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Iris Ruppin (Hrsg.): Diversity Management in Kindertagesstätten

Cover Iris Ruppin (Hrsg.): Diversity Management in Kindertagesstätten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 185 Seiten. ISBN 978-3-7799-3392-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Immer mehr Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kindertagesstätten und erleben so sich und andere Kinder und die dort tätigen Fachkräfte als eigne Persönlichkeit. Sie können dabei lernen, sich in kultureller Vielfalt zu bewegen und Menschen zu achten, die andere Selbstverständlichkeiten leben als sie selbst. Eine Frage ist dabei die, ob und wie die Fachkräfte auf diese Aufgabenstellung vorbereitet sind.

Autorin

Dr. Iris Ruppin ist Professorin für Kindheitsforschung an der Universität des Saarlands. Sigrid Selzer ist dort Lehrkraft für besondere Aufgaben. Die anderen vier Autorinnen sind Praktikerinnen, die sich gerade wissenschaftlich weiterbilden/weiterqualifizieren.

Aufbau

Der Band versammelt sechs Beiträge, nämlich:

  1. eine Einführung von Iris Ruppin
  2. „Diversität in Kindertagesstätten“ von Selzer/ Ruppin
  3. „(Neue) Väter in Kindertagesstätten“ von Selzer
  4. „Das frühpädagogische Handlungsfeld auf der Folie von Gender“ von Simona Pages
  5. „Heterogenität aus der Perspektive von Kindern…“ von Ruppin/ Ariane Arand/ Jennifer Henkes
  6. „Interreligiöse Erziehung und Bildung“ von Ursula Rode.

Inhalt

Es ist klar, dass die Kindertagesstätten mit den Kindern, Eltern und Fachkräften die Vielfalt dieser Gesellschaft mehr oder weniger abbilden. In dem Augenblick, in dem die Dimensionen dieser Diversity benannt, also die Unterschiede zwischen Menschen in Kategorien gefasst oder in Zugehörigkeiten gebracht werden, werden sie auch (erst?) sozial konstruiert.

Das beginnt schon beim Geschlecht, wenn Menschen in ein zweigeschlechtliches System eingeordnet und daran „Eigenschaften“ und Rollen festgemacht werden. Für die Kitas ist dies gegenwärtig besonders aktuell, da sie es – als ein traditionell feminin geprägtes Arbeitsfeld – einerseits mit einer wachsenden Minderheit von männlichen Erziehern, anderseits in der „Elternarbeit“ mit „neuen“ Vätern zu tun haben, die sich für frühkindliche Bildung engagieren und, ja, mitunter auch trösten und kuscheln. Mit der Präsenz von Männern in der Kita werden für die Jungen (und Mädchen) maskuline Rollen erlebbar, die freilich keineswegs einheitlich sein müssen. Tatsächlich sind dann aber oft die männlichen Erzieher (wieder) für die kampfbetonten und handwerklichen Aktivitäten (und damit vorwiegend für die Jungs) „zuständig“.

Was das Verhalten der Kinder in der Kita angeht, so neigen sie – worauf einige empirische Arbeiten hindeuten – dazu, in gleichgeschlechtlichen Gruppen zu spielen. Behinderte Kinder sind dabei nicht immer „erste Wahl“, werden aber immer mit einbezogen. Das Dilemma bleibt auch bei Inklusion: Wenn behinderte Kinder eigens gefördert werden, werden sie als förderungsbedürftig wahrgenommen.

Wenn ca. 4 Mio. Menschen in Deutschland Muslime sind, die durchaus verschiedenen Glaubensrichtungen angehören oder auch gar nicht (mehr/sehr) gläubig sind, spiegelt sich dies in den Kitas wider; egal welche Trägerschaft, etwa 13% der Kinder in den Kitas kommen aus muslimischen Familien. Das Recht auf religiöse Bildung gilt für alle Kinder. Es geht darum, Respekt und Wertschätzung für die „Anderen“ einzuüben,. Dazu empfiehlt es sich, dass sich Christen und Muslime wechselseitig zu religiösen Feiern einladen; dabei können die Gäste entscheiden, wieweit sie Beobachter bleiben oder „mitmachen“ wollen.

