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Leonore Thurn: Kinderschutz im Kontext der Kindertages­betreuung

Cover Leonore Thurn: Kinderschutz im Kontext der Kindertagesbetreuung. Eine Untersuchung zu Herausforderungen und Chancen im Umgang mit dem Schutzauftrag. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 311 Seiten. ISBN 978-3-658-16679-3. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Kinderschutz

Das von Leonore Thurn veröffentlichte Buch fasst den aktuellen Stand zur Diskussion um den Kinderschutz in Deutschland zusammen und diskutiert den Einsatz des an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm entwickelten Wahrnehmungsbogen für den Kinderschutz.

Seit in den letzten zehn Jahren vermehrtes Augenmerk der Politik auf das Thema Kinderschutz – unter anderem durch die Reformen zum Kinderschutzgesetz – gelegt wurde, gab es Bewegungen in der Praxis, strukturelle Rahmenbedingungen für die Erkennung und den Umgang mit Kindeswohlgefährdungen zu erweitern und zu verbessern. Neben den bundesweiten Entwicklungen wie der Einrichtung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen sind Handreichungen und Instrumente, die in der unmittelbaren pädagogischen Praxis zur Anwendung kommen können, unerlässlich. Der Ulmer Wahrnehmungsbogen ist eines der in diesem Rahmen entstandenen Instrumente, der bei der Erkennung von Anhaltspunkten der Kindeswohlgefährdung helfen soll. Leonore Thurn nahm das Thema in ihrer Dissertation auf und untersuchte, wie der Wahrnehmungsbogen in Kindertagesstätten gehandhabt wird und welche Auswirkungen dies auf die Handlungen der Pädagoginnen und Pädagogen hat.

Das vorliegende Buch nähert sich dem Thema von theoretischer und empirischer Seite, um Vorschläge für Veränderungen und Erweiterungen des Wahrnehmungsbogens und für die Praxis zu unterbreiten. Neben den aktuellen Grundlagen zum Thema Kinderschutz, der aktuellen Datenlage in Deutschland wird das Thema im Kontext der Kindertagesbetreuung beleuchtet. Eine Fragebogenerhebung in Kindertagesstätten gewinnt Daten zur Wahrnehmung von Anhaltspunkten auf mögliche Kindeswohlgefährdungen sowie Risikofaktoren und Belastungslagen innerhalb von Familien durch Erzieherinnen und Erzieher. Zwei anschließende Gruppendiskussionen mit den pädagogischen Fachkräften zur Datenlage und zur Praktikabilität des Wahrnehmungsbogens und den damit verbunden möglichen Professionserfordernissen im Alltag bindet die Perspektiven der Fachkräfte verstärkt ein.

Das Buch beschäftigt sich mit einem zentralen Arbeitsfeld im Bereich Kinderschutz, den Kindertagesstätten, nimmt die Perspektive der Akteurinnen und Akteure auf und thematisiert die vielfältigen Anforderungen an die Fachkräfte.

Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. Leonore Thurn ist Diplom-Pädagogin und arbeitet an der Kindes- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm.

Das Buch ist die Veröffentlichung der von Frau Thurn an der Universität Tübingen vorgelegten Dissertation. Die Arbeit ist in einer Kooperation des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen und der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm entstanden.

Das Buch ist in der von Rainer Treptow, Professor für Sozialpädagogik an der Universität Tübingen, herausgegebenen Reihe „Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft“ im Springer Verlag erschienen.

Aufbau

Das Buch nähert sich dem Thema Kinderschutz in vier großen Abschnitten:

  1. Einleitung
  2. Forschungsstand: Theoretischer Diskurs und empirische Untersuchungen
  3. Empirische Untersuchung zur Wahrnehmung von Risikofaktoren und Anhaltspunkten für eine mögliche Kindeswohlgefährdung in Kindertageseinrichtungen
  4. Schlussfolgerungen und Ausblick

Inhalt

Nach einer Einleitung in das Thema schließen sich drei Kapitel zum Forschungsstand und zur empirischen Datenlage des Kinderschutzes in Deutschland an.

