socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Matthias Becker: Automatisierung und Ausbeutung

Cover Matthias Becker: Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus? Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2017. 239 Seiten. ISBN 978-3-85371-418-8. D: 17,90 EUR, A: 17,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch behandelt, wie im Untertitel deutlich wird, die grobe Thematik der Arbeit im digitalen Kapitalismus. Hierzu bezieht der Autor arbeits- und industriesoziologische Forschungsergebnisse sowie Klassiker ein. Das Sachbuch wird neben den eher theoretischen Betrachtungen in jedem Kapitel durch biographische Anekdoten des Autors aufgelockert. Becker hat schon in vielerlei der angemerkten Branchen gearbeitet und beschreibt eindrücklich den Arbeitsalltag in diesen Bereichen. Das grundlegende Anliegen des Buches ist es, auf zu zeigen, dass Automatisierung und Ausbeutung sowohl Hand in Hand gehen wie mitnichten Sachzwänge sind, sondern Managemententscheidungen.

Autor

Matthias Martin Becker ist als Wissenschaftsjournalist tätig und lebt in Berlin. Zuvor hat er u.a. als Produktionshelfer, Call-Center-Agent und Altenpfleger gearbeitet.

Aufbau

Automatisierung und Ausbeutung ist in acht Kapitel untergliedert, die sich mit der Arbeit im digitalen Kapitalismus sowie den potentiellen Entwicklungen bzw. der Zukunft dieser beschäftigen. Hierbei vertritt der Autor konsequent die Perspektive der Beschäftigten und zeigt auf, dass die angesprochene Automatisierung keineswegs ein Naturgesetz oder ein Sachzwang ist, sondern eine Managemententscheidung. Über die historische Bestimmung von Arbeit und dem Automatisierungspotenzial dieser, arbeitet sich der Autor über den Umgang der Beschäftigten mit (Halb-)Automaten in ihrem Arbeitsumfeld hin zu aktuellen Entwicklungen wie Plattformen als (Pseudo-)Intermediäre und zeigt schlussendlich Grenzen der Automatisierung auf.

Inhalt

Das erste Kapitel „Die Maschine als Feind“ eröffnet als Einleitung mit dem Beispiel einfacher Industriearbeit und der Automatisierung dieser. Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung als einfacher Beschäftigter in einem Industriebetrieb zeigt der Autor seine grundlegenden Thesen auf. Erstens interessiert er sich für die Perspektive der Beschäftigten die unter den derzeitigen und zukünftigen Perspektiven arbeiten, also für ihre Arbeitsbedingungen und ihren Umgang mit der Automatisierung. Zweitens ist Automatisierung (bzw. Digitalisierung) an sich nicht neu, sondern Rationalisierung in bekannter Form aber mit anderen Mitteln. Das Fließband als Organisationsweise von Arbeit dient hierbei als Leitmetapher. Drittens, legt das Transformationsproblem als Spannungsverhältnis zwischen Beschäftigten und Management die Notwendigkeit von Arbeitskontrolle nahe. Diese erfolgt durch die Automatisierung nunmehr als digitale Kontrolle, ergänzt um die Dimensionen persönlicher, technischer sowie bürokratischer Kontrolle. Für die Beschäftigten wird durch die zunehmend digitale Kontrolle die Möglichkeit sich der Kontrolle zu entziehen deutlich geringer.

Im zweiten Kapitel „Transparenz für wen?“ arbeitet der Autor am Beispiel der Industriearbeit heraus, worin die Grenzen der Automatisierung liegen (es braucht weiterhin auch Beschäftigte) und was diese für die Beschäftigten bedeutet (Polarisierung). Anhand der Entwicklungen um die Industrie 4.0 widmet er sich dem Thema der Polarisierung der Arbeit und gleichzeitig der Frage nach dem „Ersetzen“ von menschlicher Arbeit durch Maschinen. Hierbei wird unter Einbezug der bisherigen Automatisierungsbestrebungen (Industrialisierung) deutlich, dass das Grundprinzip der Rationalisierung keineswegs neu ist, sondern in der heutigen Ausprägung um digitale Überwachungsmöglichkeiten ergänzt wird. Am Beispiel der Industriearbeit (Produktion) wird auch deutlich, was mit Polarisierung der Beschäftigten gemeint ist, da ein Teil von ihnen auf (ungelernte) Hilfsarbeiten heruntergestuft wird, ein anderer Teil in Form von hoch ausgebildeten Beschäftigten die Kontrollfunktion für die Technologie übernimmt. Für die Beschäftigten steigt darüber hinaus der Druck durch weitere (digitale) Kontrollmöglichkeiten, die das Fließband als Organisationsweise der Arbeit mit sich bringt.

