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Tina Friederich: Professionali­sierung frühpädagogischer Fachkräfte in Aus- und Weiterbildung

Cover Tina Friederich: Professionalisierung frühpädagogischer Fachkräfte in Aus- und Weiterbildung. Eine pädagogisch-professionstheoretische Verortung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-3636-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

In Bezug zur Akademisierung von Fachkräften in Kindertageseinrichtungen werden in dieser Arbeit Fragestellungen aufgeworfen, die nicht direkt mit den Inhalten und „outcomes“ der Bildung von Mädchen und Jungen als pädagogische und sozialpädagogische Orientierungshilfen für Fachkräfte verbunden sind. In Bezug zu diesem Kontext sind Bildungspläne für Kindertagesstätten in den einzelnen Bundesländern entstanden. In diesem vorliegenden Buch wird jedoch die Frage danach aufgeworfen, wie sich Professionalität und Professionalisierung in diesem Feld reflektieren lässt und das hinsichtlich der Struktur der Organisation der Orientierungshilfen vermittelt über den Standard von Bildungsplänen. Was dann als Professionalität diskutierbar ist, spielt sich vor dem Hintergrund dieser Struktur der Etablierung und Stabilisierung der Handlungsweisen von Fachkräften ab. Durch die Standardisierung und Kontrolle der Aus-, Fort- und Weiterbildung als Professionalisierungsdynamik, die auf erlernbaren Kompetenzen gründet, kann das Berufsfeld gestaltet und stabilisiert werden, so die These der Autorin.

Autorin

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogischer Fachkräfte (WIFF)“ das von BMBF gefördert wird. Sie arbeitet am Deutschen Jugendinstitut e.V. in München. Kompetenzorientierung und Professionalisierung der Fachkräfte sind besondere Aspekte, die die Weiterbildungsinitiative hervorhebt.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch stellt die Dissertation der Autorin dar. Sie weist dieses Buch als „Theoriearbeit zur Professionalisierungsdebatte in der Frühpädagogik“ aus.

Aufbau

Die Struktur der vorliegenden Arbeit stellt sich dar als eine Erarbeitung von Grundlagen der Professionalisierungsdiskussionen, die in der Beschreibung eines Professionalisierungskonzepts für die Frühpädagogik münden soll. Diese Dimension der Frühpädagogik, die die Kompetenzen der Fachkräfte und die Sicherung der Qualität der pädagogischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen umfasst, sowie die Frage, wie diese erworben bzw. gewährleistet werden kann, wird ausgehend von Anschlüssen an Professionalisierungsdiskurse aus anderen Feldern erschlossen.

Die Autorin geht zunächst auf unterschiedliche Denkansätze der Disziplinen (Erziehungswissenschaften, Soziologie, Sozialpädagogik) ein, die die Diskussion zu Professionalität in einem Theoriekonzept verorten.

In einem nächsten Schritt orientiert sich Tina Friederich an den Debatten zur Professionalisierung wie sie von erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen mit je spezifischen Arbeitsfeldern formuliert wurden. Soziale Arbeit, Erwachsenenbildung und Lehrerbildung werden in ihren Dimensionen untersucht, wobei die Autorin eine mangelnde empirische Datenlage diagnostiziert.

Im darauffolgenden Kapitel widmet sich die Autorin der Diskussion der Dimensionen von Professionalität und Professionalisierung im Feld der Weiterbildung bzw. der Erwachsenenbildung. Hier werden die erarbeiteten Konzepte von Lernen, Lerntheorien, Didaktik und Kompetenzentwicklung dargestellt. Die formalen Wege der Professionalisierung werden diskutiert. Anhand der Darstellung von empirischen Befunden zur Weiterbildung, werden Möglichkeiten und Grenzen erkennbar gemacht und eine „Wirkung“ der Weiterbildung diskutiert.

Das abschließende Kapitel, das die Zieldimension der Erarbeitung der Diskussionen eröffnen soll, führt zum Entwurf eines spezifischen Professionalisierungskonzepts für die Frühpädagogik. Dabei stehen Kompetenzen und insbesondere Kompetenzprofile und einzelne Elemente von Professionalität im Mittelpunkt. Diese werden jedoch nur kurz beleuchtet und keineswegs dargestellt und diskutiert. Sie betreffen Dimensionen einer angewandten Pädagogik wie auch die Qualifikationsorte der jeweiligen Fachkräfte.

