auf der Mikroebene einerseits danach gefragt, ob Lebenschancen durch familiale Armut beschränkt werden, andererseits wurde auf der Makroebene herausgearbeitet, ob das soziale Phänomen hoher familialer Armut ein soziales Problem darstellt. Die Klärung der Forschungsfrage erfolgt multiperspektivisch und durch die Verknüpfung qualitativer und quantitativer Methoden der empirischen Sozialforschung.

Autorin

Dr. Sonja Fehr ist seit 2011 Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Mikrosoziologie an der Universität Kassel. Sie bearbeitet Projekte aus den Bereichen Soziologie sozialer Ungleichheit (Armutsforschung), Familiensoziologie und Arbeitssoziologie. Von besonderem Interesse ist die Anwendung von Mixed Methods in der empirischen Sozialforschung. Bei der vorliegenden Monographie handelt es sich um die Dissertation der Autorin.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel untergliedert: Einleitung, Forschungsstand, Theorie, Forschungsdesign, Empirie und Fazit.

  1. In der Einleitung (Kapitel I) thematisiert die Autorin ihre Motivation zur Auseinandersetzung mit der Fragestellung, stellt das Forschungsdesiderat dar und erläutert den Aufbau des Buches.
  2. Im II. Kapitel erfolgt die Darstellung des Forschungsstandes, indem bisherige Erkenntnisse aus der Perspektive der Armutsforschung auf die Familie sowie aus der Perspektive der Familienforschung auf die Armut diskutiert werden.
  3. Der Theorieteil (Kapitel III) setzt sich aus 4 Unterkapiteln zusammen, der ökonomische Beitrag der Familie, die ökonomische Krise der Familie, Dynamik von Armut in Gesellschaft und theoretisches Fazit und Ausblick auf die Empirie.
  4. Im IV. Kapitel beschreibt die Autorin ihr multiperspektivisches Forschungsdesign, in dem qualitative und quantitative Methoden miteinander verschränkt werden.
  5. Das V. Kapitel setzt sich in 3 Unterkapiteln mit den empirischen Befunden der einzelnen Untersuchungen auseinander: Dimensionen familialer Armut, Determinanten familialer Lebenschancen, empirisches Fazit und Rückbindung an die Theorie.
  6. Das letzte Kapitel (VI) widmet sich einem inhaltlichen und methodologischen Fazit der Arbeit.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalte

Das II. Kapitel beinhaltet die Problematisierung des Forschungsstandes aus zwei Blickwinkeln, die laut Autorin bisher eher kursorisch aufeinander bezogen sind. Sie referiert einerseits Forschungsergebnisse mit Blick der Armutsforschung auf die Familie und andererseits Forschungserkenntnisse mit Blick der Familienforschung auf die Armut. Das Kapitel schließt mit der Identifizierung des Forschungsdesiderates, an dessen Ende ein Beitrag zur Familiensoziologie der Armut stehen soll.

Das Kapitel III befasst sich theoretisch mit den gesellschaftlichen Funktionen der Familie, mit dem sozialen Wandel familiärer Lebensformen, der Veränderungen der Erwerbsarbeit sowie mit sozialpolitischen Neuerungen. Diese einzelnen Diskussionsstränge werden im Sinne einer umfangreichen Darstellung von Manifestationsformen familialer Armut zusammengeführt.

Das Kapitel IV dient der ausgedehnten Beschreibung des multiperspektivischen Forschungsdesigns. Hier macht die Autorin deutlich, dass aus der theoretischen Multiperspektivität auch eine multiperspektivische Empirie folgen muss. So wird die Analyse quantitativer Befragungsdaten mit der Auswertung narrativer Interviews verknüpft. So können auf der einen Seite Aussagen zu quantifizierbaren Armutsrisiken und Armutsverläufen und deren Ursachen aufgedeckt werden, andererseits ist es möglich subjektive Deutungsweisen und Bewältigungsstrategien von in Armut lebenden Familien darzulegen.