Diskussion

Alle Beiträge sind dichte, differenzierte Forschungsberichte. Die Literaturlisten umfassen bis zu 120 Titel! Der Forschungsstand ist für den deutschsprachigen Raum umfassend aufbereitet.

Deutlich wird dadurch aber auch ein erstaunliches Maß an Lücken und Forschungsbedarf. Es ist kaum zu glauben, wie wenig Studien es gibt, die – bei aller Vorsicht, die ethisch geboten ist – Kinder zu Wort kommen lassen. Es ist unverzichtbar, das vielfältige Geschehen aus der Sicht der Kinder zu betrachten.

Allerdings wundert man sich auch darüber, weshalb in dieser Veröffentlichung im Jahr 2017 die Kinder (aus Familien) mit Fluchterfahrung nicht vorkommen: Der Beitrag zur interreligiösen Erziehung gibt dafür nichts her, ein Verweis auf eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung ist zu wenig.

Und damit stellt sich die Frage nach dem Sinn und Nutzen. Die Lektüre dieses Bandes ist anstrengend, da die Texte zu dicht, abstrakt, auch formelhaft sind. „Praxen“ werden ständig „auf dem Hintergrund“ von irgendwelchen Diskursen fokussiert und „adressiert“ Was machen die Fachkräfte, wenn… Es gibt kaum ein Beispiel aus der Praxis, keine Anschauung oder Situationsbeschreibung, keine Fallstudie.

Der vorliegende Band plädiert herzhaft dafür, Diversität als eine besondere Entwicklungs- und Lernchance für alle Kinder zu erkennen, und zwar auch deshalb, weil so die spezifischen Bedürfnisse jedes Kindes, auch eines behinderten, in einen institutionellen Bedarf umzuwandeln sind. Dafür sollte es doch das eine oder andere Beispiel guter Praxis geben!? Fachkräfte würden doch sicher auch gerne testen, wie sie ihre durch Lebenserfahrung verfestigten „Normalitätsvorstellungen“, ihre doch „mittelschichtorientierten“ Verhaltensweisen mit den Lebenswelten und Selbstverständlichkeiten der Menschen aus anderen sozialen Milieus und Kulturen zusammenbringen könnten. Dabei ist zu beachten: „Fachkräfte“, „Schichten“, „Milieus“ und „Kulturen“ sind natürlich auch Konstrukte, mit denen Experten und Expertinnnen eine real keineswegs homogene Gruppe bezeichnen.

Es ist gerade das Verdienst des Managing Diversity Konzepts, in den 1980er Jahren von R.R. Thomas begründet , dass die zentralen Unterschiede von Geschlecht, Alter, sozialer und ethnischer Herkunft, religiösen Überzeugungen und in der Folge zahlreichen anderen Kategorien bis hin zu individuellen gruppenspezifischen Handlungsmustern im realen Handlungszusammenhang (Macht, Hierarchie!) herausgearbeitet und inhaltlich ausdifferenziert wurden. Damit haben Individuen (selbst- und fremdzugeschriebene) Zugehörigkeiten, sind aber nicht auf diese oder eine reduziert. Es ist mehr als eine nette Anekdote, wenn einmal erzählt wurde, dass ein Mädchen, das einen Nachmittag lang mit einem anderen Mädchen gespielt hatte, auf die Frage, wie diese Spielkameradin aussah, nur wusste, dass sie Locken hatte – dass es ein afroamerikanisches Kind war, war ihr nicht aufgefallen, jedenfalls in dieser Situation nicht von Bedeutung.

An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, wie wenig wir darüber wissen, wie jedes Kind die alltägliche Diversität handhabt, wie es mit der es umgebenden, herausfordernden, anregenden, einfach normalen Vielfalt umgeht.

Fazit

Der vorliegende Band präsentiert den deutschsprachigen Forschungsstand umfassend und präzisiert den erheblichen Forschungsbedarf: Diversity ist in den Kitas Realität, aber noch nicht Programm.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 29.05.2017 zu: Iris Ruppin (Hrsg.): Diversity Management in Kindertagesstätten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3392-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22770.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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