Inhalt

Die Autorin erarbeitet anhand von Literatur- und Datenrecherche, dass eine abgeschlossene Ausbildung allein nicht genügt, um die Eignung einer Fachkraft in dem Feld der Frühpädagogik zu gewährleisten und um – seitens der Fachkraft – kompetentes und einem formulierten Qualitätsstandard entsprechendes Handeln leisten zu können. Die Aufgaben und deren Ausführung entstehen je nach gesellschaftspolitischem Kontext und entsprechenden Standardisierungen. Sie werden nicht benannt. Daher sind eine Professionalität und eine Professionalisierung zu konzipieren, die von einem lebenslangen Lernen ausgehen, so die Autorin. Die gesellschaftspolitischen Kontexte, vor allem der Wandel, den die Autorin als Form anspricht, bleiben Begriffe, die nicht mit konkreten Beschreibungen und der Erklärung von Zusammenhängen entsprechend den Dynamiken des Berufsfelds erarbeitet werden. Lediglich die Sprachförderung wird genannt. In diesem Zusammenhang bespricht die Autorin auch die Professionalität und Professionalisierung von Aus- und Weiterbildungskräften, die wiederum – in dieser vorliegenden Diskussion – einer Standardisierung, Qualitätssicherung und Kontrolle unterliegen sollen.

Ausgeweitet wird die vorliegende Reflexion auf das Berufsfeld der Lehrer*innen in Grundschulen und der Sozialarbeiter*innen, um von dort aus gegenwärtige, theoretisch fundierte Diskussionsstränge aufnehmen zu können. Die Bearbeitung der Fragestellungen zur Professionalisierung der Fachkräfte für Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern wird mit Bezugnahme auf „Kompetenzen“ wie sie bereits in einigen Bildungsplänen im Zusammenhang mit den „outcomes“ der Kinder eingeführt wurden verortet. In diesem Fall soll es aber allein um die Kompetenzen der Fachkräfte gehen und wie sie in der Struktur der Planung von Bildung durch übergeordnete, definierte und vorweggenommen Bezugspunkte in einem prädeterminierten Kontext handeln sollen. Kompetenz bedeutet dann, dass Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernt werden können. Die Dynamik des „Sollens“ und der „übergeordneten Bezugspunkte“ wird in diesem Zusammenhang nicht kritisch diskutiert. Zu Professionalität und zur Professionalisierung gehört entsprechend, so die These, die die Autorin in ihrem Buch aufstellt, dass eine Aufgabe, die als Dienstleistung von einer Fachkraft zu leisten ist, „kompetent“ ausgeführt wird. Situationale und relationale Aspekte von Bildungsprozessen bleiben ausgeklammert – inhaltlich wie auch als Bezugspunkte, die singulär von den Fachkräften erlebbar und mit und von den Kindern gestaltbar wären.

Kennzeichnend ist hier die Ausrichtung des Kompetenzbegriffs an individuellen Merkmalen der Professionellen. Strukturelle und kollektive Dimensionen werden im Kontext der Erhaltung und Weiterentwicklung der Kompetenzen, die von Fachkräften z.B. mit dem Abschluss als staatlich anerkannte*r Erzieher*in ausgehen, weggelassen, so ergibt es die Diskussionsgrundlage, die die Autorin vorgestellt hat. Die Angebote als „Weiterbildungslandschaft“, die individuellen Motivationen von Einzelnen, die der Weiterbildung zur eigenen Professionalisierungsbiografie zugeordnet sind und Effekte von Weiterbildung stehen in einem Kontext zueinander, der die Autorin zweifeln lässt, ob die Angebote einerseits zu Lernprozessen beitragen und zum anderen als Lernprozesse auf die gegenwärtige Berufspraxis anwendbar sind. Die Autorin verweist auf Metaanalysen von Wirkungen von Weiterbildungen, die sich, wie bereits benannt, auf „Sprachförderung“ beziehen. Diese Weiterbildungen beziehen sich jedoch lediglich auf abgegrenzte Bereiche des professionellen Handelns und stehen einem weitaus komplexeren Kontext von Bildung, Erziehung und Kindheit als hochschulisches Qualifizierungssujet gegenüber.

Mit einer Rundum-Forderung nach Standardisierung schließt die Autorin die Diskussion: Wenn hohe Qualität in der Frühpädagogik erzielt werden soll, muss entsprechend normativ ein Kompetenzprofil angegeben werden, das sowohl für die Fachkräfte wie auch für die Aus- und Weiterbildenden verbindlich wiedergeben soll, was wie zu tun sei und das sowohl auf der Ebene des Handelns in Kindertageseinrichtungen wie auch auf der Ebene des Handelns der Professionalisierenden. Dies muss sich aber, und das betont die Autorin ohne direkte Bezugspunkte zu einer lebendigen Praxis und der Dynamik der Menschen im Feld herzustellen, an gesellschaftliche Wandlungsprozesse anschließen. Die Reflexion dieser Ebene von Professionalisierung führt die Autorin schließlich dazu, die Professionalisierung in diesem Feld als lebenslanges Lernen zu konzipieren bzw. zu antizipieren.