Im dritten Kapitel „Halbautomaten – Rationalisierung mit Künstlicher Intelligenz“ lotet der Autor die Automatisierungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz aus. Ausgangsbeispiel ist der berühmte ‚mechanical turk‘, der wiederum die Notwendigkeit von Menschen für seinen Einsatz veranschaulicht. In einem längeren Exkurs über Robotik und die damit verbundenen Probleme wird sowohl der fundamentale Unterschied zwischen menschlichen Denken und der Funktionsweise von Robotern erläutert wie auch die Grenzen bisheriger Entwicklungen aufgezeigt. Deutlich wird hierbei, dass die Lohnarbeit nicht abgeschafft (die Abschaffung bezeichnet der Autor als Mythos) wohl aber deutlich verdichtet wird. Die künstliche Intelligenz bzw. lernende Maschinen sind bei jetzigem Stand vor allem für die Datenaufbereitung und damit für statische Klassen- oder Gruppenbildung sowie deren Optimierung geeignet, aber eben nicht dafür, den Menschen komplett zu ersetzen.

Das vierte Kapitel „Smarte Rechner, dumme Arbeiter? Vom Umgang mit Automaten“ wirft den Blick auf den Umgang der ArbeiterInnen mit den Automaten. Am Beispiel der Amazon-„Picker“ wird deutlich, dass oftmals für den Menschen die Arbeit zurückbleibt, die die Maschinen nicht zufriedenstellend ausführen können. Der Algorithmus tritt hierbei für die Beschäftigten als eine Art Vorarbeiter auf, der mit der Steuerung auch die Entscheidungsmacht übernimmt. Hinsichtlich der angesprochene Polarisierung der Qualifikation wird hier wiederum deutlich, dass tendenziell die einfachen Arbeiten am meisten Gefahr laufen, automatisiert zu werden. Für die Beschäftigten bedeutet dies oftmals eine Verschiebung hin zu Dienstleistungsarbeiten, die zunächst rationalisierungsresistenter erscheinen. (Dem Dienstleistungssektor widmet sich der Autor im sechsten Kapitel).

Das fünfte Kapitel „Der Aufstieg der Plattformen“ greift die aktuellen Entwicklungen der Internet- bzw. Plattformökonomie auf. Einstiegsbeispiel ist hierbei die automatisierte journalistische Arbeit, das Kapitel schlägt aber den Bogen von dieser Content Industry hin zur Sharing Economy. Vereinendes Merkmal dieser ansonsten doch weit auseinanderliegenden Bereiche ist die Organisation über Plattformen. Die Besonderheit der Plattformen liegt darin, dass sich diese als Intermediäre (Vermittler) von Angebot und Nachfrage bzw. Selbstständigen und Unternehmen sehen, aber im Grunde doch deutlich in den Arbeitsprozess als solchen eingreifen bzw. ihn steuern. Die Plattform immanenten Missbrauchsmöglichkeiten (Lohnenthaltung), Bewertungssysteme (Systeme permanenter Bewährung) sowie Lock-In Strategien (Monopolisierung der Kommunikation) zwingen die Beschäftigten in eine deutliche Abhängigkeit wie auch Perspektivlosigkeit.

Am Beispiel der Sharing Economy wird deutlich, dass diese im Großen und Ganzen auf der Auslagerung von Risiken hin zu den Beschäftigten (Selbstständigen) basiert, wobei „Softwarenutzungsverträge zu Arbeitsverträgen [werden]“ (S. 149) jedoch ohne jegliche soziale Absicherung. Aus Sicht der Beschäftigten ist das Bild der Arbeit in der Sharing Economy ernüchternd: oftmals wird eine Verbindung von Zeitlohn & Stücklohn geboten (entgegen einem festen Entgelt), die Ressourcen der Beschäftigten werden zu Unternehmenskapital gemacht (eigene Fahrräder, Autos usw. müssen genutzt werden) und letztlich bestimmt die algorithmische Steuerung und damit die Macht der Ratings ob und in welchem Ausmaß überhaupt gearbeitet wird (gegenüber festen Stundenzahlen).

