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Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessiona­lisieren wir uns!

Cover Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit. transcript (Bielefeld) 2017. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-3554-6. 29,99 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Ausgehend von der alten, offenbar in Vergessenheit geratenen Erkenntnis, dass Sprache niemals allein ein Instrument der Vermittlung ist, werden in der Veröffentlichung häufig verwendete, vermeintlich moderne Begriffe aus dem sozialen Bereich aus unterschiedlichsten Perspektiven heraus untersucht. Dies geschieht vor dem Hintergrund langjähriger Erfahrungen, kritischer Beobachtungen und bewusster Wahrnehmungen. Ein Anspruch auf Objektivität wird nicht erhoben, vielmehr wird ein Appell für Aufmerksamkeit und Bewusstheit formuliert, wissend, dass Sprache die Verhältnisse spiegelt und sich mit ihr Verhältnisse ändern oder manifestieren können. Ein Hinweis auf Victor Klemperers „LTI“ verdeutlicht, dass es hierbei um ein sehr ernsthaftes Anliegen geht.

Anhand von 32 Beispielen wird in unterschiedlicher Intensität aufgezeigt, was sich hinter Begriffen verbirgt, wo sie ihren Ursprung haben, wie sie verwendet werden und was sie uns über Zustände und Perspektiven im sozialen Bereich offenbaren.

Herausgeber und Herausgeberin

Reimer Gronemeyers Werk umfasst vielfältige Veröffentlichungen, in denen er den Blick oftmals auf grundlegende Fragen des Lebens richtet, weit über den europäischen Horizont hinaus.

Charlotte Jurk befasst sich in ihrem Werk in kritischer Weise mit Fragen des Einsatzes, der Bedeutung sowie der sozialpsychischen Wirkung von Medikamenten und Therapien.

Als Herausgeber mit soziologischer, theologischer und sozialarbeiterischer Profession bringen sie Autorinnen und Autoren verschiedener Professionen und Hintergründe zusammen. Damit wird bereits ein Anliegen möglichst differenzierter Perspektiven deutlich. Diese sind notwendig, um sich der Komplexität des hier in den Blick genommenen sozialen Bereichs anzunähern.

Aufbau und Inhalte

In der Publikation werden 32 Beiträge von einer Einleitung der Herausgeber und einem Nachwort von Günther W. Riehl eingerahmt. Die Kapitel sind jeweils mit einem Begriff, der im sozialen Bereich oft verwendet wird, übertitelt. Das Spektrum umfasst u.a.

  • „Ambient Assisted Living“
  • „Angebot I und II“,
  • „Biografiearbeit“,
  • „Hilfebedarf“,
  • „Pflegefall“,
  • „Sterbequalität“
  • „Werte“

Und vermutlich nicht ohne Bedacht bildet der letzte Begriff, die vielzitierte, aber nicht immer gemeinte „Würde“, den Abschluss der 32 Kapitel.

Allein die Aufführung der Begriffe als Titel erzeugt eine Sichtbarkeit und Wahrnehmung, in deren Folge ein Nachdenken über diese Begriffe einsetzt. Als Titel stehen sie nun allein, die Begriffe, die bereits vielen so selbstverständlich sind und daher nicht mehr auffallen, ja sichtbar sind. Für sich allein betrachtet, können sich so bereits Entlarvungen einstellen. Hierfür mag der Begriff „Sterbequalität“ als Beispiel dienen.

Die einzelnen Kapitel unterscheiden sich neben den Inhalten auch im Hinblick auf den Umfang, die Gestaltung und die Qualität.

  • Der Begriff „Angebot“ etwa wird mit zwei Kapiteln versehen, in denen die selbstverständliche Nutzung in sozialen Bezügen kritisch aufgezeigt und an die Herkunft des Begriffes erinnert wird.
  • Einem anderen Begriff, dem des „Coachs“, wird mit einer kurzen Alltagsgeschichte kritisch begegnet.
  • Ein Begriff wie „Biografiearbeit“ wird mit konkreten Alltagserfahrungen der Begegnung von Menschen gespiegelt und damit hinterfragt.
  • Ein anderer Begriff wie der der „Werte“ wird auf seine Herkunft und Entwicklung hin untersucht. Zum Teil ist dabei Erstaunliches zu erfahren.

Zielgruppen

Möglichst viele Menschen, die auf unterschiedlichen Ebenen im sozialen Bereich tätig sind. Vor allem Menschen, die Lust am Denken, am Ergründen und Erfahren haben, die Fragen stellen und ihr vielleicht leises oder lautes Unbehagen teilen wollen sowie an Veränderungen interessiert sind. Ihnen allen sei dieses Buch empfohlen.

Fazit

„Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Dieses Zitat von Joseph Beuys mag auch hier als Leitfaden für das aufmerksame Lesen dienen. Nie gefällig, stets kritisch im besten aller Sinne, lädt dieses Buch immer wieder ein zum Nachdenken und zur bewussten Wahrnehmung dessen, was im Alltag des sozialen Bereichs gesprochen und vor allem wie dort gehandelt wird. Immer wieder wird dabei belegt: Sprache ist nicht bloßes Instrument, sie spiegelt lebendig. Schätze der Erkenntnis und unmodern gewordene historische Perspektiven finden sich in diesem Buch. Es kann dabei helfen, scheinbar Unumstößliches, Alternativloses doch noch anders betrachten zu können, die Perspektive zu wechseln im Sinne einer Veränderung. Dazu gehört nicht nur, in einer Profession zu verweilen, sondern zumindest einen Teil der ‚schönen Künste‘ zusammenzuführen.

Ein Buch der dauernden Aufklärung, in dem es letztlich auch darum geht, dazu beizutragen, die Wiedererwärmung der Gesellschaft nicht aufzugeben. Unbedingt lesen!


Rezensentin
Barbara Eifert
Institut für Gerontologie an der TU Dortmund
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Zitiervorschlag
Barbara Eifert. Rezension vom 24.10.2017 zu: Reimer Gronemeyer, Charlotte Jurk (Hrsg.): Entprofessionalisieren wir uns! Ein kritisches Wörterbuch über die Sprache in Pflege und sozialer Arbeit. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3554-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22775.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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