Leonore Thurn umreißt im ersten Kapitel den Begriff der Kindeswohlgefährdung, wobei sie hier vor allem auf rechtliche Bezüge zurückgreift. Es werden anschließend die Formen von Kindeswohlgefährdung in Vernachlässigung und Kindesmisshandlung mit weiteren Unterkategorien in Anlehnung an die Einteilung des amerikanischen National Center for Diseases Control and Prevention aufgezeigt und in einer anschaulichen Grafik dargestellt. Es folgen Ausführungen zu den bekannten Ursachen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung. Die Diskussion um Risiko- und Schutzfaktoren wird in diesem Zusammenhang differenziert dargestellt und Thurn verweist auf die Unzulänglichkeit monokausaler Zusammenhänge, sondern betont das wechselseitige Zusammenspiel von typischen Mustern, sozialen Bedingungen, Beziehungskonstellationen und Krisensituationen, die bei der Entwicklung von Misshandlung und Vernachlässigung wirken. Das Kapitel schließt mit einem Überblick über strukturelle und rechtliche Grundlagen des deutschen Kinderschutzsystems.

Das zweite Kapitel zeigt den Mangel an verlässlichen Daten über die Häufigkeit von Kindeswohlgefährdungen und Risikofaktoren in Deutschland auf. Ausgangspunkt bildet die Darstellung der Datenlage in Deutschland der letzten zehn Jahre. Für die Datenzusammenstellung greift die Autorin auf die Täter- und Straftatenstatistik sowie die Opferstatistik des Bundeskriminalamtes und auf Zahlen aus den Statistiken zur Kinder- und Jugendhilfe zurück. Frau Thurn verweist auf eine vermutlich hohe Dunkelziffer, da bspw. in der Todesursachenstatistik vermutlich nicht alle Fälle von Kindesmisshandlung mit Todesfolge erfasst sind. Sie ergänzt um Daten aus Aktenanalyse-Studien und retrospektiven Opferbefragungen. Das Fazit der Autorin ist, dass „jede der genannten öffentlichen Statistiken sich dem Gegenstand nur hinsichtlich einzelner Aspekte oder bruchstückhaft nähern kann“ (S. 78). Die Zahlen sind dennoch sehr aussagekräftig, da sie gründlich recherchiert und grafisch übersichtlich aufbereitet sind. Als Modelle für Dokumentation von Kindesmisshandlung stellt die Autorin Datenregister aus den USA, Kanada und den Niederlanden vor.

Das dritte Kapitel widmet sich Anhaltspunkten von Kindeswohlgefährdung, zeigt die Verantwortlichkeit von Kindertageseinrichtungen als wichtige Institution im Kindesalter auf und beschreibt beispielhaft einige bis dato für diesen Bereich entwickelte Materialien, wie zwei Handreichungen für Fachkräfte.

Das vierte Kapitel leitet zur empirischen Erhebung über und stellt auf der Grundlage der bis dahin erfolgten Ausführungen die forschungsleitende Fragestellung vor. Frau Thurn fasst zusammen, dass in Deutschland seit längerem eine Debatte über Kinderschutz besteht, diese aufgrund der Komplexität des Themas und der sich stetig erweiternden Erkenntnisse zum Bereich Kindesentwicklung ständig aktualisiert und weitergeführt werden muss. Für eine nachhaltige und zielgerichtete Debatte fehlen hierzulande allerdings tragfähige und aktuelle Zahlen. Da präventive und intervenierende Kinderschutzarbeit verschiedene Fachdisziplinen betrifft, müssen von den einzelnen Disziplinen die Rahmenbedingungen und die Praktiken im Umgang mit Kinderschutz sowie den Schnittstellen zu Familien näher beleuchtet werden. Ziel der Arbeit ist, zur aktuellen Debatte um den Kinderschutz in Deutschland einen Beitrag durch den vertieften Einblick in das Arbeitsfeld der Kindertagesstätten beizusteuern. Sechs Leitfragen, wie beispielsweise welche Rolle das Thema im Berufsalltag der Praktikerinnen spielt oder wie diese den Einsatz des Wahrnehmungsbogens einschätzen, konkretisieren das Vorhaben.