Die besondere Rolle der Plattformen im digitalen Kapitalismus (als Leitindustrie) wird ebenfalls beleuchtet sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen diskutiert: es findet ein Umverteilungswettbewerb statt, da die Plattformen deutlich kostengünstiger agieren können, die Beschäftigten werden von Individuen zu freien Marktakteuren ohne jegliche Schutzmechanismen (Kontingenzarbeitskraft).

Das eine andere Form der Organisation der Arbeit und eine Alternative möglich ist, zeigt der Autor anhand von der Idee eines plattformbasierten Genossenschaftswesens auf.

Das sechste Kapitel „Die Mechanisierung der Interaktion“ nimmt schließlich die Dienstleistungsbranche in den Blick und diskutiert die Automatisierungsmöglichkeiten von „Interaktionsarbeit“ bzw. „emotionaler Arbeit“. Im Bereich der Dienstleistungen (Callcenter oder Pflegetätigkeiten) bedeutet die Automatisierung vor allem eine gesteigerte Kontrolle und damit mehr Aufwand für die Beschäftigten.

Das siebte Kapitel „Auf dem Acker -Rationalisierung ohne Sinn und Verstand“ greift das eingangs erwähnte Ersetzen von menschlicher Arbeit durch Maschinen/Automaten auf. Hierbei betont der Autor die politische Gestaltung, da mit der Automatisierung zwar eine Arbeitsverringerung möglich wäre, diese aber nicht umgesetzt wird. Darüber hinaus stellen sich die bisherigen Studien zur Automatisierungswahrscheinlichkeit als zumindest irreführend rezipiert heraus, da es wiederum um die bloße Möglichkeit geht, Arbeit durch technische Anlagen ausführen zu lassen. Schlussendlich, so das Fazit dieses Kapitels, ist „die digitale Revolution konservativ“ (199), da es vor allem darum ginge, unausgeschöpfte Ressourcen und Einsparmöglichkeiten der existierenden Produktionsformen zu identifizieren, also um eine bessere Auslastung.

Das achte und letzte Kapitel „Feierabend!“ resümiert die Kernargumentation und verdeutlicht nochmals, dass im digitalen Kapitalismus die Arbeit keineswegs abgeschafft wird. Ganz im Gegenteil wird die Arbeit verdichtet und teilweise entleert (Polarisierung) sowie Ausbeutung intensiviert, u.a. durch Arbeitsformen über die Betriebsgrenzen hinweg (Crowdworking). Das ein anderer Weg bzw. die Transformation für den Fortschritt der Menschheit möglich und erstrebenswert wäre, ist schließlich der finale Gedanke, da es weder dem Autor noch den Beschäftigten im digitalen Kapitalismus darum gehen kann, alte (in den Worten des Autors archaische) Arbeitsformen zu bewahren. Keineswegs muss die digitale Revolution konservativ sein.

Fazit

Das Buch ist geschrieben für ein interessiertes Publikum abseits akademischer Fachdiskurse, die aber auf angenehme Art und Weise mit einbezogen werden. Der Autor lockert die Abhandlung der verschiedenen Themen mit seiner persönlichen Erwerbsbiographie auf und schafft somit authentisch und nachvollziehbar die Folgen der Automatisierung aufzuzeigen. Er arbeitet eine zunehmende Anpassung des Menschen an die Technik heraus, vertritt aber selbst keinen Technikdeterminismus, sondern leitet dies aus seinen Beobachtungen und der Fachliteratur ab. Dem Format Sachbuch geschuldet, fehlt leider ein vollständiges Literaturverzeichnis, so müssen alle Quellenangaben mühselig aus den Endnoten herausgesucht werden, was den Lesefluss doch erheblich stören kann.

Vor allem das fünfte Kapitel (Der Aufstieg der Plattformen) ist angesichts des rasanten Wachstums von plattformbasierten Dienstleistungen überaus spannend. Bei der Darstellung scheut der Autor keineswegs seinen eigenen Standpunkt auch deutlich zu machen: „Die Plattformen verkaufen uns, was wir bereits haben, ein echter Treppenwitz“ (165). Dieser kritische Standpunkt, jenseits von Automatisierungseuphorie und mit wissenschaftlichem Wissen unterfüttert, sowie die eingewobenen biographischen Beispiele, machen das Buch zu einer lohnenswerten Lektüre.


Rezensent
Sebastian Jürss
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Sebastian Jürss anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sebastian Jürss. Rezension vom 20.03.2018 zu: Matthias Becker: Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus? Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2017. ISBN 978-3-85371-418-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22772.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Referent/in Studienorganisation, Mühldorf a. Inn

stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!