Diskussion und Fazit

Die Gesellschaft im Wandel und die heterogene Struktur der Qualifikationen von Fachpersonal in Kindertagesstätten – das stellt die Herausforderung dieser theoretischen Arbeit dar. Akademisierte Kindheitspädagog*innen, staatlich anerkannte Erzieher*innen sowie Sozialassistent*innen und Kinderpfleger*innen, nicht zu vergessen Sozialpädagog*innen und Sozialarbeiter*innen und schließlich Grundschullehrer*innen stehen verbunden mit dem Feld der Frühpädagogik einer Qualitätsfrage gegenüber, die auf drei Ebenen zu berücksichtigen ist, wie die Autorin konstruiert:

  1. pädagogische Qualität der Bildung, Erziehung und Betreuung der Mädchen und Jungen,
  2. didaktische Qualität der Aus- und Weiterbildung und
  3. Etablierung eines Professionalisierungsdiskurses in Bezug zu einer Diskussion von Qualität als Festlegung und Verwirklichung von Standards.

Diese drei Ebenen untersucht die Autorin, indem sie auf der Grundlage von Literaturrecherche und der Recherche in Datenbanken dort verbreitete Konzepte erarbeitet und miteinander in Verbindung bringt.

Die dargestellten Dimensionen und Konzepte mit der Praxis, sowohl der Berufspraxis wie auch der Aus- und Weiterbildungspraxis, in Zusammenhang zu setzen, wird den Lesenden als ein Zugang zu den gegenwärtigen Debatten über die Professionalisierung angeboten. Vermittelt über die Arbeiten z.B. von Thole, Leu, Cloos, König und Fröhlich-Gildhoff sowie Terhart für die Diskussion von Professionalität von Lehrer*innen, werden die dort erarbeiten Konzepte in einen Diskussionsstrang übergeführt, der Kompetenzen und Qualitätsstandards in einem Zusammenhang setzt, der Fachkräfte insbesondere als Rollenträger*innen ausweist. Mit dem Selbstverständnis einer pädagogisch gestaltenden und einer analysierenden Verantwortung wird die Diskussion allerdings nicht verbunden, wie es als Bezugspunkte der Qualifizierung z.B. in den Studiengängen zur Frühpädagogik transportiert wird.

Die besonderen Bereiche der Fürsorge und der Kontext einer sich zeitlich sehr schnell vollziehenden Entwicklung der Mädchen und Jungen, die eine besondere Begleitung erfordert, bleiben als mögliche Spezifika, von denen es noch viel mehr gibt, unerkannt und unbenannt. Unbenannt bleiben auch die Prozesse der „Bewusst-Werdung“ von Ausschließungsprozessen und blockierten Teilhabechancen, die Fachkräfte in Bezug zu ihrer eigenen Verortung im Berufs-, Politik- und Qualifikationsfeld erfahren, und die sie in ihrer Reflexion und Analyse, insbesondere im Kontext gesellschaftlicher Wandlungsprozesse ordnen müssen. Lediglich als Rollenträger*innen wird ihre Präsenz in ein hierarchisierendes Instrument, als das sich diese Professionalisierungskonzeption darstellt, eingeordnet. Darüber hinaus begrenzt das Konzept der Fachkräfte als Rollenträger*innen die Handlungsoptionen, auf die hin sie gerade „professionalisiert“ werden sollen.

Interessant ist der Beitrag zur Qualitätsdiskussion, weil er den gegenwärtigen Stand der Ansätze zur Professionalisierung als Standardisierung reflektiert. Dem Entstehen eines Konzeptes kann man folgen und der scheinbaren Notwendigkeit, für eine Standardisierung zu argumentieren, die sich aus der Verbundenheit mit den entsprechenden Paradigmata und „Rollenverteilungen“ zwischen Theorie und Praxis ergibt.

Für die Praxis und diejenigen, die an einer Debatte in ihrer Reflexions-, Analyse- und Handlungsfähigkeit wachsen möchte, bleiben nur wenige Diskussionspunkte offen und zugänglich, um sich daran zu entwickeln und abzuarbeiten. Insbesondere die Konzepte zur Frühpädagogik in ihrem Zusammenhang mit pädagogischer Qualität und der Reflexion von Bildungsprozessen bleiben unreflektiert.

Als eine wissenschaftliche Arbeit ist dieses Buch als Beitrag zur Zusammenfassung der gegenwärtigen Diskussionen gelungen.


Rezensentin
Prof. Dr. Claudia Maier-Höfer
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Zitiervorschlag
Claudia Maier-Höfer. Rezension vom 19.02.2018 zu: Tina Friederich: Professionalisierung frühpädagogischer Fachkräfte in Aus- und Weiterbildung. Eine pädagogisch-professionstheoretische Verortung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3636-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22769.php, Datum des Zugriffs 21.06.2018.


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