Der dritte Teil umfasst die Kapitel fünf und sechs und stellt die Anlage der Untersuchung mit Fragebogenerhebung und Gruppendiskussion sowie die Ergebnisse vor.

Nach einer übersichtlichen Einordnung des methodischen Vorgehens in die aktuelle Methodendiskussion im Fach wird im fünften Kapitel die Systematik der Untersuchung dargestellt und das Vorgehen begründet. Die Autorin befürwortet die gegenseitige Ergänzung von qualitativen und quantitativen Forschungsdaten. Qualitative Daten sollen nicht der Validierung von quantitativen Daten dienen, wie dies teilweise Verwendung findet. Im ersten Teil der Erhebung nahmen 35 baden-württembergische Kindertageseinrichtungen teil. Nach einer Schulung wendeten diese den Wahrnehmungsbogen für den Kinderschutz an und füllten zusätzlich einen Feedbackbogen zum Wahrnehmungsbogen aus. Im zweiten Teil der Erhebung fanden zwei Gruppendiskussionen mit Fachkräften aus Kindertageseinrichtungen und insoweit erfahrenen Fachkräften statt, um die persönlichen Erfahrungen mit der Wahrnehmung von Kindeswohlgefährdungen und Risikofaktoren in ihrem Berufsalltag aufzunehmen. Die Auswertung der leitfadengeführten Gruppendiskussion fand mithilfe der Dokumentarischen Methode und der Methodologie der Grounded Theory statt.

Das sechste Kapitel führt die Ergebnisse der Studie aus. Die Autorin geht neben dem Erleben von Kita-Fachkräften zur thematischen und praktischen Auseinandersetzung mit Fragen des Kinderschutzes, der Häufigkeit von Wahrnehmungen zu Anhaltspunkten von Kindeswohlgefährdungen sowie von Risiko- und Belastungsfaktoren auch auf die Praktikabilität und Nützlichkeit des Wahrnehmungsbogens ein. Zudem wird die Einschätzung der Ergebnisse durch die Fachkräfte ausgeführt, die gesetzlichen Reglungen zum Kinderschutz werden beurteilt, um in Verbesserungsbedarfe im Kinderschutz zu münden. Zentrales Ergebnis ist die Auseinandersetzung mit Sicherheit und Unsicherheit in der Wahrnehmung von Anhaltspunkten für Kindeswohlgefährdungen; Thurn nennt es „Streben nach Gewissheit in Ungewissheitssituationen: Erlebte (Un)Sicherheit“ (S. 171). Die Autorin kann hier aufzeigen, dass ein größeres Wahrnehmungsspektrum auf Seiten der Fachkräfte zu einer höheren Sicherheit bei der Benennung wahrgenommener Sachverhalte führt. Zugleich geht damit einher, dass eine erlebte Unsicherheit in der Beurteilung und Einordnung von Wahrnehmungen zu einer höheren Intensität der Auseinandersetzung mit dem Thema im Berufsalltag der Erzieherinnen führt. Als Herausforderungen zeigen sich die Zusammenarbeit mit den Familien im Zuge der Wahrnehmung von Belastungslagen und Anhaltspunkten und die daraus resultierenden Zuständigkeitsfragen. Ebenso gilt es immer wieder den eigenen Handlungsspielraum im Rahmen gesetzlicher und institutioneller Vorgaben auszuloten. Zum Einsatz des Wahrnehmungsbogens werden die Bewertungen durch die Fachkräfte vorgestellt. Es zeigt sich, dass dieser von einem Großteil als hilfreich angesehen wird mit einigen Überarbeitungsoptionen wie beispielsweise einer Thematisierung von Schutzfaktoren. Andererseits aber birgt ein solcher Bogen die Gefahr einer Überhöhung der Thematik, hat einen begrenzten Wahrnehmungs- und Wirkungsbereich und bietet beispielsweise auch keine ausreichende Gesprächsgrundlage für Elterngespräche. Als ein Fazit kann festgehalten werden, dass neben struktureller Verbesserung durch Instrumente zur Wahrnehmung von Anhaltspunkten der Kindeswohlgefährdung der persönliche Austausch in multiprofessionellen Teams unabdingbar ist und bleibt.