Der empirische Teil (Kapitel V) umfasst die Diskussion der empirischen Befunde zunächst auf der Ebene der Dimensionen familialer Armut, später dann werden die Determinanten familialer Lebenschancen aus den empirischen Analysen herausgearbeitet. Für den Punkt „Dimensionen familialer Armut“ werden die Fragen beantwortet, wie stark Familien von Bedürftigkeit und Geldarmut betroffen sind, welche Konsequenzen daraus für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erwachsen und welche Handlungsspielräume trotz Bedürftigkeit und Einkommensarmut zur Lebensgestaltung zur Verfügung stehen. Außerdem wird der Frage nachgegangen, welche Verhaltensweisen aus den subjektiven Erfahrungen familialer Armut erwachsen können. Der Punkt „Determinanten familialer Lebenschancen“ folgt der Problematisierung, welche Familien arm werden, welche Familien arm sind und welche Familien arm bleiben. Hierbei werden Einflussfaktoren auf familiale Armutsrisiken und Armutsverläufe quantitativ betrachtet und soziale Ressourcen zur Bewältigung familialer Armut qualitativ rekonstruiert.

Diskussion

Hervorzuheben ist, dass die vorliegende Monographie die sehr hohe Komplexität der Dynamik familialer Armut äußerst differenziert und tiefgründig verdeutlicht. Dies gelingt durch die ganzheitliche Betrachtung der Problemstellung auf allen möglichen Ebenen, auf der Ebene der Gesellschaft, auf der Ebene der Sozialpolitik, auf der Ebene der Familie selbst sowie auf der

individuellen Ebene der Familienmitglieder, um nur einige Ebenen aufzuzählen. In diesem Kontext ist anzumerken, dass das Zusammenspiel der Einflussfaktoren auf den einzelnen Ebenen für die Beschreibung und Erklärung der Dynamik familialer Armut in jeder einzelnen Verästelung vorgenommen wird. Dies spricht für eine außerordentlich intensive Auseinandersetzung mit dem Forschungsdesiderat. Gleichwohl geht der „rote Faden“ dadurch zuweilen verloren und der/die Leser(in) muss immer wieder eine Rückbindung an das Gesamtziel der Untersuchung und an die forschungsleitenden Fragen vornehmen, will er/sie nachvollziehen können, weshalb wie an welcher Stelle argumentiert wird. Dies dürfte z.B. für Studierende und/oder Praktiker*innen, die sich mit der Thematik noch nicht tiefgründig beschäftigt haben, eine Herausforderung sein.

Herauszustellen ist weiterhin, dass die Arbeit sehr gut zeigt, wie quantitative und qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung für die Bearbeitung der erkenntnisleitenden Fragestellung verknüpft werden können und so die Betrachtung aus mehreren Perspektiven gelingt. Im empirischen Fazit und Rückbindung an die Theorie (Kapitel V.3) werden abschließend alle relevanten Ergebnisse prägnant zusammengefasst und mit den im Theorieteil aufgeworfenen kritischen Diskussionen ausgezeichnet verknüpft.

Fazit

Das Buch ist insbesondere für Lehrende und Forschende an Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Forschungsinstitutionen geeignet. Das Buch bietet für die Vermittlung von Inhalten zur Dynamik familialer Armut sowie für Möglichkeiten der Anschlussforschung vielfältige Impulse und Denkanstöße. Für Studierende sowie Praktiker*innen, z.B. in der Sozialen Arbeit, ist es nach meiner Einschätzung weniger gut geeignet, weil es zu inhaltsschwer ist und wichtige thematische Voraussetzungen vorhanden sein müssen, um die Argumentation und die Aufschlüsselung der einzelnen Ebenen und deren Zusammenspiel für die Beschreibung und die Erklärung der Dynamik familialer Armut verstehen zu können. Schließlich bleibt die Ableitung von sozialpolitischen Forderungen und Möglichkeiten der Unterstützung und Begleitung armer Familien im Rahmen der Sozialen Arbeit auf einem allgemeinen und abstrakten Niveau.


Rezensentin
Prof. Dr. Isolde Heintze
Professur für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren.html
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Zitiervorschlag
Isolde Heintze. Rezension vom 18.09.2018 zu: Sonja Fehr: Familien in der Falle? Dynamik familialer Armut in der individualisierten Erwerbsgesellschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3646-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22768.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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