Diskussion

Die von Leonore Thurn im Rahmen ihrer Promotion vorgelegte Monografie stellt einen exzellenten Überblick über die derzeitige Lage des Kinderschutzes in Deutschland dar. Neben der gründlichen Aufarbeitung des deutschen und englischsprachigen Forschungsstandes zu den Bereichen Risiko- und Schutzfaktoren, Kindeswohlgefährdung und Kindesmisshandlung zeigt sie strukturiert und umfassend die Lage des deutschen Rechtssystems auf. Die in diesem Zusammenhang geführte Diskussion zu Begrifflichkeiten zur Kindeswohlgefährdung legt die Spur für das in der Studie verwendete Verständnis. Hier wäre eine kurze Ausführung zur in der Pädagogik verbreiteten Diskussion um den Begriff der sexuellen Gewalt denkbar gewesen. Die Folgen von Kindesmisshandlung sind strukturiert dargestellt, allerdings überwiegend entlang psychiatrischer Kategorien. Die Aufarbeitung der Zahlen aus deutschen Registern und Statistiken bietet eine sehr gute Datengrundlage für dieses Thema. Die methodologischen Ausführungen sind schlüssig und lassen die Leserin und den Leser die Überlegungen zum Vorgehen nachvollziehen. Somit kann die Studie mit ihrer methodologischen Anlage als Beispielstudie für ähnliche Vorhaben im Feld der Kindertagesstätten dienen.

Die Studie schließt eine Lücke im Wissen um Kindeswohlgefährdung in Deutschland. Sie zeigt eindrücklich auf, wie wertvoll Instrumente zur Wahrnehmung von Kindeswohlgefährdung sind, diese allerdings einen Raum der Ungewissheit zurücklassen. Diesen gilt es dann durch Diskussionen von Einzelfällen in multiprofessionellen Fallbesprechungen zu füllen. Kennzeichen von pädagogischer Professionalität bleibt neben allen strukturellen Optionen somit der Umgang mit Ungewissheit, wenn auch die Pflicht besteht, diese bestmöglich zu verringern.

Fazit

Das hervorragende Buch von Leonore Thurn ist ein umfassendes Werk zum aktuellen wissenschaftlichen Stand des Kinderschutzes in Deutschland. Es zeigt umfänglich die rechtliche Lage, wissenschaftliche Erkenntnisse zu Entstehungskontexten und Folgen von Kindesmisshandlung auf und enthält eine wertvolle Darstellung der Daten zu Kindeswohlgefährdung in Deutschland trotz des aufgezeigten Mangels an verlässlichen Daten. Die Perspektive der Fachkräfte in den Kindertagesstätten kommt deutlich durch die empirische Untersuchung durch einen Fragebogen und anschließende Gruppendiskussionen zum Tragen. Die Arbeit zeigt Anknüpfungs- und Verbesserungspunkte für die pädagogische Praxis auf. Es wird deutlich, dass das Thema Kinderschutz ein sehr umfassendes Gebiet ist, das trotz aller verbesserten und erweiterten strukturellen Gegebenheiten, die pädagogischen Fachkräfte mit einer gewissen Unsicherheit zurücklässt. Diese gilt es dann in fachlichen Kontexten miteinander zu verhandeln, um den sicheren nächsten Schritt für das Kind und die Familie ableiten zu können.


Rezensentin
Dr. Ramona Thümmler
Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft - Abteilung Sozialpädagogik, Arbeitsstelle Kindheits- und familienpädagogische Forschung (KipF)
Homepage www.uni-tuebingen.de/fakultaeten/wirtschafts-und-so ...
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Zitiervorschlag
Ramona Thümmler. Rezension vom 05.07.2017 zu: Leonore Thurn: Kinderschutz im Kontext der Kindertagesbetreuung. Eine Untersuchung zu Herausforderungen und Chancen im Umgang mit dem Schutzauftrag. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-16679-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22779.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


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